AWO-Kitaleiterin

„Hinterm Horizont geht’s weiter"

Mehr als 40 Jahre hatGisela Krüger in der Kita am Altenhäger Kirchweg gearbeitet. Zum Abschied tratder Hausmeisterals Udo-Lindenberg-Double auf.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 10. Apr. 2019 | 12:51 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Celle.

Zur Begrüßung streckt sie den Kopf in die Küche: „Guten Morgen!“ – Jeder Gruppe sagt sie „Hallo“, und drei Kinder laufen in ihr Büro, klettern auf den Stuhl und dürfen ihren Mamis und Papis zum Abschied winken. Ja, sie ist die Leiterin des AWO-Kindergartens am Altenhäger Kirchweg, Gisela Krüger, auch liebevoll „unsere Krügi“ genannt – oder besser: war. Wie eine Mutter wachte sie tagein, tagaus über ihre 15 Mitarbeiter und die rund 100 Kinder. Am 29. März war ihr letzter Kita-Tag.

Geboren wurde Krüger 1953 in Winsen. 1954 zog die Familie nach Celle. „Ich hatte eine sehr schöne Kindheit. Wir besaßen nicht viel, aber ich hatte viele Freunde“, erzählt Krüger. Vor allem habe sich ihr Leben auf der Straße abgespielt und in der Natur. „Wir entwickelten viel Kreativität. Kindergarten war damals noch absolut die Ausnahme. “ Auch an eine schöne Zeit in der Blumläger Schule denkt Krüger gern zurück und an ihre Lieblingslehrerin Käthe Schmidt. „Sie hat in mein Poesiealbum geschrieben“ – heute das Freundebuch. Eine Begebenheit mit dieser Lehrerin trägt Krüger wie einen Schatz bei sich: „Ich war früher eher schüchtern, aber als wir so spazieren gingen, kam ich irgendwie an ihre Hand, und wie sich die angefühlt hat, weiß ich heute noch. Wenn die Kinder sich bei uns auch so wohl fühlen, haben wir alles richtig gemacht.“

Kreativer Kopf und Frau am Funk

1969 begann Krüger die Ausbildung zur Kinderpflegerin. „Ich liebte es immer schon, Kinder einzuhüten und mit ihnen spazieren zu gehen. Den Beruf Kinderpflegerin hatte ich sehr früh im Kopf.“ Nach der zweijährigen Schulausbildung und einem Anerkennungsjahr in einer Celler Familie holte Krüger die Mittlere Reife nach und schloss 1973 eine Ausbildung zur Erzieherin an. „Im Sommer 1976 war ich fertig und kam am 1. November als Erzieherin in den AWO-Kindergarten in die gelbe Gruppe.“ Die gibt es neben der blauen, roten und grünen heute noch. Ab 1981 hat Krüger die Leitung übernommen, zunächst parallel zur Gruppenarbeit. „Später oblag mir dann nur noch die Leitung der Einrichtung.“

Einige Kollegen waren damals schon dabei, so Petra Hadrossek, für alle „Petzi“, sowie der Hausmeister Horst-Dieter Hälsig, der gerade sein 45-jähriges Dienstjubiläum gefeiert hat. Natürlich gab es über die Jahre Neuzugänge und Abwanderungen, aber immer stimmte die Chemie. Die Mitarbeiter loben: „Sie war die beste Chefin, die man sich wünschen kann. Ein sehr kreativer Kopf. Ihr gingen nie die Ideen aus und sie war für jeden Spaß zu haben.“ Nur so ließen sich wunderbare Projekte realisieren.

Seifenkistenrennen als Gemeinschaftsaktion

Jedes Jahr ein Highlight waren die Freizeiten, bei denen die Kleinen erstmals eine Nacht von zu Hause weg im Waldhaus verbrachten und neben Tierspuren auch ganz neue Gefühle entdeckten. „Viele Kinder sind über Nacht richtig gewachsen“, weiß die Leiterin und erzählt: „Einmal erschienen vier junge Damen in meinem Büro auf Junggesellenabschied, drei waren früher bei mir im Kindergarten und eine sagte glücklich, ihre Brautrede fange mit der Freizeit an. Ein besseres Lob gibt es nicht.“

Neben vielen Projekten auch innerhalb der Gruppen, den jährlichen Festen und dem Karneval ist die intensive Zusammenarbeit mit der Hehlentorschule zu erwähnen. Das Seifenkistenrennen ist zur riesigen Gemeinschaftsaktion geworden. Natürlich stand dem Kindergarten ein eigener Rennwagen zur Verfügung. Der „Feuerblitz“ wurde von Vätern gebaut. Krüger ist nie selbst gefahren. „Ich war immer die Frau am Funk, am Ackerschnacker, einem alten Wehrmachtstelefon.“

