Auto-Freisprechanlage

Plötzlich Ohrenzeuge im Liebes-Triangel

Intime Gespräche - und jeder hört mit? Die gefühlte Privatsphäre bei Telefonaten im Auto bringt Abgründe zum Vorschein. Eine Glosse von Katharina Baumgartner.

  • Von Katharina Baumgartner
  • 09. Oct 2021 | 07:58 Uhr
  • 13. Jun 2022
  • Von Katharina Baumgartner
  • 09. Oct 2021 | 07:58 Uhr
  • 13. Jun 2022
Anzeige
Celle.

Paul ist verliebt in Annika. Problem nur: Pauls Freundin Laura. Die allerdings war jetzt auch allein im Urlaub. Und bei Herrn Schmidt kommt am Nachmittag der Installateur, um den Wasserschaden zu beheben. Hendrik wiederum fährt nach der Arbeit noch ein bisschen „pumpen“ in der „Fitte“. All das und – und noch viel mehr - weiß ich nicht, weil ich nebenbei noch als NSA-Geheimdienstmitarbeiterin schufte, sondern weil die Leute mir diese Infos in die Ohren posaunen.

Keine NSA-Geheimdienstmitarbeiterin

Ob ich es will oder nicht. Sie sitzen gemütlich in ihren Autos und benutzen viel zu laut eingestellte Telefon-Freisprecheinrichtungen. Wahrung der Persönlichkeitsrechte – egal! Ich werde automatisch zum Mithörer. Die vermeintliche Privatsphäre im eigenen Vehikel lässt quasselnde Autofahrer auf Hochtouren kommen. Telefon-Gesprächsfetzen dröhnen aus ihrer Freisprechanlage und übertönen den Straßenverkehr. Die Schalldämmung in Autos scheint nur in eine Richtung zu funktionieren. Einbahnstraßen-Akustik – sozusagen: Ich höre im Auto nichts von draußen, dafür hören aber alle außerhalb des Gefährts, welche Laberei drinnen vom Stapel gelassen wird.

Trugschluss: Einbahnstraßen-Akustik

Aber was tun, wenn man gar keine Freisprechanlage im Auto hat? Mit etwas technischer Improvisation geht das einfach über eine Bluetooth-Kopplung. Einfach eine Sendefrequenz im Radio einstellen und schon kann ins Telefon losgeschnattert werden, ohne ein Smartphone in die Hand nehmen zu müssen. Ein neues Hörerlebnis hatte ich zuletzt an einer roten Ampel als sich plötzlich eine mir unbekannte Stimme aus meinem Autoradio meldete.

Über Bluetooth mitten im Beziehungs-Wirrwarr

Kein Rundfunkmoderator und auch keine Navigation, sondern in höchstvertraulicher Weise wurde ich über die neueste Liebelei eines gewissen Pauls in Kenntnis gesetzt - erzählt von ihm selbst. Verwirrt von diesem intimen verbalen Erguss verpasste ich die Grünphase. Plötzlich Funkstille. Kein Ton mehr zu hören. Ich gebe Gas, hole wieder zum Auto vor mir auf und schon ist die Paul-Annika-Laura-Telefonshow wieder auf Sendung. Und ich als Ohrenzeuge live dabei – nur weil wir die gleiche Sendefrequenz nutzen. Wie die Geschichte um das Liebes-Triangel nun ausgegangen ist, bleibt offen. Denn Paul im Polo musste abbiegen – und damit war unsere Verbindung aufgelöst.