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Typen Helfer rund um den Globus
Mehr Typen Helfer rund um den Globus
13:49 13.06.2010
Quelle: Torsten Volkmer
Hambühren

OVELGÖNNE. Seine braunen Augen flitzen suchend und neugierig an dem Gast entlang, bleiben an dem schnellen Kugelschreiber auf dem Block hängen, vergewissern sich, dass kein falsches Wort notiert wird. Dabei hat der Stift gut zu tun, denn Ulrich Seemann spricht schnell und nimmt kein Blatt vor den Mund. Immerhin spricht der Mund aus, was das Gehirn denkt: zum Beispiel die Probleme am Celler Allgemeinen Krankenhaus, zu denen er in einem Leserbrief in dieser Zeitung seine Beurteilung abgegeben und damit doch ziemliche Erschütterungen ausgelöst hat. Dabei war der Mann mit den braunen Augen selbst Teil des Personalstammes im Krankenhaus gewesen, sei er der großen Reputation der schon damals hoch geachteten und verantwortlichen Ärzte gefolgt. Erlemann, Harmjanz, Darges-Sonnemann, Jacobi – Namen anerkannter Fachleute.

Direkt nach dem Staatsexamen sammelte der junge Arzt in Celle seine ersten Krankenhauserfahrungen. „Wir haben sehr viel gearbeitet“, erinnert sich der Mediziner. „Aber wir sind auch gut bezahlt worden, und Assistenten, Klinikleitung und Verwaltung bildeten eine Einheit“. Und das sei offensichtlich der große Unterschied zu heute. Wie heute sowieso die finanzielle Situation der jungen Ärzte nicht so rosig sei. Er habe noch als „alter Arzt“ die „guten Zeiten“ miterlebt und habe finanziell ausgesorgt, wie es so schön heißt.

„Ich bin zum Arzt erzogen worden.“

Dabei antwortete er bereits als Vierjähriger auf die Frage, wie er heiße, „Doktor Seemann“. Das kannte er von seinem Vater, der für alle, die zu ihm kamen „Doktor Seemann“ war. Also hatte er schnell in seinem Heimatort den Namen „Kleiner Doktor“ erhalten und als Vierjähriger den Familiennamen „Doktor Seemann“ übernommen. Und so gab es für ihn als das jüngste von vier Kindern keinen Zweifel an der Berufswahl: „Ich bin zum Arzt erzogen worden“, stellt er heute fest. Schließlich seien seine beiden älteren Brüder auch Ärzte geworden, Klaus war Chefarzt der Endoklinik in Hamburg und Volker ist Gastroenterologe in Aurich. „Nur meine Schwester Astrid ist Lehrerin“, macht er auf die Ausnahme in der Familie aufmerksam. Denn Vater Horst war Landarzt in Meinersen. Mutter Renate geb. Bruhns - eine Krankenschwester - stammte aus einer alten Lübecker Kaufmannsfamilie mit verwandtschaftlicher Verbindung zum Lübecker Schriftsteller Thomas Mann und sorgte mit dafür, dass er „eine wunderschöne Kindheit hatte“. Es sei fast eine großbürgerliche Atmosphäre gewesen, in der er groß geworden sei, sieht Ulrich Seemann heute seine Kindheit.

Er habe sein Abitur am Otto-Hahn-Gymnasium in Gifhorn mit zufrieden stellendem Erfolg gemacht, einen Medizinstudienplatz bekam er dennoch nicht. Das war eine Katastrophe für den jungen Seemann. Sein Vater tröstete ihn großzügig: „Warte nur, mein Junge, das wird schon…“ So beschäftigte er sich mit Chemie – und mit seiner heutigen Frau: „Ich wollte diese Frau heiraten“, das sei auch der Grund für seine schlechten Schulnoten gewesen, findet er auch heute noch und lobt: „Sie ist ein wunderbarer Mensch und ein Engel auf Erden!“ Kein Wunder, dass es die Tochter nach der Ehe recht eilig hatte, geboren zu werden: „Sie kam als ‚Frühchen’ zur Welt“, blitzen die braunen Augen schelmisch voller Ironie.

