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Typen Ein Leben wie ein Gedicht
Mehr Typen Ein Leben wie ein Gedicht
13:41 13.06.2010
Von Udo Genth - EVERSEN. Das Haus in der Ortsmitte von Eversen ist ein Herrenhaus. Ein zweistöckiger Fachwerkbau, im Vergleich zu den Häusern im Dorf groß, aber nicht protzig. Über der Tür hängt ein Hirschgeweih, im oberen Balken grüßt ein mit weißer Farbe unterlegter eingeschnitzter Spruch, der die Jahreszahl 1700 trägt. Neben der Tür steht eine Bank, auf der ein alter Herr sitzt und auf Gäste wartet, um sie dann persönlich willkommen zu heißen. Das gesamte Bild erinnert an ein altes Foto, das den Reichskanzler Fürst von Bismarck in einer ähnlichen Situation zeigt. Während Bismarck in den Geschichtsbüchern Uniform trägt, ist der Herr hier nach Art eines Landedelmannes gekleidet. „Ich wollte mal Offizier werden“, sagt Franz-Christian von Harling und steht auf. Im Vorbeigehen erläutert er die vielen Bilder an den Wänden. „Das da war Bundespräsident Karl Carstens bei einem Besuch hier, dort ist die britische Prinzessin Anne abgebildet“, erläutert er und weist auf die entsprechenden gerahmten schwarz-weiß-Fotos. - Im Gartenzimmer nimmt ein Flügel einen markanten Platz ein. Auf ihm stehen zahlreiche Familienfotos. „Alles meine Söhne, Schwiegertöchter und Enkel“, sagt von Harling mit einer weit reichenden Handbewegung. Vier Söhne haben er und seine Frau, demnach vier Schwiegertöchter, die nach seiner Erklärung alle „prächtig“ sind sowie insgesamt 13 „Großkinder“. - Krieg drückte ihm - seinen Stempel auf - Franz-Christian von Harling nimmt in einem bequemen Sessel platz. Auf Fragen nach seinem Herkommen, der Geschichte seiner Familie oder ähnlichen privaten Dingen reagiert er ablehnend. „Das geht keinen etwas an“, sagt er bestimmt und reicht anstelle einer umfassenden Antwort ein vorbereitetes Schriftstück mit der Aufforderung zum Lesen. „Da steht alles drin“. - Franz-Christian von Harling wurde 1927 in Steinförde in Mecklenburg geboren. Im Frühjahr 1943 wurde der Gymnasiast als Luftwaffenhelfer zur Flak einberu
Von Udo Genth - EVERSEN. Das Haus in der Ortsmitte von Eversen ist ein Herrenhaus. Ein zweistöckiger Fachwerkbau, im Vergleich zu den Häusern im Dorf groß, aber nicht protzig. Über der Tür hängt ein Hirschgeweih, im oberen Balken grüßt ein mit weißer Farbe unterlegter eingeschnitzter Spruch, der die Jahreszahl 1700 trägt. Neben der Tür steht eine Bank, auf der ein alter Herr sitzt und auf Gäste wartet, um sie dann persönlich willkommen zu heißen. Das gesamte Bild erinnert an ein altes Foto, das den Reichskanzler Fürst von Bismarck in einer ähnlichen Situation zeigt. Während Bismarck in den Geschichtsbüchern Uniform trägt, ist der Herr hier nach Art eines Landedelmannes gekleidet. „Ich wollte mal Offizier werden“, sagt Franz-Christian von Harling und steht auf. Im Vorbeigehen erläutert er die vielen Bilder an den Wänden. „Das da war Bundespräsident Karl Carstens bei einem Besuch hier, dort ist die britische Prinzessin Anne abgebildet“, erläutert er und weist auf die entsprechenden gerahmten schwarz-weiß-Fotos. - Im Gartenzimmer nimmt ein Flügel einen markanten Platz ein. Auf ihm stehen zahlreiche Familienfotos. „Alles meine Söhne, Schwiegertöchter und Enkel“, sagt von Harling mit einer weit reichenden Handbewegung. Vier Söhne haben er und seine Frau, demnach vier Schwiegertöchter, die nach seiner Erklärung alle „prächtig“ sind sowie insgesamt 13 „Großkinder“. - Krieg drückte ihm - seinen Stempel auf - Franz-Christian von Harling nimmt in einem bequemen Sessel platz. Auf Fragen nach seinem Herkommen, der Geschichte seiner Familie oder ähnlichen privaten Dingen reagiert er ablehnend. „Das geht keinen etwas an“, sagt er bestimmt und reicht anstelle einer umfassenden Antwort ein vorbereitetes Schriftstück mit der Aufforderung zum Lesen. „Da steht alles drin“. - Franz-Christian von Harling wurde 1927 in Steinförde in Mecklenburg geboren. Im Frühjahr 1943 wurde der Gymnasiast als Luftwaffenhelfer zur Flak einberu Quelle: Torsten Volkmer
Eversen

