Jugendliche lernen Rudern

Rückwärts über die Aller

Täglich gibt es in Celle spannende Ferienpass-Aktionen. Auf der Aller konnten Jugendliche rudern lernen. Auch CZ-Volontärin Lisa Brautmeier durfte mit ins Boot.

  • Von Lisa Brautmeier
  • 30. Juli 2021 | 12:00 Uhr
  • 04. Juli 2022
  • Von Lisa Brautmeier
  • 30. Juli 2021 | 12:00 Uhr
  • 04. Juli 2022
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Celle.

Auf die Frage, ob jemand bereits gerudert ist, melden sich nur zwei der sieben Teilnehmer, die sich mittags am Bootshaus des Ruderclubs Ernestinum-Hölty (RCEH) Celle eingefunden haben. Auch ich saß noch nie in einem der schmalen Boote und habe Glück, denn in einem der Vierer ist noch Platz, sodass ich mitfahren und diese Sportart ausprobieren kann. Binnen vier Tagen werden die Jugendlichen das Rudern auf der Aller erlernen.

Rudern als Ferienpass-Aktion

Es ist eine von vielen Ferienpass-Aktionen, die in den kommenden Wochen angeboten werden. Der RCEH ist diesen Sommer neu dabei. „Viele Jugendlichen konnten in den vergangenen Monaten nicht rudern lernen und kaum Sport treiben. Das war für uns der Grund, warum wir jetzt in den Ferien allen die Möglichkeit dazu geben wollten“, erklärt Till Uhrner. Der Vereinsvorsitzende bringt uns zunächst die wichtigsten Begriffe bei und zeigt, wie wir in die Boote einsteigen sollten. Wer seine Füße an die falsche Stellen setzt, könnte nämlich für Löcher im Boden sorgen.

Unterwegs mit der „Ernestina“

Langsam setze ich meinen rechten Fuß auf das Einsteigbrett und lasse mich auf den Sitz nieder. Um zu schauen, ob alles auf meine Beinlänge richtig eingestellt ist, fahre ich auf der Rollbahn nach hinten. Damit ich nicht gegen das Ende stoße, wird das Stemmbrett für meine Füße noch etwas weiter nach vorne versetzt. Wir sitzen zu fünft in der „Ernestina“, einem Doppelvierer mit Steuermann. Oder in unserem Fall eine Steuerfrau. Wiebke Dempwolff sitzt mir direkt gegenüber. Sie hat die Steuerleine in der Hand und ist die einzige, die in Fahrtrichtung schauen kann – wir Ruderer sitzen entgegen der Fahrtrichtung, fahren also immer rückwärts.

Alles beginnt in der Auslage

Das andere Boot hatte zuvor schon abgelegt, und mit den ersten Schlägen versuchen nun auch wir, durch den Magnusgraben raus auf die Aller zu fahren. „Zuerst geht es in die Auslage“, erklärt Dempwolff. Dazu müssen wir unsere Beine anziehen und ganz nach vorne rollen. Jeder von uns bedient zwei Skulls, die dank eines Klemmrings nicht ins Wasser rutschen können. In der Auslage drehen wir die Ruderblätter so, dass sie senkrecht eintauchen sollen. Mit den Füßen versuche ich mich abzustoßen und dabei die Blätter mit durchs Wasser zu ziehen. Klingt einfach, aber die Bewegung braucht eine Weile, bis sie einigermaßen sitzt. Die größten Schwierigkeiten habe ich damit, die Ruderblätter waagerecht auf der Wasseroberfläche gleiten zu lassen, während ich wieder in die Auslage zurückrolle. Meine schweben eher hoch in der Luft.

„Wir rudern jetzt einzeln und dann paarweise“, sagt Wiebke Dempwolff. Sie steht auf, um genau zu überblicken, wie wir die Bewegungen durchführen und uns dann zu korrigieren. Als Charlotte und Jeremy hinter mir zusammen rudern, nehme ich das erste Mal bewusst das Gleiten durchs Wasser war. Die Jugendlichen haben ziemlich viel Kraft. Kein Wunder: Charlotte ist eigentlich Turnerin. „Aber jetzt wollte ich mal etwas ganz anderes ausprobieren“, sagt sie und fügt lachend hinzu: „Da kann ich mir ja auch die Hände ruinieren.“

Schwäne, Libellen und Wassersportler

Während die anderen rudern, habe ich Zeit, auch mal die Natur auf mich wirken zu lassen. Die Enten und Schwäne, an denen wir vorbeikommen, kann ich immer nur kurz betrachten. Dafür fällt mir jetzt auf, wie viele Grünpflanzen im Fluss wachsen. In einigen davon verhaken wir uns immer mal wieder sogar mit unseren Ruderblättern.

