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Fußball regional Depressionen als ständiger Wegbegleiter „Wir haben die Gefährdung nicht erkannt“
Sport Fußball regional Depressionen als ständiger Wegbegleiter „Wir haben die Gefährdung nicht erkannt“
14:57 13.06.2010
Von Christoph Zimmer
Hannover

Es wird nur ganz leise gesprochen – wenn überhaupt. Wer sich nicht unterhält, weiß auch so, was der andere fühlt. Die Tränen, die gesenkten Blicke sagen mehr als Worte es können. Vor dem alten Niedersachsenstadion tragen sich Menschen in Kondolenzbücher ein, zünden Kerzen an, legen Rosen, Schals, – einer vom FC Liverpool ist dabei – nieder, persönliche Erinnerungsstücke, Fotos, auf denen Robert Enke wie ein glücklicher Mensch aussieht. Der Regen wirkt an diesem Mittwochvormittag schwerer als sonst, der tiefgraue Novemberhimmel trister als er es ohnehin schon tut.

„Er litt unter

Versagensängsten“

Im Bauch des Stadions sitzt Teresa Enke, 33. Vor ihr unzählige Kameras und Journalisten. Neben ihr der Psychotherapeut Valentin Markser aus Köln, bei dem Enke wegen seiner Depressionen seit 2003 in Behandlung war. Enke spielte damals beim FC Barcelona, war dort unter Trainer Louis van Gaal nicht glücklich, wechselte zu Fenerbahce Istanbul, dort war er es auch nicht. „Er hat unter Versagensängsten gelitten“, sagte Markser. Er sei mehrere Monate fast täglich in Behandlung gewesen. „Im Frühjahr 2004 war er dann wieder relativ stabil.“

Und wechselte über den Umweg CD Teneriffa nach Hannover. Eine Magendarminfektion zwang ihn im September und Oktober dieses Jahres zu einer neunwöchigen Pause. Er verpasste Bundesliga- und Länderspiele. Dafür verantwortlich waren nicht nur die Viren in seinem Körper, es war auch die Depression, die nun wieder ausgebrochen war. Robert Enke nahm wieder Kontakt zu dem Psychotherapeuten auf.

„Selbstmordgedanken

hielt er vor uns geheim“

„Es ist ihm gelungen, die Selbstmordgedanken vor uns geheim zuhalten“, sagte Markser. Es habe sie zwar immer mal wieder gegeben, akut seien sie aber nie gewesen. „Wir haben die Gefährdung nicht erkannt.“ Eine ambulante oder stationäre Behandlung lehnte Robert Enke aber ab. Noch am Tag des Selbstmords. „Er wollte nicht, dass es an die Öffentlichkeit kommt“, sagte Teresa Enke. „Er hatte Angst um seine Karriere als Fußballer und darum, dass uns Leila weggenommen wird. Er hat sich gefragt, was die Leute denken, wenn man ein Kind adoptiert und der Vater depressiv ist.“ Im Mai hatten Robert und Teresa die heute achtmonatige Leila adoptiert.

„Wir dachten, wir

schaffen das“

Die Tränen standen der tapferen Teresa Enke in den Augen, als sie erzählte, wie sie versucht hat, ihrem Mann zu helfen. „Wir dachten, wir schaffen alles“, sagte sie. „Wenn er akut depressiv war, dann war das eine schwere Zeit.“ Der Antrieb und die Hoffnung auf baldige Besserung haben ihm gefehlt. Immer dabei: die Angst vor dem Bekanntwerden.

„Fußball hat ihm Halt und Kraft gegeben“

Vor drei Jahren starb die herzkranke Tochter Lara im Alter von zwei Jahren. „Nach Laras Tod waren wir so zusammengeschweißt, dass wir gedacht haben, mit Liebe geht das. Das ist nicht so“, sagte Teresa Enke. „Fußball war alles für ihn“, erklärte sie. „Er hat ihm Halt und Kraft gegeben. Es war wichtig für ihn, wieder Teil der Mannschaft zu sein. Das Training war das wichtigste für ihn in dieser Situation.“

Sie hat versucht, ihm auch eine Perspektive abseits des Fußballs zu geben. „Ich habe ihm gesagt, dass Fußball nicht alles ist. Dass es für alles eine Lösung gibt, wenn man zusammenhält.“

●Nummer eins wird nicht mehr vergeben: Vor dem Stadion stehen Martin Kind, der Präsident des Bundesligisten, und Jörg Schmadtke, der Sportdirektor, vor einer undankbaren, weil unlösbaren Aufgabe. Sie sollen das in Worte fassen, was man nicht in Worte fassen kann. Das Unerklärliche kann man nicht erklären. Sie müssen es trotzdem. Die Rückennummer von Robert Enke werde wohl nicht mehr vergeben, sagte Kind dann noch. Hannover 96 hat keine Nummer eins mehr.