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Typen Künstler mit spitzer Feder
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14:34 13.06.2010
Frassl Comic
Frassl Comic Quelle: Torsten Volkmer
Altencelle

Ulrich Frassl, der seit zehn Jahren Karikaturen für die Cellesche Zeitung zeichnet, hat damit auch schon überregional für Aufsehen gesorgt. 2001 erkundigte sich die damalige Niedersächsische Kultusministerin Renate Jürgens-Pieper, welcher „Schmierfink“ sie denn so dargestellt hatte. Kollegen rieten ihm, sich für die Zeichnung zu entschuldigen, und eine nettere Karikatur anzufertigen, wenn ihm noch etwas an seiner Karriere läge. Frassl lehnte ab „Es gibt keine netten Karikaturen“.

Heute zeigt der korpulente Mann mit den weißen Haaren und dem Bart, der am 2. September 60 Jahre alt wird, Besuchern gerne seine Werke. Unter dem Dach des roten Reihenhauses in Altencelle befindet sich sein Büro. Regale reihen sich in dem kleinen Mansardenzimmer bis fast unter die Decke, jedes einzelne ist voll mit Büchern, CDs, Ordnern und Zeichenmappen. An einem der Regale hängt eine Clownsmarionette. Sie stammt noch aus der Musicalaufführung „Farben der Phantasie“, der letzten, die Ulrich Frassl 2007 als Lehrer am Hölty-Gymnasium betreut hatte. Erst auf den zweiten Blick zeigt sich, dass von fast jeder seiner Aufführungen einige Erinnerungsstücke zu sehen sind. „Eigentlich bräuchte ich ein richtiges Atelier“, meint er grinsend und entschuldigt sich für die Enge.

Die erste Hälfte seines Lebens verbrachte Ulrich Frassl in Braunschweig, wo er am 2. September 1948 geboren wurde. Der Arzt meinte: „Da kommt noch eins“. Und so sagt Frassl heute, dass er gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Joachim auf den 120. Geburtstag blickt. Doch eigentlich sind das nur bedeutungslose Zahlen für ihn.

Seit frühester Jugend standen die Zwillinge neben ihrem Vater am Zeichenbrett und bewunderten den Architekten und Maler bei der Arbeit. Das wollten sie auch können! Lächelnd betrachtet er das Engels-Bild über dem Eingang zu seinem Büro. Es ist das einzige unter den vielen bunten Gemälden im Haus, das Frassl nicht selbst gemalt, gezeichnet oder gedruckt hat. Das Bild stammt von seinem Vater.

In langweiligen Vorlesungen entstanden erste Comics

Nach seinem Abitur am Wilhelm-Gymnasium in Braunschweig begann er 1969 an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig Kunstpädagogik zu studieren. In langweiligen Vorlesungen vertrieb er sich die Zeit nicht mit Tic Tac Toe oder dem schreiben von Briefchen. Stattdessen entstand damals als Randzeichnung das, was heute seine große Leidenschaft ist: Comics. Aus langweiligen Vorlesungen wurden langweilige Schulkonferenzen, aus Comics wurden immer öfter Karikaturen. In seiner Referendarzeit veröffentlichte Frassl seinen ersten Comic auf der Rückseite der Zeitschrift „Klärprobe“.

Nachdem die Brüder 1977 am selben Tag an der selben Schule im selben Raum ihr zweites Staatsexamen gemacht hatten, kamen sie zu dem Schluss, dass sie sich endlich trennen mussten: „Uns fehlte immer noch die individuelle Identität. „Also haben wir eines Tages einfach gewürfelt.“

Ulrich Frassl ging nach Norden. Nach Celle. Ans Hölty-Gymnasium, wo er bis heute unterrichtet. Hier hat er seit 1980 zahlreiche Theaterstücke und Musicals auf die Bühne gebracht, sei es als Autor, Regisseur oder einfach als Darsteller und beratend an der Seite seiner Schüler.

Eines der Musicals war 1989 die „West Side Story“. Zu Beginn der Planungen schaute sich Frassl mit seinen Schülern eine Aufführung des Stückes mit José Carreras in der alten Congress-Union an. In der ersten Reihe saßen sie und machten sich Notizen, jeder zu seinem Aufgabenbereich oder seiner Rolle. In der Pause kam ein Schüler zu ihm: „Das können wir besser!“

Tatsächlich wurde das Stück ein Erfolg, Frassl ist noch heute begeistert von der tiefen Spannung, die hinter der Bühne herrschte. Am letzten Abend kam einer der Hauptdarsteller zu ihm und umarmte ihn kurz. „Da wusste ich, etwas von mir ist bei den Schülern angekommen.“

„Überall ist die Idee“

Bis heute packt es ihn einmal im Jahr, dann muss er sich eine der Aufnahmen ansehen. Er kann jedes Wort mit beeindruckender Stimme mitsingen, spielt die Rollen aus dem Stegreif auf mitreißende Weise nach.

„Überall ist die Idee,“ eine Zeile aus „Farben der Phantasie“ und eine Überzeugung im Kunstunterricht. In seinem Gesichtsausdruck liegt aber auch ein bisschen Wehmut, als er die DVD anhält: „Das ist mein Testament.“ Heute würde er keine Aufführungen mehr betreuen. Die intensive Beschäftigung mit den Planungen zehrt einfach zu sehr an den Kräften.

In Zukunft möchte er sich dafür mehr auf seine Kunst und die Arbeit im Kirchenvorstand der Altenceller Gertrudenkirche konzentrieren. „Alles andere ergibt sich dann, stille sitzen kann ich sowieso nicht“, sagt er lächelnd und zeigt eines seiner Kinderbücher, „Florian im Lilaland“. Es entstand 1989 zur Zeit der Wende: „Im Radio lief, dass die Mauer gefallen war, ich aber habe gezeichnet.“

Am liebsten würde er das Comic- und Karikaturenzeichnen intensivieren: „Es ist eine interessante Tätigkeit, sich mit vielen kleinen Nadelstichen bekannt zu machen.“ Die Comic-Streifen-Serie „Mini-Manne“ möchte er gerne regelmäßig veröffentlichen: „Ich warte auf meine Chance.“

VITA:

0 Geboren am 2. September 1948 in Braunschweig

0 1969: Abitur am Wilhelm-Gymnasium, Braunschweig

0 1969–1970: erste zwei Semester Studium der Kunstpädagogik an der HfBK Braunschweig

0 1970–1971:

Wehrdienst (18 Monate)

0 1975: Studienabschluss

0 1977: Zweites Staatsexamen in Osnabrück

0 Seit 1977: Kunstlehrer am Hölty-Gymnasium in Celle

0 Seit 1980:

Theaterarbeit am Hölty

0 1990: Heirat

0 1991 und 1995 werden seine Töchter geboren

0 1996–2006: Mitgliedschaft im Bund Bildender Künstler Celle

0 Seit 2006: im Kirchenvorstand der Gertrudenkirche in Altencelle

Von Isabell Prophet