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Typen Geklaute Bäume als „Pfosten“
Mehr Typen Geklaute Bäume als „Pfosten“
13:28 13.06.2010
Von Christopher Menge
Jovo Sperac verbindet einiges mit dem SSV Scheuen - Fußball und auch Tischtennis bestimmen sein Leben...
Jovo Sperac verbindet einiges mit dem SSV Scheuen - Fußball und auch Tischtennis bestimmen sein Leben... Quelle: Torsten Volkmer
Scheuen

500 Meter liegen zwischen seinem jetzigen Haus und der Baracke, in der Jovo Sperac seine Kindheit verbrachte. Weiter hat es ihn in den letzten 60 Jahren nicht verschlagen. Sperac ist Scheuener aus Leidenschaft. „Ich wollte nie aus Scheuen weg, das kam gar nicht in Frage“, erklärt Sperac, „das Heimweh wäre zu groß gewesen.“ Einen Führerschein hat er bis heute nicht.

Am 8. August 1949 wurde Sperac in einer Baracke in Scheuen, dem sogenannten Männerlager, geboren. Sein Vater stammte aus Jugoslawien und war durch die englische Kriegsgefangenschaft nach Scheuen gekommen. Seine rumänische Frau hatte Sperac in Lübeck kennengelernt. Obwohl Sperac internationale Wurzeln hat, spricht der heute 60-Jährige nur Deutsch. „Mit zwei Jahren musste ich wegen eines Nabelbruchs ins Krankenhaus“, erklärt Sperac, „da hat mir die Krankenschwester gesagt, dass ich Deutsch sprechen müsse.“ Mit seinen Geschwistern, Bojo und Anja, wuchs der kleine Jovo in der engen Baracke auf. „Um zur Toilette zu kommen, musste man 50 Meter über den Hof laufen“, erinnert sich Sperac an den Donnerbalken.

Fußball-Leidenschaft

schnell entdeckt

Schnell entdeckte Jovo seine Leidenschaft für den Fußball. „Meine Freunde und ich haben uns im Wald Bäume geklaut und sie als Pfosten auf der Heide aufgebaut“, erzählt Sperac, „dann wurde rumgebolzt.“ Mit 10 Jahren machte Jovo dann sein erstes Punktspiel für den SSV Scheuen. Da er noch kein Fußballoutfit besaß, lief er in Turnschuhen und bunten Klamotten auf. Das sollte sich aber schnell ändern, als Jovos Vater davon erfuhr. Obwohl er nur wenig Geld verdiente, fuhr er mit Jovo in die Stadt und stattete seinen Jungen mit einem kompletten Outfit aus. „Darauf war ich sehr stolz“, weiß Sperac noch heute. Von nun an durchlief Jovo die einzelnen Jugendmannschaften des SSV. An seinen A-Jugendtrainer „Schorse“ Schacht kann sich Sperac dabei noch besonders gut erinnern. „Er hat sich aufgeopfert für den Verein und die Jugend“, sagt Sperac, „uns Spieler hat er morgens aus den Betten geholt und zum Spiel gefahren.“

Vom ersten Lohn

kaufte er einen Fußball

Mit 16 Jahren begann Sperac seine Lehre als Tischler bei der Firma Alex in Celle. Von seinem ersten Lohn, damals 70 Mark, kaufte sich der Fußball begeisterte Jugendliche einen adidas-Fußball. „Die waren damals sehr teuer“, berichtet Sperac. Überhaupt war Sperac überglücklich endlich eigenes Geld zu verdienen. Sein Gesellenstück steht heute noch im Sommerhäuschen im Garten. „Daran habe ich viele Stunden gearbeitet, auch am Wochenende sind wir in die Firma gefahren.“ Der Lohn für seine Mühen war eine Eins auf den liebevoll gefertigten Schrank. „Praktisch war ich gut“, sagt Sperac mit einem Lächeln, „nur das Schriftliche lag mir nicht so.“

Sperac wurde als Geselle übernommen und arbeitete bis 1979 bei Alex. Da sein Chef keine Nachkommen hatte, wurde die Firma verkauft. Sperac arbeitete ein Jahr bei Fendler und anschließend bei seinem Schwager. Von 1984 bis 1989 verdiente er sein Geld dann bei Furtex in Vorwerk, ehe der nun 40-Jährige zur Kampfmittelbergung Schollenberger kam.

