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Firat und Dicle einig: „Das ist beschämend“

Die Ausschreitungen zwischen Firat Bergen und Dicle schlagen hohe Wellen. Wie die Klubs reagieren und was der Spieler sagt, der die Tumulte auslöste. (+Video)

  • Von Oliver Schreiber
  • 31. Dez. 2021 | 15:53 Uhr
  • 12. Juni 2022
  • Von Oliver Schreiber
  • 31. Dez. 2021 | 15:53 Uhr
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Bergen.

Auch am Tag danach ist Doran Yavsan noch spürbar enttäuscht und mitgenommen. „So etwas darf nicht passieren. Das ist einfach nur beschämend“, sagt der Trainer des Fußball-Kreisligisten FC Firat Bergen nach dem wegen Ausschreitungen abgebrochenen kurdischen Duell gegen den SV Dicle Celle.*

Fatih Yavsan bedauert provokanten Torjubel

Was war passiert? In der zweiten Minute der Nachspielzeit traf Firat-Torjäger Fatih Yavsan zum vielumjubelten 1:1-Ausgleich. Im Überschwang der Gefühle ließ sich der 29-Jährige zu provokanten Gesten Richtung des Dicle-Fanblocks hinreißen. Zunächst hielt er die Hände hinter die Ohren, um auf die plötzliche Stille bei den Cellern hinzuweisen. Dann streckte er allerdings auch noch den Mittelfinger aus.

„Das war sicherlich nicht gerade schlau von mir, ich habe da auf die ständigen Provokationen reagiert. Der Mittelfinger galt einem Bekannten von mir, der mir seinen ebenfalls entgegengestreckt hat. Wir haben uns beide angelächelt, ich habe mir dabei auch nichts Böses gedacht. Natürlich hätte ich mir das sparen können. Aber das ist noch lange kein Grund, dass 40 Leute auf den Platz marschieren und man mir ins Gesicht schlägt“, schildert Fatih Yavsan den Auslöser der Tumulte.

Polizei mit mehreren Einsatzwagen vor Ort

Denn daraufhin eskalierte die Situation. 40 bis 50 der insgesamt 300 Zuschauer stürmten den Platz, Fans beider Lager gingen aufeinander los, mittendrin Ordner, Spieler, Funktionäre und weitere Personen, die versuchten zu schlichten. Sie verhinderten bis zum Eintreffen der alarmierten Polizei Schlimmeres, es blieb überwiegend bei Rangeleien und vereinzelten Tritten und Schlägen. Die Ordnungshüter waren schnell mit mehreren Einsatzwagen aus dem gesamten Landkreis vor Ort und beruhigten die Lage. Beide Gruppen wurden getrennt, ein besonders aufmüpfiger Rädelsführer erhielt einen Platzverweis. „Die Ermittlungen laufen noch. Bisher sind keine strafbaren Vorfälle bekannt, es gab auch keine Anzeigen oder Verletzte“, erklärte Polizeisprecher Steffen Brümmer gestern.

Beiden Vereinen sind diese Vorfälle peinlich. Denn eigentlich wollten sie beweisen, dass dieses kurdische Derby auch gänzlich ohne Stress ablaufen kann. Die beiden Trainer Doran Yavsan und Edip Ekinci trafen sich extra zweimal vor diesem Spiel, um schon im Vorfeld für Ruhe zu sorgen. Direkt vor der Partie gab es sogar ein gemeinsames Foto beider Teams sowie eine Schweigeminute für zwei unlängst verstorbene Kurden. „Wir wollten damit auch nach außen demonstrieren, dass es sich nur um ein Fußballspiel handelt und keinen Krieg. Und während des Spiels lief es auch überwiegend fair ab. Natürlich war es ab und an mal hitzig, aber so etwas passiert in jedem Fußballspiel“, meint Doran Yavsan.

Sein Pendant beim SVD pflichtet ihm bei. „Das war alles im Rahmen. Auch die drei Gelb-Roten Karten resultierten nicht aus irgendwelchen Nickligkeiten, sondern waren wiederholte beziehungsweise taktische Foulspiele. Es gab bis zum Ausgleich in der Nachspielzeit keinerlei Anzeichen, dass es derart eskalieren würde“, betont Ekinci, der wie Doran Yavsan ebenfalls tief enttäuscht ist. „Für diese Ausschreitungen kann man sich nur schämen. Auch wenn sie bei weitem nicht so schlimm waren, wie teilweise von Personen behauptet wird, die überhaupt nicht dabei waren.“

Beiden Klubs drohen harte Strafen

Beide Clubs werden sich aller Voraussicht nach vor dem Sportgericht wiedersehen und müssen mit Strafen rechnen, Fatih Yavsan mit einer längeren Sperre. Auch die Spielwertung ist noch offen. Entscheidend wird hier der Bericht des erfahrenen Schiedsrichters Marcel Baumgart sein. „Es war vollkommen richtig, dieses Spiel abzubrechen. Er hat sich in dieser Situation absolut richtig verhalten. Und er war selbst auch nie in Gefahr“, befindet Kai Heuman, der am Wochenende gerade erst zum neuen Celler Schiedsrichter-Obmann gewählt wurde.

Nächstes Derby ohne Zuschauer?

Doran Yavsan, der sich während der Tumulte beim Schiri-Gespann aufhielt, und Edip Ekinci bescheinigen dem Referee ebenfalls eine starke Leistung und einen souveränen Umgang mit der Situation. Auch Fatih Yavsan akzeptiert seine Rote Karte klaglos: „Er musste so entscheiden. Für mich steht eines fest: Ich werde nie wieder ein Spiel gegen Dicle bestreiten. Da gehe ich lieber mit meiner Familie Eis essen.“ Doran Yavsan und Ekinci plädieren beide für künftige Duelle ohne Zuschauer: „Anders geht es offenbar nicht“, meinen beide unisono.

*Der Text wurde erstmals am 28. September 2021 veröffentlicht.