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Celler unternehmen Erkundungstour über Europas größten Truppenübungsplatz

06:42 04.01.2022
Teilnehmende der Truppenübungsplatz-Erkundungstour vor dem ehemaligen Gasthof „Onkel Nickel“ in Ostenholz, in dem 1966 die Filmcrew des Antikriegsfilms mit John Lennon gastierte.
Teilnehmende der Truppenübungsplatz-Erkundungstour vor dem ehemaligen Gasthof „Onkel Nickel“ in Ostenholz, in dem 1966 die Filmcrew des Antikriegsfilms mit John Lennon gastierte. Quelle: Jörg Teichfischer
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Celle

Geschichtswerkstatt und Friedensaktion Lüneburger Heide hatten in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung zur ganztägigen Erkundungstour über Europas größten Truppenübungsplatz eingeladen. Die Organisatoren Klaus Meier und Charly Braun freuten sich über Gäste sogar aus Bremen, Hamburg und Hannover. Am Denkmal in Bad Fallingbostel für die ermordeten sowjetischen Kriegsgefangenen beschrieb Braun die Entwicklung der landwirtschaftlichen und touristischen Region zur am stärksten militarisierten in Deutschland. Auf dem Friedhof der Rotarmisten in Oerbke berichteten Egon Hilbich und Charly Braun über die wirtschaftlichen Ziele des Faschismus am Überfall auf die Sowjetunion und wie gemäß ihrer rassistischen Weltanschauung in den Kriegsgefangenenlagern Massenmord durch Hunger und Seuchen begangen wurde. Erstaunlich, dass die Gefangenen dennoch in Arbeitskommandos zu Widerstand in der Lage waren, wie Sabotageakte in Rüstungsbetrieben beweisen. In den drei Lagern Belsen-Hörsten, Wietzendorf und Oerbke verreckten elendig etwa 60.000 sowjetische Gefangene.

Lagerfriedhöfe immer wieder vernachlässigt

In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Lagerfriedhöfe immer wieder vernachlässigt, obwohl deutsche Verwaltungen, Politik und der Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge dazu von Briten und Sowjets verpflichtet wurden. Viele von Vera Hilbich erforschte Dokumente beweisen das detailreich. Es war „Kalter Krieg“ mit Aufrüstung und vergessen lassen der Nazi-Verbrechen. 1964 ließen deutsche Verantwortliche sogar das von überlebenden Rotarmisten errichtete Denkmal abreißen und durch ein neues des Nazi-Bildhauers Seelemeyer ersetzen. Um am Jahrestag der Befreiung vom Faschismus Gedenkfeiern zu verhindern, wurde 1985 sogar ein Manöver verlängert, berichteten Zeitzeugen. Inzwischen haben sich Historiker und vielerlei Gruppen durchgesetzt, um auf den Lagerfriedhöfen an die Verbrechen der Wehrmacht zu erinnern.

Ehemaliges Entlausungsgebäude wird zurück gefordert

Das ehemalige Entlausungsgebäude in Oerbke wolle man von der Bundeswehr zurück haben als Gedenk-, Ausstellungs- und Veranstaltungsort, fasste Braun die Forderungen von Gewerkschaften und anderen Organisationen zusammen.

Bewohner haben keine kommunalen Rechte

Fallingbostels ehemaliger Ratsherr Gerd Martini kritisierte, dass bis heute die Menschen der bewohnten Dörfer des Truppenübungsplatz keine kommunalen Rechte haben und lediglich Bittsteller bei Finanzminister und Bima (Bundesanstalt für Immobilienaufgaben) sind. So wundert sich Hermann Reinecke, ehemaliger Betriebsratsvorsitzender der Zivilbeschäftigten der British Army, auch nicht, dass viele staatliche Wohnhäuser verkommen gelassen werden, um sie schließlich abzureißen.

Widerständige Bauern wollen Höfe nicht aufgeben

Egon Hilbich und Klaus Meier berichteten von den widerständigen Bauern, die in den 1930er Jahren ihre Höfe nicht für einen Kriegsübungsplatz aufgeben wollten. Weitere Themen waren die neuen internationalen Kriegsziele der Bundeswehr, die Arbeit von Bürgerinitiativen und Friedensgruppen, die Forderungen von Gewerkschaften für eine „soziale, ökologische, nicht-militärische Wirtschaftsstruktur für den Kriegsübungsplatz zwischen Bergen und Bad Fallingbostel.

Engagement in Tradition von John Lennons Antikriegsfilm

Neu waren Brauns Vortrag und Fotos von Bert Brechts „Legende vom toten Soldaten“, die 1985 in Ostenholz als Theater mit Schinderassassa und in Uniformen aufgeführt wurde. Man selbst sehe das eigene Engagement in der Tradition des John-Lennon-Antikriegsfilm „How I won the war“, der 1966 auf dem Truppenübungsplatz gedreht wurde, kommentierte Marianne Ohlhoff abschließend.

Von Doro Kreth

04.01.2022
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