Negativtrend hält an

Immer weniger Teams im Celler Seniorenfußball

40 Prozent weniger Mannschaften binnen zehn Jahren: Dem Celler Seniorenfußball brechen die Spieler weg. Die Aussichten sind düster.

  • Von Oliver Schreiber
  • 28. Apr. 2022 | 15:30 Uhr
  • 12. Juni 2022
  • Von Oliver Schreiber
  • 28. Apr. 2022 | 15:30 Uhr
  • 12. Juni 2022
Anzeige
Celle.

Als Carsten Kellner, Staffelleiter der Celler Ü32-Fußball-Kreisliga, vor Beginn der Saison auf das Tableau blickte, war er zufrieden. „Wir hatten im Vergleich zu den Vorjahren drei Anmeldungen mehr, die Anzahl hatte sich von acht auf elf Mannschaften erhöht. Natürlich hofft man da auf eine Trendwende. Aber diese Hoffnung hat sich schnell erledigt“, erklärt der 66-Jährige. Denn mittlerweile ist die Liga auf sieben Teams zusammengeschrumpft – so wenige wie noch nie. Nacheinander stiegen SV Garßen, VfL Altenhagen, SV Eintracht Bleckmar und zuletzt TuS Eschede wieder aus. Der Grund war überall der derselbe: Personalmangel.

40 Prozent weniger Teams binnen 10 Jahren

Dies ist keine Momentaufnahme im Celler Seniorenfußball, sondern ein bereits lange anhaltender Negativtrend. Der Ü32-, Ü40- und Ü50-Bereich ist spürbar ausgedünnt. Vor zehn Jahren kämpften hier noch insgesamt 55 Teams um Punkte. Seitdem ging es sukzessive abwärts. Aktuell sind es noch 33 Mannschaften – das ist ein Rückgang von 40 Prozent. Anders ausgedrückt: Der Fußball-Kreis Celle hat bei den Senioren innerhalb einer Dekade rund 350 ältere Kicker verloren.

Kein Seniorenfußball im Süden des Landkreises

Der Süden des Landkreises beispielsweise ist im Seniorenbereich komplett weggebrochen. Die Samtgemeinde Wathlingen (VfL Wathlingen, SV Nienhagen, SV Großmoor), mit knapp 16.000 Einwohnern die größte Kommune (die Stadt Celle ausgenommen), hat im gesamten Ü-Bereich nicht eine Mannschaft zu bieten – noch nicht einmal als Spielgemeinschaft.

Ohne diese Möglichkeit des Zusammenschlusses wäre der Spielbetrieb in allen Altersklassen ohnehin kaum noch denkbar. 13 Spielgemeinschaften gibt es, teilweise aus drei Vereinen (SG Hohne/Ummern/Ahnsbeck Ü32, SG Belsen/Bergen/Eversen Ü50) oder sogar vier Clubs (SG Ahnsbeck/Eldingen/Hohne/Wohlenrode Ü40) bestehend. Wohlgemerkt, um eine Neuner- oder Siebener-Mannschaft auf die Beine zu stellen. Der Weg ist nicht mehr weit, dass am Ende alle Vereine einer einzigen Samtgemeinde ein Team bilden.

Jährlich bricht pro Team netto mindestens ein Spieler weg

Denn: Pro Jahr muss jeder Kader den Verlust mindestens eines Spielers kompensieren. Dadurch wird die Belastung für die verbleibenden Akteure höher, zumal sie in anderen Ü-Teams immer wieder aushelfen müssen. Ein Teufelskreis. Aus diesem Grund ist es auch erlaubt, dass in jeder Mannschaft drei Personen spielen dürfen, die noch zwei Jahre von der eigentlichen Altersgrenze entfernt sind, um für mehr Flexibilität zu sorgen. Dadurch wird bisweilen aber auch der Wettbewerb verzerrt.

Corona beschleunigt Personalnot bei Clubs

Am eklatantesten ist die Situation im Übergang vom Herren- in den Seniorenbereich, also bei den Altherren (Ü32). Ganze sieben Mannschaften sind noch übriggeblieben – und die spielen auch nur noch neun gegen neun auf einem verkleinerten Großfeld. Vor zehn Jahren waren es noch 17 Elfer-Teams, vor 20 Jahren sogar 30 Mannschaften.

"Entwicklung stimmt mich traurig"

Seit der Saison 2013/14 gab es zunächst eine Mischform mit Elfer- und Neuner-Teams, ab 2016/17 nur noch Neuner-Mannschaften. „Diese Entwicklung stimmt mich traurig. Aktuell ist die Situation wirklich prekär. Wir hatten auch schon fünf Nichtantritte“, erläutert Kellner. Das Problem sei hier, „dass viele Spieler noch in zweiten oder dritten Herren-Mannschaften unterwegs sind beziehungsweise aushelfen müssen. Und irgendwann wird das zu viel, dann legt auch die Familie mal ihr Veto ein“, sagt Kellner.

