Angola zu Gast in Celle

Fahrt mit WM-Zug endet mit Frust

Das Gastspiel der Angolaner bei der WM 2006 in Celle war geprägt von Begeisterung und Freude. Für Stefan Mehmke gab's aber auch ein Frusterlebnis.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 23. Mai 2021 | 08:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
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  • 23. Mai 2021 | 08:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Celle.

Im Jahr 2006 war die Welt zu Gast bei Freunden – und Celle war mittendrin. Während der Fußball-Weltmeisterschaft gastierte die Nationalmannschaft aus Angola fast fünf Wochen lang in der Herzogstadt. Es gibt viele Geschichten rund um den Besuch des afrikanischen WM-Teilnehmers in Celle. Eine davon kann Stefan Mehmke (55) erzählen:

„Es schien für mich der große, in Erfüllung gegangene Traum zu werden: Ein WM-Spiel sehen und sich dabei fühlen wie Helmut Rahn, Fritz Walter und Toni Turek zusammen. Möglich machte das der leider zu früh verstorbene Bernd Nitsche, damals Celles WM-Beauftragter. Im Namen der Stadt Celle organisierte er den Weltmeisterzug von 1954, der knapp 200 Fans aus Celle und Umgebung zum Vorrunden-Spiel Portugal gegen Angola nach Köln brachte. 52 Jahren nach der Triumphfahrt aus der Schweiz nach Deutschland sollte der weinrote Express am 11. Juni ähnliches Flair in die Herzen der Celler bringen.

"Mit Angola fahr'n wir zur WM"

Und wirklich: Ich saß genau da, wo „Rahn müsste schießen“ auch saß – bildete ich mir zumindest ein. Ich ging dahin, wo Fritz Walter sein Bierchen verhaftete – in den Partywagen und staunte über die vielen Bilder an den Wänden des Zugs – mit jeder Menge jubelnder Fans auf den Bahnsteigen. Damals, 1954. Macht aber nix: Bei jedem Bahnhof riss ich – 2006 – das Fenster auf, jubelte den Wartenden in Bad Oeynhausen oder Bielefeld zu. Ich fühlte mich wie ein Weltmeister. Und auch die bunte Fangemeinschaft aus Angola-Freunden, Eisenbahnfreaks und Fußballfans war frohen Mutes. „Mit Angola fahr’n wir zu WM“ sangen wir – am lautesten beim Verlassen der Waggons auf dem Kölner Hauptbahnhof.

Wo sind die Eintrittskarten?

So sorgten wir für mächtig Erstaunen bei den Rheinländern, denn die eigentlich steifen Niedersachsen wollten so gar nicht zum Klischee der ewig gut gelaunten, tanzenden Afrikaner passen. Und doch: Wo die Celler waren, herrschte gute Laune. Denn wir, die „Ultras Angola“, schwenkten bei krachendem Fangesang unsere Fahnen, die ja im Fahrpreis inbegriffen waren. Apropos: Nicht inklusive waren die Eintrittskarten. Die aber hatte Nitsche vom angolanischen Funktionär „Doktor Lumbo“ versprochen bekommen.

Nitsche telefonierte schon während der Hinfahrt mehrfach mit ihm und versuchte auch später am Stadion stundenlang, diesen Menschen zu erwischen. Der tauchte zwischendurch auch auf, um kundzutun, er hole jetzt die Tickets. Doch es passierte nichts – weitere vier Stunden lang. Nitsches Informanten fanden heraus, dass Lumbo in einer afrikanischen Gaststätte gesehen worden war, wo plötzliche alle Anwesenden Karten bekommen hatten.

Kaffee am Dom statt Stadionerlebnis

In die Röhre schauten bei tierischer Hitze in Köln die Celler Fans. Bei mir persönlich erlosch so alle Begeisterung für Angolas Antilopen. Ich fühlte mich betrogen. Ein Frustgelage in Köln war auch nur schlechterdings möglich, ob der „Plörre“, die dort traditionell ausgeschenkt wird. Und so langweilte ich mich mit meiner heutigen Frau in einer Sportsbar, ohne Stadionbesuch, dafür mit viel schlechter Laune. Bis zur Abfahrt vertrieben wir uns die Zeit mehr schlecht als recht, aber ein Kaffee am Fuße des Doms sollte es noch sein.

Angola-Funktionär flüchtet vor wütender Frau

Zu später Stunde schlenderte da ein schick gekleideter Afrikaner mit einem Kompagnon vorbei. Die Augen meiner Frau weiteten sich, sie erhob sich mit wütendem Gesicht, sprach den Mann nicht gerade freundlich an. Der große Mann, es war „Doktor Lumbo“, nahm prompt die Beine in die Hand, die Furie nur knapp hinter sich. Auch, wenn er entwischte, lässt mich dieses Bild immer noch schmunzeln. Es half alles nichts: Das Spiel hatten wir nicht gesehen. Auch die ewig lange Rückfahrt auf den plötzlich viel zu harten Sitzen in der nun zu lauten und echt lahmen Bahn (Tradition hin oder her) verstärkte den schalen Beigeschmack der Veranstaltung. Unglaublich schade war das – am meisten für Bernd Nitsche, der nichts für den Kartenbetrug konnte. Ein Jammer. Und ein geplatzter Traum irgendwie.

Von Stefan Mehmke

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