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Typen Humorvoller Hobbyangler
Mehr Typen Humorvoller Hobbyangler
16:41 03.12.2015
Auch mit 89 Jahren greift Kurt Petrat - noch gern zur Angel.
Auch mit 89 Jahren greift Kurt Petrat - noch gern zur Angel. Quelle: Benjamin Westhoff
Celle Stadt

Ich kenne Celle von unter der Kellersohle bis unter den Dachfirst“, sagt Kurt Petrat stolz. Der „reinrassige Celler“, wie er sich selbst bezeichnet, kann so manche Geschichte über die Stadt und seine Bewohner erzählen.

Denn nicht nur an Land, sondern auch im Wasser kennt sich der 89-Jährige bestens aus. Seit 35 Jahren ist er Mitglied im Celler Fischereiverein und angelt mit Leidenschaft. Die Aller hat einiges zu bieten, an Petrats Angelschnur hingen schon Lachse, Karpfen, Schleien, Rotaugen und Brassen. „Angeln ist mein großes Hobby“, sagt der rüstige Rentner. Als er früher noch seinen Schrebergarten an der Hasenbahn besaß, räucherte er seine gefangenen Aale sogar selbst.

„Mich reizt beim Angeln die Ruhe, wenn man nur das Vogelgezwitscher hört“, erzählt Petrat und macht seine typische Geste, mit der er ausdrückt, dass ihm etwas hervorragend gefällt: Dafür legt er Daumen und Zeigefinger aufeinander und küsst die Stelle, wo sich beide Finger berühren.

Die Geste kommt häufig zum Einsatz, denn Petrat ist ein Genussmensch, der sein Leben auskostet. Mit 89 Jahren jammert er nicht über Krankheiten oder körperliche Einschränkungen, sondern schwelgt stattdessen lieber in Erinnerungen an vergangene Urlaube oder Angelerlebnisse.

„Manchmal verbringe ich ganze Nächte am Ufer und an der frischen Luft“, erzählt der Celler. Während die Angelrute mit einem Glöckchen versehen neben ihm auf den nächsten Fang wartet, schläft Petrat seelenruhig. Er hat seine Lieblingsstellen, zum Beispiel hinter dem Ärztehaus am Neumarkt.

Doch der Hobbyangler nimmt auch eine beunruhigende Entwicklung wahr: „Früher waren deutlich mehr Fische in der Aller.“ Heute ärgert er sich regelmäßig über Unrat, der das Wasser verschmutzt oder am Schnurende baumelt.

Petrat wurde 1926 in der Blumlage geboren. Sein Vater stammt aus Ostpreußen und seine Mutter aus Sachsen. Die Familie zog in die Hugenottenstraße, wo Petrat mit einer Schwester und einem Bruder aufwuchs. „Ich nenne die Straße immer Hottentottenstraße“, erzählt der Rentner lachend und offenbart seinen Humor. Er sagt über sich: „Ich habe die Schnauze am rechten Fleck.“

Acht Jahre lang ging Petrat zur Altstädter Schule. Danach wollte er Bäcker und Konditor werden, doch ein Mitglied der Sturmabteilung (SA) habe eine Ausbildung verhindert. „Weil mein Vater Kommunist war, hat der SA-Mann mich zum Staatsfeind erklärt“, erinnert sich Petrat.

Kurzerhand orientierte sich der Jugendliche um und absolvierte eine dreijährige Ausbildung zum Klempner und Installateur bei der Firma Paul Müller an der Schuhstraße. „Wir genossen das Vertrauen der Kunden und hatten sehr gutes Werkzeug“, erzählt Petrat stolz.

Anschließend wurde er zum Reichsarbeitsdienst nach Ostpreußen eingezogen und war im Wachkommando tätig. Danach kam er zur Marine nach Frankreich und arbeitete auf U-Booten als Mechaniker. „Weil ich so schön klein war, habe ich die Maschinen gepflegt und repariert“, erzählt Petrat.

