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13:33 13.06.2010
Jugendleiter Heinrich Wiljes von der Turnerschaft Wienhausen
Jugendleiter Heinrich Wiljes von der Turnerschaft Wienhausen Quelle: Peter Müller
Wienhausen

Wie hat eine Wienhäuser Fußball-Jugendmannschaft zuletzt bei einem Punktspiel abgeschnitten? Heinrich Wiljes zuckt bei dieser Frage nicht einmal zusammen in seinem Sessel. Er muss nicht lange überlegen, schließlich stand er selber am Spielfeldrand, wie immer: „Das war vor den Herbstferien, wir haben gewonnen.“ – „Wir“ , das sind sechs- bis achtjährige F-Jugendspieler der Turnerschaft (TS) Wienhausen und der 85-jährige Wiljes.

Tränen getrocknet oder

mal „dazwischen hauen“

Wer als Knirps in dem Klosterdorf hinter den Fußball treten will, kommt an Jugendbetreuer Wiljes, nicht vorbei. Der vitale Rentner lebt TS Wienhausen, seit 61 Jahren. Generationen von Nachwuchs-Kickern hat er mit dem Auto quer durch den Landkreis Celle und überall in Niedersachsen zu Punktspielen, Hallentrainings, Turnieren oder Freizeiten gefahren. Er hat Endlosschleifen von Penälerwitzen über sich ergehen lassen müssen, unzähligen Spielern die Schuhe zugebunden, vom kindlichen Ehrgeiz ausgelöste Tränen der Niederlage oder des Frusts getrocknet und einfach mal „dazwischen gehauen“, wenn es mit den Teenagern durchging oder sie während eines Punktspiels gelangweilt über den Platz trabten. Wiljes selbst bezeichnet sich als „Antreiber“, der stets da eingesprungen sei, wo er gebraucht worden wäre.

Etwa 1947, als die TS Wienhausen neu gegründet wurde. Der 24-jährige Wiljes fungierte als Leiter der Sparten Handball und Tischtennis, mehr Vereinssport-Angebote gab es in der Nachkriesgzeit ohnehin nicht in Wienhausen. Jeden Sonntag trainierte die Tischtennisriege auf dem Saal der Gaststätte „Mühlengrund“, Wiljes war immer dabei – ein Leben für den Sport? Ja. Ein sportliches Leben? Nur kurzfristig. Es ist die große Tragik in Wiljes Biographie, dass er, der als junger Mann aktiv und beweglich war, seiner Leidenschaft lediglich bis zum 20. Lebensjahr nachgehen konnte.

Es war ein heißer Morgen im Juni 1943, die Luft flimmerte über dem staubigen Flugfeld von Trapani im Westen Siziliens. Wiljes verrichtete seinen Dienst als Flugzeugmechaniker der Deutschen Luftwaffe an einer JU-52. Transportflüge nach Tunis, wo das Deutsche Afrikakorps lag, standen wieder bevor.

Schluss mit Tanzen,

Schluss mit Fußball

Sie kamen zu mehreren: Amerikanische Jagdflugzeuge griffen den Militärflugplatz im Tiefflug an. Konfusion, alle rannten, den Gefreiten Wiljes erwischten die Bordgeschütze am rechten Bein, zertrümmerten das Knie und damit jegliche Gedanken an ein sportliches Leben. Die langen Narben an Wiljes` Knie und Oberschenkel, die seitdem an den Beschuss mit Phosphor angereicherter Munition erinnern, und die unter der kurzen Sporthose im Sommer immer zu sehen sind, wirken wie lauter Schlussstriche: Schluss mit Weitsprung, Schluss mit Tanzen, Schluss mit Fußball. – Sie erklären freilich auch, was sich an die Zeit beim Militär anschloss. Ein Leben geprägt von Disziplin, ein Sich-behaupten-wollen. Noch im Münchener Militärlarzarett hätte eine Bekannte beim Anblick des verletzten Wiljes geraunt: „Der sieht Wienhausen nicht wieder.“ Wiljes selber hatte an seiner Rückkehr nie gezweifelt: „Wienhäuser sind zäh“, witzeld er.

