Buch über Heimleiter

Walther Kinkelin regierte die „Insel“ in Celle

Walther Kinkelin war 15 Jahre lang treuer NS-Anhänger. Anschließend leitete er 20 Jahre lang die "Insel" in Celle. Ein Buch berichtet nun über den Hausvater.

  • Von Andreas Babel
  • 07. März 2020 | 14:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
  • Von Andreas Babel
  • 07. März 2020 | 14:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Celle.

Heiner Schneider hat ein Abrechnungsbuch geschrieben. Er hat sich all das von der Seele geschrieben, was dort 45 Jahre herumlag. Er hat es bei BoD herausgebracht , also quasi im Selbstverlag. Der Titel „General Hausvater“ ist auf die Hauptperson gemünzt, auf den Theologen Walther Kinkelin, der die „Insel“, ein Internat der Inneren Mission in Celle, 1949 aufbaute und bis 1969 leitete. Kinkelin wird in Schneiders Buch als militanter und strenger Überwachungsfanatiker beschrieben. Er führte Fingernagel- und Frisurkontrollen durch, ließ seine Zöglinge, zu denen der Autor drei Jahre lang gehörte, antreten und marschieren.

Langhaariger Schüler widersetzt sich

Doch Schneider (Jahrgang 1950) widersetzte sich all dem Drill. Er beschreibt seinen Kampf gegen den Mann, der 15 Jahre lang der NSDAP treu diente, und schließlich nach zwei Jahren die Umerziehung des frechen, langhaarigen Jugendlichen angeblich aufgab. Kinkelin isolierte den Schüler, verbot ihm den Ausgang, warf ihn aber nicht aus dem Heim, obwohl er nahezu keine seiner Anweisungen befolgte.

Autor lässt sich nicht kleinkriegen

Auch nach seiner Zeit in dem Heim geriet Schneider mit zweien seiner Lehrherren aneinander, erst mit dem dritten kam er klar. Nach dem Abbruch seiner Rundfunkmechanikerlehre zog er seine Druckerlehre durch. Anschließend ging er als Korrektor zur „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Zum Ende seiner beruflichen Laufbahn war er zudem Immobilienmakler. Heute gibt er noch Gitarrenkurse in der Kreismusikschule. Seine Frau, mit der er seit 48 Jahren verheiratet ist, glaubt ihrem Mann, dass er sich von Kinkelin nicht kleinkriegen ließ: „Mein Mann kommt aus einer kaputten Ehe. Er war früh auf sich alleine gestellt und musste seine eigenen Entscheidungen treffen. Das war ja nicht das erste Internat, in dem er war.“

Aus Baracke auf Allerinsel an Amelungstraße umgezogen

Im Frühjahr 1950 begann der Bau des Lehrlingswohnheims der „Inneren Mission“ an der Amelungstraße. Schon im November desselben Jahres konnten die ersten von insgesamt 86 Lehrlingen dort einziehen. Es war damals das erste Heim dieser Art in Niedersachsen. Vor allem Heimatvertriebene und Waisen waren dort untergebracht. Gegründet wurde „Die Insel“ in einer langgestreckten Baracke auf der Allerinsel, hinter dem damaligen „Städtischen Schützenhaus“, in dem damals auch die „Residenz-Lichtspiele“ untergebracht waren. Das Lehrlingsheim war im Herbst 1949 aus dem alten Heimkehrerheim „Die Insel“ hervorgegangen.

16-Jährige Stubenväter hatten das Sagen

Die CZ berichtete Ende 1950 über die „Insel“: „Neuesten pädagogischen Erkenntnissen Rechnung tragend, erfolgt die Erziehung durch die älteren Jungen. Es ist erstaunlich zu hören, welche Wege die oft erst 16jährigen ,Stubenväter‘ beschreiten, und wie sie bemüht sind, die Mentalität ihrer Kameraden zu erfassen und, entsprechend der Eigenart eines jeden, leicht aber wirkungsvoll die Zügel zu führen. Dadurch wird das Gefühl der Verantwortung gegenüber seinem Nächsten geweckt. Der Heimvater steht über und hinter allem, ohne jedoch jene anrüchige Erziehungsperson mit dauernd erhobenem Zeigefinger zu verkörpern.“

