Willi Kresse

Vom Stotterer zum Bröckeler Lokalpoeten

Der Bröckeler Willi Kresse verarbeitet sein schweres Schicksal in Versen und findet beim Pilgern auf dem Jakobsweg zu sich selbst.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 10. Dez. 2019 | 16:33 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Bröckel.

Das Leben des gebürtigen Garßeners Willi Kresse stand in den ersten Jahren wahrlich nicht unter einem guten Stern, und alles deutete viele Jahre darauf hin, dass sein Schicksal vom Stottern, vom Scheitern und von Krankheiten gekennzeichnet sein würde. Im Alter von 47 Jahren, sagt er, „fing mein zweites Leben an!“

Willi Kresse wächst als jüngster von sechs Brüdern im Celler Stadtteil Garßen auf. Es geht ihm in seiner großen Familie eigentlich recht gut. Doch als er sieben Jahre alt ist, verlässt seine Mutter die Familie und heiratet später in England. Da wird es schwierig für die Familie: Der Vater tut alles dafür, seinen Jungs das Elternhaus erhalten zu können und arbeitet mehr als üblich.

Glücklicherweise ist da auch noch „Oma Hanna“, Vaters Mutter: Die Oma erzieht die Jungs und schmeißt den Haushalt. „Aber uns hat der mütterliche Halt gefehlt und die erzieherische Kontrolle. Wenn ich keine Lust hatte, zur Schule zu gehen, dann bin ich eben weggeblieben. Zuflucht fand ich in meiner geliebten Sandkuhle“, erinnert sich Kresse. Die schulischen Leistungen fallen ins Bodenlose, und er erreicht in der Schule nur die sechste Klasse.

Später beginnt er eine Maurerlehre, aber die ist schon wegen der schlechten schulischen Voraussetzungen und seines Sprachfehlers zum Scheitern verurteilt. „Außerdem war ich immer ein Rebell und konnte mich nie recht unterordnen.“ Kresse jobbt dann als Ungelernter bei verschiedensten Arbeitgebern.

Außerdem durchläuft er wegen seines Stotterns allerlei Sprachtherapien. Als sich keine Erfolge zeigen, wird er für sechs Monate auf eine internatsähnliche Sprachschule in Braunschweig geschickt, doch auch das „hat nicht viel gebracht“. Schließlich hilft er sich selbst und versucht, sich das Stottern mit einer besonderen Atemtechnik und langsamem Sprechen vor dem Spiegel abzugewöhnen. Das gelingt, und mit 22 Jahren ist er sein Stottern endlich los.

Da traut er sich in die Volkshochschule Celle und erwirbt dort nachträglich den Hauptschulabschluss. Er lernt Heike kennen und heiratet sie 1989. Sie bekommen vier Kinder. Auch beruflich geht es voran, als er im folgenden Jahr im Stadtteil Heese eine Stelle als Hausmeister bekommt, die auch mit einer Dienstwohnung verbunden ist. Doch nach fünf Jahren ist der Arbeitsplatz in Gefahr, denn die Wohnungsbau-Gesellschaft soll verkauft werden. Kresse kündigt vorsorglich, und die Familie zieht auf Anregung der Schwiegermutter nach Bröckel in eine große Wohnung. „Hier hatten wir alles und waren glücklich“, berichtet er.

Nach Krankenhaus süchtig nach Klassikern

Kresse schlägt sich mit verschiedenen Jobs durch und beginnt schließlich 2005 eine Ausbildung zum LKW-Fahrer. Als er morgens Schmerzen hat, geht er zum Arzt. Es werden schnell „höllische Schmerzen“, der Notarzt wird gerufen, Kresse verliert das Bewusstsein: Er hat einen Darmdurchbruch. Wegen einer allergischen Reaktion auf ein Schmerzmittel kommt es zu Komplikationen. Kresse erstickt fast und fällt drei Wochen ins Koma. Er übersteht diese extreme Erkrankung und geht in die Reha. Da hat er wieder „höllische Schmerzen“, diesmal im Rücken, und kann sich nicht mehr bewegen. Es haben sich Keime aus dem Dammdurchbruch in einer Bandscheibe eingenistet. Das bedeutet noch einmal sieben Wochen Aufenthalt im Celler AKH. „Ich hatte mich im Krankenhaus auf dem Flur im Spiegel gesehen und war entsetzt: Für mich war ich da kein Mensch mehr.“