Relativ stabiler Ü40-Bereich in vergangenen Jahren

Bei den Ü40-Kickern auf dem Siebener-Feld sieht es besser aus, seit fünf Jahren bewegt sich die Anzahl der Mannschaften zwischen 17 und 20, aktuell sind es nach dem Rückzug des 1. FC Celle 18 Teams in zwei Staffeln. Auf den Zehn-Jahres-Zeitraum bezogen ist aber auch hier die Entwicklung rückläufig, 2011/12 waren es 27 Mannschaften. Vor 20 Jahren kickten 39 Riegen in Kreisliga, zwei Kreisklassen und einer Ü45-Staffel.

Ü50-Kreisliga erstmals mit weniger als zehn Teams

Damals gab es allerdings auch noch keine Ü50-Kreisliga, die es nach den Übergängen mit Ü45 und Ü48 seit der Saison 2011/12 gibt. Bis zur laufenden Spielzeit lagen hier die Zahlen relativ stabil bei zehn bis zwölf Mannschaften. Doch nun ist das Teilnehmerfeld auf acht Teams geschrumpft, da SG Bröckel/Langlingen und TuS Höfer ihre Truppen zurückzogen. „Das sind Zahlen und Fakten, die wehtun. Die vergangenen beiden Corona-Jahre waren zusätzlich noch einmal ein Schlag ins Kontor. Viele haben ihr Freizeitverhalten dadurch geändert und sich an ein Leben ohne Fußball gewöhnt. Hinzu kommen natürlich auch immer wieder Verletzungen, die das vorzeitige Karriereende beschleunigen. Und der demografische Wandel spielt natürlich auch eine Rolle“, meint Staffelleiter John Breach.

Ü60 und Gehfußball als Auffangbecken

Der 66-Jährige hat bereits seine Schlüsse aus der negativen Entwicklung gezogen und steuert mit neuen Ideen dem Aderlass entgegen. Dazu gehört eine erstmals ins Leben gerufene Ü60-Kreismeisterschaften mit vier Mannschaften, die an vier Spieltagen in Turnierform gegeneinander antreten. Und natürlich Walking Football (Gehfußball), den Breach versucht, in Celle zu etablieren. „Auch hier kam dann leider Corona dazwischen. Aber mittlerweile sieht es wieder ganz gut aus, unsere Walking-Football-Truppe der ersten Stunde trainiert jetzt wieder mit etwa 13 Spielern. Und beim TuS Eicklingen beispielsweise wird auch Walking Football gespielt, das Training ist da immer gut besucht“, berichtet Breach.

Freizeitverhalten hat sich geändert

Beide Initiativen haben das Ziel, ehemalige Ü50-Kicker oder durch Verletzungen geschädigte Spieler aufzufangen, um sie so in der Celler Fußballfamilie zu halten. Das diese im Seniorenbereich in Zukunft aber immer kleiner wird, scheint unausweichlich. Unabhängig von Corona hat sich das Freizeitverhalten und auch die Sozialisation spätestens in den vergangenen beiden Jahrzehnten drastisch geändert. Bei früheren Fußballer-Generationen stand ihr Hobby meist an erster Stelle. Wenn am Wochenende ein Spiel auf dem Programm stand, hatte das vor (fast) allen anderen Aktivitäten Priorität. Kicken und anschließend in gemütlicher Runde beim ein oder anderen Kaltgetränk die soeben absolvierte Partie noch einmal Revue passieren zu lassen, war fast schon Pflicht. Dadurch entstand ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das ganze Jahrgänge dazu bewog, noch bis ins hohe Alter im Verein gemeinsam zu kicken. Und das von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Dies hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend geändert. Die Interessen sind durch ein verbreitertes Freizeitangebot vielfältiger geworden, Fußball steht da nicht mehr an erster Stelle, ebenso wenig wie das gesellige Miteinander eines Teams, das sich von der Kabine in den Chatroom verlagert hat. Die Bindung zum Verein und zur Mannschaft ist nicht mehr dieselbe wie zu früheren Zeiten. Somit wird es immer weniger „Nachwuchs“ für den Seniorenfußball geben – mit entsprechenden Folgen. „Wenn es keine Ü32 mehr gibt, dann verlieren wir irgendwann alle Spieler aus dem Herrenbereich, auch für die Ü40 und Ü50. Daher müssen wir uns Lösungen einfallen lassen. Zum Beispiel auch in der Ü32 mit Siebener-Teams auf dem Kleinfeld zu spielen oder mit Spieltagen in Turnierform. Da müssen wir flexibel bleiben“, betont Kellner. Die Hoffnung, dass es nächste Saison und in Zukunft besser wird, ist allerdings verschwindend gering.