Verpackung wird zu Kunst

Upcycling: Aus Alt mach Neu

Nicht immer muss alles gleich im Müll landen. In Wietze erstellen Kinder aus alten Materialien neue Spielzeuge und Kunstwerke.

  • Von Lisa Brautmeier
  • 21. Aug 2021 | 12:00 Uhr
  • 04. Jul 2022
  • Von Lisa Brautmeier
  • 21. Aug 2021 | 12:00 Uhr
  • 04. Jul 2022
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Wietze.

Kleine Dosen, große leere Tetra Paks, kaputte CDs, Holzstäbe und vieles mehr stehen und liegen auf einem Tisch bereit. Alles darf in den nächsten zwei Stunden von den Kindern verwendet werden. In dem riesigen Regal, das eine komplette Zimmerwand einnimmt, sind noch weitere Materialien wie buntes Papier und jede Menge Farben. Wir scharen uns zunächst um den Tisch und greifen uns das, was uns als erstes anspricht.

Im Jugendzentrum in Wietze wird die nächsten zwei Stunden gebastelt - und zwar mit besonderen Sachen. Upcycling steht als Ferienpassaktion auf dem Programm. Der Begriff setzt sich aus dem englischen Wort „up“ für „nach oben“ und Recycling zusammen. Somit ist Upcycling eine Form der Wiederverwertung, bei der vor allem Abfallprodukte oder scheinbar nutzlose Stoffe so aufgewertet werden, dass aus ihnen neuwertige Produkte entstehen. So lernen die Kinder auch, dass nicht alle Dinge sofort in den Müll wandern müssen.

Eltern geben Verpackungen ab

Im Jugendzentrum haben sich viele alte Sachen angesammelt. „Als klar war, dass wir diese Aktion machen, haben einige Eltern noch Dinge hier abgegeben“, erzählt Jugendpflegerin Sabrina Demuth. So kamen unter anderem Kaffeeverpackungen, Pappschachteln und Waschpulverdosen zusammen. Andere Materialien wie zum Beispiel Milch- oder Saftverpackungen werden immer mal wieder im Jugendzentrum zum Basteln genutzt und stehen ebenfalls bereit. Teilnehmerin Lene hat sich sogar selbst Sachen mitgebracht und bearbeitet bereits ein altes Tuch, während alle anderen noch überlegen, was sie überhaupt machen sollen.

Kreative Ideen kommen von selbst

Klare Vorgaben gibt es nicht. „Mir ist es wichtig, dass die Kinder selbst entscheiden und kreativ werden können“, erklärt Demuth. Und wie viele Ideen auf diese Weise zustande kommen können, zeigt sich schnell. „Ich baue ein Dosentelefon“, ruft Aidan, als er zwei große Konservenbüchsen hochhält. Eine Schnur dafür wird auch sofort gefunden. Ein roter Faden wird vom Wollknäuel abgerollt, sodass er mehrere Meter durch den Raum gespannt werden kann. Die Jugendpflegerin hilft dabei, kleine Löcher in die Dosen zu schlagen. Nachdem sie die Schnur durchgezogen und befestigt hat, stellen sich die beiden so weit voneinander weg, dass der Faden stramm gespannt ist. „Kannst du mich hören?“, fragte Demuth und spricht dabei in die Dose in ihrer Hand. Aidan hält seine ans Ohr und ruft begeistert: „Es funktioniert.“

Fast jeder andere greift ebenfalls zu ein oder zwei der Konservendosen. Diese sind zum Basteln scheinbar besonders beliebt. Auch CZ-Praktikantin Helena Wilmerding und ich dürfen uns kreativ ausleben und erstellen ungewöhnliche Dosen, in denen später Stifte aufbewahrt werden können. Wir haben das gleiche Ziel und trotzdem komplett unterschiedliche Ansätze. Während Helena mit Farbe, schwarzem Klebeband und kleinen Kulleraugen arbeitet und ihrem Stiftehalter ein Gesicht gibt, wühle ich mich durch eine Holzkiste mit Stoffbändern unterschiedlicher Farben und Muster. Auch Maria betrachtet die Sachen aufmerksam und sucht sich ihre Lieblingsfarben heraus. Auf die Frage, was sie basteln möchte, kommt ein „weiß ich noch nicht“. Das macht auch nichts. Jeder werkelt einfach drauflos. Danach kann man immer noch entscheiden, was es werden soll.

