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Typen Ein Kellerkind: Friedeborg Jungermann
Mehr Typen Ein Kellerkind: Friedeborg Jungermann
08:51 16.01.2013
In ihrer Keller-Kemenate fühlt sich Friedeborg Jungermann ausgesprochen wohl.
In ihrer Keller-Kemenate fühlt sich Friedeborg Jungermann ausgesprochen wohl. Quelle: Udo Genth
Unterlüß

UNTERLÜSS. Die beiden bemalten Eier sind an der Decke montiert. „Bei mir ist eben alles anders“, lacht Friedeborg Jungermann. Die etwas eigenwillig montierte Dekoration ist ein Ausdruck dieses Andersseins, ebenso wie das Zimmer. Es ist klein, sehr klein sogar und liegt im Keller des Eigenheims, das Friedeborg Jungermann mit ihrem Mann Alf in Unterlüß bewohnt. „Ich bin ein Kellerkind“, lautet ein weiteres Wortspiel aus dem Munde der Künstlerin, für die der enge Raum der Mittelpunkt ihres Schaffens ist. Neben einem Waschbecken und einer Liege steht darin ein Schreibtisch. Der ist ebenfalls nicht groß, sondern würde in einem Möbel-Prospekt unter der Rubrik „Damen-Schreibtisch“ aufgeführt sein. An ihm malt Friedeborg Jungermann und schreibt. Viele Menschen und sicher die Mehrzahl der Künstler würden sich beengt fühlen, aber das nimmt Jungermann nicht wahr - bei ihr ist ja Vieles anders.

„Unterlüß istmeine Heimat“

Überall im Hause sind Hinweise auf das künstlerische Empfinden der Bewohnerin zu sehen. Kleine Plastiken, Modelle, Bilder und Zeichnungen, aber ebenso Sammlungen von Fossilien bringen den Besucher unvermittelt in die spezielle kunstbestimmte Atmosphäre des Hauses. Dabei ist der Lebensweg seiner Bewohnerin zunächst ganz nüchtern gewesen. Geboren wurde Friedeborg Giza, wie sie damals hieß, im November 1941 in Gleiwitz (heute Gliwice) in Oberschlesien. Nach dem Kriegsende kam sie mit ihren Eltern 1945 nach Unterlüß, wo ein Onkel Pastor war. In diesem Ort erfolgte ihre Einschulung, aber dann wurde ihr Leben durch viele Umzüge bestimmt. Koblenz, Mühlheim an der Ruhr, Aschaffenburg, Frankfurt am Main, nennt sie als Stationen ihres Lebens für die folgende Zeit. 1970 begann sie eine Lehre als Buchhändlerin. Vier Jahre vorher allerdings hatte sie einen Schauspieler in Aachen kennengelernt. Alf Jungermann hieß er, und bereits sechs Monate später heirateten die beiden. Er sattelte um und wurde im Verlagswesen tätig. So ging das vielfache Umziehen weiter. Das junge Paar wohnte in Berlin, Nürnberg, Bayreuth, München, Germering, Rosenheim und Stuttgart, ehe es 1999 wiederum nach Unterlüß kam und diesmal sesshaft wurde. Hier kauften die beiden Friedeborgs Elternhaus. „Unterlüß ist meine Heimat“, bekennt sie mit Nachdruck, „ich liebe die ruhige Landschaft ringsum“.

