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Typen Wahl-Hermannsburger bringt Äthiopiern Wort Gottes
Mehr Typen Wahl-Hermannsburger bringt Äthiopiern Wort Gottes
13:41 13.06.2010
Hermannsburg

Zwei Schreibtische stehen in dem kleinen Arbeitszimmer von Tasgara Hirpo. Auf dem einen türmen sich Bücher und Briefe, den anderen nutzt er für die Arbeit am Computer. „Das ist die Bibel, die uns erreicht hat“, erzählt Tasgara. Er zeigt ein altes Buch mit schwarzem Einband, blättert die ersten Seiten auf und verweist auf das Erscheinungsjahr 1899. „Es war die erste Schrift überhaupt, die ich gesehen und gelesen habe“, sagt er. „Herr Tasgara“ oder einfach „Tasgara“ – so nennen ihn alle, die ihn kennen. Dem großen schlanken Mann sieht man nicht an, dass er schon 72 Jahre alt ist.

Schließlich greift er zu einem Taschenbuch mit rotem Einband. Es ist die Neuauflage einer Bibel, an der Tasgara als Übersetzer mitgearbeitet hat. Zuletzt hat er sie mit dem Hermannsburger Theologen und Sprachwissenschaftler Henning Uzar in lateinische Buchstaben transkribiert. Das Buch ist gerade frisch aus einer Druckerei im koreanischen Seoul gekommen. Diese Bibel-Ausgabe ist vor allem für Jugendliche gedacht.

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Hermannsburger

erkannten seine Begabung

Aufgewachsen ist Tasgara im Dorf Korme in der Nähe von Aira im Westen Äthiopiens mit sieben Geschwistern. Sein ältester Bruder hat in der Familie regelmäßig aus der Bibel vorgelesen, die Onesimus Nesib als erster in Oromo übersetzt hat. Tasgara zeigt auf eine alte Fotografie von Onesimus, das über seinem Schreibtisch hängt. Onesimus ist für ihn bis heute ein Vorbild. Er gehörte, wie Tasgara, zu den Oromos, der größten Volksgruppe Äthiopiens. Etwa 30 Millionen Menschen sprechen Oromo, die Zahl der Äthiopier wird auf 82 Millionen geschätzt, sagt Tasgara. Lange Zeit war Amharisch die Amtssprache. Die Sprachpolitik diente als Herrschaftsinstrument und ist bis heute in Äthiopien unter den Volksgruppen ein heikles Thema.

Der Bruder, der oft aus der Bibel vorlas, brachte Tasgara das Lesen und Schreiben bei. „Seitdem war ich unruhig. Ich wollte mehr lernen“, erzählt er. Dieser Wissensdurst und der durch die Bibellektüre gewachsene Glaube waren die Antriebskräfte für den Äthiopier, eine Bildungsstufe nach der anderen zu erklimmen. Wenn Tasgara erzählt, dann drückt er sich in präzisem Hochdeutsch aus. Er wirkt dabei wie ein Intellektueller, der sich genau überlegt, welche grammatikalische Konstruktion dem, was er ausdrücken will, gerade angemessen ist.

Die ganze Familie, sogar das ganze Dorf wurde durch die Bibellektüre geprägt. „Die Menschen kamen, um das Wort Gottes zu hören, es entstand eine Gemeinde“, sagt Tasgara. In der Gegend, in der er aufgewachsen ist, waren bereits Missionare aus Hermannsburg aktiv. Tasgara schloss 1958 eine dreijährige theologische Ausbildung ab, wurde als 23-Jähriger ordiniert und als Pastor in seiner Heimatgemeinde eingeführt. Nach einem Aufbaukursus in Tansania war er mit dem Hermannsburger Missionar Erwin Meyer für weitere 17 Gemeinden zuständig. Die Hermannsburger erkannten sein Talent und holten ihn zum Theologiestudium ans Missionsseminar. Der Student erlebte einen Kulturschock. „Ein Gärtner, der mit dem Mercedes fährt und der Leiter des Missionsseminars, der mit dem Fahrrad unterwegs ist – das war für mich ein Schock“, erzählt Tasgara und schüttelt den Kopf.

