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Typen Integration als Lebenswerk
Mehr Typen Integration als Lebenswerk
13:54 13.06.2010
HAUPTTYP: Halil Savucu
HAUPTTYP: Halil Savucu Quelle: Torsten Volkmer
Altenhagen

Wenn man als Gast von draußen den Winkelbungalow der Familie Savucu betritt, zieht man die Schuhe aus. Sandaletten werden einem zur Verfügung gestellt. „Wir achten sehr auf Hygiene und Sauberkeit“, sagt Halil Savucu, deutscher Staatsbürger kurdisch-ezidischer Herkunft in einem ruhigen Ton.

Der 37-Jährige wohnt mit seiner Ehefrau und drei Kindern in der Souterrainwohnung. Auch andere Familienangehörige wohnen in dem Haus, erzählt der junge Mann.

Das Gespräch findet in einem großen Wohnzimmer im Erdgeschoss statt. Dunkle Möbel, schwarze Ledersessel, die Einrichtung ist schlicht. Auffällig ist das große moderne Fernsehgerät.

Eine Teekanne mit gekochtem Tee steht auf dem Tisch. Auffällig sind die schmalen Teegläser, die keinen Griff haben. „Solche Teegläser hat man oft im orientalischen Raum“, bemerkt Savucu. Auch ein Teller mit Keksen steht zum Verzehr bereit.

Savucu nimmt in einem schwarzen Ledersessel Platz.

Er trägt eine Jeans, ein weißes Oberhemd und eine dunkle Strickjacke. „Für mich ist Ezidentum mehr als eine Religion, es ist eine Lebensphilosophie“, stellt Savucu klar. Daher stehe für ihn fest: „Für mich bedeutet Ezide zu sein, Mensch zu sein, grenzenlos Humanist zu sein“, erklärt Savucu. Es mache ihn stolz, Ezide zu sein, denn im Ezidentum gebe es keinen Fanatismus, erzählt er. Der 37-Jährige spricht sehr besonnen, ganz ohne Pathos. Sofort bringt er dialogisches Denken ins Gespräch. „Wir Eziden haben Respekt vor Gottes Schöpfung genauso wie es bei den Christen der Fall ist.“ Spontan fügt er hinzu: „Bei uns gibt es 99 Rechte und Pflichten, fünf sind die wichtigsten.“ Dass die Heirat zwischen Esiden und Deutschen eine Sünde nach ezidischer Vorstellung darstellt, gesteht er freimütig ein. Aber, so fügt er hinzu, das habe eine Vorgeschichte. Er möchte Zusammenhänge erklären, den historischen Hintergrund erläutern. Das sei ihm wichtig.

Savucus tolerante Einstellung wird sichtbar: „Jeder soll frei entscheiden können, in welcher Kultur er leben möchte.“

Dialog sollte zuerst positive Aspekte beleuchten

Wenn man den Dialog zwischen Menschen verschiedener Kulturen vorantreiben wolle, sollte man erst die positiven Aspekte beleuchten. Es sei wichtig, so Savucu, Denk-und Lebensweise der jeweiligen Kultur zu analysieren und dann gemeinsam einen Weg zu finden, erklärt der Diplom-Sozialpädagoge. Im Dialog sollte man zuerst an Punkten ansetzen, die die Menschen verschiedener Kulturen verbinden. Dabei komme es vor allem auf gegenseitigen Respekt an.

Er verstehe sich als Idealist. Es motiviere ihn, andere von seinen Vorstellungen des Miteinanders von Menschen verschiedener Kulturen zu begeistern. Auch habe er Visionen, verstehe sich als Visionär. In sachlichem Ton erläutert Savucu seine Vorstellungen.

In dem Verein „Plattform ezidischer Celler“ werden Konflikte von Menschen verschiedener Kulturen aufgearbeitet. Dabei kommt es ihm auf das intensive Zuhören, das sogenannte aktive Zuhören an.