Besonders faszinierend finde ich die vielen Libellen mit ihren kräftigen blauen Farben und da bin ich nicht die Einzige. Auch die Jungen aus dem anderen Boot erzählen später, wie interessant es war, die mal aus der Nähe zu bestaunen. Aber es gibt nicht nur Tiere zu sehen. Ein lautes Platschen lässt uns alle herumfahren, um zu sehen, was schräg vor uns los ist. Ein Stand-up-Paddler ist von seinem Bord gefallen. Wenigstens unser Boot liegt stabil im Wasser, denke ich. Es ist wesentlich weniger wacklig als vermutet.

Im gleichen Rhythmus ziehen

Nachdem jeder die Bewegungen noch einmal durchgehen konnte, wollen wir nun zu viert richtig durchstarten. „Alle müssen sich nach dem Rhythmus von Lisa richten. Sie ist die Schlagfrau“, ruft Wiebke Dempwolff und schon weiß ich, dass ich mir vielleicht einen anderen Sitzplatz hätte aussuchen sollen. Und dass die anderen gern schneller fahren würden, merke ich, als unsere Steuerfrau die anderen ermahnt, das Tempo etwas rauszunehmen. Eine Weile lang gleiten wir ohne Anweisungen über das Wasser. Dabei ist es überhaupt nicht merkwürdig, gar nicht in Fahrtrichtung schauen zu können. Bei denjenigen, die im Einer unterwegs sind, stelle ich mir das schon schwieriger vor. „Es gab schon erste Nachfragen, ob die Teilnehmer mal allein fahren können“, erzählt Till Uhrner. Das ist am vierten Tag für all jene möglich, die möchten und gezeigt haben, dass sie dazu fähig sind.

Klarmachen zur ersten Wende

Als uns der andere Vierer entgegenkommt, sieht das bei den Jungs bereits richtig gut aus. Nachdem sie an uns vorbei sind, versuchen wir eine Wende. Auf der Backbordseite sollen wir das Skull jetzt von uns wegdrücken anstatt zu ziehen. Ich bin nicht die einzige, die zunächst in die völlig falsche Richtung drückt. Auf der Steuerbordseite ziehen wir stattdessen ganz normal. Indem wir das immer abwechselnd machen, drehen wir uns tatsächlich einmal um 180 Grad. Jetzt können wir wieder zurückfahren. So geht es immer wieder im Bereich der Dammaschwiesen die Aller rauf und runter. Dabei vergeht die Zeit wie im Flug, obwohl es immer die gleichen Bewegungen sind. „Das könnte bei Kindern schnell dazu führen, dass die Motivation nicht lange hält“, meint der Vereinsvorsitzende. „Daher wäre ein Alter ab zehn Jahre zu empfehlen, um mit dem Rudern anzufangen.“

Blasen an den Händen?

Nach etwa zwei Stunden auf dem Wasser fahren wir wieder zum Anleger zurück. Da herrscht noch ordentlich Verkehr, sodass wir warten müssen, bis ein anderes Boot aus dem Wasser herausgeholt und zwei andere hineingesetzt werden. Dann können wir aussteigen, tragen die „Ernestina“ ins Bootshaus und wischen das Boot trocken. Ob wir schon Blasen an den Fingern hätten, werden wir gefragt. Alle betrachten ihre Hände und schütteln den Kopf. „Das kommt noch“, heißt es lachend. „Ich sehe in viele strahlende Gesichter. Hat es denn Spaß gemacht?“, fragt Till Uhrner und die Jugendlichen nicken erschöpft, aber glücklich. Auch ich hatte meinen Spaß. Der Muskelkater im linken Oberarm kam am nächsten Tag aber trotzdem. Der war wohl wesentlich untrainierter als mein rechter Arm.