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Typen Malocher und Sänger
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14:21 13.06.2010
CELLER TYPEN: Kalli Struck
CELLER TYPEN: Kalli Struck Quelle: Peter Müller
Hambühren

HAMBÜHREN. Das Bild erscheint stimmig: Das geräumige Büro mit seinem schweren Schreibtisch, die zahlreichen Zertifikate an der Wand und das großzügige Fenster, das den Blick auf den weiten Recycling-Hof freigibt. Und dann noch dieser Satz von Firmenchef Karl Struck: „Ich bin mit jeder Verpflichtung gewachsen.“ Klingt nach langweiliger Mittelstandskarriere, die mit einer Oberklassenlimousine ge-krönt wurde – mitnichten: Denn so solide und geradlinig, wie die auf dem Hof liegenden Eisenträger verlief Strucks Leben nicht immer. Im Gegenteil. Die Vita von „Kalli“, wie Struck von den Meisten genannt wird, ähnelt eher einem Dachbodenfund: Bunt und voller Überraschungen, aber auch durchsetzt mit einigen Altlasten.

Kalli, der Malocher

Der Mann, der heute in Hambühren mit seiner Frau Dorit und seinen drei Söhnen einem erfolgreichen Recycling-Unternehmen mit über 20 Angestellten vorsteht, unternimmt gar nicht erst den häufig zu beobachtenden Versuch, seine Herkunft angesichts wirtschaftlichen Wohlstands zu verschleiern. Der eng anliegende Pullover und der unübersehbare Goldschmuck signalisieren: Struck legt auch mit seinen 62 Jahren Wert auf Körperlichkeit. Kalli, der Malocher: Hilfsarbeiter in einer Celler Spiegelfabrik, Mitarbeiter in einer Abbruchfirma und einer Maurerkolonne, schließlich Schrotthändler. „Ich war immer ein guter Arbeiter“, betont Kalli mit einem gewissen Stolz: „Ich war schnell, hatte Kraft und habe richtig reingehauen.“ Als jüngstes von neun Geschwistern wuchs Struck in Celle auf. „Es war ein raues Elternhaus“, erinnert er sich. Zwei seiner Brüder fielen im Krieg, Strucks Vater überlebte und kehrte deprimiert nach Hause zurück. „Fürsorge und Fördern wurden bei uns nicht gerade großgeschrieben“, erklärt Struck, dessen Eltern folglich auch nicht viel gegen die abgebrochene Sonderschulkarriere ihres Sohnes unternahmen.

„Ich wollte immer ein Guter werden.“

Die Erfahrungen aus jüngster Kindheit haben Struck intensiv geprägt und sich fortan wie ein Treibsatz auf sein Leben ausgewirkt: „Ich wollte immer ein Guter werden, und ich wollte beweisen, dass ich auch ohne Schulbildung was erreichen kann.“ Ohne Zeugnis und ohne die Fähigkeit lesen und schreiben zu können, fand Struck keine Lehrstelle. Stattdessen fuhr er zunächst mit dem Vater „Schrotten“ und begann mit 14 Jahren als Hilfsarbeiter in einer Spiegelfabrik am Maschplatz. 50 Pfennig betrug der Stundenlohn, der binnen kurzer Zeit um fünf Pfennig erhöht wurde, weil Kalli sich als engagierter Mitarbeiter bewies. Ohne „anerzogene Schläue“ wie er sagt, musste er sich auf andere Fähigkeiten verlassen. Fleiß, Arbeitskraft und „logisches Denken“.

Fähigkeiten, die ihn in der Abbruchfirma „Blötz“ schnell zu einem der besten Arbeiter werden ließen. Und die nebenbei einen Charakterzug in ihm ausprägten, der auf den ersten Blick so gar nicht zu dem energiegeladenen Arbeitstier passen will – Kalli, der Soziale. Bei der ersten größeren Lohnerhöhung ging Kalli zum Chef: „Entweder alle bekommen mehr Geld oder keiner.“ Was nach altmodischer Arbeiterromantik klingt, war Struck ernst und ist es bis heute geblieben. Schwache zu schützen und als erfolgreicher Unternehmer Armen zu helfen, ist für Struck kein Lippenbekenntnis, sondern innere Mission. „Wenn ich einmal mehr als eine Million besitzen sollte, würde ich es verschenken“, habe er sich schon früh gedacht.

Soziales Engagement vom Familientier

Großzügige Geschenke hat Kalli bereits zahllose verteilt, vor allem an soziale Einrichtungen. Vergangene Weihnachten erhielt etwa die Hospiz-Bewegung in Wietzenbruch 11000 Euro von Struck. „Es gehört so viel dazu, in einer solchen Einrichtung zu arbeiten“, begründet er seine Spende.

Auch für Kinder in der Dritten Welt setzt sich Struck seit mehr als 20 Jahren ein und übernimmt regelmäßig Patenschaften. Für ihn zählten eben Werte wie Verlässlichkeit und Treue – vor allem im engsten Familienkreis: Kalli, das Familientier. Seine Mutter überließ ihm in späteren Jahren das Geld ihrer Witwenrente, damit er sich ein Eigenheim leisten könnte. Kalli baute ein Haus samt Einliegerwohnung, damit seine Mutter später nicht allein leben müsste. Bereits im Alter von 16 lernte er seine zwei Jahre jüngere Frau Dorit im Lokal „Zum Sportfreund“ kennen.

„Kalli, du bist wahnsinnig.“

Aus der jugendlichen Affaire wurde schnell Ernst: Dorit, von Kalli seit jeher „Pushinka“ – „Liebes“ genannt, wurde mit 15 Jahren schwanger. Kalli heiratete im Alter von 21 Jahren und hat heute vier Kinder mit Ehefrau Dorit. „Wir sind niemals auseinander gegangen“, sagt Kalli. Selbst dann nicht, als er „schwach wurde“, wie er freimütig zugibt. Zwei Mädchen entstanden infolge eines Seitensprungs, um den Kalli keinen Hehl machte. „Ich habe immer zu meinen Fehlern gestanden, deswegen hat Dorit auch zu mir gestanden.“

„Kalli, du bist wahnsinnig“, hätten Freunde einmal zu ihm gesagt und damit wahrscheinlich nicht nur seine Großzügigkeit gemeint: Kürzlich hat Karl Struck, der es ohne Schulbildung vom einfachen Schrotthändler zum erfolgreichen Recycling-Unternehmer schaffte, eine CD mit einem kleinen Büchlein rausgebracht. „Es ist die Musik, die uns alle verbindet“, lautet ihr Titel. Ihre Lieder beinhalten das, was Kallis Leben bisher ausgemacht hat: Bewegende Erlebnisse, eine Vielzahl von Anekdoten, und eine große Prise Tiefgang. Dass jeweils ein Euro des Verkauferlöses dem Norddeutschen Knochenmark- und Stammzellenregister zugute kommt, kann kaum noch verwundern angesichts eines Mannes, der über sich selber sagt: „Ich muss geben, dann bin ich glücklich.“

Von Eike Frenzel