Im Austausch mit der Hehlentorschule wurden außerdem das „Leuchtturmprojekt“ sowie die allseits beliebten Waldtage, abenteuerlustige Kennenlernmomente zwischen den angehenden und jüngsten Schulkindern, aus der Taufe gehoben. „Das machte Erziehern, Lehrern und Kindern immer einen Riesenspaß.“

Leih-Hühner in der Kita

So war das letzte Projekt, das Krüger begleitet hat, das mit den Hühnern. „Wir haben für 14 Tage Hühner gemietet, um den Kindern zu zeigen, wie sie leben, wie man sie pflegt und wie sie Eier legen, damit wir gemeinsam frühstücken können.“ Es gehe auch um Zeit. Zeit zum Beobachten, zum Beisammensein am Tisch mit Hühnern und Frühstücksei. „Das Oberthema sind die Heinzelmännchen“, sagt Krüger, die darum zum diesjährigen Kinderfasching als Heinzelmännchen ging. „Heinzelmännchen sind Wesen, die mit den Händen in der Erde wühlen und in der Natur umherstreifen.“ Anders gesagt, es sind kleine Helfer, um die Kinder wieder mal zu erden.

„Wir möchten den Kindern einen guten Rahmen bieten, damit sie Zeit und Ruhe finden, einfach zu spielen“, erklärt Krüger ihr ausgefeiltes wie simples Konzept. „Es soll hier ihr Haus sein. Sie sollen sich angenommen fühlen. So durften sich kranke Kinder gern auf dem Sofa mit „Krügis“ Kuscheldecke und Kuscheltieren ausruhen. Die Beziehung ist das Allerwichtigste. Auch lernen Kinder durch Spiel. Wir wollen Anreize bieten, sie aber nicht überhäufen.“ Häufig sind die Hobbys am Nachmittag zu viel. „Kinder brauchen Ruhe, Dinge zu Ende zu machen. Und sie brauchen Grenzen, klare Rahmen“, weiß Krüger. „Wir arbeiten nach dem Situationsansatz, holen Kinder da ab, wo sie gerade sind, was sie brauchen.“ Nicht mehr funktionieren würden die Größen der Gruppen. „Zwei Quadratmeter pro Kind, 25 Kinder pro Gruppe, passt nicht mehr.“

Besondere Verbindung zu Udo

„Krügi“ und die Musik ist eine eigene Liebhaberei. „Das mit Udo ist eine ganz besondere Geschichte“, lächelt sie. „Wir beide, Konrad und ich, waren 2013 mit der „Queen Elizabeth“ nach Island unterwegs. Ich hole mir gerade ein Getränk und drehe mich um, da steht doch hinter mir Udo Lindenberg mit Hut und leibhaftig, wie man ihn eben kennt. Aber als Gast, er war nicht als Showstar gebucht. Udo fand ich ja schon immer gut, aber durch diese Begegnung wurde das neu belebt.“ Witzigerweise sei der Hehlentorschul-Rektor ebenfalls Udo-Fan.

Und noch etwas freute Krüger: Udo besuchte ihren Kindergarten. Na ja, nicht der echte. Der Hausmeister, längst ein guter Freund, überraschte sie beim Abschiedsfest in cooler Udo-Montur. Überhaupt schwebte „Krügi“ an diesem Tag auf Wolke sieben. Was hatte man nicht alles gebastelt, gedichtet und arrangiert! Ein eigenes Königszelt für die herzensgute, lustige Majestät wurde aufgebaut. Hierunter thronte die Leiterin mit Zepter und Krone und lauschte einem ihrer Lieblings-Songs „Hintern Horizont geht’s weiter“, gesungen von lauter Muttis und ihrem tollen AWO-Team.

Und nun? „Mein größter Wunsch? Da habe ich noch keinen genauen Plan“, gesteht die frischgebackene Pensionärin. „Ich habe so viel und lange gearbeitet, mal sehen, was ich mit so viel Freizeit mache. Konrad, der Mann an meiner Seite seit 34 Jahren, hat für meine Arbeit immer viel Verständnis gezeigt. Nun ist er auch mal dran.“ Was Krüger aber sicher weiß: „Ich möchte endlich zu anderen Zeiten schwimmen.“ Wasserratten wissen, bei Wind und Wetter zog „Krügi“ bislang im Westerceller Freibad täglich abends ihre Bahnen. „Und im Chor möchte ich singen.“ Nun heißt es in Udo-Manier über den kleinen Hügel schauen. Volle Fahrt voraus, nicht nur mit ihrem orangefarbenen Beetle mit Sonnendach.

Lebenslauf

1953

geboren in Winsen

1969-1971

Ausbildung zur Kinderpflegerin

1972-1973

Mittlere Reife nachgeholt

1973-1975

Ausbildung zur Erzieherin

1976

seit 1. November Erzieherin im AWO-Kindergarten

1981

seit 1. Dezember Leitung der Kita

2019

seit 29. März offiziell im Ruhestand

Von Aneka Schult-Fietz

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