Seine Frau hat sich mittlerweile „umorientiert“, 2007 wird er von deren Rechtsanwalt aufgefordert, die eheliche Wohnung zu verlassen. Er ist plötzlich obdachlos und wohnt für kurze Zeit „unter der Brücke“. Schließlich kann er eine kleine Wohnung in Bröckel mieten: „Da fing mein neues Leben an.“

Nach den lang andauernden Krankenhausaufenthalten entwickelt sich in ihm eine „Input-Sucht“, wie Kresse das formuliert: Er verschlingt die literarischen Klassiker von Goethe bis Heine. Dann schreibt er 2009 sein erstes Gedicht, als der Vater, sein „Fels in der Brandung“, unheilbar an Leukämie erkrankt.

Am grauen Morgen halt ich inne, unter dunklen Wolken sturmeswehn

Dort weine ich im Herbstes Winde, um meines Vaters…

…und mein Leben!“

In einem „Schreibschwall“ verarbeitet er seine Vergangenheit und verfasst innerhalb von drei Monaten hunderte Gedichte und Kurzgeschichten. Einen Teil davon veröffentlicht er als Buch im Selbstverlag. Es berührt ihn sehr, dass er eines dieser Bücher seinem Vater auf das Krankenbett legen kann.

Auf Jakobsweg lernt er zu verzeihen

Als sein Vater dann in einem Pflegeheim in Celle untergebracht ist, kommt er mit der Inhaberin ins Gespräch und beginnt, sich für eine Tätigkeit dort zu interessieren. Schließlich nimmt er an einer Ausbildung zum Altenbetreuer teil und wird Ende 2011 in Wienhausen eingestellt.

Um zu „Einkehr und innerer Ruhe zu finden“, pilgert er im Jahr 2015 zum ersten Mal 800 Kilometer auf dem Jakobsweg in Nordspanien. Auf diesem Weg habe er auch „gelernt, seiner Mutter zu verzeihen“, berichtet er. Es folgen weitere Touren auf dem Jakobsweg, einmal begleitet ihn sogar seine älteste Tochter Annabell.

Überhaupt Familie: Er genießt es, zu seinen vier Kindern einen guten Kontakt zu haben, und auch, dass seine fünf Brüder in Celle geblieben sind. Nun hat ihn auch noch ein ganz persönliches Glück ereilt: Vier Jahre lang haben die Altenpflegerin Carmen und er in Wienhausen „nebeneinander her gearbeitet“, seit zweieinhalb Jahren sind sie ein Paar und wohnen in einem schönen Anwesen in Bröckel zusammen.

Kresse hat zwar wegen seiner Berufstätigkeit nicht übermäßig viel Zeit zum Schreiben, aber immerhin hat er es geschafft, Anfang 2019 mit „Lasst mich Leben schreiben“ einen zweiten Gedichtband herauszubringen. Kürzlich wurde er dann durch eine unerwartete Ehrung überrascht: Oskar Ansull schrieb in seinem neuen Buch „Heimat, schöne Fremde“ stellvertretend für die „vielen reimenden“ Bröckeler eine kurze Biografie Kresses und zitierte ihn so: „Mir geht es dabei weder um Profit noch um Anerkennung. Ich möchte etwas hinterlassen. Meine Kinder sollen einmal sagen konnen: ,Unser Vater war ein Dichter, ein Poet. Er brachte sich nie vom Wege ab.‘‘

Da konnte es sich Kresse natürlich nicht nehmen lassen, an der Buchvorstellung im Schlosstheater teilzunehmen. Der Weg ins Sonnenlicht kann ein langer sein.

Von Peter Bierschwale

Lebenslauf

1961

geboren und in Garßen aufgewachsen

Nach der sechsten Klasse

von der Schule abgegangen

1980

besucht er wegen seines Stotterns eine Sprachschule

1984

Nachträglicher Erwerb des Hauptschulabschlusses

1989

Heirat, vier Kinder

1995

Umzug nach Bröckel

2005

Darmdurchbruch

2010

Erste öffentliche Lesung in Bröckel

2011

Ausbildung zum Altenbetreuer, Arbeitsplatz in Wienhausen

Von