Restauration und Reaktion

Zeitgeschichtliche Erinnerungen im Bomann-Museum

Die Bevölkerung in den verschiedenen deutschen Staaten hatte im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts eine lange Phase schwerster Belastungen erlebt.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 12. Dez. 2020 | 11:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
„Der Deutsche Michel in der Gewalt der Zensur“, kolorierter Kupferstich von Johann Richard Seel (1819-1875). Abbildung: Bomann-Museum
  • Von Cellesche Zeitung
  • 12. Dez. 2020 | 11:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert hatten französische Heere Europa mit Krieg überzogen und andere Länder besetzt. Auch die Bevölkerung des Kurfürstentums Hannover blieb von den Auswirkungen dieses Geschehens nicht verschont. Der hannoversche Staat war seit 1714 in einer Personalunion mit Großbritannien verbunden. Bei dem Vordringen der französischen Armeen hatte sich wiederholt gezeigt, dass Großbritannien allein keinen wirksamen Schutz für den hannoverschen Staat bieten konnte. Als Seemacht nahm es zwar eine überragende Stellung ein, auf dem europäischen Kontinent war es jedoch bei seinem Widerstand gegen die französischen Eroberer auf Unterstützung durch andere Mächte angewiesen.

Die „Völkerschlacht“ bei Leipzig

Als es den Armeen der gegen Napoleon verbündeten europäischen Staaten nach den Jahren der Verfolgung und Unterdrückung schließlich im Oktober 1813 gelang, in der „Völkerschlacht“ bei Leipzig das Heer des französischen Imperators zu besiegen und danach die französische Vorherrschaft auf dem europäischen Kontinent zu beenden, bewerteten viele Bürger in Deutschland damals diesen Entscheidungskampf gegen Napoleon als tief greifenden Einschnitt in der historisch-politischen Entwicklung ihres Landes. Vor allem innerhalb des liberal gesinnten Bürgertums hatte sich im Verlauf dieses Befreiungskrieges die Hoffnung verstärkt, die Zerstückelung Deutschlands in zahlreiche Einzelstaaten überwinden und im Rahmen der politischen Neuordnung erweiterte individuelle Freiheitsrechte und eine wirksame Beteiligung der Bürger an der Regierung ihres Landes durchsetzen zu können. Grundlage für die dabei angestrebte konstitutionelle Herrschaftsordnung sollte ein verbindlicher Vertrag zwischen dem Monarchen und dem Volk sein. Einen vom „Gottesgnadentum“ abgeleiteten Absolutheitsanspruch der Fürsten bei der Ausübung ihrer Herrschaft wollte man nicht mehr anerkennen. Diese Überlegungen und Forderungen hatten zwar noch nicht zur Ausarbeitung eines detaillierten Verfassungsentwurfs geführt, enthielten jedoch durchaus klare Zielvorstellungen für notwendige politische Veränderungen.

Rückkehr zu alten Verhältnissen

Nach der endgültigen Niederlage Frankreichs und dem Sturz Napoleons (nach der Schlacht bei Waterloo im Juni 1815) wollten die europäischen Staatsmänner auf dem Wiener Kongress (1814/1815) über die Neuordnung Europas und damit auch über die zukünftige Gestaltung der deutschen Verhältnisse entscheiden. Im Verlauf der Verhandlungen zeigte sich jedoch, dass der Wunsch vieler Bürger in Deutschland nach einer nationalstaatlichen Vereinigung angesichts unterschiedlicher Interessen zwischen den regierenden Fürsten nicht verwirklichen ließ. An die Stelle des 1806 aufgelösten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation war nun ein staatliches Gebilde getreten, das von den verfassungsrechtlichen bzw. konstitutionellen und nationalstaatlichen Vorstellungen der Bürger weit entfernt war. In der im Juni 1815 in Wien unterzeichneten Kongressakte war als zentrales Ziel des Deutschen Bundes „die Erhaltung der äußeren und inneren Sicherheit Deutschlands und der Unabhängigkeit und Unverletzlichkeit der einzelnen deutschen Staaten“ (Artikel 2 der Bundesakte) betont worden.

Grundsatz der „Legitimität“

Dieser Bestimmung entsprach der von den Teilnehmern des Kongresses verkündete Grundsatz der „Legitimität“, der die Herrschenden dazu verpflichten sollte, das Bestehende, repräsentiert durch den monarchisch-bürokratischen Obrigkeitsstaat, zu erhalten und zu stabilisieren und ein wirksames Bollwerk gegen alle politischen Kräfte zu errichten, die die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung infrage stellten. Die Begriffe „Restauration“ und „Reaktion“ kennzeichnen diese Absichten und die damit verbundene Vorgehensweise treffend. Die Fürsten wollten zur Stützung ihrer Macht vor allem an dem „monarchischen Prinzip“ festhalten, auf das sich die Bundesstaaten in ihrem „zweiten Grundgesetz“ der Wiener Schlussakte von 1820 als Richtschnur ihres Handelns festlegten. Bei drohender Gefahr für die bestehende Ordnung hatte der Bund das Recht einzugreifen. Ein ausgeklügeltes, weitverzweigtes Kontroll- und Überwachungssystem sollte einer solchen Entwicklung vorbeugen. Die treibende Kraft bei der Durchsetzung dieser Maßnahmen war der österreichische Staatskanzler Fürst Clemens von Metternich (1773–1859), der bis 1848 der leitende Staatsmann im Habsburger Reich blieb. Die damit verbundenen Auswirkungen waren für die Bürger schon nach kurzer Zeit zu spüren.

