Stempeljagd im Harz

Was der "Spaziergänger" vom Wanderer lernen kann

"Spazierengehen" ist verpönt, da geht der Naturliebhaber eben wandern. Dabei kommt der Jagdinstinkt durch. Eine Glosse von CZ-Redakteur Carsten Richter.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 17. Jan. 2022 | 08:00 Uhr
  • 13. Juni 2022
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  • 17. Jan. 2022 | 08:00 Uhr
  • 13. Juni 2022
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Celle.

In Zeiten, in denen jeder schief angeschaut wird, der einen "Spaziergang" machen will, müssen eben alternative Freizeitgestaltungen her. Gar nicht so einfach. Hm. Wie wäre es mit ...? Tja, man könnte ja mal wieder ... Sollten wir vielleicht mal ...? Genau: Wandern gehen.

"Wandern" nur ein Synonym für "Spazieren gehen"?

Ja, zugegeben, der Unterschied ist jetzt nicht so wahnsinnig groß. Wandern ist ein wenig wie Spazieren. Nur ohne Plakate. Das sage ich jetzt einfach mal so. Das Online-Lexikon Wikipedia hat eine genaue Definition parat: "Wandern ist eine mit Naturerleben verbundene, gemäßigte Sportart und ein zentraler Wirtschaftsfaktor vorwiegend des Sommertourismus. In der kalten Jahreszeit ist das Schneeschuhwandern in jüngster Zeit eine beliebte Wintersportart geworden." Na, das klingt doch gut und völlig unverfänglich. Dass der Duden "Wandern" und "Spazieren gehen" als Synonyme aufführt, wollen wir hier einfach mal ignorieren.

Wanderpass für den Harz weckt den Jagdinstinkt

Also getreu Wikipedia das passende Schuhwerk geschnappt und auf in den Harz: So habe ich am vorigen Wochenende mit Freunden ein paar schöne Stunden in wunderbarer Schneelandschaft verbracht. Warum ich das erzähle? Weil auch Wandern gelernt sein will. Einfach nur so die Füße voreinander setzen? Da kann man mehr draus machen, hat sich vor mehr als 15 Jahren ein findiger Mensch überlegt und den Wanderpass erfunden. Das wäre übrigens auch etwas für unsere schöne Heidelandschaft. Im gesamten Harz gibt es 222 Stempelstellen. Den ganzen Pass vollzumachen ist eine Aufgabe fürs Leben. Da lohnt es sich, früh genug anzufangen, um sich am Ende Wanderkönig oder gar Wanderkaiser nennen zu dürfen.

Erster Stempel: ein magischer Moment

Aber: Der Plan des Erfinders geht auf, der Ehrgeiz ist geweckt. Bei einem meiner Freunde schon länger. Gewandert wird nur dort, wo er einen weiteren Stempel ergattern kann. So ganz verstanden hatte ich das nie. Nun hat er mich überzeugt: Auch ich habe mir den Pass bestellt – und neulich den ersten Stempel ins noch frische Heft gedrückt. Ein magischer Moment. In ein paar Jahren wird das Heft so aussehen wie mein alter Impfpass – völlig zerfleddert. Aber mit dem guten Gefühl, etwas geschafft zu haben. Wäre es doch nur mit der Überzeugung, sich impfen zu lassen, genauso einfach. Ich jedenfalls habe Blut geleckt und werde weiter auf Stempeljagd gehen. Vielleicht ist ja das der entscheidende Unterschied: Fürs Wandern gibt es Belohnungen, fürs "Spazierengehen" nicht.

Von Carsten Richter

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