MTVE-Trainer im Porträt

Hilger Wirtz: Vollblutfußballer und Erfolgscoach

15 Stationen und jede Menge Anekdoten: Hilger Wirtz, Trainer des Fußball-Oberligisten MTV Eintracht Celle, blickt auf eine bewegte Karriere zurück.

  • Von Oliver Schreiber
  • 03. Jan. 2021 | 13:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
Ein Leben an der Seitenlinie: Hilger Wirtz geht in seinem Trainerjob voll auf.
  • Von Oliver Schreiber
  • 03. Jan. 2021 | 13:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Oldau.

Hilger Wirtz hält kurz inne und überlegt. Dann kommt recht schnell die eindeutige Antwort auf die Frage, ob er sich ein Leben ohne Fußball vorstellen könne. „Nein. Das ist für mich undenkbar. Ich war immer schon ein absoluter Vollblutfußballer und werde es auch immer sein“, erklärt der Cheftrainer des Oberligisten MTV Eintracht Celle . Von frühester Kindheit an bis heute prägt das runde Leder den Alltag des gelernten Elektroanlageninstallateurs, der am 5. Januar seinen 56. Geburtstag feiert.

Hilger Wirtz ist seit 2015 Trainer des MTV Eintracht Celle. In diese Zeit fallen zwei Bezirksmeistertitel und der Triumph im Landespokal.

Von seiner „Fußballverrücktheit“ im positiven Sinn haben schon viele Vereine profitiert, nicht zuletzt Eintracht. Zwei Bezirksmeistertitel mit jeweils damit verbundenen Oberliga-Aufstiegen und zuletzt der Triumph im Landespokal stehen da zu Buche. Davon haben selbst kühnste Optimisten im Sommer 2015 bei Wirtz‘ Amtsantritt nicht zu träumen gewagt. „Der Weg, den wir hier bei Eintracht alle zusammen gegangen sind, war schon außergewöhnlich. Darauf können wir stolz sein“, meint Wirtz.

Da sitzt jeder Handgriff: Trainer Hilger Wirtz stellt im Training Hütchen auf - und das milimetergenau auf die jeweilige Übung angepasst..

Der Erfolgscoach verlangt großes Engagement und Trainingsfleiß von seinen Schützlingen – so wie er selbst es vorlebt. Wirtz ist auf jeden Gegner bestens vorbereitet, kennt Stärken und Schwächen jedes einzelnen Spielers. Seine Trainingseinheiten sind strukturiert, intensiv und detailliert durchgeplant.

Akribischer Arbeiter: Hilger Wirtz (Mitte) plant seine Trainingseinheiten detailliert durch und fordert seine Spieler.

Der A-Lizenz-Inhaber, der seinen Schein bereits mit 31 Jahren erwarb (B-Lizenz mit 22 während seiner vierjährigen Bundeswehrzeit ab 1985), macht mit seiner Akribie jeden Spieler, der das auch will, besser. Dies ist beim MTVE deutlich sichtbar. Unter seiner Regie schafften beispielsweise Felix Krüger und Bastian Stech den Sprung in die Regionalliga, Moussa Doumbouya und Merchas Doski erhielten sogar Profiverträge bei Hannover 96 beziehungsweise Wacker Innsbruck. Auch andere Kicker wie Adrian Zöfelt oder Daniel Ruchatz wurden für höherklassige Klubs interessant. „Letztlich liegt es am Spieler selbst. Er muss bereit sein, hart zu arbeiten und auch viel Zeit dafür zu opfern“, erklärt Wirtz.

Hochzeitsfeier im Eintracht-Klubheim

Er selbst weiß dies am besten. Der elegante Techniker war schon als Spieler Verfechter des gepflegten Fußballs und hat es mit seinen Fähigkeiten immerhin bis in die 3. Liga zum TSV Havelse geschafft, wo er 1992/93 eine Saison lang kickte. „Da haben wir unter Profibedingungen trainiert, du warst da fast die ganze Woche auf dem Fußballplatz“, erinnert sich Wirtz.

