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Lokalsport Immer ein Ziel vor Augen
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17:10 08.12.2015
Von Uwe Meier
Wieckenberg

Wenn Stine Nielsen auf einem Schützenfest an einer Schießbude auftauchen würde, dürften dem Betreiber die Schweißperlen auf die Stirn schießen. Es droht ihm ein kostspieliges Szenario: Denn soviel wäre schon vor ihrem ersten Schuss auf die Blumen oder Stofftierchen sicher: Oft daneben schießen wird die Dänin nicht. Als erstklassige Sportschützin kennt sie sich mit dem Umgang eines Luftgewehres bestens aus. Das stellt sie unter anderem auch für den SV Wieckenberg in der Bundesliga unter Beweis.

Und dennoch wird sie sich ein Späßchen an einer Schießbude wohl kaum gönnen. Warum? Ganz einfach: Letztlich fehlt ihr dafür die Zeit. Im kommenden Jahr wird sie für ihr Heimatland bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro vor die Zielscheiben treten. Und um dafür bestens vorbereitet zu sein, gilt es, die Nerven zu stählen und eine ruhige Hand zu wahren. Dazu braucht es Training – viel Training. „Stine ist sehr ehrgeizig und trainiert intensiv fünf bis sechs Stunden nahezu täglich“, sagt ihr Trainer Enrico Friedemann, der neben seiner Funktion als Nationalcoach der dänischen Sportschützen auch die Geschicke der Wieckenberger Riege leitet.

Im Alter von acht Jahren hat Nielsen ihre Leidenschaft vor den Schießsport entdeckt. „Schuld“ daran war letztlich ihre Familie. „Die hat auch geschossen. Und irgendwann hat meine Schwester mich mal mitgenommen – und ich bin dabei geblieben“, erzählt die 24-Jährige, die in Korinth auf der Insel Fünen in Dänemark wohnt.

Ihre Schießkünste hat sie im Laufe der Jahre nahezu perfektioniert. Das Besondere an ihrem Sport erklärt sie so: „Du kannst mit dir selbst arbeiten und lernst jeden einzelnen Muskel deines Körpers zu kontrollieren. Dabei ist Konzentration ein ebenso wichtiger Faktor“, sagt sie. „Beim Schießen hast du immer ein Ziel vor Augen und motivierst dich immer wieder aufs Neue, das auch zu treffen.“

Sie weiß wohl ziemlich genau, wovon sie spricht. Stine Nielsen ist die derzeit erfolgreichste Sportschützin Dänemarks. Wohl auch deshalb wurde der Olympiateilnehmerin von 2012 in London im Juni dieses Jahres eine besondere Ehre zuteil. Bei den Europaspielen im aserbaidschanischen Baku war sie Fahnenträgerin ihres Heimatlandes. Übrigens: Ganz so nebenbei holte sie im Team-Mix dort auch noch eine Silbermedaille.

Auf Anraten ihres Trainers wechselte die Dänin in die Bundesliga. Und irgendwie lag es nahe, dass sie den Weg gemeinsam mit ihrem Trainer zum SV Wieckenberg geht. „Persönlich sind die Wettkämpfe in der Bundesliga für mich sehr wichtig – auch um eine gewisse Sicherheit und Nervenstärke zu bekommen. Es ist eine besondere Erfahrung, vor so großen Kulissen zu schießen. So etwas gibt es in Dänemark und in anderen Ländern in Europa nicht“, sagt die Junioren-Weltmeisterin von 2010 über die besonderen Begleitumstände eines Erstliga-Wettkampfes, bei dem die Fans ihre Teams lautstark anfeuern.

Längst hat sie schon eine besondere Beziehung zu ihren Teamkolleginnen beim SV Wieckenberg aufgebaut, mit denen sie sich größtenteils auf Englisch verständigt. Und dabei sieht sie sich keineswegs als der große Überflieger. „Es macht Spaß, mit diesem jungen Team zu arbeiten. Ich glaube, dass wir alle voneinander etwas lernen können. Für mich ist es ja auch die erste Bundesliga-Saison“, so die Dänin zurückhaltend. Noch etwas ist ihr wichtig: „Die Stimmung, das Feeling, die guten Wieckenberg-Fans, die uns begleiten. Das macht schon Spaß.“

Und dafür nimmt sie für die Wettkampftage auch den Reisestress gerne auf sich. Rund fünf Stunden ist sie aus ihrem Wohnort in Dänemark unterwegs, bevor sie das Wietzer Ortsschild passiert. Von dort geht es dann noch weiter zu den Wettkampfstätten. Da kommen schon einige Kilometer zusammen. Aber das ist sie schon irgendwie gewohnt. Spezielle Trainingsmaßnahmen, Ausscheidungsschießen oder Weltcups finden auch nicht gleich bei ihr zu Hause an der nächsten Ecke statt. Und Rio ruft im kommenden Jahr auch noch.

Vorerst ist aber der Klassenerhalt mit dem SV Wieckenberg vorrangig. „Ich hoffe, dass wir in der Bundesliga verbleiben können“, sagt sie. Ihr Wunsch könnte durchaus in Erfüllung gehen. Es sieht gar nicht einmal so schlecht aus, dass dieses Ziel erreicht wird. Aus sieben Wettkämpfe haben es die Aufsteiger immerhin schon auf drei Siege gebracht. Das könnte schon fast reichen. „Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn wir jetzt noch absteigen“, hatte Teammanager Horst-Dieter Ruschel zuletzt gemeint.

Und wenn es dann endgültig geschafft ist, gibt es durchaus einen Grund, das dann auch zu feiern. Und warum dann eigentlich nicht an irgendeiner Schießbude?