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Typen „Bin immer Visionär gewesen“
Mehr Typen „Bin immer Visionär gewesen“
12:52 13.06.2010
Sabine Schöllchen gönnt sich nach ihrer anstrengenden Physiotherapie gern ein Glas Tee - dabei lässt sich die alltägliche Arbeit viel leichter erledigen.
Sabine Schöllchen gönnt sich nach ihrer anstrengenden Physiotherapie gern ein Glas Tee - dabei lässt sich die alltägliche Arbeit viel leichter erledigen. Quelle: Torsten Volkmer
Celle Stadt

Der asymmetrische Haarschnitt, eine Seitenpartie mittellang und strähnig, die andere Seitenpartie kurz, dunkle und helle Strähnen: Das ist schon fast das Markenzeichen der ehemaligen engagierten Pädagogin Sabine Schöllchen. Ein buntes Halstuch steckt in ihrem schwarzen Pullover, dazu trägt die 55-Jährige eine schwarze Hose.

Nicht nur das Äußere und das Outfit, auch ihre Wege sind sehr individuell. Der Begriff Powerfrau treffe auf sie zu, gesteht sie. Die Herausforderung als solche schätzt sie bis zum heutigen Tage. „Ich bin immer visionär gewesen“, sagt Sabine Schöllchen von sich selbst.

Eigene, ungewöhnliche Wege ging sie als ehemalige Leiterin der Albrecht-Thaer-Schule gern. Ihre Einstellung tut sie auch anderen kund. Mit einem Spruch, der auf einem schwarzen Japanpapier an der Wand vor ihrer Wohnungstür zu lesen ist, habe sie nicht nur sich selbst ermutigt, eigene Wege zu gehen. Sie ermutigt auch andere Menschen, ausgetretene Pfade links liegen zu lassen. Schöllchen war eine begeisterte Pädagogin. Plötzlich kam für sie das Aus. Im Alter von 54 Jahren musste sie in den Ruhestand gehen. Ein tragischer Unfall mit Folgewirkungen setzt ihr bis heute gewaltig zu. Mit ihrem plötzlichen Abschied vom Schuldienst im Frühjahr dieses Jahres hadere sie sehr, gesteht sie offen. Verschiedenen schweren Erkrankungen stellte sie sich in ihrem Leben immer offensiv. „Keine Herausforderung ist mir lästig“, gesteht die Berufsschullehrerin.

Schon als junge Frau traute sie sich vertretungsweise die Leitung einer Großküche in einem Altenheim zu und hatte die Idee, Senioren mit in die Arbeit einzubinden. Ihre Mutter betraute sie schon früh mit Aufgaben in ihrem Papiergeschäft.

Unfall führte zu Bänderanriss und Gelenkentzündungen

Der tragische Unfall beim Besuch mit Schülern auf der Grünen Woche hat sie buchstäblich aus der Bahn geworfen. Eine falsche Drehung ihres Körpers verursachte in einem Knie einen Bänderanriss. Es entwickelten sich Entzündungsprozesse in den Gelenken.

Nach ihrem schweren Unfall und der frühen Pensionierung habe sie sich geniert, in ein Konzert oder eine ähnliche Veranstaltung zu gehen. Mehrere Monate sei sie nicht in die Öffentlichkeit gegangen, gibt sie unumwunden zu.

Auf die betriebsnahe Ausbildung, die sie in verschiedenen Berufsfeldern geschaffen habe, sei sie besonders stolz, gesteht sie. In ihrer klaren, festen Stimme liegt Entschlossenheit und Ehrgeiz. Wenn sie die Ärmel ihres schwarzen Pullovers mit beiden Händen leicht hochschiebt und mit den Händen stark gestikuliert, spürt man ihr inneres Engagement. Ideen habe sie manchmal nachts kreiert, wenn sie nicht schlafen konnte.