Vaterunser für Völker

ohne Brot übersetzen

Kurz nachdem er nach Äthiopien zurückging, wurde er Präsident der Westsynode der evangelischen Mekane-Jesus-Kirche. Das entspricht etwa einem Bischof einer evangelischen Landeskirche in Deutschland. In seine Amtszeit fällt die Entscheidung, die von schwedischen, norwegischen und Hermannsburger Missionaren geprägten Gemeinden zu einer Synode zusammen zu bringen. „Das war eine harte Aufgabe“, sagt Tasgara.

1975 fiel die Entscheidung der Kirchenleitung, die Bibel neu zu übersetzen. Drei Mitarbeiter der Westsynode gingen in die Hauptstadt Addis Abeba, um an dem Projekt zu arbeiten. Drei Jahre später übernahm Tasgara die Stelle des Hermannsburger Missionars Manfred Zach in dem kleinen Übersetzer-Team. „Die äthiopische Bibelgesellschaft arbeitet in 17 Sprachen. Das Oromo-Projekt ist das größte“, erzählt Tasgara. Die Übersetzung, die 1993 in amharischer Schrift erschien, basierte auf dem hebräischen Alten Testament und dem griechischen Neuen Testament. „Wir diskutierten viele Kultursachen, die schwer zu übersetzen sind“, erzählt Tasgara. Dazu gehörte zum Beispiel der Begriff „tägliches Brot“ aus dem Vaterunser. „In manchen Völkern gibt es einfach kein Brot“, erklärt er. Das Team arbeitete unter schwierigen Bedingungen, denn im September 1974 wurde Kaiser Haile Selassie gestürzt. Die Revolution war im Gange. Das Haus der Bibelgesellschaft wurde beschlagnahmt. Die Übersetzer mussten in Räumen über einer Bäckerei arbeiten. „Der Mehlstaub verklebte die Papiere“, erzählt Tasgara.

Flucht vor dem

Mengistu-Regime

16 leitende Mitarbeiter der Westsynode wurden inhaftiert und 355 von 357 Kirchgebäuden geschlossen, berichtet der Theologe. Freunde warnten Tasgara. „Damals stand ich auf der schwarzen Liste“, sagt er. 1983 ging er nach Hermannsburg ins Exil. Zwei Monate später konnte seine Frau Almut mit den Kindern Johannes und Susanne Äthiopien verlassen. „Ein Wunder“, sagt Tasgara. Mit Unterstützung des Evangelischen-lutherischen Missionswerks (ELM) arbeitet er bis heute in Hermannsburg an Neuausgaben der Bibel und an Projekten wie zum Beispiel eine jüngst erschienene Kinderbibel. Noch im Januar soll die Neuausgabe der Bibel in oromischer Sprache und lateinischer Schrift vollständig ausgeliefert werden.

Lebenslauf

.1935 im westäthiopischen Korme geboren

.1955 bis 58 theologische Ausbildung in Nekemte

.1958 Ordination zum Pastor, Gemeindearbeit

.1958 bis 62 Post-Ordination-Kursus in Tansania

.1962 bis 65 Theologiestudium am Missionsseminar in Hermannsburg

.1965 bis 70 Fachabitur und Magister-Studium (Theologie) in Hamburg und München

.1970 Rückkehr nach Äthiopien, Bibelschul-Dozent in Aira

.1971 Wahl zum Präsidenten der Westsynode der evangelisch-lutherischen Mekane-Jesus-Kirche

.1973 Heirat in Hermannsburg, seine Frau Almut geht mit ihm nach Äthiopien

.1978 Arbeit als Bibelübersetzer und Dozent am Theologischen Seminar Makanissa in Addis Abeba

.1983 Emigration nach Hermannsburg, Weiterarbeit als Bibelübersetzer

Von nicht zugewiesen