Boykott der WM in Katar

Warum Italiens Fußballer Vorbilder sind

Über Italiens Fußballer wird nach dem WM-Aus viel Spott ausgeschüttet. Für CZ-Redakteur Oliver Schreiber ist die Squadra Azzurra dagegen ein Vorbild.

  • Von Oliver Schreiber
  • 29. Mar 2022 | 08:01 Uhr
  • 13. Jun 2022
  • Von Oliver Schreiber
  • 29. Mar 2022 | 08:01 Uhr
  • 13. Jun 2022
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Celle.

Ich ziehe den Hut vor Italien. Genauer gesagt vor der Fußball-Nationalmannschaft dieses wunderschönen Landes. Denn der amtierende Europameister hält die Werte der demokratisch gesinnten, freiheitsliebenden westlichen Welt hoch. Die Squadra Azzurra hat genau das gemacht, was vielleicht auch anderen Nationen gut zu Gesicht gestanden hätte: Sie hat die Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar boykottiert, weil sie in Ländern stattfanden und stattfinden, deren Regime nachweislich Menschenrechte mit Füßen treten.

Es ist ein Protest ohne großes Tamtam, praktiziert nur durch wiederholtes sportliches Versagen – wie es sonst nur die Holländer können. Aber mit Sicherheit nicht weniger wirkungsvoll. Daher gebührt den Italienern Lob und Anerkennung statt Spott und Häme. Sie haben ein Statement gesetzt: der Missbrauch von großen Sportereignissen für politische Propaganda – nicht mit uns!

Halbherziger Protest der DFB-Elf in Russland

Das deutsche Team hat sich dieser Initiative leider nur so halb angeschlossen. Vermutlich sollte Energielieferant Putin 2018 nicht zu sehr verärgert werden. In Russland war „die Mannschaft“ zwar vor Ort, aber irgendwie doch abwesend, zumindest auf dem Spielfeld. Hier erfolgte der Streik deutlich sichtbar auf dem Rasen, wurde aber zu schlecht nach außen kommuniziert. Da wäre ein Ausscheiden zuvor in der Qualifikation medienwirksamer gewesen – siehe Italien.

Löw-Aus verhindert deutschen Boykott

Auch 2021/22 war Deutschland nicht konsequent genug. Zur Erinnerung: Auch wir haben in der Quali gegen Nordmazedonien verloren und hätten dem italienischen Beispiel folgen können. Aber dann traf der DFB ausnahmsweise mal eine sportlich sinnvolle Entscheidung (konnte ja kein Mensch ahnen!): Er ersetzte den spätestens seit 2016 amtsmüden Jogi Löw durch Erfolgstrainer Hansi Flick – und schon war’s vorbei mit dem Boykott der Katar-WM über schlechte Leistungen. Das wäre Italien nicht passiert.