Rakete mit starkem Antrieb

Tino hingegen weiß bereits genau, was er herstellen möchte. Er holt sich zwei Papierrollen, zerschneidet eine und klebt die Teile so aneinander, dass sie eine Rakete ergeben. Jetzt muss diese nur noch verziert werden. Nachdem er sie weiß angemalt hat, holt er sich einen Motivstanzer, womit verschiedene kleine Figuren aus Papier ausgestochen werden und anschließend aufgeklebt werden können. „Der Mond oder die Sonne wären doch ganz passend für deine Rakete“, schlage ich vor. Etwas erstaunt schauen Sabrina Demuth und ich zu, wie er zielsicher nach dem Pferdemotiv greift. Wie passt das jetzt zusammen? „Ich entscheide mich für die Pferdestärken“, sagt Tino. Das macht natürlich Sinn. So eine Rakete braucht für den Start schließlich einen starken Antrieb.

Ein gruseliges Kostüm entsteht

Während ich mich wieder meiner Stiftebox widme, die ich mit lilafarbenen Bändern beklebe, steht Lene von ihrem Platz auf und hält sich das Tuch, das sie von Anfang an bearbeitet hatte, hoch. „Ein einäugiges Gespenst“, ruft Demuth. Lene hat ein Loch herausgeschnitten und ein gruseliges Gesicht mit einem fiesen Grinsen auf das Stück Stoff gemalt, das sie sich vor ihren Kopf hält. Damit hat sie jetzt bereits das passende Kostüm für Halloween gebastelt. Es fällt auf, dass die Kinder mal klare Gedanken und Ideen im Kopf haben und wenig später beim nächsten Gegenstand einfach nur herumexperimentieren. So entstehen jede Menge verschiedene Kunstwerke.

Mit akribischer Sorgfalt wird geklebt, gepinselt und mit der Schere gearbeitet. Dabei habe ich selbst schnell sämtlichen Kleber an meinen Fingern haften. Talentierte Hände scheine ich nicht zu haben. Aber ich finde es trotzdem schön, mich genauso wie die Kinder kreativ austoben zu können und schnappe mir daher noch schnell ein paar Glitzersteine, die ich in mühseliger Kleinstarbeit versuche, anzubringen. Die Enttäuschung ist überraschend groß, als diese auf den Stoffbahnen nicht wirklich halten wollen. Umso beeindruckter bin ich darüber, mit welcher Ruhe und Präzision die Kinder an ihren Werken arbeiten und sie verschönern.

Ein Holzstab wird zum Vogel

Geduldig schneidet Aidan die oberen Bereiche von zwei Orangensaftpackungen ab, die er grün und schwarz anmalt. „Das werden zwei Wachtürme für meine Lego-Figuren zu Hause“, erklärt er. Lene hat sich inzwischen neuen Materialien gewidmet und hat auf einen Holzstab einen runden Ball befestigt. „Und was soll das werden?“, fragt die Jugendpflegerin. Zuerst weiß sie es selber nicht, bis ihr ein paar bunte Federn in die Hände fallen. „Das wird ein Vogel“, ruft sie und sucht noch Augen und einen Schnabel für die Kugel heraus, die natürlich den Kopf darstellen soll.

Die zwei Stunden vergehen wie im Flug. Als die Eltern zum Abholen kommen, werden die Werke vorsichtig eingepackt. Ob Dosentelefon, einmalige Skulpturen, neue Spielzeuge oder Kostüme - die Vielfalt ist groß und jeder geht mit neuen Sachen nach Hause. Auch mein Stiftehalter steht nun bei mir im Regal. Allerdings habe ich die Box doch noch schnell umfunktioniert. Statt Stiften landete schnell Kleingeld darin. Auch praktisch: Jetzt fliegen die kleinen Münzen nämlich nicht mehr lose in einer Schublade herum.