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Sport überregional Tony Martins «Traum» nach seinem schwerem Sturz
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Straßenrad-WM : Tony Martins «Traum» nach seinem schwerem Sturz

08:51 17.09.2021
Wird beim Team Jumbo-Visma bleiben: Tony Martin. Foto: David Stockman/BELGA/dpa
Wird beim Team Jumbo-Visma bleiben: Tony Martin. Foto: David Stockman/BELGA/dpa Quelle: David Stockman
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Brügge (dpa) - Gut zwei Monate nach seinem schweren Sturz bei der Tour de France greift Tony Martin wieder an. Der Rad-Routinier ist beim WM-Einzelzeitfahren zum Auftakt der Titelkämpfe in Flandern am Sonntag (ab 15.15 Uhr/Eurosport) einer der Mitfavoriten.

Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht er über seine Verletzungen, seine Zukunft und seine WM-Ambitionen.

Die Bilder von Ihren Verletzungen bei der Tour gingen um die Radsport-Welt. Wie erging es Ihnen nach dem heftigen Sturz, und was tut heute noch weh?

Tony Martin: Das war definitiv ein sehr heftiger Sturz. Ich würde aber sagen, dass es weitestgehend oberflächliche Verletzungen waren. Es musste ja auch genäht werden. Ein Großteil der Wunden ist nach drei bis vier Wochen relativ gut verheilt. Was mir immer noch Probleme bereitet, sind die Zähne. Drei Vorderzähne sind noch leicht locker, es dauert einfach relativ lange. Sie haben noch kein Gefühl. Man muss prüfen, ob sich der Nerv wieder erholt - oder ob sie definitiv tot sind. Das sind die letzten Baustellen, die ich dann nach Saisonende angehen werde.

Sind Sie auch beim Essen noch eingeschränkt?

Martin: Ich vermeide es noch, harte Sachen abzubeißen. Messer und Gabel sind Standardprogramm bei jedem Essen, auch bei Brot oder bei Äpfeln. Weiches Obst kann ich auch mal vorsichtig versuchen abzubeißen, aber auch dann eher mit Back- und Eckzähnen. Es hat aber nichts mit Schmerzen zu tun, sondern mit Vorsichtsmaßnahmen.

Martin bleibt bei Jumbo-Visma

Sie sind bereits 36 und haben vieles im Radsport erlebt. Was treibt Sie derzeit noch an, und wie weit planen Sie Ihre Karriere noch - gibt es noch einen Fixpunkt?

Martin: Die Stürze sind immer heftiger geworden. Mit 36 überlegt man schon, wie lange man das noch macht. Ich bin mit dem Team im Gespräch, wie lange wir noch weiterarbeiten wollen. Ich werde mir das durch den Kopf gehen lassen. Ich habe alle Möglichkeiten und werde mir das sehr gut überlegen.

Einen Großteil macht noch immer die Leidenschaft aus. Mir macht es unheimlich viel Spaß, zu fahren und mit Jumbo-Visma unterwegs zu sein. Wenn ich wieder weg muss von zuhause, ist es immer schwierig, aber das Team ist sehr, sehr herzlich. Das sind meine Hauptantriebspunkte. Sportlich will ich ein Höchstmaß an Leistung abliefern. Dass es nicht mehr so oft nach ganz vorne reicht, habe ich realisiert und akzeptiert. Das ist in Ordnung für mich. Für mich geht es eher um die Helferdienste. Die Ergebnisjagd ist sehr stark reduziert.

Ist ein Teamwechsel noch denkbar?

Martin: Definitiv nicht.

Wie blicken Sie auf das Jahr 2021 zurück? Sie sind sturzbedingt wenig gefahren in diesem Jahr.

Martin: Es war definitiv ein schweres Jahr, es war eins der schwersten Jahre überhaupt. Es war geprägt von Stürzen, Comebacks und Kämpfen, es war definitiv nicht zufriedenstellend. Aber es war kein Leidensjahr für mich. Ich habe Spaß gehabt und mich immer wieder zurückkämpfen können. Jetzt hoffe ich, dass ich durch die wenigen Renntage die nötige Frische habe.

Medaille als Ziel

Die WM in Flandern beginnt mit dem Einzelzeitfahren an diesem Sonntag. Was ist noch möglich?

Martin: Ich denke, es ist eine Strecke, die mir sehr, sehr liegt. Die Form ist gut. Wenn alles passt, würde ich mich freuen, wenn eine Medaille rausspringt. Das ist so mein persönliches Ziel. Als vierfacher Weltmeister muss ich mir nicht einen fünften Platz als Ziel setzen.

War für Sie direkt klar, dass Sie bei der WM diesmal dabei sein wollen?

Martin: Definitiv. Ich war direkt sehr ambitioniert und heiß auf die WM. Letztes Jahr war coronabedingt alles sehr dicht aufeinander, dazu haben wir die Geburt unserer zweiten Tochter erwartet. Die WM letztes Jahr wäre körperlich kaum möglich gewesen. Dieses Jahr ist die WM schon seit dem Winter in meinem Kopf.

Der Kurs erscheint machbar und kommt Ihnen entgegen. Was ist für Sie und Max Walscheid drin, und wer sind die Favoriten?

Martin: Max Walscheid hat gezeigt, dass er sehr beständig seine Top-10-Ergebnisse eingefahren hat. Auch für ihn ist es ein Kurs, der ihm liegen sollte. Ich denke, auch für ihn sollten Top 10 drin sein. Die üblichen Verdächtigen sind die Hauptkonkurrenten: Wout van Aert, Filippo Ganna, Stefan Küng. Das sind für mich die drei, bei denen ich sagen würde, die gilt es zu schlagen. Oder besser: An denen gilt es, sich zu orientieren.

«Sehr, sehr starke Klassikermannschaft»

Sie sind neben John Degenkolb der Routinier in einem deutschen Team, das in Politt, Ackermann und Schachmann inzwischen auch jüngere Hoffnungsträger hat. Wie sehen Sie die Struktur des deutschen Teams?

Martin: Wir haben eine sehr, sehr starke Klassikermannschaft. Gerade auch mit Nils Politt, der es bei den Klassikern schon gezeigt hat. John Degenkolb hat etliche Klassiker gewonnen, auch auf Kopfsteinpflaster. Auch bei Pascal Ackermann ist alles möglich, wenn man ihn zum Ziel bringt. Wir sind sicherlich nicht die Favoriten und sollten diese Underdog-Rolle auch ausspielen.

Wann würden Sie von einer guten WM sprechen?

Martin: Wenn ich Fünfter werde mit zehn Sekunden auf die Medaillenränge, kann ich mir auch keinen Vorwurf machen. Wenn ich mir etwas wünschen würde, wäre es: eine Medaille im Einzelzeitfahren und Gold im Mixed. Das wäre die Traumvorstellung. Ob das realistisch ist, müssen wir schauen. Die WM ist immer etwas Besonderes. Ich hatte noch keine WM, wo ich todtraurig zurückgereist bin. Ich werde erst einmal die WM genießen.

ZUR PERSON: Radprofi Tony Martin (36) wurde in den Jahren 2011, 2012, 2013 und 2016 Weltmeister im Einzelzeitfahren, gewann dazu dreimal WM-Gold im Mannschaftszeitfahren. In den vergangenen Jahren arbeitete er hauptsächlich als Helfer beim Top-Team Jumbo-Visma, das unter anderem Zeitfahr-Olympiasieger Primoz Roglic und Allrounder Wout van Aert beschäftigt.

© dpa-infocom, dpa:210916-99-249192/4

Von dpa Interview: Patrick Reichardt