System der "gelenkten Demokratie" eingeführt

Im einem CZ-Bericht vom 5. Oktober 1954 ist die Rede von Kinkelins System einer „gelenkten Demokratie“. In den Zimmern würde der „Älteste“ gewählt, „der im kleinsten Kreise versuchen muß, sich durch gutes Auftreten und vernünftige Absichten den Respekt seiner Stubenkameraden zu verschaffen und zu erhalten“. Die Konferenz der Zimmerältesten wähle den Sprecher. Diesem helfen verschiedene Ausschüsse, der Kulturausschuss und der Bücherausschuss beispielsweise. Letzterer habe ein besonders schönes Amt: „das gelenkte Lesen“. Die staatsbürgerliche Erziehung werde auch durch die Einrichtung eines Heimehrenrats betrieben. Was sich hier nach Basisdemokratie anhört, stellt Schneider in seinem Buch als Alleinherrschaft Kinkelins dar.

„Insel“-Kommandant lässt marschieren

1963 waren in dem Wohnheim „Die Insel“ 101 Schüler und Lehrlinge, und zwar 23 höhere Schüler, 22 Schülerinnen, 35 Spätrücksiedler-Schüler und 21 Lehrlinge. Die Mädchen waren damals bei ausgesuchten Familien untergebracht. Durch einen Erweiterungsbau wurden ab Sommer 1963 Plätze geschaffen, in denen auch die Mädchen untergebracht wurden. Bis Oktober 1964 hatte die „Insel“ in den 15 Jahren ihres Bestehens rund 750 junge Menschen betreut und beherbergt.

Magazin "Der Spiegel" berichtet kritisch

Am 25. März 1968 veröffentlichte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ einen fast einseitigen Bericht über die Erziehungsmethoden des Celler Pädagogen. Kinkelin wird dort als „Insel“-Kommandant bezeichnet, der seine Zöglinge mit Kommandos wie „Stillgestanden! Links um! Im Gleichschritt zur Ausgangstür! Marsch“ befehligt haben soll – und das 23 Jahre nach Kriegsende. Im Dritten Reich sei er Gauorganisationsleiter und 1938 erfolgloser Kandidat für die „Liste des Führers zur Wahl des großdeutschen Reichstages“ gewesen. Im „NPD-freundlichen Celle“ lasse er „die Zucht des alten Preußens walten“. Unter den Erziehern der „Insel“ sei auch der frühere Intendant der mainfränkischen Gaubühne in Würzburg, Karl Löser. Dieser zensierte wie Kinkelin die Briefe, die die Bewohner einmal pro Woche an ihre Erziehungsberechtigten zu schreiben hatten.

Pädagoge schaltet ganzseitige Anzeige in der CZ

Kurz darauf sah sich Walter Kinkelin genötigt, eine ganzseitige Anzeige in der CZ zu finanzieren, in der er umfassend zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen Stellung nahm. Als er zum Ende zum „Pudels Kern“ vorstieß, gab er zu, 1930 „als Pennäler“ in die NSDAP eingetreten zu sein. Er habe damals den Mann gelobt, damit ist offensichtlich Adolf Hitler gemeint, der verhindern wollte, dass sich „Linke und Rechte gegenseitig die Köpfe einschlagen“. Er habe als Gauorganisationsleiter mitgeholfen, die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) und das Winterhilfswerk aufzubauen. „Dafür kam ich aus dem Kriegsgefangenen- in ein Internierungslager und habe dort meine drei Jahre abgesessen.“ Konsequenzen werde er aus den Vorwürfen nicht ziehen: „Wir werden in unserem Heim keine Sex-Zimmer einrichten. Wir werden unsere jungen Freunde nach wie vor alle drei Wochen zum Friseur schicken. Wir werden sie dazu anhalten, ihren Eltern Freude zu machen, in der Schule eines korrekten Verhaltens zu befleißigen und nach besten Kräften ihre Pflicht zu tun.“

"Neuer Geist" zieht in Insel ein, als Kinkelin ausscheidet

Gut ein Jahr später verkündete die CZ, dass es mit Rudolf Kraft (damals 53) einen neuen Leiter der „Insel“ gebe. Am 2. Juli 1969 hieß es: „Damit ist die Krise um die ,Insel` beendet. Die gefundene Lösung wurde letzten Endes dadurch ermöglicht, daß der bisherige Leiter Kinkelin, der seit 20 Jahren der ,Insel` vorgestanden hatte, aus Gesundheitsrücksichten um seine vorzeitige Pensionierung nachgesucht hatte.“ Das wird dem 59-Jährigen sicher nicht leichtgefallen sein. Gleichzeitig wurde die „Insel“ an das Christliche Jugenddorf Deutschland (CJD) angeschlossen. Mit dem „Regierungswechsel“ solle gleichzeitig ein neuer Geist in der „Insel“ heimisch werden, hieß es im CZ-Bericht.