Beten für besseren Fußball: "Warum erhört mich keiner!"

Genau in diese Zeit fiel auch die Hochzeit mit seiner Ehefrau Christiane von Elmendorff, der er im Türkei-Urlaub auf einem Schlauchboot einen Heiratsantrag gemacht hatte. „Die Hochzeit war einem Mittwoch, 23. September. Es war unser einziger trainingsfreier Tag in dieser Woche. Flitterwochen gab es demnach nicht“, erzählt Wirtz, der seit der Trauung den Namenszusatz „Freiherr von Elmendorff“ trägt. Die Feier fand übrigens im Eintracht-Klubheim statt – insofern hatte der gebürtige Hannoveraner schon sehr früh eine gewisse Verbundenheit mit seinem jetzigen Verein.

Die Leiden eines Trainers an der Seitenlinie.

Selbst bei der Geburt der Zwillinge Hilger und Malina am 19. Dezember 1996 stand der Fußball im Mittelpunkt. „Meine Frau hätte fast in der Sporthalle entbunden“, erinnert sich Wirtz lachend. „Ich war damals Spielertrainer in Ramlingen. Wir hatten an einem Sonntag ein Hallenturnier in Burgdorf, meine Frau saß hochschwanger auf der Tribüne und musste noch am selben Abend ins Krankenhaus. Da waren wir aber noch im Turnier und haben es am Ende auch gewonnen – so gegen 22.30 Uhr war erst Abpfiff. Es ist zum Glück alles gut gegangen, die Beiden haben sich dann doch noch etwas Zeit gelassen und sind erst am nächsten Tag zur Welt gekommen, Hilli als Erstes.“

Fast in Sporthalle Vater geworden

Fußball ist im Hause Wirtz von Elmendorff eben auch Familiensache, bei allen Eintracht-Heimspielen wird an einem festen Platz direkt neben der Trainerbank mitgefiebert. Da sind dann Ehefrau, Tochter und Schwiegereltern dabei und schauen zu, wie Hilger senior an der Seitenlinie coacht und Hilger junior (derzeit verletzt) auf dem Platz kickt. „Es ist mir sehr wichtig, dass meine Familie meine Fußball-Leidenschaft teilt. Das gibt mir sehr viel. Anders wäre es sicherlich auch schwierig“, sagt Wirtz lächelnd. Viel Zeit für andere Hobbys bleibt ihm nicht. Einmal pro Monat trifft er sich mit alten Freunden zu einem Pokerabend, ansonsten bestimmt der Fußball seine Freizeit.

Triumph im Landespokal: Die Spieler des MTV Eintracht Celle feiern den größten Erfolg der Vereinsgeschichte ...

Seit 1994 wohnt der bis dato in Berenbostel lebende und dort auch aufgewachsene Wirtz in Oldau und pendelt täglich nach Garbsen, wo er seit 1989 beim Elektrogroßfachhandel Sonepar als Sachbearbeiter für Kundenreklamationen arbeitet. Sein „Jagdrevier“ war in seiner 15 Stationen umfassenden Spieler- und Trainerkarriere fast immer der Großraum Hannover. Angefangen hat alles auf der Straße. „Wir haben eigentlich den ganzen Tag nur gebolzt. Dabei haben wir uns selbst aus irgendwelchen herumliegenden Materialien Tore gebaut und dann Turniere gespielt – Straße gegen Straße“, erzählt Wirtz.

... während Trainer Hilger Wirtz NDR-Reporterin Valeska Homburg ein Interview gibt.

Schon da konnte er an Fähigkeiten wie Technik und Durchsetzungsvermögen feilen, die ihn später als offensiver Mittelfeldspieler und Libero auszeichneten. Seine erste Station war mit fünf Jahren die Jugend des TSV Berenbostel, die er bis 1982 komplett durchlief. Bis 1984 war er dann auch im Herrenbereich zwei Jahre in der Bezirksklasse für seinen Heimatklub aktiv. Sein erster Trainer war sein Vater Günter, der ihn entscheidend prägte. „Er mich gefordert und gefördert. Mein Weg als Spieler und Trainer war damit praktisch vorgegeben“, meint Wirtz.