Savucu gibt sich selbstkritisch: „Zu spät wurde mit der Integrations- und Migrationsarbeit angefangen.“

Nach jahrelangem Einsatz steht für ihn fest: „Ich habe mich verändert, ich bin gealtert.“ Die Integrationsarbeit sei ein Kampf gegen Mühlen und verkrustete Denkstrukturen gewesen. „Ich bin ruhiger, selbstkritischer und realistischer geworden.“

Einen langen, zuweilen steinigen Weg hat Savucu hinter sich. In Viransehir, das im türkischen Teil Kurdistans liegt, wurde er geboren, als Kind eines Arbeiters. Viehzucht und Ackerbau waren hier die Arbeitsgebiete seines Vaters. Dann wurde er von einer deutschen Firma in Celle angeworben. „Von da an lebte ich bei meiner Oma, nachdem mein Vater nach Deutschland gegangen war. Meine Oma hat mich unweigerlich geprägt.“ Sie sei ein sehr ruhiger Mensch gewesen und habe viel Gerechtigkeitssinn gehabt. „Meine Oma hat mir Geschichten erzählt und aus mir einen nachdenklichen und sozial engagierten Menschen gemacht. Ich habe sie weinen sehen, und ich kann es auch.“

Als kleines Kind kam er nach Deutschland. Zunächst lebten seine Eltern in Nienhagen auf einem Bauernhof. Dann arbeitete der Vater in einer Celler Firma. In der Hehlentorschule, in der er von Lehrern jegliche Unterstützung erfuhr, hatte er ein Schlüsselerlebnis. Er sollte als Dolmetscher für türkische Eltern fungieren. Da spürte er, dass er das als Kurde nicht leisten konnte. Er hatte ein Identitätsproblem – einen richtigen Kulturschock. Seitdem interessierte er sich für die kurdische Kultur und Kurdistan. Als sein Vater bei einem Autounfall verunglückte, brach für ihn eine Welt zusammen. Bald starb auch die Oma in seiner Heimat. In einem kurdischen Verein engagierte sich Savucu in einer Folkloregruppe.

Kampf gegen jegliche Form von Unterdrückung

Sein Interesse wuchs, sich politisch zu engagieren. Er machte mit in einem deutsch-kurdischen Freundschaftsverein. Später studierte er Sozial- und Erziehungswissenschaften. Gegen jegliche Form von Unterdrückung kämpft er. Er habe, so Savucu, die doppelte Unterdrückung, einerseits durch das türkische, diktatorische System, andererseits durch Zwangsislamisierung, verursacht durch muslimische Kurden, erfahren. Der Einsatz für Minderheitenrechte ist ihm wichtig. Immer wieder mache er in seiner Integrationsarbeit und in Vorträgen deutlich, wie wertvoll die Demokratie ist und dass man auch seine Pflichten als Staatsbürger kennen müsse. Viel Unterstützung hat Savucu bei seiner Integrationsarbeit immer von seiner Familie erfahren. Sein besonderes Interesse gilt Dokumentationen über alte Völker und über Tiere.

VITA:

✐1971 geboren in Viransehir

✐1975 nach Deutschland eingereist

✐1975 nach Celle gezogen, hier die Schulen besucht

✐1986 bis 1995 Mitglied in der ersten kurdisch-

ezidischen Folklore-Gruppe

✐1989 bis 1991 Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann

✐1995 bis 1998 politische Ausbildung und Vorstandsmitglied im deutsch-kurdischen Freundschaftsverein

✐1999 bis 2001 Mitglied in einer Vereinigung der

Studenten aus Kurdistan

✐1998 bis 2003 Fachabitur, danach Studium in Hannover; Schwerpunkte: Pädagogik, Soziologie, Psychologie,

interkulturelle Arbeit, Diplom als Sozialpädagoge

✐2002 Mitbegründer,

Vorsitzender der Plattform ezidischer Celler

✐seit 2003 Mitarbeiter im Verbund sozialtherapeutischer Einrichtungen

✐2003 Ausbildung zum step-Elterntrainer

✐2004/ 2006 Delegations­reise ins befreite Kurdistan (Nordirak)

✐2007 Mitbegründer des Zentralrats der Eziden in Deutschland

✐Mitarbeiter im Zentralrat der Eziden,

verheiratet, drei Kinder

Von Anne Marx