Celler Typen

Leben von Musik geprägt

Er hat unzählige Leidenschaften und einen kreativer Geist: Bernhard Hayo fand als Ruheständler in Bergen-Belsen eine neue Heimat.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 15. Apr. 2020 | 07:30 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Belsen.

Der Ruhestand – für viele Menschen bedeutet das nach vielen Jahrzehnten der Ertüchtigung endlich die Beine hochlegen und einfach faul sein zu dürfen. Für den unwissenden Betrachter sieht es jedoch so aus, als wäre dieses „gepflegte Nichts-Tun“ für Bernhard Hayo in vielerlei Hinsicht fremd. Zu kostbar scheint ihm seine Zeit zu sein, um sich nicht mit seinen unzähligen Leidenschaften, seiner Familie und den Freunden zu beschäftigen. Das Wissen über den Wert der Zeit ist ihm ohnehin quasi in die Wiege gelegt worden – sein Vater war immerhin Uhrmacher. 67 Jahre lebte und wirkte Hayo in der kleinen Gemeinde Großrosseln, die direkt an der französischen Grenze liegt. Das frische Baguette war ebenso nur einen Katzensprung entfernt, wie die Innenstadt von Saarbrücken. Hier lernte er in seiner Jugend seine heutige Ehefrau Burga kennen und gründete mit ihr eine Familie. Vor drei Jahren entschieden sich die beiden schließlich, ihre Heimat zu verlassen, um näher bei ihren Kindern zu sein. So hat es sie letztendlich nach Bergen-Belsen verschlagen. Drei Jahre sind seitdem vergangen.

Reges Interesse an schönen Künsten

1951 geboren, entwickelte Bernhard Hayo bereits im frühen Kindesalter ein reges Interesse an den schönen Künsten. Malerei, Musik, Literatur und Fotografie – Ausdrucksmittel für einen äußerst kreativen Geist, der seinen Mitmenschen viel zu erzählen hatte und noch immer hat. Nach dem Abitur entschloss sich Hayo zunächst zu einem Studium der Erziehungswissenschaft und Psychologie. Später folgte ein Geschichts- und Musikstudium, nach dessen Abschluss er eine Lehrtätigkeit an einer Grundschule annimmt. Insbesondere die Musik prägt sein Leben in allen Bereichen tiefgreifend. Im Laufe der Jahrzehnte gründete und leitete er diverse Chöre, Orchester sowie eine Beatband namens „The Sunset“. Auch das Dozieren an Fachschulen ist ein Bestandteil in Hayos beeindruckendem Lebenslauf. Selbst bei einem so vollen Terminkalender war ein breites ehrenamtliches Engagement stets eine Herzensangelegenheit des Wahl-Belseners. Zu Beginn des neuen Jahrzehnts gründete er unter anderem das Streicherprojekt „Mit Geigen gegen PISA“, welches später für den Deutschen Engagementpreis nominiert wurde. Aber damit längst nicht genug: Der umtriebige Mann betreibt seit 1995 seinen eigenen Musikverlag und hat darüber hinaus in den letzten Jahren zwei Bücher geschrieben. Kein Wunder also, dass Weggefährten von den Umzugsplänen des Multitalents und Menschenfreundes nur wenig begeistert waren. Er war über die Jahre ein fester Bestandteil der Gemeinde-Seele geworden und alle wussten: Bernhard Hayo wird schrecklich fehlen. Gegönnt hat man ihm den Ruhestand im Norden aber selbstverständlich trotzdem von ganzem Herzen.

In Bergen-Belsen neue Heimat gefunden

Des einen Freud, das anderen Leid: In Bergen-Belsen wurden sowohl Bernhard Hayo als auch seine Frau sofort äußerst freundlich aufgenommen. So verschlossen, wie immer behauptet werde, seien die Menschen im Norden absolut nicht, geben die Beiden unter herzlichem Gelächter zu verstehen. Das am Ende das kleine Dorf in der Südheide ihre neue Heimat wurde, war dabei eigentlich reiner Zufall. „Wir haben ein Haus mit Charakter gesucht, dass zumindest relativ nah bei unseren Kindern liegt“ erzählen sie. Diese arbeiten und leben im Großraum Hamburg – Tochter Susanne, eine Musicaldarstellerin, Sängerin und Choreografin und Sohn Philipp, der ein eigenes Restaurant besitzt. Da kam das malerische und durchaus geräumige Schwedenhaus am Rande von Belsen also genau richtig. Obwohl sich das Ehepaar, das im nächsten Jahr die goldene Hochzeit begeht, unlängst bestens in die Dorfgemeinschaft integriert hat und sich dementsprechend wohlfühlt, blicken beide mittlerweile mit unterschiedlichen Gefühlslagen auf den Umzug zurück. Während Bernhard Hayo es voll und ganz genießt, seinen Passionen und Hobbys in der malerischen Umgebung nachzugehen, wird seine Frau hin und wieder von Heimweh geplagt. Der Gedanke an die Enkelkinder und das Mitwirken im Gemischten Chor Bergen wischen die Zweifel jedoch ein ums andere Mal davon.