Als Burschenschafter in Celle aktiv

Heinrich Martin Walther Kinkelin trat in Celle nur noch einmal öffentlich in Erscheinung und zwar als Burschenschafter. In der Städtischen Union feierte die „Vereinigung alter Burschenschafter“ (VaB) Celle am 13. Oktober 1978 ihren 75. Geburtstag und ihr Vorstandsmitglied Walther Kinkelin eröffnete den Festkommers mit drei festen Degen-Schlägen auf den Tisch. Am 23. Oktober 1981 starb Walther Kinkelin in Celle. Seine Ehefrau Gerda überlebte ihn um 24 Jahre.

Hausvater war autoritär, verstand es aber feiern zu lassen

Eine Cellerin, die ihn näher kannte, beschrieb Kinkelin als „autoritär“. Sie kann es sich nicht vorstellen, dass ein 14-Jähriger sich so selbstbewusst und frech ihm gegenüber verhalten hat, wie es Schneider von sich in seinem Buch behauptet. Die fast 102-jährige Brigitte Feldhaus hat mit den Bewohnerinnen ihres Mädchenwohnheims an der Schieblerstraße Kinkelins „Insel“ mehrfach besucht. Sie erinnert sich zum Beispiel an eine fröhliche Karnevalsveranstaltung, die sie gemeinsam an der Amelungstraße verbracht haben . „Das war immer eine nette Sache“, erinnert sich die Pädagogin im Ruhestand.

Spätaussiedler hat Kinkelin viel zu verdanken

Im Jahr 2012 meldete sich Georg Splett bei der CZ. Er hatte von Schneiders Vorwürfen gegen Kinkelin in der CZ gelesen. Splett kam Anfang der 1970er Jahre aus Polen nach Celle in die „Insel“. Splett begründet Kinkelins hartes Regiment mit dem Druck, die unterschiedlichen Bewohner wie Flüchtlinge, Vertriebene und von den Eltern Weggeschickte unter einen Hut bringen zu müssen. Er sagte vor acht Jahren, dass er Kinkelin viel zu verdanken habe.

Pastor besorgt ehemaligen Nazi einen Job

Professor Dr. Hans-Helmut Decker-Voigt (Jahrgang 1945) erlebte als Kind und Jugendlicher Walther Kinkelin als Tischgast seines Großvaters, des Neuenhäuser Pastors Wilhelm Voigt. Er kam ihm dabei „überkorrekt“ und „distanziert“ vor. Sein Großvater hatte ihn öfter zu Gast und half mit, ihm den Job als Heimleiter zu besorgen, weil er ihm gegenüber Reue gezeigt habe.

„Jedermann wusste, woran er mit mir ist.“

Was seine Nazi-Vergangenheit angeht, so schrieb Kinkelin in seiner Anzeige 1968 in der CZ selbst über sich, dass Superintendent, Pastor und ein jüdischer Oberlandesgerichtsrat geprüft hätten,was er während der NS-Zeit getan habe. Er sei „zugehörig“ gewesen, aber es liege „nicht die geringste persönliche Belastung“ vor. Den Vorwurf, nichts gegen das verbrecherische Regime unternommen, sondern ihm sogar gedient zu haben, wischt er beiseite. Er ordnet sich selbst vielmehr als Ewiggestriger ein: „In Celle hat vom ersten Tag an jedermann gewußt, woran er mit mir ist.“

Lebenslauf Walther Kinkelin

21. März 1910

Geburt

1930

Der NSDAP beigetreten

seit 1937

Gauorganisationsleiter

August 1944 bis Februar 1945

NSDAP-Kreisleiter Viersen/Kempen

bis 1948

Gefangenschaft und Internierung

1949

Gründung der „Insel“, seitdem "Hausvater" dort

1969

vorzeitig pensioniert

23. Oktober 1981

in Celle gestorben