Im Wohnmobil auf Deutschlandtour

Hier in Ovelgönne lebt und arbeitet der Hausarzt, in Meinersen erholt er sich auf dem 7000 Quadratmeter großen Grundstück, in dem üppigen Garten seiner Schwiegereltern. Und so ganz nebenbei fährt er gern mit seiner Elfhunderter BMW durch die Gegend („…die hat Herr Struck auch, nur das neuere Modell…“). „Doch, doch, meine Frau hat auch eine Lederhose“, fährt aber nicht so gern mit, klingt es ein wenig bedauernd: „Ihr ist das nicht ganz geheuer…“ Sie sei aber immer dabei, wenn es im Wohnmobil durch Deutschland geht. „Wir sind begeisterte Wohnmobilfahrer“, und er sei genauso begeistert, wenn er Kaminholz für die Feuerstelle in Meinersen machen muss. Zum Ausgleich liest der Facharzt sehr gern Bücher mit geschichtlichem Hintergrund. Gerade jetzt die „Jugenderinnerungen eines alten Arztes“ von Adolf Kussmaul. Und er liebt klassische Musik und genießt es, wenn er bei den Konzertproben seines Freundes Volker Worlitsch zuhören kann, was leider aus zeitlichen Gründen selten ist (Anm.: Der Hambührener Worlitsch ist 1. Konzertmeister im Syphonieorchester des NDR-Hannover und war früher bei den Berliner Philharmonikern). Und die Mediziner-Fortbildungen: „Ich genieße es, zu erfahren, wie viele Neuigkeiten es immer wieder gibt: Da wird mir bewusst, wie wenig ich weiß.“

Ein Nachdenken und eine Neuorientierung gab es für Seemann, als die Praxis immer mehr Einsatz forderte und 70 bis 80 Arbeitsstunden pro Woche anstanden: „Die Arbeit drückte mich einfach an die Wand und bestimmte mein Leben“, zeichnet er heute seine Hinwendung zum Christentum nach: „Ich erkannte, dass es etwas wichtigeres gibt als die Arbeit, nämlich ein Leben mit Jesus Christus“, machte er sich bewusst. Die Folge: Die Entscheidung für ein Leben als Christ. Christliche Kongresse folgten, mit der Konsequenz, dass er häufig auch als Kongressarzt zum Einsatz kam.

Patienten haben immer erste Priorität

Dabei waren ihm seine Patienten immer wichtig, immer habe er sich bemüht, Zeit für die Gespräche mit den Patienten zu haben: „Es hilft uns beiden.“ Die Prioritäten hätten sich nach seiner Bekehrung geändert. Ende der 90er Jahre sei er von einem befreundeten Kollegen auf die „Humedica“ angesprochen worden und wenig später sei er zu seinem ersten Erdbeben-Einsatz nach Indien geflogen. „Da wurde die Praxis einfach für zwei, drei Wochen geschlossen, und die Kollegen vor Ort haben mich vertreten. Auf die Kollegen konnte ich mich verlassen.“ Heute ist sein Kollege mit im Hause, so dass die ärztliche Versorgung in Ovelgönne nicht leidet, wenn Seemann Menschen in Katastrophensituationen hilft. „Da wird keine große Medizin gemacht“, rückt Seemann eine vielleicht vorhandene Vorstellung zurecht. „Wir arbeiten mit meist primitivsten Mitteln. Sehen, hören, tasten, Blutdruck messen und einfachste chirurgische Wundversorgung. Die Städte im Einsatzgebiet sind häufig total zerstört und wir leben oft unter primitivsten Umständen.“ Geschlafen wird dann auf Isomatten in Schlafsäcken, manchmal auch unter freiem Himmel. „Es macht mir erstaunlicherweise nichts aus, auch mal 14 Tage lang nicht zu duschen. – Wie sollte das auch gehen, wenn alles zerstört ist…“

Das kleine drei- oder vierköpfige Humedica-Team werde bei seinem Einsatz von Patienten und Opfern förmlich überrannt. „Da haben wir auch schon mal über 200 Patienten täglich zu betreuen.“ Die medizinische Hilfe sei aber nur ein Aspekt. „Allein unser Dasein verleiht den Opfern Hoffnung. – Der rein menschliche Aspekt ist genauso wichtig!“

Es sei schon eine gewisse Portion Abgeklärtheit nötig, um dem psychischen Druck Stand zu halten. - Rasch, spontan und überall auf der Welt.

VITA:

1946 in Meinersen geboren;

1966 Abitur am Otto-Hahn-Gymnasium, Gifhorn;

1967 Hochzeit mit Annelie;

1967/68 Chemiestudium;

ab 1968 Medizinstudium an der Uni Göttingen;

1973 Staatsexamen;

1973 – 1976 Assistenzarzt am Allgemeinen Krankenhaus Celle;

1976 – 1981 Kinderklinik der Medizinischen Hochschule Hannover;

1981 Zulassung als Allgemeinmediziner und Kinderarzt;

Praxiseröffnung in Ovelgönne;

Seit Ende der 90er Jahre Mitglied der Hilfsorganisation „Humedica“;

Humanitäre Einsätze:

Erdbeben in Indien;

Flüchtlingshilfe in Afghanistan;

Hungerkatastrophe in Eritrea und Äthiopien;

Vulkanausbruch im Kongo;

Flüchtlingshilfe in Ruanda;

Tsunami-Hilfe in Sri Lanka;

Erdbebenhilfe in Pakistan;

Flutkatastrophe im Nepal;

Versorgung von Bürgerkriegsopfern in Kenia.

Von Lothar H. Bluhm