Aktuell läuft es nicht rund beim MTV Eintracht Celle, das Team ist derzeit Letzter in ihrer Oberliga-Staffel. Nach der Corona-Zwangspause wollen die Blau-Weißen den Klassenerhalt erkämpfen.

Der Schalke-Fan zeichnete sich durch Spielintelligenz aus, er dachte auf dem Platz schon früh wie ein Trainer. Bereits mit 20 coachte er nebenbei Jugendmannschaften des TSV. Als aktiver Kicker verlief der Weg von Jahr zu Jahr bergauf – immer eine Liga höher. Von Berenbostel ging es 1986 weiter in die Bezirksliga zu Werder Hannover, danach folgten 1988 HSC Hannover (Bezirksoberliga), 1990 TSV Friesen Hänigsen (Verbandsliga) und 1992 schließlich Drittligist TSV Havelse, wo er unter Trainer Jürgen Stoffregen auf Anhieb Stammspieler wurde.

Angebot von Hannover 96 abgelehnt

An sein erstes Spiel im Havelser Trikot kann sich Wirtz noch sehr gut erinnern. Das war nämlich im Landespokal beim TuS Celle FC. Havelse gewann mit 4:2, Wirtz schoss drei Tore gegen seinen Kumpel Ralf Krüger (Vater des heutigen Eintracht-Mittelstürmers Felix), der bei den Blau-Gelben das Tor hütete. „Davon träumt der heute noch“, meint Wirtz grinsend.

Alles im Blick: Trainer Hilger Wirtz (hinten) beobachtet seine Spieler beim Training ganz genau.

In diese Zeit fielen auch zwei unterschriftsreife Angebote von Hannover 96. Der damalige Amateurcoach und Ex-Profi Frank Pagelsdorf, der später als Bundesliga-Trainer mit dem Hamburger SV und Hansa Rostock Erfolge feierte, wollte ihn unbedingt zu den Roten holen. „Ich sollte als Vertragsamateur unterschreiben. Ich war beide Male schon fast unterwegs zur 96-Geschäftsstelle, habe mich aber dennoch im letzten Moment umentschieden. Aber auch im Nachhinein bereue ich das nicht und meine, dass ich als Spieler das Optimale aus meinen Fähigkeiten herausgeholt habe“, glaubt Wirtz.

Mit Co-Trainer Frank Steinkuhl (rechts) verbindet Hilger Wirtz eine Freundschaft.

Stattdessen startete Wirtz seine Trainerkarriere. Sein damaliger Chef Dieter Kühl war Manager bei Oberligist HSC Hannover und verpflichtete ihn nach nur einem Jahr in Havelse als Spielertrainer. „Da habe ich mit 28 Jahren natürlich Neuland betreten und hatte auch einen Höllenrespekt vor dieser Aufgabe. Als Spielertrainer darfst du dir praktisch keine Fehler leisten, um dich nicht angreifbar zu machen. Ich bin dann auf den Liberoposten gewechselt, weil du von dieser Position den besten Überblick auf das Spielgeschehen hast“, erklärt Wirtz.

Klare Ansprachen: Hilger Wirtz verlangt von seinen Spielern, "gepflegten" Fußball zu spielen.

Der Erfolg stellte sich auch hier schnell ein. Der ambitionierte Landesligist SV Ramlingen-Ehlershausen warb Wirtz 1994 nach nur einem Jahr beim HSC ab. Nach zwei Jahren dort folgte die nächste Station bei Oberligist Germania Walsrode, auch dort fungierte er als Spielertrainer. Eine „Bombenzeit mit einer tollen Truppe“ erlebte Wirtz dann ab 2000 bei TSV Fortuna Sachsenroß Hannover. In seinem letzten Jahr als Spielertrainer, inzwischen 36 Jahre alt, stieg er mit der Fortuna in die Oberliga auf. Dann kam 2002 das Angebot von Traditionsklub Arminia Hannover (Oberliga). Wirtz beendete seine aktive Karriere und blieb dort sechs Jahre Trainer.