Trotz Kriegswirrungen erinnert sich der Celler gerne an die Zeit zurück: „Wir waren eine tolle Mannschaft.“ Geschlafen wurde zwischen Torpedos. Petrat erlebte einen besonders ernsten Beschuss vor der Nordküste Spaniens: „Ein Zerstörer war hinter uns her, aber wir setzten eine Boje ab, die die Motorengeräusche des U-Boots nachahmte, und so sind wir dem Zerstörer entkommen.“ Mit dem U-Boot war der Celler im Atlantik und der Nordsee unterwegs. Auch seine Mannschaft feierte Erfolgserlebnisse im Krieg und schoss beispielsweise einen U-Boot-Jäger in der Nordsee ab.

Zum Kriegsende war Petrat bei Harburg im Einsatz. Gemeinsam mit seinen Kameraden machte er sich nach der Niederlage zu Fuß auf den Weg nach Celle. „Auf der B3 wurden wir dann von den Engländern festgenommen“, erinnert sich Petrat. Daraufhin verbrachte er rund einen Monat in einem Kriegsgefangenenlager bei Unterlüß. Anschließend arbeitete er einige Wochen auf dem Hof des Bauern Voss in Eicklingen, bevor er nach Celle zurückkehrte.

Petrat stieg wieder in seinen gelernten Beruf ein und fand eine Anstellung bei der Sanitärfirma Wedemeyer. Bald schon veränderte er sich beruflich und arbeitete als Staplerfahrer bei Volkswagen in Wolfsburg und Hannover: „Da konnte man gut verdienen.“ Anschließend wechselte er als LKW-Fahrer zum Celler Möbeltransportunternehmen Köneke. Dort lernte er Hilde Vocke kennen und die beiden verliebten sich ineinander. Das Paar heiratete und bekam zwei Töchter, Barbara und Dagmar.

Petrat und seine Frau waren immer ausgesprochen tierlieb. Über 14 Jahre lang bereicherte Dackeldame Jenny das Leben der Familie: „Sie war ein Schmuckstück.“ Auch für Samtpfoten hatten die Petrats ein großes Herz. Während eines Urlaubs in Spanien lief dem Paar eine schwarz-weiße Katze zu, die auf den Namen Schnurri getauft wurde: „Sie ist sogar mit uns spazieren gegangen.“

Das Ehepaar reiste gerne, vor allem Florida in den USA hatte es ihnen angetan. Beim Betrachten der Urlaubsfotos kommt Petrat heute noch ins Schwärmen: „Dort war es so schön.“ Es mussten jedoch nicht immer ferne Ziele sein. Mit seinem Wohnmobil reiste das Paar nach Ungarn, Sylt und Fehmarn. Dackelhündin Jenny war dann mit von der Partie.

Petrats Wohnzimmer zieren Fotos von seiner Frau, die vor zwölf Jahren gestorben ist, sowie von Hunden und Katzen. Im Regal stehen Elefanten aus hellem Speckstein und Enten aus Porzellan. Künstliche Rosensträuße setzen Farbakzente auf Wohnzimmertisch und Kommode.

Der 89-Jährige kommt ohne Hilfe aus und schmeißt den Haushalt auch in seinem hohen Alter noch allein: „Ich kann backen, nähen, stopfen, flicken.“ Mit seinem Fahrrad, das Petrat augenzwinkernd „Rolls Royce“ nennt, und seinem Mofa „Cadillac“ ist er mobil. Dieser Humor hält ihn jung, denn Petrat weiß: „Trübsal blasen schlägt auf die Gesundheit.“

Lebenslauf

19. April 1926 in Celle geboren

1932 bis 40 Besuch der Altstädter Schule

1940 bis 43 Ausbildung bei der Sanitärfirma Paul Müller

1943 Reichsarbeitsdienst

1944 U-Boot-Mechaniker bei der Marine

1945 Kriegsgefangenenlager und Rückkehr nach Celle

1979 Eintritt in Frührente

seit 1980 Mitglied des Celler Fischereivereins

Von Amelie Thiemann