Shorty auf dem Leidensweg

Nach Afghanistan war alles anders

Marcus Scheferling aus Nienhagen spielte Volleyball in der Bundesliga. Nach einem Bundeswehreinsatz leidet er unter PTBS. Ein Blick zurück - und nach vorne.

  • Von Jürgen Poestges
  • 09. Mar 2021 | 14:47 Uhr
  • 12. Jun 2022
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  • 09. Mar 2021 | 14:47 Uhr
  • 12. Jun 2022
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Nienhagen.

Ein Tag im Jahr 2014 änderte das Leben von Marcus Scheferling von Grund auf. In der Sporthalle in Garßen war er zum Punktspiel im Tischtennis. Da auch einige andere Mannschaften spielten, war die Halle voll. „Plötzlich rief jemand, dass man dringend Hilfe brauche, weil ein älterer Mann plötzlich umgefallen sei“, erinnert sich der heute 46-Jährige, der jetzt in Nienhagen lebt. „Und da haben bei mir die Automatismen eingesetzt“, sagt er. Denn er war Sanitäter bei der Bundeswehr, hat dort auch ausgebildet. „Also bin ich sofort hin und habe mit dem Beatmen angefangen.“ Unterstützt wurde er dabei von einer jungen Frau, die gerade für den Führerschein den Erste-Hilfe-Kurs absolviert hatte. „Das war reines Glück“, sagt Scheferling. Auf jeden Fall aber konnten sie den Mann so lange stabilisieren, bis der Rettungswagen die Halle erreicht hatte.

Marcus Scheferling leidet nach Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan unter PTBS

Was ihm da allerdings noch nicht so bewusst geworden ist: „Da wurde eine Schublade in meinem Kopf geöffnet. Ich konnte nicht mehr schlafen, und wenn, dann hatte ich Albträume.“ Was er sich am Anfang nicht erklären konnte und „was man ja auch selber nie von sich selber erwartet“, bestätigte dann ein Arzt. Marcus Scheferling leidet unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

Selbstmordanschlag auf einen Bundeswehrbus in Kabul

Der Hintergrund: Scheferling war am 7. Juni 2003 als einer der Ersten am Ort eines Selbstmordanschlags auf einen Bundeswehrbus in Kabul in Afghanistan. Er war vom 27. Januar bis 30. August in jenem Jahr dort stationiert. „Ich stand mit einigen Kollegen nur eine Straßenecke weiter. Wir hörten einen lauten Knall und wussten sofort, dass da etwas Schlimmes passiert sein musste.“ Als sie dort ankamen, fanden sie ein Bild des Grauens vor. „Ein Taxi mit einem Sprengsatz war mitten in den Bus hineingefahren. Überall Verletzte, Schreie und viel Blut.“ In diesem Moment haben er und seine Kollegen allerdings nicht viel gedacht. „Wir haben automatisch reagiert und geholfen, wo es ging.“

Erlebnis in Celle zunächst einmal verdrängt

Als er dann wieder in der Heimat war, hat er dieses Erlebnis erst einmal verdrängt. Bis eben zu diesem verhängnisvollen Tag in der Garßener Sporthalle. „Ich konnte nicht mehr arbeiten, mich verfolgten nur noch diese Bilder.“ Das Fatale an der Geschichte: Eigentlich sollte er zu dieser Zeit schon wieder zu Hause sein. „Aber der Rücktransport hatte sich verzögert, weil das Sanitätspersonal noch nicht nachgereist war.“

Vom Fußballer zum Volleyball

Dabei hat sein Leben bis dahin einen eher positiven Verlauf genommen. Vor allen Dingen im sportlichen Bereich hat er einige Erfolge vorzuweisen. Gestartet hat er seine Karriere als Jugendfußballer beim SSV Südwinsen. „Wir haben da an der Endrunde der Niedersachsenmeisterschaft teilgenommen, gehörten also zu den vier besten Temas des Landes. Das hatten wir vor allen Dingen einem gewissen Roy Nischkowski zu verdanken. Er hat in jedem Spiel Tore am Fließband geschossen“, erzählt Scheferling lachend. Nischkowski zog es dann später zum Bundesligisten Bayer Leverkusen.