Trotz Gehstock wurde Wiljes noch während des Krieges wieder in seinem erlernten beruf Installateur tätig und arbeitete bei der Firma Elwerath in Nienhagen, überlebte zwei Bombenangriffe bis zum Kriegsende. 1946 fing er bei der Firma AME-Heizung an und arbeitete beim Bau der Celler NAAFI mit. Fleiß, gepaart mit der Haltung, sich für Nichts zu Schade zu sein, hätten Wiljes Respekt bei seinen Arbeitsgebern eingebracht. Und für ein guten Verdienst gesorgt: „450 DM haben die Menschen im Duchschnitt verdient, ich habe es auf 850 DM im Monat gebracht.“

Anrantzer quer über

den Platz

„Der ist fexibel“ hätte es schließlich über Wiljes geheißen, der wieder für Elwerath, mal auf Montage, mal in der Werkstatt oder in der technischen Überwachung gearbeitet hat.

Zu spüren bekommen Wiljes` Disziplindenken später auch Fußballer des TS Wienhausen. Wer zu lange, zu heiß und dabei noch „Quatsch machend“ duschte, dem hätte der omnipräsente Betreuer, Organisator und Jugendleiter schon mal heimlich das Warmwasser abgestellt. Als kalte Duche empfanden manche Spieler wohl auch Wiljes` ständige und wortgewaltige Präsenz am Spielfeldrand: Antreiben wollte er seine Jungs – unruhig, elektrisiert zog er humpelnd seine Bahnen während einer Begegnung am Seitenaus, auf Ballhöhe sooft es ging. Wer jemals unter ihm gespielt hat, weiß: Auch in der 90. Minute beim Stand vom 5:0 hätte es noch einen Anranzer quer über den Platz geben können. Wenn die Spieler angesichts des Sieges lässig wurden oder wenn sie anfingen zu „fummeln“ und keinen Blick mehr für die Mitspieler hatten. „Ich war immer laut“, gibt Wiljes zu. „Aber nur, weil ich wusste, was sie konnten.“ Heute, mit 85 Jahren, rede er den Trainern nicht mehr rein. Es geht auch leise. „Wenn ihr gewinnt, bekommt ihr eine Cola“, stachelt er den Ehrgeiz der Kleinen an. Ein Zeichen von Altersmilde? „Ich organisiere oder kümmere mich um Sponsoren“, beschreibt Wiljes sein ungebrochenes Engagement für die TS Wienhausen. – Ein Engagement, über das er nicht viele Worte verliert, das ihm dennoch auf verschiedene Weise gedankt worden ist.

„Da spielen,

wo man mich braucht.“

1998 erhielt er das Bundesverdienstkreuz für den Einsatz um „seinen“ Sportverein. 2008 verlieh ihm die Gemeinde Wienhausen aus dem gleichen Grund den Titel „Ehrenbürger.“ Und was kommt irgendwann nach der Ära Wiljes – „Abwarten“ sagt dieser trocken. Auch wenn er nicht mehr die ganz weiten Fahrten zu Spielen mit dem Auto begleiten möchte, bleibt er doch der Position treu, die er auch gern als Fußballer eingenommen hätte: „Ich würde da spielen, wo man mich gebraucht hätte.“

NFV-Kreis-Jugendobmann Eckart Borges aus Nindorf kennt Heinrich Wiljes schon seit seiner Kindheit: „Mein erster Kontakt mit Herrn Wiljes liegt schon rund 40 Jahre zurück. Das war auf einem Zeltlager in Eckernförde, wo ich als Jugendlicher teilgenommen habe. Herr Wiljes und seine Frau hatten die Organisation übernommen. Es war eine wunderbare Zeit. Ich schätze die ehrliche und verlässliche Art von Herrn Wiljes sehr. Ohne ihn und seine hervorragende Arbeit wäre der Fußball ihn Wienhausen in seiner heutigen Form nicht denkbar. Es ist einfach unglaublich, was er leistet und geleistet hat.“