Malen autodidaktischerarbeitet

An einem Karfreitag wurde sie von einer Bekannten „zum Malen angestoßen“, wie Friedeborg Jungermann im Rückblick sagt. Obwohl sie keinerlei diesbezügliche Ausbildung genossen hatte und sich alles autodidaktisch erarbeitete, hat sie schnell ihren persönlichen Stil gefunden. Er ist originär und unverwechselbar. Vielleicht steht ihr der „fantastische Realismus“ des Wieners Ernst Fuchs nahe, aber eigentlich lässt sich ihre Art der Darstellung keiner gängigen Kunstrichtung oder -strömung zuordnen. Ein unverwechselbares Merkmal ist die Verwendung von Art Metall, das bald hinzukam und allen ihren meist kleinformatigen Bildern etwas Schwebendes, nahezu Märchenhaftes ausstrahlen lässt. „Gemalt habe ich von Kindesbeinen an“, erinnert sich die Künstlerin. 1968 begann sie, durch die Volkshochschule angeregt, mit Keramikarbeiten. Keine großdimensionierten Exemplare, vielmehr lag ihre Kunst im Kleinen, genauer gesagt in der Formgebung von Köpfen, Händen und Füßen für Puppen. Die fertigte sie an und verpasste den Figuren Frisuren – ebenfalls selbst hergestellt wie gleichermaßen die Kleidung. „So an die 200 Puppen habe ich wohl im Laufe der Jahre hergestellt“, meint Jungermann. Ihre genaue Anzahl ist ihr selbst nicht bekannt, zumal sie die meisten davon weggegeben hat.

Tagebücher, die sie geerbt hatte, richteten vor rund vier Jahren den Blick der bisher vorwiegend malenden Unterlüßer Künstlerin auf ein neues Metier. In den übernommenen Aufzeichnungen fand sie die akribisch-korrekte Darstellung von Ereignissen, vermisste hingegen jegliche Gefühle und Gedanken. Das war Jungermann Anlass, eigene Tagebücher zu schreiben. Seither bringt sie jeden Abend den Tagesüberblick zu Papier, beschreibt darin ihr Empfinden und gibt Rechenschaft über Handlungen und Empfindungen. Insgesamt rund 1450 Seiten hat sie bisher niedergelegt, handschriftlich wohlgemerkt, denn einen Computer benutzt sie nicht. „Ich kann auch nicht Auto fahren“, flicht in diesem Zusammenhang Friedeborg Jungermann lachend ein. Gelegentlich bewegen sie nachts Gedanken, die sie dann unmittelbar schriftlich festhält. Dazu steht, ganz traditionell, eine Schiefertafel neben ihrer Liege.

Eine Freundin gab Friedeborg Jungermann den Anstoß, aus diesen Tagebuchnotizen vorzulesen. Sie folgte bald der Anregung, und bei einer Lesung in der Hermannsburger Bücherei meinte eine Zuhörerin: „Machen Sie doch ein Buch daraus“. Dieser Satz fiel auf fruchtbaren Boden, und so erschien im Jahr 2010 das erste Bändchen der Unterlüßer Künstlerin. Es hatte den Titel „Poesie in Bildern und Worten“.

Freundin gibtIdee zum Buch

Herausgebracht hat es ein Celler Verlag. Das Buch enthält sowohl lyrisch-besinnliche wie heiter-nachdenkliche Texte, die gleichrangig neben den Bildern stehen. Es fand schnell eine sehr rege Aufnahme, so dass im Jahr darauf ein zweites mit dem Titel „Mit Worten malen“ folgte. Es weist den gleichen Zweiklang von Malerei und Poesie auf. Fortgesetzt wurde die Reihe mit „Gedankenbilder“, dem dritten Büchlein, das Anfang Dezember erschien. Diese literarischen Werke haben schnell eine Fan-Gemeinde gefunden. „Ich habe ja nicht geahnt, wie vielen Menschen ich mit meiner Kunst Freude bereiten kann“, sagt Friedeborg Jungermann und es klingt immer noch ein wenig verwundert, ebenso wenn sie bekennt: „An das Schreiben kam ich erst spät im Leben, vorher wusste ich nicht, was in mir steckt“. Dass sie daraufhin viel Post bekommt, freut sie aufrichtig.

Die Unterlüßerin unternimmt immer noch Lesungen, die sie über den Landkreis hinaus führen. So las sie aus ihren Tagebüchern nicht nur in Hermannsburg, wo sie ebenso Bilder ausstellte, sondern darüber hinaus in Langenhagen, Eschede und sogar in der Schweiz. Dabei reist sie - im Gegensatz zu ihrem Mann - nicht gern. „Mein Fernweh ist im Kopf“, lautet die Begründung. Dort wohne die Fantasie, und mit der könne sie Entfernungen überbrücken, die körperlich nicht möglich sind.

Udo Genth

Von Udo Genth