Die große Liebe:

Hochzeit mit 48 Jahren

Seine große Liebe hat Sperac erst spät gefunden. 1993 lernte er auf dem 50. Geburtstag seines jetzigen Nachbarn Birgit kennen. Beim Tanzen funkte es zwischen den beiden. Vier Jahre später wurde geheiratet und seitdem wohnen die beiden in der Schnuckendrift in dem Haus, in dem Birgit geboren wurde. Seine große Leidenschaft für den Sport konnte Sperac dabei nicht lange verbergen. Schon bei den ersten Dates in der Stadt wunderte sich Birgit, dass Jovo von allen gegrüßt wurde. „Die kenne ich vom Fußball und Tischtennis“, war die einfache Antwort von Jovo.

Tischtennis ist nämlich die zweite Leidenschaft von Sperac. Nachdem Tischtennis in der Grundschule geübt wurde, trat Jovo mit zehn Jahren auch der Tischtennissparte des SSV Scheuen bei. Bis heute spielt Sperac Tischtennis und das soll auch noch einige Jahre so weitergehen. „Solange die Knochen halten, möchte ich bis ins hohe Alter spielen“, kündigt Sperac an. Die Motivation nimmt Sperac dabei aus der Kameradschaft. Mit einigen seiner Mannschaftskollegen spielt Sperac seit der Jugend zusammen. Jeden Freitag wird trainiert oder die Punktspiele absolviert. Die Spielklasse ist den Scheuenern dabei inzwischen egal. „Wir sind vor drei Jahren in die Bezirksklasse aufgestiegen“, berichtet Sperac, „die Klasse war aber zu hoch für uns.“ Nach dem Abstieg geht Sperac nun wieder im Kreis auf Punktejagd. Und das noch viele Jahre.

Bergener Torwart

bewusstlos geschossen

Dagegen ist mit Fußball seit 2009 nach 50 Jahren Schluss. Am 12. September lud Sperac zu seinem Abschiedsspiel zwischen seinem aktuellen Team, der Ü48 der SG Scheuen/Vorwerk, und einem Team aus Freunden und Begleitern ein. Seitdem hängen die Fußballschuhe am Nagel. Bereut hat er seine Entscheidung bisher nicht. „Ich bin froh, 50 Jahre ohne Verletzungen geschafft zu haben“, sagt Sperac ohne Wehmut. Mit 18 Jahren war Sperac 1967 in die erste Mannschaft gekommen. Seine Freistöße waren schnell gefürchtet. „Ein 11-Meter ist für mich schwieriger als ein 25-Meter-Freistoß“, sagt Sperac lachend. Ein besonders kurioses Erlebnis war dabei ein Spiel gegen Bergen. Sperac trat zum Freistoß an, der Ball setzte auf und schoss den Bergener Torwart bewusstlos. „Heute lachen wir darüber, wenn wir uns treffen“, erzählt Sperac.

Die gesammelten Zeitungsartikel erzählen von den Erfolgen, die Sperac mit dem SSV feierte. Anfang der 70er Jahre erreichten die Scheuener drei Mal in Folge das Pokalfinale. 1970 besiegte der SSV Fortuna Celle mit 5:1. Ein Jahr später reichte es trotz zweier Tore von Sperac gegen den TSV Wietze nicht (2:3). 1972 gewann der VfL Westercelle mit 2:1. Wichtiger als Erfolge war für Sperac aber immer die Kameradschaft im Verein. So konnte der talentierte Libero auch Angeboten aus Wietze und Eversen widerstehen. „Ich bin hier geboren, daher kam ein Wechsel für mich nicht in Frage“, betont er. Gegen Werder Bremen durfte er dennoch einmal spielen, wenn auch nur gegen die Altligamannschaft. Beim Spiel anlässlich des 25-jährigen Bestehens des SSV überlistete Sperac den Bremer Keeper mit einem Lupfer von der Mittellinie. 1987 wurde Sperac die silberne Ehrennadel des Niedersächsischen Fußballverbandes (NFV) verliehen. Die schönsten Erlebnisse seiner Fußball-Laufbahn seien außerdem die Fahrten mit der Celler Kreisauswahl nach Prag und Ungarn gewesen. Nach den Reisen war Sperac aber immer wieder froh in die Scheuener Heimat zurückzukommen.

Lebenslauf

✐8. August 1949

in Scheuen geboren

✐1959 Eintritt in den SSV

Scheuen in die Fußball-

und Tischtennissparte

✐1965–1968 Lehre als

Tischler bei der

Firma Alex in Celle

✐1968–1979 Geselle

bei der Firma Alex

✐1970 Kreispokalsieger

mit dem SSV Scheuen

✐1979–1989 verschiedene

Tätigkeiten, unter anderem

bei Fendler und Furtex

✐Seit 1989 bei der

Kampfmittelbergung

Schollenberger

✐1997 Hochzeit mit Birgit

✐2009 Ende der

Fußball-Laufbahn

mit Abschiedsspiel