Malerin und Tänzerin

Für Esperanza Ungerer ist Kunst Lebenselixier

Das Schicksal verschlägt die Malerin und Tänzerin Esperanza Ungerer von Barcelona nach Celle und Saudi-Arabien.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 13. Okt. 2021 | 12:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
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  • 13. Okt. 2021 | 12:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Celle.

Pablo Picasso sagte einst: „Alle Kinder sind Künstler. Das Problem ist, ein Künstler zu bleiben, wenn man erwachsen ist“. Es scheint, als hätte Esperanza Ungerer die Weisheit ihres großen spanischen Landsmanns mit Leben gefüllt. 1940 geboren und aufgewachsen in Barcelona, begeisterte die heutige Malerin schon als ganz junges Mädchen Verwandte und Freunde mit ihrer natürlichen Tanzkunst. Ganz unbelastet von aller Theorie hatte sie aber immer ihr leuchtendes Vorbild vor Augen – Lola Flores. Die Tänzerin und Sängerin war in den 40er und 50er Jahren in Spanien ein Mega-Star, und ihr leidenschaftlicher Flamenco-Tanz hatte es dem Mädchen besonders angetan. Esperanza – Hoffnung, ihre Großmutter setzte sich bei der Namensgebung energisch durch, womöglich vorausahnend, dass die Hoffnung im künftigen Leben ihrer Enkelin eine wichtige Rolle spielen würde.

Bis zu ihrer Auswanderung nach Deutschland im Alter von 26 Jahren hatte sie nur die Diktatur unter Franco kennengelernt. Die Autonomie-Bestrebungen ihrer katalanischen Landsleute wurden brutal unterdrückt, es war sogar verboten, die katalanische Sprache zu sprechen. Esperanza lernte von früh auf, dass es überlebenswichtig war, sich politisch nicht zu äußern, um nicht in den Verdacht des Separatismus zu geraten. Die katalanische Sprache wurde in ihrer Familie und deren Freunden aber weiterhin gepflegt, wenn auch nur in den eigenen vier Wänden. Das intensive Gefühl, zu vertrauen und sich blind aufeinander verlassen zu können, stärkte die Solidarität und den Zusammenhalt der Katalanen in Barcelona.

In dem sehr katholisch geprägten Land musste sie schon sehr früh die hässliche Seite der Religion kennenlernen. Die Grundschule, die sie besuchte, wurde von Nonnen geleitet. An ihrem ersten Schultag versuchte ein Junge, ihren Stift zu stehlen, und als energische Antwort biss sie ihm dafür in die Hand. Die Nonne, die das sah, bestrafte sie daraufhin drakonisch. „Ich musste vor die Klasse treten und die Lehrerin schlug mir mit dem Lineal immer wieder auf den Mund. Dabei forderte sie meine Mitschüler auf, mich zu beschimpfen und zu verspotten. Ich kann mich noch heute daran erinnern, als wäre es gestern geschehen“, erzählt die 81-Jährige. Aber ihren offenen und den Menschen zugewandten Charakter konnten Schläge nicht brechen. Die Liebe und das Vertrauen, die ihr in der Familie entgegengebracht wurden, waren für sie der Fels in der Brandung.

Zweimal die große Liebe getroffen

Die starke Verbindung zur Natur wurde ihr in die Wiege gelegt und ist bis heute nicht schwächer geworden. Man spürt förmlich ihre Leidenschaft, wenn sie von der traumhaften Aussicht vom Montserrat oder den unbeschwerten Stunden am Strand der Costa Brava erzählt, und es verwundert nicht, dass die Natur und Tierwelt in ihren Gemälden eine zentrale Rolle spielen. Als junges Mädchen waren Pinsel und die Staffelei aber noch nicht die Mittel, um sich künstlerisch auszudrücken. Das waren neben dem Tanz zunächst Stoffe, Nadel und Faden, die sie in der Ausbildung zur Schneiderin erst kennen und dann lieben gelernt hat. „Wenn ich Sachen gemacht habe, dann immer mit ganzer Seele. Heute würde ich meine Arbeit als Schneiderin auch als Kunstform betrachten“, sagt die Malerin.