Uneingeschränkte Autorität

Die Enttäuschung aufseiten des liberalen Bürgertums war angesichts dieser Entscheidungen groß. Die Erwartung vieler Menschen, nach den Belastungen und Unterdrückungen in der Zeit der napoleonischen Vorherrschaft nun eine neue Phase in der politischen und gesellschaftlichen Gestaltung des Landes beginnen zu können, erfüllte sich nicht. Anstelle einer Überwindung und Beseitigung der Grenzen zwischen den einzelnen deutschen Staaten, waren die regierenden Fürsten nun erneut vorrangig an einer Eigenständigkeit ihres Herrschaftsgebietes interessiert und wollten auch im Innern keine wirksamen politischen Mitwirkungsrechte der Bürger zulassen. Ihre uneingeschränkte Autorität und die staatliche Souveränität durften nicht infrage gestellt werden.

Das „System Metternich“

Als der Schriftsteller August von Kotzebue, der dem russischen Zaren regelmäßig über die Situation in Deutschland berichtete und die deutschen Universitäten als „Brutstätten der Revolution“ bezeichnete, 1819 von dem Theologiestudenten Karl Ludwig Sand ermordet wurde, nahm Fürst Metternich dieses Ereignis zum Anlass, drakonische Maßnahmen gegen alle oppositionellen Kräfte und staatsgefährdenden Aktivitäten einzuleiten, um aufkommende Unruhen in den einzelnen deutschen Staaten im Keim zu ersticken.

„Karlsbader Beschlüsse“

Die noch im selben Jahr auf einer Ministerkonferenz in Karlsbad von den deutschen Regierungen getroffenen Vereinbarungen („Karlsbader Beschlüsse“) blieben bis 1848 in Kraft. Mit den darin enthaltenen Maßnahmen zur Überwachung der Universitäten, zur verschärften Pressezensur und zur Einsetzung einer gegen „revolutionäre Umtriebe“ gerichteten Untersuchungskommission sollte jede Opposition mundtot gemacht werden. Burschenschaften und Turnvereine wurden verboten, die Universitäten überwacht, missliebige, als „Demagogen“ verdächtigte Professoren verloren ihr Lehramt, Presse und Publizistik wurden einer strengen staatlichen Zensur unterworfen, kritische Redakteure und Schriftsteller wurden bespitzelt und verhaftet oder zur Flucht ins Ausland gezwungen, „aufrührerische“ Bühnenstücke wie zum Beispiel „Egmont“, „Die Räuber“ oder „Prinz Friedrich von Homburg“ durften nicht mehr aufgeführt werden. Auch eine Untersuchungsbehörde zur Verfolgung staatsgefährdender Aktivitäten wurde eingerichtet.

„Vaterland, Volksfreiheit, Völkerbund“

Die politische Lage spitzte sich noch weiter zu, als im Jahre 1832 bei einem Fest auf dem Hambacher Schloss (im Hardtgebirge in der Pfalz), das von etwa 30.000 Menschen besucht wurde, die Teilnehmer mit schwarz-rot-goldenen Fahnen für „Vaterland, Volksfreiheit, Völkerbund“ demonstrierten und vom „Fluch auf die Könige, die Verräter an den Völkern“ die Rede war. Dieses Ereignis nahm der Deutsche Bund zum Anlass, um die Überwachungsmaßnahmen zu verschärfen und auf Betreiben Metternichs die „Maßregel zur Aufrechterhaltung der gesetzlichen Ruhe und Ordnung in Deutschland“ zu verkünden. Damit verbunden war ein Verbot aller politischen Vereine und Versammlungen, Fahnen und Abzeichen, Feste und Reden. Mit aller Härte ging man nun gegen Bürger vor, denen man vorwarf, als „Demagogen“ einen „staatsfeindlichen Einfluss“ auszuüben. In einen solchen Verdacht konnte jeder geraten, der durch nationales oder liberales Verhalten aufgefallen war bzw. sich in diesem Sinne in der Öffentlichkeit geäußert hatte.