Als Fußballer ziemlich ungeeignet

Scheferling selber wechselte dann allerdings schnell die Sportart. „Ich war mit 13 Jahren schon 2,04 Meter groß. Da bist du als Fußballer ziemlich ungeeignet. Selbst als Torwart wollte mich keiner haben.“ So kam er 1987 über die Volleyball-AG in der Schule zum TuS Oldau-Ovelgönne. „Mit der B-Jugend sind wir da bei den Deutschen Meisterschaften Zwölfter geworden. Mit der A-Jugend war ich auch noch mal bei den Titelkämpfen, da sprang dann Platz 16 heraus.“

Mit 16 Jahren ins Sportinternat

Da dauerte es nicht lange, bis mit Sinisa Bakarec ein ehemaliger Weltklassespieler und Trainer auf ihn aufmerksam wurde. „Er hat mich angesprochen und gefragt, ob ich nicht mal professioneller Volleyball spielen möchte, und hat mich zum Internat nach Hoechst bei Frankfurt vermittelt.“ Da war Scheferling 16 Jahre alt.

Größe bringt Spitzname "Shorty" ein

In Hoechst wurde er dann wirklich richtig auf den Leistungssport vorbereitet. „Wir hatten morgens Schule, am Nachmittag Training. Und an den Tagen, an denen der Unterricht später angefangen hat, standen wir schon davor zwei Stunden in der Halle.“ Inzwischen war er stolze 2,08 Meter groß, was ihm bei den Mannschaftskameraden den Spitznamen „Shorty“ einbrachte.

Tolle Mannschaft und hohes Ansehen

Sein Weg führte ihn schließlich zu FT Adler Kiel in die 2. Volleyball-Bundesliga. „Das war meine schönste Zeit. Wir hatten da eine tolle Mannschaft und auch in der Stadt ein hohes Ansehen“, erinnert er sich. „Da wir alle ziemliche Hünen waren, haben uns die Leute schon von Weitem erkannt, wenn wir zum Beispiel auf der Kieler Woche herumgelaufen sind.“ In Kiel spielte er unter anderem mit den späteren Bronzemedaillen-Gewinnern der Olympischen Spiele 2000 in Sydney, Jörg Ahmann und Axel Hager, zusammen.

Weltmeisterschaft war intensives Ergebnis

2001 nahm er mit der Bundeswehr-Nationalmannschaft an den Weltmeisterschaften in Italien teil, das Team landete am Ende auf dem vierten Rang. „Okay, eine Medaille haben wir knapp verpasst. Aber es war wirklich ein sehr intensives Erlebnis.“ Ausgeklungen ist seine sportliche Volleyball-Karriere beim MTV Celle in der Regionalliga. „Da stand dann irgendwann Wolfgang Wagner vor meiner Tür und hat gefragt, ob ich nicht zum MTV kommen wollte.“ Letztlich ist er dann beim Tischtennis im TTC Fanfarenzug Garßen gelandet. „Da spiele ich auch heute noch.“

Zwölft Jahre bei der Marine im Sanitätsdienst

1995 meldete er sich zur Bundeswehr. Für zwölf Jahre war er bei der Marine im Sanitätsdienst. In diese Zeit fiel auch der Einsatz in Afghanistan. Nach seiner Rückkehr besuchte er die Bundeswehrfachschule in Hannover und absolvierte sein Fachabitur in Sozialpädagogik. Nach einer sechsjährigen Tätigkeit als Versicherungskaufmann in Braunschweig trat dann sein PTBS offen zutage. „Ich konnte nicht mehr vernünftig arbeiten“, sagt er. „Wenn ich in eine Wohnung kam, in der es ein wenig intensiver roch, war ich nicht mehr in der Lage, vernünftig zu denken.“

„Ich würde gerne arbeiten“

Seit 2015 befindet er sich in der beruflichen und medizinischen Rehabilitation und der beruflichen Integration. Er erhielt einen Ausweis für 60-prozentige Behinderung. „Und das ist das Problem“, sagt er. „Ich würde ja wirklich gerne wieder arbeiten, es gibt auch genug Dinge, die ich problemlos machen könnte.“ Aber wenn die Arbeitgeber dann den Behindertenausweis sehen würden, würden sie alle denken, er sei nicht belastbar. „Das bezieht sich aber nur auf bestimmte Bereiche.“

Lebenslauf

14. November 1974

Geburt in Celle

1991 bis 1992

Volleyball-Internat Hoechst (Frankfurt/Main)

1995 bis 2007

Marinesoldat im Sanitätsdienst

7. Juni 2003

Vier Bundeswehrsoldaten werden bei einem Selbstmordanschlag auf einen Bundeswehrbus in Kabul getötet. Scheferling war als einer der Ersten am Anschlagsort.

2007

Fachabitur in Sozialpädagogik an der Bundeswehrfachschule Hannover.

1009 bis 2015

Versicherungskaufmann in Braunschweig

2015 bis heute

Medizinische und berufliche Rehabilitation und berufliche Integration