Früher Fußballspieler, heute Schiedsrichter: Der 18-jährige Mario Bernhardt aus Bockelskamp spielte bei TS Wienhausen von der F-Jugend bis zur A-Jugend, stets unter der Betreuung von Heinrich Wiljes – und wurde durch ihn schließlich Referee: „Nachdem mich Heinrich Wiljes gefragt hatte, ob ich nicht Schiedrichter werden wollte, habe ich meinen Schiri-Schein gemacht. Ich stehe oft in Kontakt mit ihm. Er setzt sich immer besonders für den Verein ein, ist emotional 100-prozentig dabei und fiebert immer mit. Sein Name ist einfach eng verbunden mit der TS Wienhausen.“

Sylke Heitmanns Söhne Jannik und Timo kickten beide auch unter der Ägide von Heinrich Wiljes bei der TS Wienhausen. Besonders Wiljes` Engagement für die Jugendlichen Fußballer hat Sylke Heitmann beeindruckt: „Er ist immer für alle ansprechbar und setzt sich ein, das ist wirklich bemerkenswert. Er kümmert sich um die Weihnachtsfeier genauso wie um die Abschlussfeier. In diesem Sommer hat er sogar Geld, das er zu seinem 85. Geburtstag bekommen hat, eingesetzt, damit die Jugendlichen aus dem Verein gemeinsam eine Fahrt in den Heidepark unternehmen konnten.“

Wienhausens Bürgermeister Karl-Heinz Pickel erinnert sich an die gemeinsame Zeit mit Heinrich Wiljes und an die Verleihung des Ehrenbürgerrechts: „Als Jugendlicher habe ich von Heinrich Wiljes zuerst das Handballspielen erlernt und wurde später wegen fehlender Halle zum Fußballer umfunktioniert. Herr Wiljes kam zum Training und brachte statt eines Handballs einen Fußball mit. Den einzigen Kommentar, den er abgab, war, dass ab heute der Ball nur noch mit dem Fuß gespielt wird. Seine Leistungen verdienen hohe Anerkennung, denn ohne solches Engagement würde unsere Gemeinde nicht funktionieren.“

Der Mathematik- und Sportlehrer Dirk Neumann aus Bockelskamp unterstützt Heinrich Wiljes seit diesem Sommer bei seiner Arbeit und hat mittlerweile auch die Jugendleitung im TS Wienhausen übernommen: „Für mich ist es fast unmöglich, in so große Fußstapfen zu treten. Heinrich Wiljes ist die Seele des Vereins, er investiert viel Zeit und jede Menge Herzblut in seine Arbeit, da können sich einige noch eine Scheibe von abschneiden. Er ist immer für den Verein da: Notfalls würde er sogar noch die Linien weißen oder ein Punktspiel bei den Jugendlichen pfeifen.“

Kreisfußballverbands-Vorsitzender Jens-Holger Linnewedel aus Langlingen kennt Heinrich Wiljes von Kindesbeinen an. „Er setzt sich für den Sport, besonders für den Fußball einmalig ein“, sagt Linnewedel. Er bedauert es, dass Wiljes’ größter Wunsch, eine größere Turnhalle für Wienhausen zu erhalten, bislang nicht in Erfüllung gegangen ist. „Für die Turnerschaft Wienhausen sind sein enormer Einsatz und seine rot-weiße Vereinsbrille immer von Vorteil“, sagt Linnewedel. Er bezeichnet den 85-Jährigen als „Arbeiter“, der den Platz selbst abkreidet und mit seinem Auto Spieler zu Auswärtsspielen transportiert.

Von Eike Frenzel