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Typen Beim Reisen Menschen entdeckt
Mehr Typen Beim Reisen Menschen entdeckt
13:58 30.12.2015
Hambühren

Den Vers 12 vom Psalm 90 „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen“, kennt Gudrun Holzapfel auswendig. „Das haben wir uns immer wieder verinnerlicht“, verdeutlicht die Hambührenerin ihr Lebensmotto und das ihres Mannes. Der Bibeltext habe ihr sehr geholfen, als ihr Mann plötzlich starb. „Das war kurz vor meinem 70. Geburtstag. Das kam für uns alle wirklich sehr überraschend“, erinnert sich die dreifache Mutter daran, dass ihre Kinder sie dann ermutigt hatten, dennoch ihren Geburtstag würdig zu feiern. „Und das war gut so, denn das hätte mein Mann auch so gewollt.“

Bis dahin sind Gudrun und Eberhard Holzapfel viel gereist, haben viel über den eigenen Tellerrand geguckt. „Wir sind immer reisewütige Leute gewesen“, sagt sie jetzt. „Möglichst individuell und nicht mit Club und Co.“, beschreibt sie ihre Philosophie.

Von Skandinavien ins Baltikum über Polen, Spanien, Armenien und Marokko bis nach Russland, Argentinien und in die Vereinigten Staaten. „Wir haben wirklich viel von der Welt gesehen. Wir hatten uns stets auf das Reiseland gut vorbereitet, so dass wir immer mit Hintergrundwissen gespickt waren, bevor wir starteten.“

Zurückgekehrt mit unzähligen Reiseeindrücken und Fotos arbeiteten beide anschließend das Erlebte auf. „Das führte dazu, dass ich Vorträge über die Länder hielt und so über unsere Reisen berichtete“, erzählt Gudrun Holzapfel, wie es zu ihrem Hobby kam, in Kirchengemeinden, bei Landfrauen und vor anderen interessierten Zuhörern über das Erlebte dem Publikum die Länder näherzubringen. „Wir haben auf unseren Reisen auch immer mit großem Interesse Friedhöfe besucht. Daraus ist dann der Vortrag ‚Friedhöfe der Welt’ entstanden.“

„Ein ganz alter Traum meines Mannes und von mir – noch aus der Studentenzeit – war es, einmal um die Ostsee zu reisen“, sagt die 72-Jährige. Damals, in den 60er Jahren sei das nicht möglich gewesen, aber bald nach der Wende hätten sie den Traum verwirklicht. „Da hatten wir schon ein wenig Angst, ob das möglich sei.“ Aber die erste Reise führte dazu, dass eine dauerhafte Beziehung entstand: „Mit Reda und Virmantas aus Litauen verbindet uns seit 1992 eine herzliche Freundschaft.“ Und das Interessante: Beide Paare mussten jeweils die Bedenken aus ihren Verwandten- und Freundeskreisen revidieren.

Vorbehalte und Vorurteile führen leider auch heute dazu, dass sehr zurückhaltend reagiert wird: „Zum Beispiel Flüchtlingen gegenüber“, beschreibt sie die aktuelle Situation. „Wir alle sollten viel offener und vorbehaltloser den Asylbewerbern gegenüber auftreten“, findet Holzapfel und berichtet aus der Zeit, als in der früheren Bundeswehrkaserne in Hambühren für 200 Aussiedler und Asylbewerber ein Übergangsheim eingerichtet wurde. „Im Rahmen meiner Kirchenvorstandsarbeit der Auferstehungsgemeinde kümmerten wir uns um die Menschen, die ihre Heimat verlassen hatten und unsere Sprache zum Teil nur spärlich konnten.“

Es war das Ziel, die Familien zu begleiten und in vielfältiger Art Kontakte zu den Einheimischen herzustellen. Durch zupackendes Handeln sei es damals möglich geworden zu helfen. Dank der Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk und durch Unterstützung des Kirchenkreises Celle und des Landkreises Celle ist eine Kindergartengruppe eingerichtet worden. Der seinerzeitige parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Horst Waffenschmidt, habe sich Anfang der 90er Jahre sehr für die Integration der Aussiedler eingesetzt. Er hat gefordert, Hilfen in den Herkunftsländern zu leisten, um weiteren Zuzug einzudämmen. „Durch diese Arbeit ergab sich eine Reise zu den Herkunftsorten der Aussiedler, nach Omsk in Sibirien. Vier Frauen aus Hambühren nahmen daran teil“, berichtet Holzapfel.