Als sie im Vorfeld eines Besuchs von Schulleitern in Celles Partnerstadt Tjumen zwecks Austausch über Berufsausbildungen und deren Fortentwicklung auf der Suche nach Gastgeschenken war, traf sie den ehemaligen Expobeauftragten Andreas Röper. Im Gespräch sei das Expo-Projekt „Keimzelle Zukunft-Heilen im Dialog“ gewesen. Auf dem Gelände an der Wittinger Straße sollte ein Heilpflanzengarten entstehen. Sabine Schöllchen hatte die Idee, ein Café einzurichten, das von Schülern der Albrecht-Thaer-Schule bewirtschaftet werden sollte. Schüler der gymnasialen Abteilung be­wirt­schaften das Café KräuThaer. Im Berufsfeld Hauswirtschaft habe sie den Lehrer-Schüler-Mittagstisch eingerichtet. Der Landkreis hatte auf ihre Bitte hin eine Großkücheneinrichtung installiert, so dass verschiedene Klassen für 50 Personen ein Mittagessen kochen können. „Schüler, die schulpflichtig sind, aber noch keine Lehrstelle haben, können hier betriebsnah arbeiten lernen“, sagt Schöllchen. Die jungen Leute können lernen, sich in ihrem Geschmack nach dem Wohl der Gäste zu richten. Im Berufsfeld Er­nährung richtete sie das „Thaers-tro“ ein, eine Bäckerei mit Bistro.

Behinderten Menschen Chancen eröffnen

Für Menschen mit leichten Behinderungen hat die Pädagogin Ausbildungszweige eingerichtet. „Mir war es wichtig, dass benachteiligte Schüler Chancen kriegen.“ Sie initiierte Ausbildungen zu Gartenbauwerkern, zu Helfern in der Hauswirtschaft und zu Beiköchen. Der produktionsorientierte Ansatz, aufgrund dessen die Schüler verschiedene Produkte für den Laden im Heilpflanzengarten erstellen müssen, sei von ihr initiiert worden. Schüler hätten gute Umgangsformen gelernt. Wenn es um eine Sache ging, scheute sie keinen Konflikt mit einer Behörde. Mit Kollegen habe sie sich jedoch nicht gern auf Konflikte einlassen wollen.

Heute ist ihr Wochenplan auch stark strukturiert. Dreimal pro Woche geht sie zur Physiotherapie. „Mittwochs ist mein Bürotag“, sagt sie. Freitags kommen Frauen , die sie aus dem früheren beruflichen Umfeld kennt, zum Kaffeetrinken. Es werde über fröhliche Dinge und über ernste Lebensfragen gesprochen. Am Wochenende begegnet sie ihrem Freund Peter, der in Braunschweig wohnt. Bei ihm finde sie Ruhe und Geborgenheit.

Teilnahme an Sitzungen der Tourismus Region Celle

Früher konnte sie schweißen, Motorrad fahren und segeln. Gern begab sie sich auf Fernreisen. Heutzutage nimmt sie an Sitzungen des Berufsbildungsausschusses der Handwerkskammer Lüneburg-Stade und an Sitzungen des Aufsichtsrates der Tourismusregion Celle teil. Zuhause widmet sie sich ihren selbst gezüchteten Tabakpflanzen. Erdbeeren, Küchenkräuter, Tomaten und Paprika züchtet sie auf dem Balkon ihrer Drei-Zimmer-Eigentumswohnung. Gern liest sie Reiseberichte, Historien- und Kriminalromane.

Demnächst hofft sie auf eine erfolgreiche Therapie in einer Schmerzklinik. Neue Ziele hat sie bereits: Als Mitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft werde sie an Fachtagungen auf Bundesebene teilnehmen. Auch möchte sie ehrenamtlich tätig werden.

Lebenslauf

-19. Mai 1954 in Burbach

(Kreis Siegen) geboren

-22. April 1965 bis Dezember

1968 neusprachliches

Gymnasium in Neunkirchen

-Januar 1969 bis 9. Juni

1972 Realschule Burbach

-7. September 1970 bis

9. Juni 1972 Fachober-

schule Ernährung und

Hauswirtschaft in Siegen

-1972/73 bis

10. Februar 1976

Fachhochschule Münster

Fachbereich Ernährung

und Hauswirtschaft

-1978/79 Universität

Hannover: Studium des

Lehramtes für

berufsbildende Schulen

-1. August 1983 bis

31. Juli 1985 Ausbildung

zur Beratungslehrerin

-1983 bis 8. November

1985 Studium an der

Universität Oldenburg

-1. Februar 1986 bis

16. Oktober 1989

Dezernentin am Nieder-

sächsischen Institut für

Lehrerfortbildung und

Unterrichtsentwicklung

in Hildesheim

-18. Oktober 1989 bis Ende

Januar 1995 Koordinatorin

an den Berufsbildenden

Schulen V in Braunschweig

-1. Februar 1995 bis

1. März 2009 Leiterin der

Albrecht-Thaer-Schule

Von Anne Marx