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Typen Mit dem Rad auf den Mont Ventoux
Mehr Typen Mit dem Rad auf den Mont Ventoux
13:41 13.06.2010
Faßberg

Im Jahre 2000 quälte sich Jürgen Krahe das erste Mal mit seinem Mountainbike die steile Auffahrt zur Spitze des Mont Ventoux hoch. Nicht nur die Steigungen auf dem gut 20 Kilometer langen Anstieg verlangten viel Kraft. Der Berg leitet seinen Namen vom lateinischen mons ventosus, also etwa „windiger Berg“, ab. Die letzten Kilometer schlängelt sich die Straße in Serpentinen an den baumlosen Hängen hoch, so dass der Wind den Radfahrern ungebremst zusetzen kann. Jürgen Krahe schaffte den Aufstieg in rund zweieinhalb Stunden.

Bestzeit über 100 Meter: 11,2 Sekunden

Sieben Jahre später wollte Jürgen Krahe noch einmal mit dem Rad auf den Mont Ventoux fahren. Sein Fahrrad war noch das gleiche wie im Jahre 2000, aber Jürgen Krahe war ein anderer geworden. Er hatte inzwischen den Krebs besiegt.

„Ich hatte eigentlich drei Berufe“, sagt Krahe. 1937 im westfälischen Mal geboren, lernte er zunächst Chemiefacharbeiter. Als Neunzehnjähriger trat er in die Bundeswehr ein und blieb neun Jahre. Danach studierte Krahe an der Sporthochschule Köln und wurde Sportlehrer. Vor gut vier Jahrzehnten wurde er an die Technische Schule der Luftwaffe 3 (TSLw 3) nach Faßberg geschickt. Dort wohnt er heute noch mit seiner Ehefrau Inge in einem Reihenhaus.

In seiner aktiven Zeit als Leichtathlet war er Sprinter und Springer. „Einhundert Meter in 11,2 Sekunden, 6,86 Meter im Weitsprung und 14 Meter im Dreisprung“, zählt er seine persönliche Bestzeiten auf. Vor nunmehr 15 Jahren kaufte sich Krahe ein Fahrrad und fand damit seinen Sport, dem er fortan treu geblieben ist.

Der große Umbruch kam Ende 2004, als bei ihm Krebs diagnostiziert wurde, und zwar Nasenkrebs, eine seltene Form dieser tückischen Krankheit. Die folgenden zwei Jahre waren ein einziger Kampf, stellt Jürgen Krahe im Nachhinein fest. Er wurde insgesamt sechs Mal im Hamburger Klinikum Nord operiert.

Anschließen kam er zur Chemotherapie und Bestrahlung an das Allgemeine Krankenhaus Celle. Die Bestrahlung musste mit höchster Dosis durchgeführt werden. „Da ging's mir ganz schlecht“, erinnert sich Krahe. Er verlor weitgehend seinen Geruchs- und Geschmackssinn und behielt noch andere Behinderungen. Immerhin – der Krebs wurde besiegt.

Das Leiden war jedoch noch nicht zu Ende. Nach der letzten Bestrahlung am 5. Januar 2006 – dieses Datum vergisst Jürgen Krahe nicht – konnte er vier Monate lang nur im Sitzen schlafen. Erst im Mai des Jahres wurde es besser und er begann, schon mal ans Fahrradfahren zu denken. Also holte er sein Rad heraus und begann vorsichtig zu radeln.

Die letzten Jahre hatten

viel Kraft gekostet

Schlapp fühlte er sich, die letzten beiden Jahre hatten zu viel Kraft gekostet. Dennoch keimte bald in ihm ein großer Wunsch auf. Er wollte noch einmal auf den Mont Ventoux! Freunde, die davon hörten, sagten ihm unverblümt die Meinung: „Du bist verrückt!“. Wenn Jürgen Krahe diese Meinung heute zitiert, dann schwingt in seiner Stimme deutlich das Verstehen mit. Seine Ehefrau allerdings sagt in der Rückschau nur: „Ich hab ihn gelassen“.

