Überdosis

Hach - Poesie!

Poesie - sie kann den Alltag nicht nur schöner machen. Sondern auch so schön sein, dass es weh tut. Eine Glosse von Michael Ende.

  • Von Michael Ende
  • 26. Okt. 2021 | 08:00 Uhr
  • 13. Juni 2022
  • Von Michael Ende
  • 26. Okt. 2021 | 08:00 Uhr
  • 13. Juni 2022
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Celle.

Oh Zeiten, oh Sitten! Deutschland, das Land der Dichter und Denker wird immer mehr zum Land der Querdenker und Querdichter. Die einen ziehen durch die Straßen und reden wirres Zeug, die anderen sind rastlose Poeten auf der Suche nach Sinn und Beschäftigung. Hobby-Reimer toben sich in erster Linie gnadenlos auf Familienfeiern aus: "Liebe Gäste, es ist wahr, Wilhelm und Ursula sind verheiratet heute schon auf den Tag genau 60 Jahr." Und so weiter, 30 Strophen lang. Aua. Schon vor Jahrzehnten hatte ich gedacht (und gehofft), dass derlei Poesie vielleicht einmal aussterben dürfte, doch ich habe meine Rechnung ohne die Nachwuchs-Sprachakrobaten gemacht, die sich (wenn gerade mal keine Taufe, Hochzeit oder Klinkenputzen anstehen) mit Gleichgesinnten in Poetry-Schlamms wälzen und für die Reimherausforderungen der Zukunft stählen. Kann man nix gegen machen. Sollte man auch nicht. Nachher kommen die Amateur-Poeten noch auf ganz andere Ideen.

Im Profibereich sind die Jobs extrem dünn gesät. Gedichtbücher verkaufen sich schlecht, und wer als Profi-Poet Glück hat, landet in der Teeindustrie und legt dort los, dass sich die Beutel biegen. Da heißen die Gebräue längst „Träum schön“, „Innere Ruhe“, „Magenfein“, „Atme Dich frei“, "Süße Küsse", „Freu Dich“ oder „Hol Dir Kraft“. Puh. Da braucht man Kraft, wenn man in der Tee-Abteilung was ganz Bestimmtes sucht. Und nicht nur dort. Meine Frau hat jetzt aus dem Baumarkt Farbproben mitgebracht, weil der Flur gestrichen werden soll. Und wie heißen die Farben wohl? Hellblau, Grau 72 oder RAL 3004? Nö. Auch hier sind Profi-Poeten am Werk. Und so heißen Farbtöne jetzt "Ruhe des Nordens", "Quelle der Gelehrten", Wiege des Aromas", "Hüterin der Freiheit", "Dächer von Paris", "Zarte Romantik", "Poesie der Stille", "Zeit der Eisblumen", "Kokette Sinnlichkeit", "Elfenbein-Rebellin", "Vers in Pastell" oder "Dichter der Erde", um nur einige der Kreationen zu nennen.

Der Schmerz, ja der Schmerz. Hach, die Pein! Sie gehört bei ordentlicher Poesie einfach dazu, und ich spüre sie, oh so sehr. Und mir will angesichts immer neuer Dichter-Attacken vor lauter Gram die Brust schier zerspringen. Doch horch - wie ist mir? Dort, noch tief verborgen unterm Herzen, höre ich ihn brausen und brodeln, den Farbton Nummer 33: "Stille des Vulkans".