„Generaldirektor des Unterrichts“

Besonders gründlich sorgte die preußische Polizei für das Funktionieren dieses Überwachungssystems. Von den als „Demagogen“ gebrandmarkten Bürgern wurden in den Jahrzehnten nach den Karlsbader Beschlüssen etliche zu langer Festungshaft verurteilt, unter ihnen Turnvater Jahn. Der Schriftsteller und Historiker Ernst Moritz Arndt verlor seinen Bonner Lehrstuhl. Selbst der im Verlauf der napoleonischen Befreiungskriege als Reformer hervorgetretene Freiherr vom Stein wurde zeitweise von der Polizei überwacht. Der Journalist Josef Görres, der als scharfer Kritiker der deutschen Bundesverfassung auftrat, verlor sein Amt als „Generaldirektor des Unterrichts“ in der preußischen Rheinprovinz und musste ins Ausland fliehen. Viele Bürger, die nach den Befreiungskriegen für verfassungsrechtliche Liberalisierung und nationale Einigung eingetreten waren und nun erleben mussten, wie die in ihre alten Machtpositionen zurückgekehrten Fürsten an die Stelle von Recht, Freiheit und politischer Mitbestimmung uneingeschränkte monarchische Herrschaft und Polizeigewalt setzten, zogen sich enttäuscht von dieser Entwicklung zurück in den privaten Bereich.

„Bürgerkultur in Celle“

Nach der Neugestaltung der verschiedenen Ausstellungsbereiche im Bomann-Museum der Stadt Celle vor ein paar Jahren ist am Eingang der Abteilung „Bürgerkultur in Celle“ zu den Exponaten aus der Zeit des Biedermeier ein kolorierter Kupferstich von Johann Richard Seel (1819–1875) mit dem Titel „Der deutsche Michel in der Gewalt der Zensur“ zu sehen. Zum Verständnis dieser Karikatur heißt es dazu in einem Begleittext: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte: Ein Vorhängeschloss verbietet dem Deutschen Michel den Mund. Fast schon am Boden, stützt er sich mit letzter Kraft auf einen Knüppel. Neben ihm liegt zusammengesunken die Personifikation der Germania. Ein gebrandmarkter Knecht mit den Zügen Ernst Augusts von Hannover beschneidet ihre Flügel, während ein zweiter sie in Ketten legt. Als Jesuit gekleidet zeigt Friedrich von Gentz, der Urheber der Zensurpolitik der Karlsbader Beschlüsse von 1819, dem elegant posierenden Fürsten von Metternich ein Buch mit dem durchgestrichenen Porträt Martin Luthers.

„Der Eintritt der Censur in Deutschland“

Von links stolziert lüstern Germanias Kontrahentin ins Geschehen, die personifizierte Zensur – groß, hässlich und mit überdimensionalen Scheren.“ Diese 1842 unter ihrem ursprünglichen Titel „Der Eintritt der Censur in Deutschland“ in Berlin erschienene Lithografie erinnert an eine andere als Karikatur gestaltete anonyme Lithografie unter dem Leitmotiv „Der Denker-Club“, die 1819 entstanden ist und in den zurückliegenden Jahrzehnten häufig Gegenstand des Geschichtsunterrichts in den Schulen war. Rechts an der Wand des auf dieser Darstellung abgebildeten Raumes hängen die „Gesetze des Denker-Clubs“, dessen Mitglieder, alle mit verbundenem Mund, sich hier versammelt haben: „Schweigen ist das erste Gesetz dieser gelehrten Gesellschaft. – Auf daß kein Mitglied in Versuchung geraten möge, seiner Zunge freien Lauf zu lassen, so werden beim Eintritt Maulkörbe ausgeteilt. – Der Gegenstand, welcher in jedesmaliger Sitzung durch ein reifes Nachdenken gründlich erörtert werden soll, befindet sich auf einer Tafel mit großen Buchstaben deutlich geschrieben.“ Neben diesem Gesetzestext ist das Thema der gerade stattfindenden Sitzung dieses Clubs angebracht. Es lautet: „Wie lange möchte uns das Denken wohl noch erlaubt bleiben?“ (1) Diese beiden „Sinnbilder“ verweisen auf Ereignisse und Entwicklungen in Deutschland in der Zeit zwischen 1815 und 1848. Sie spiegeln zugleich die Erlebnisse und Erfahrungen, aber auch die unerfüllten Wünsche und Forderungen vieler Bürger in dieser Zeit wider. Damit verbunden ist die Erinnerung an Geschehnisse, Entscheidungen und Maßnahmen, die im Zuge der napoleonischen Eroberungskriege zu Beginn des 19. Jahrhunderts das politische und gesellschaftliche Leben der Menschen in Deutschland bestimmten.

Von Karl-Heinz Buhr

Quelle

1 Vgl. zum Beispiel Erich Goerlitz und Joachim Immisch (Hgg.): Zeiten und Menschen. Neue Ausgabe B/Niedersachsen, Band 3 – Das Werden der modernen Welt. Paderborn 1985, S. 49.

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