Bei der Entscheidung, ihre malerische Heimat zu verlassen, führte erst der Zufall und dann die Liebe die entscheidende Regie. In Barcelona lernte sie zwei Kriegerwitwen aus Deutschland kennen, und es entwickelte sich eine echte Freundschaft. Als eine der Frauen einmal in Begleitung ihres Sohns zu Besuch kam, war dieses der Beginn eines Versprechens von zwei Liebenden, künftig gemeinsam durchs Leben zu gehen. Nach einer romantischen Hochzeit in Barcelona beschloss Esperanza, mit ihrem Ehemann nach Celle zu ziehen. Doch das Schicksal schlug bald unbarmherzig zu: Nur fünf Monate später starb er bei einem Verkehrsunfall. Es folgte eine schwere Zeit der Trauer und der Einsamkeit, und ihr Entschluss, wieder zurück nach Spanien zu gehen, stand eigentlich schon fest. Aber das Schicksal hatte schon wieder andere Pläne für sie geschmiedet. Praktisch schon auf gepackten Koffern sitzend, ließ sie sich von ihrer Freundin überreden, mit auf eine Feier zu gehen. Dort lernte sie die zweite große Liebe ihres Lebens kennen, und ein ganz neuer Lebensabschnitt begann. Sie gebar einen Sohn und eine Tochter, und zusammen stürzte sich die Familie in ein Abenteuer namens Saudi-Arabien. Ihr Ehemann erhielt als Oberpolier ein lukratives Angebot, bei einem Bauprojekt in dem in den 70er Jahren prosperierenden Öl-Staat mitzuwirken. Sie lebten dort in einem für die ausländischen Arbeiter errichteten internationalen Camp in der Nähe des Roten Meers.

Faszination für das Rote Meer

Noch heute ist ihr die Faszination für diese einzigartige Landschaft anzumerken, deren Eindrücke sie zu ihren ersten Bildern inspiriert haben: „Ich habe die glasklare Wasserwelt im Roten Meer deutlich vor Augen, mit ihren Korallen und exotischen Fischen, die ich beim Tauchen beobachten konnte“, erzählt die Künstlerin über die Inspiration für ihre Bilder. Ihre Leidenschaft für das Tanzen erweiterte sie dort noch um den heimischen Bauchtanz.

So kehrte sie nach sechs Jahren mit unzähligen Eindrücken und den ersten Versuchen der Malerei im Gepäck nach Deutschland zurück. Es bedurfte aber wieder einmal der Hilfe des Zufalls, dass daraus ihre große Leidenschaft werden sollte. Eigentlich begleitete sie nur ihre Tochter, die den Wunsch hatte, malen zu lernen. Ihre Lehrerin wurde die legendäre Fotografin und Malerin Marta Astfalck-Vietz, die auch Esperanza dazu aufforderte, eine Kostprobe ihrer Malerei abzugeben. Die Begeisterung der bekannten Künstlerin war dann so ansteckend, dass es der Startschuss für ihre Karriere als Malerin wurde. Dabei hat sie auch die Liebe für die Fotografie entdeckt, und ihre Fotos liefern die Motive für die Gemälde.

Ihre Vorgehensweise ist dabei aber nicht das Abmalen der Fotografien. „Ich benutze die Fotos zur Inspiration. Ich schließe die Augen und versenke mich meditativ in meine ganz eigenen Bilderwelten, die ich dann auf der Leinwand umsetze“, erklärt die Künstlerin. Ihre Bilder muten dabei wie ein Hohe-Lied auf die Wunder der Schöpfung an. Ob Tiere, Landschaften oder sogar die Architektur, alles scheint durchdrungen von einer einzigartigen Harmonie und Wärme – Eigenschaften, die man auch unwillkürlich mit der ganz besonderen Ausstrahlung von Esperanza Ungerer in Verbindung bringt. Ihr Hund Maksio scheint zustimmend zu nicken, auch wenn sie ihn erst Weihnachten aus dem Tierheim zu sich genommen hat und er vor allem Polnisch spricht.

Von Georg Wießner

lebenslauf

1940

Geboren in Barcelona, zwei Mal verwitwet, zwei Kinder, fünf Enkelkinder

1954 bis 1957

Schneiderlehre und kaufmännische Ausbildung

1966

Auswanderung nach Deutschland, Arbeit als Schneiderin in Clausthal-Zellerfeld

1967

Kundenberaterin beim Schuhhaus Warner in Celle

1976 bis 1982

Aufenthalt in Saudi-Arabien

1985 bis 2001

Dozentin für Tanz und Spanisch an der VHS Celle

Von