Seiner momentanen Schwäche bewusst, stellte Jürgen Krahe einen Trainingsplan für sich auf. Schließlich war er ja vom Fach. In der Verfolgung dieser Planungen legte er dann gut 3400 Kilometer im Fahrradsattel zurück. Schließlich war es soweit: die Krahes packten den Wohnwagen, verstauten das Rad und fuhren nach Frankreich.

Als erstes Quartier wählten sie den Ort L'Isle-sur-la-Sourge, etwa 25 Kilometer ostwärts von Avignon. Weil die Südheide ja stets flaches Gelände bietet, begann Jürgen Krahe in der Umgebung dieses Ortes mit dem Bergtraining. Vier Wochen später fühlte sich er sich fit und sagte zu seiner Frau: „Inge, es ist soweit!“.

Daraufhin sind sie nach Soult am Fuße des Mont Ventoux gefahren, haben das Rad ausgeladen und los ging es. „Ich bin Punkt 10 Uhr gestartet“, sagt Krahe. Die ersten 20 Kilometer ist die Steigung recht moderat, zumindest für Radsportler. Sie beträgt drei bis vier Prozent. Der Himmel war wolkenfrei und die Temperatur mit rund 25 Grad sehr angenehm. Hingegen verlangte der ständige Wind das Äußerste an Anstrengungen. Er blies besonders auf den letzten Kilometern so heftig, dass der Faßberger Radsportler drei- bis viermal absteigen musste.

Eigentlich wollte ich nicht runter vom Rad“, berichtet Krahe, „aber es ging nicht anders. Sonst hätte mich die eine oder andere Bö umgeworfen.“ Knochenbrüche wollte er nun nicht riskieren. Schließlich hatte er die Spitze des Berges erreicht. „Da war ich fix und fertig wie noch nie in meinem Leben“, bekennt Krahe. Dennoch stellte er zufrieden fest, dass er lediglich 30 Minuten länger gebraucht hatte als vor sieben Jahren.

Abwärts ging es dann natürlich leichter. Nur einmal noch hielt er kurz an. Das war am Denkmal für Tom Simpson, der an dieser Stelle am 13. Juli 1967 bei der Tour des France gestorben war. Ein Granitblock neben der Passstraße erinnert an den Tod des englischen Radrennfahrers. Er zählte in jenem Jahr zu den Tour-Favoriten, weshalb sein überraschender Tod große Aufmerksamkeit erregte. Simpson hatte, wie die Ärzte feststellten, eine große Menge Amphetamine eingenommen – ein erstes prominentes Opfer des Dopings. Dass dieses Thema bald nach seiner Fahrt wiederum die Medien beherrschen würde, konnte Jürgen Krahe nicht ahnen, während er frohgemut zurückrollte.

Heute radelt Jürgen Krahe immer noch, aber entspannt und „nur so durch die Gegend“, wie er sagt. Der Mont Ventoux war sein Berg, an dem er einen großen Sieg errungen hat.

„Sich selbst erfahren bei der Überschreitung eigener Grenzen“ hat er im Fotoalbum neben das Bild geschrieben, das ihn auf der Passhöhe zeigt. Irgendein anderer Radfahrer hat es aufgenommen, sicher kaum ahnend, dass vor ihm ein Mann steht, der nicht nur die tückische Krankheit, sondern mit der Fahrt sich selbst besiegt hatte. Die Geschichte schließt mit einer kleinen, netten Pointe. Vor Jahren hatten sich die Krahes einen Kaktus vom Fuß des Mont Ventoux mitgebracht. Es ist ein Cereus, und wie alle seiner Art von kräftigem Wuchs.

Als das Ehepaar in diesem Jahr nach beendeter Fahrradtour in ihr Faßberger Heim zurückkehrte, stellte es fest, dass der Kaktus zum ersten Male blühte. Es hat den Anschein, als wenn sogar die Natur sich über Jürgen Krahes Sieg am Mont Ventoux freut.

Von Udo Genth