Unzählige Passionen sind allgegenwärtig

Beim Gang durch das Heim der Hayos sind die unzähligen Passionen des Hausherrn zu jeder Sekunde allgegenwärtig. Als Hobbys möchte er die Malerei, die Fotografie, das Schreiben und Musizieren dabei bewusst nicht bezeichnen, erzählt er. Zu hoch seien hier Aufwand und besonders auch der eigene Anspruch. „Wenn ich etwas aus voller Leidenschaft mache, dann mache ich es auch richtig.“ Eine Grundeinstellung, die sich sofort eindrucksvoll in seinen lebendigen Werken widerspiegelt. Gemalt wird auf Leinwänden, schlichtem Papier, in alten Büchern, mit Kohle, Tusche, Kaffee – jedes Material, jede Szenerie scheint zu Kunst werden zu können. Nicht ohne Grund trägt Hayo in der Regel ein Skizzenbuch mit sich. Ist dies jedoch mal nicht der Fall, so „bewaffnet“ er sich einfach mit einer Kamera. Besonders die Landschaften rund um Bergen-Belsen sind hier ein besonderes Motiv für den viel-talentierten Ruheständler. Es gelte zu zeigen, dass die Gegend so viel mehr ist als ihre unmittelbare Historie, erzählt Hayo. Aus diesem Grund habe er vor einigen Jahren auch einen Kalender mit Impressionen aus Bergen-Belsen veröffentlicht.

Bernhard Hayo komponiert nur noch selten

Wenn er sich an einem Tag mal nicht den visuellen Künsten hingibt, findet man ihn wohl entweder am Klavier oder am Akkordeon. Selbst komponieren jedoch tut er nur noch selten – zu hoch sei der Anspruch an sich selbst auf der einen und das Wissen um die leider zahlreichen ungehörten Talente auf der anderen Seite, gesteht er. Dann doch lieber schreiben – am aller liebsten historische Romane, von denen er in den vergangenen drei Jahren bereits Zwei („Typhus“ und „Das Werk des Uhrmachers“) veröffentlicht hat, wie er sichtlich stolz erwähnt. Diese sind natürlich in deutscher Sprache verfasst, obgleich er sich auch bereits seit langer Zeit mit dem Chinesischen beschäftigt - wirklich nur ein Hobby, wie er sagt.

Auch Hayos Tag hat eine begrenzte Stundenzahl

Persönliche Leidenschaften soweit das Auge reicht und doch hat auch Bernhard Hayos Tag nur 24 Stunden – so ist es zumindest anzunehmen. Vielleicht ist er aber auch heimlich in die Fußstapfen des Vaters getreten und hat ein ums andere Mal an der Uhr gedreht, um die Belsener Beschaulichkeit noch etwas länger genießen und in seiner vielgestaltigen Kunst interpretieren zu können. Ein Geheimnis, das wohl im Verborgenen bleiben wird.

Von Pascal Bangemann

Lebenslauf

2. Juli 1951

Geboren in Großrosseln (Saarland)

1968

Gründung der Beatband „The Sunset“

1971

Heirat

Ab 1976

Lehrer an Grund-, Haupt- und Gesamtschulen

Ab 1982

Dozent an sozialpädagogischen Fachschulen

1987

Gründung des ersten eigenen Chors

1995

Gründung des Musikverlags „hayo“

2004

Gründung des Streicherprojektes „Mit Geigen gegen PISA“

2013

Verleihung der Verdienstmedaille der Gemeinde Großrosseln

2017

Umzug nach Bergen-Belsen

2019

Veröffentlichung des historischen Romans „Das Werk des Uhrmachers“

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