Das Haus in der Ortsmitte von Eversen ist ein Herrenhaus. Ein zweistöckiger Fachwerkbau, im Vergleich zu den Häusern im Dorf groß, aber nicht protzig. Über der Tür hängt ein Hirschgeweih, im oberen Balken grüßt ein mit weißer Farbe unterlegter eingeschnitzter Spruch, der die Jahreszahl 1700 trägt. Neben der Tür steht eine Bank, auf der ein alter Herr sitzt und auf Gäste wartet, um sie dann persönlich willkommen zu heißen. Das gesamte Bild erinnert an ein altes Foto, das den Reichskanzler Fürst von Bismarck in einer ähnlichen Situation zeigt. Während Bismarck in den Geschichtsbüchern Uniform trägt, ist der Herr hier nach Art eines Landedelmannes gekleidet. „Ich wollte mal Offizier werden“, sagt Franz-Christian von Harling und steht auf. Im Vorbeigehen erläutert er die vielen Bilder an den Wänden. „Das da war Bundespräsident Karl Carstens bei einem Besuch hier, dort ist die britische Prinzessin Anne abgebildet“, erläutert er und weist auf die entsprechenden gerahmten schwarz-weiß-Fotos.

Im Gartenzimmer nimmt ein Flügel einen markanten Platz ein. Auf ihm stehen zahlreiche Familienfotos. „Alles meine Söhne, Schwiegertöchter und Enkel“, sagt von Harling mit einer weit reichenden Handbewegung. Vier Söhne haben er und seine Frau, demnach vier Schwiegertöchter, die nach seiner Erklärung alle „prächtig“ sind sowie insgesamt 13 „Großkinder“.

Krieg drückte ihm

seinen Stempel auf

Franz-Christian von Harling nimmt in einem bequemen Sessel platz. Auf Fragen nach seinem Herkommen, der Geschichte seiner Familie oder ähnlichen privaten Dingen reagiert er ablehnend. „Das geht keinen etwas an“, sagt er bestimmt und reicht anstelle einer umfassenden Antwort ein vorbereitetes Schriftstück mit der Aufforderung zum Lesen. „Da steht alles drin“.

Franz-Christian von Harling wurde 1927 in Steinförde in Mecklenburg geboren. Im Frühjahr 1943 wurde der Gymnasiast als Luftwaffenhelfer zur Flak einberufen, im Sommer 1944 trat er seinen Arbeitsdienst in Münchehof im Harz an. Anfang Dezember 1944, als Deutschlands Städte bereits zum großen Teil in Schutt und Asche gebombt waren, wurde Franz-Christian von Harling als aktiver Offizieranwärter der Wehrmacht angenommen und geriet in die Abwehrkämpfe in Nordwestdeutschland. Die Kriegsereignisse haben dem damals 16-jährigen ihren prägenden Stempel aufgedrückt.

Ende 1945 kam Franz-Christian von Harling aus britischer Kriegsgefangenschaft in Belgien zurück ins heimische Eversen auf das Gut seiner Familie. Im Gutshaus und den Gebäuden auf dem Hof hatten über 90 Flüchtlinge eine Unterkunft gefunden. Der Kriegsheimkehrer ohne Beruf entschloss sich, Landwirt zu werden und arbeitete zunächst für gut ein Jahr auf einem Hof in Hoope, ehe er ab April 1947 eine zweijährige Landwirtschaftslehre absolvierte. Nach derem Abschluss begann er, den Familienbetrieb aufzubauen, zumal nach und nach die Flüchtlinge auszogen. In die Jahre des Aufbaus fiel die Verlobung Franz-Christian von Harlings mit seiner Frau Ingrid Harling. Die Heirat folgte dann im September 1953.