„Das ist heute nicht viel anders“, sagt Gudrun Holzapfel mit Blick auf die Bundeskanzlerin und deren Satz „Wir schaffen das.“ Nicht ohne Grund sei Waffenschmidt damals als ‚Apostel der Russlanddeutschen‘ tituliert worden. „Wir schaffen das auch heute wieder“, ist Gudrun Holzapfel sicher. Man müsse das Thema gemeinsam und vorbehaltlos angehen.

Und bei gemeinsam und vorbehaltlos denkt sie auch an Europa. Hier könne sich die europäische Solidarität beweisen. „Die Pegida-Grölereien auf den Straßen machen mir Angst.“

Am meisten schlägt ihr Herz für die Kinder. Auch zu Hause. Der kleine Holzlastwagen ziehe die Kinder immer noch an, freut sich Gudrun Holzapfel, dass sich auch ihre Enkelkinder noch immer gern mit dem großen Holzspielzeug beschäftigen. Jetzt steht das Fahrzeug in seiner „Garage“ unter dem Kachelofen und wartet auf den nächsten Besuch. „Wenn sie mal da sind“, schränkt Holzapfel ein, denn die Enkel wohnen mit ihren Familien in Hamburg und Süddeutschland. „Da fahr ich lieber schon mal zu meinen Kindern“, beschreibt die Rentnerin ihre Reiselust.

Wie sehr Gudrun Holzapfel Kinder in ihrem Fokus hat, wird auch deutlich, wenn sie ihr jüngstes Vorhaben beschreibt: Es ist ein Projekt des Vereins „Begegnung Christen und Juden Niedersachsen“ und sie sammelt Spenden für das Internat in Buchara in Usbekistan. „Dort leben 250 geistig und körperlich behinderte Kinder. Das Haus als Selbstversorger mit Obst und Gemüse trägt sich fast allein und Gartenarbeit ist ein wesentlicher Bestandteil.“ Nach Anschaffung von drei Waschmaschinen und Raumklimageräten hat sich Holzapfel jetzt zum Ziel gesetzt, Spendengelder für einen kleinen Trecker zu sammeln, um den jungen Bewohnern die Bodenbearbeitung zu erleichtern. Darum hält Holzapfel bei ihren Reisevorträgen immer einen kleinen blauen Trecker bereit – eine Spardose, um an die Spendenbereitschaft zu appellieren.

Aktuell beschäftigt sie sich mit der religiösen Vielfalt an der östlichen EU-Außengrenze. Das ist ein interessantes Thema, das ich in meinen Vorträgen aufgreife, sagt sie. Am 8. März wird sie dazu in Faßberg sprechen.

Zwischendurch deutet Gudrun Holzapfel auf die brennende Kerze auf dem Tisch: „So ist mein Mann immer dabei.“ Schließlich sei er es gewesen, der sie damals dazu ermuntert habe, erste Reiseberichte zu verfassen. Mit ihm habe sie auch ihre tiefen Einblicke ins Judentum gewonnen. New York 1995, Prag, Pilsen und Theresienstadt 1997 oder bei den Reisen nach Andalusien, Marokko, Argentinien und Weißrussland. Und auch in Usbekistan haben sie Begegnungen mit dem Judentum gehabt. „Das Thema begleitet mich sehr stark …“

Lebenslauf

1943 in Hamburg geboren und aufgewachsen; anschließend Ausbildung zur technischen Zeichnerin

1966 Hochzeit mit Eberhard Holzapfel

1967, 1970, 1971 Geburten der Kinder

1976 bis 2004 Kirchenvorstandsarbeit in Hambühren 1988 bis 2004 als Vorsitzende

1991 bis 1994 Ehrenamtliche Tätigkeit mit Aussiedlern in Hambühren; seit 1994 Vorträge über Reisen in verschiedene Länder

seit 2013 Projekt zur Unterstützung des Internats in Buchara (Usbekistan)

Von Lothar H. Bluhm