Auch in der Halle erfolgreich: im Januar gewann der MTV Eintracht Celle unter anderem das Hallenturnier des TSV Krähenwinkel/Kaltenweide in Langenhagen und qualifizierte sich fürs Sportbuzzer Masters in der Swiss Life Hall Hannover. Hier das Siegerfoto mit (hinten von links) Co-Trainer Sven Ewert, Luca van Eupen, Yannik Ehlers, Yusuf Akdas, Hilger von Elmendorff, Daniel Ruchatz, Tjark Klindworth, Trainer Hilger Wirtz, (vorne von links) Michael Trautmann, Merchas Doski, Tom Schaper, Onur Ekinci.

2008 erstmals Eintracht-Trainer

Danach gab es eine erste „Berührung“ mit dem MTV Eintracht Celle. Beim damaligen Bezirksligisten heuerte Wirtz 2008 aber nur für zwei Monate an – dann kam das Angebot von Oberligist SC Langenhagen. „Die Rahmenbedingungen waren damals bei Eintracht andere als heute. Schon bei meiner Verpflichtung war klar, dass ich die Freigabe bekomme, wenn ich ein Angebot von einem höherklassigen Verein erhalte“, erläutert Wirtz. Das kam schneller als erwartet, nämlich von Oberligist SC Langenhagen. Dort blieb er bis 2012, eine weitere Station mit Landesligist OSV Hannover folgte.

2008 war Hilger Wirtz bereits einmal Trainer beim damaligen Bezirksligisten MTV Eintracht Celle - allerdings nur zwei Monate lang. Dann erhielt er ein Angebot des Oberligisten SC Langenhagen und wechselte dorthin. Das damalige Eintracht-Team: (obere Reihe von links): Marc Kohls, Marc-Roland Knauer, Simon Pröve, Per-Torben Kasten, (mittlere Reihe von links) Betreuer Torsten Domke, Witali Schmidt, Jan Kohls, Malte Marquardt, Martin Engeldinger, Sebastian Ruinat, Trainer Hilger Wirtz, Betreuer Peter Jordan, (untere Reihe von links) Veysi Yavsan, Björn Lohmann, Sven Sosnowski, Max Palm, Steffen Wagner / es fehlen: Artur Brylewski, Daniel Mikolaczik, Christoph Nöhring, Hayri Özden.

2014 kehrte Wirtz nach Celle und somit in die Nähe seines Wohnortes zurück. Zunächst für eine Saison beim TuS FC , den er vor dem Abstieg aus der Landesliga bewahrte. Im Sommer 2015 ging es dann praktisch nur ein paar Meter weiter „rüber zum Nachbarn“ Eintracht. „Es waren so viele Stationen mit so vielen tollen Ereignissen und Geschichten. Ich möchte keine davon missen und bin ganz vielen Menschen, die ich in dieser Zeit kennenlernen durfte, sehr dankbar“, sagt Wirtz.

2014 coachte Hilger Wirtz eine Saison lang den damaligen Landesligisten TuS Celle FC und schaffte mit dem Team den Klassenerhalt.

Noch hat er längst nicht genug vom Trainerleben. „Ich möchte das schon noch eine Weile machen“, verrät Wirtz. Sein Vertrag bei den Cellern läuft am Saisonende aus. „Wir werden demnächst sicherlich mal Gespräche führen. Erst einmal ist wichtig, dass wir bald endlich wieder auf den Platz dürfen und kicken können“, hofft Wirtz. Für einen Vollblutfußballer wie ihn ist die lange Corona-Zwangspause doppelt schwer zu ertragen.