Die Namensähnlichkeit kommt nicht von ungefähr, bestätigt von Harling und spricht von einem Ur-Ahnen um das Jahr 1590, der einen illegitimen Sohn hatte. Dem Sprössling wurde üblicherweise das „von“ vorenthalten, er bildete seinerseits jedoch den Grundstock der „bürgerlichen“ Harlings. Mit der Heirat sei nun eine Art Wiedervereinigung der Seitenlinie gelungen, meint von Harling augenzwinkernd.

Gedanken werden

in Verse gefasst

Wenngleich von Harling bemerkt: „Die Familie ist für mich immer die Nummer Eins“, so spricht er mit Außenstehenden nicht allzu offen über seinen engen Umkreis. Demgegenüber offenbart er gern eine andere, musische Seite seines Wesens: er schreibt Gedichte. Gedanken, die ihn bewegen wie auch Schilderungen von Ereignissen werden von ihm in Verse gefasst. So erinnert eine Tafel mit von Harlingschen Reimen am Waldbrandgedenkstein in Oldendorf an die große Brandkatastrophe im August 1975. Den damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens begrüßte er ebenfalls mit einem Gedicht, als dieser auf seiner Deutschland-Wanderung im Januar 1980 durch Eversen kam. Sogar auf Vertreterversammlungen der regionalen Volksbank hat Franz-Christian von Harling seine Anmerkungen als Gedicht zu Gehör gebracht. In dem Geldinstitut war seine Meinung gefragt, denn von 1968 bis 1995, mithin also 27 Jahre lang, war er im Aufsichtsrat der Volksbank, davon die letzten neun Jahre als deren Vorsitzender.

Die Liste seines gesellschaftlichen und politischen Engagements ist lang. Insgesamt umfasst das Blatt, auf dem akribisch Zeiten und Posten niedergelegt sind, 25 unterschiedliche Positionen. Dort steht zu lesen, Franz-Christian von Harling war Bürgermeister von Eversen, Ratsherr und Bürgermeister der Stadt Bergen, vertrat seine Partei 28 Jahre lang im Kreistag, war Mitglied der Landwirtschaftskammer, trat als Kreislandwirt für die Belange der Landwirtschaft ein und ist Gründungsmitglied des Rotary-Club „Celle Schloss“, dessen Leitung als Präsident er im Jahr 1991/1992 innehatte. Sein vielfältiger Einsatz wurde mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt. Die Aufzählung ist nicht vollständig, denn neben einigen anderen Ehrenämtern fehlt der Hinweis auf das Patronat. Das wurde durch zwei Vorfahren im Jahre 1502 begründet. Die Brüder Carsten und Otto von Harling stifteten seinerzeit 200 Lüneburgische Mark und 30 Rheinische Gulden – eine in jenen Jahren sehr bedeutende Summe. Die Zinsen dieser Stiftung sollten häufigere Messen in der Sülzer Fabian-Sebastian-Kirche ermöglichen.

Kirchenpatronat der Familie besteht noch heute

Später wurde die Stiftungseinlage nochmals erhöht, so dass ein eigener Pfarrer angestellt werden konnte und die Sülzer und Eversener Gläubigen von Bergen unabhängig wurden. „Das war die Geburtsstunde des bis heute bestehenden Kirchenpatronats der Familie von Harling“, vermerkt die Festschrift zum 500. Jahrestag in 2002. Franz-Christian von Harling vertritt zur Zeit dieses Patronat der beiden von Harlingschen Güter in Eversen. Zum Patronat gehört, dass Bewerber auf eine vakante Pfarrerstelle sich zunächst bei den Patronatsberechtigten vorstellen. Diese schlagen dann den ausgewählten Kandidaten dem örtlichen Kirchenvorstand vor. Geradeso ist es beim jetzigen Pfarrer geschehen, der sehr gut geeignet erschien.

Letztlich gibt Franz-Christian von Harling sein Lebensmotto preis. Es ist – wen wundert’s – in ein kleines Gedicht gefasst, dessen zwei letzte Zeilen lauten: „…und nie verzagen in der Not, stets mit Humor, das walte Gott!“

Von Udo Genth