Baugeschichte

Wo einst am Bullenberg in Celle Pastoren wohnten

Frher lebten hier Pastorenfamilien. Und es wurde unterrichtet. Das ist die Geschichte des ehemaligen Prediger- und Schulhauses am Bullenberg in Celle.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 19. Feb. 2022 | 06:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

Der Borchmann-Stadtplan von Celle aus dem Jahr 1766 zeigt, dass die heutigen Grundstcke Bullenberg 1 bis 3 im 18. Jahrhundert aus einer Parzelle bestanden. Sie reichte von der heutigen Westcellertorstrae im Schatten des Congress-Union-Gebudekomplexes bis zum Magnusgraben. Ein Groteil davon war Gartengelnde.

Celler Kaufmannsfamilie Reibenstein gilt als Erbauer des Hauses am Bullenberg

Die Geschichte des Deutsch-reformierten Pfarrhauses am Bullenberg beginnt mit Erich Georg Reibenstein (Riebenstein) von der Blumlage. Die Reibensteins zhlten zu den begterten Kaufmannsfamilien in Celle. Sie betrieben anfangs in der Blumlage die mit Abstand grte Lohgerberei der Stadt. Die Lohgerber verarbeiteten als Rohstoffe: Rinder-, Kalbs- und Schweinehute sowie Schaf- und Lammfelle. Verheiratet war der Lutheraner Erich Reibenstein mit der aus Bremen stammenden Anna Barbara Mller ( 1729), die der Deutsch-reformierten Gemeinde angehrte. Am 20. Juli 1681 erwarb er fr seine Frau die Brgerschaft und 1700 das Nutzungsrecht fr eine Familiengrabsttte auf dem Neuenhuser Friedhof. Hchstwahrscheinlich sind sie die Erbauer des Hauses, das einen kleineren Vorgngerbau ersetzte. Bereits 1722 veruerten die Reibensteins jedoch ihr Anwesen, um in die Blumlage zu ziehen.

Kirchengemeinde erwirbt 1722 Gebude fr 1200 Taler

Die Zugehrigkeit von Anna Barbara Reibenstein zur 1709 gegrndeten eigenstndigen Deutsch-reformierten Gemeinde war mglicherweise der Grund dafr, dass diese Kirchengemeinde am 2. Januar 1722 das Gebude fr 1200 Taler erwarb. Das neue Predigerhaus stand nicht weit entfernt von der an der Hannoverschen Strae gelegenen Franzsisch-reformierten Kirche, in der die Kirchengemeinde als Gast ihre Gottesdienste feierte. Zudem lebten zahlreiche Gemeindeglieder in unmittelbarer Nachbarschaft am nrdlichen Bullenberg.

Im Garten befand sich ein Lusthaus

Vergleicht man diesen Betrag mit dem Kaufpreis anderer Gebude in der Westceller Vorstadt, handelte es um ein mittelgroes Anwesen. Das Consistorialbuch der Deutsch-reformierten Gemeinde beschreibt das neue Predigerhaus als ein bequemes Wohnhaus samt beygefgten angenehmen Garten, Hofraum und Stallung. Im Garten befand sich auerdem ein Lusthaus (Gartenhaus).

Das von Christian Johann Oldendorp gemalte Aquarell Ankunft vor dem Zieglerschen Hause in der Westceller Vorstadt, das das Gebude von der Nordseite mit dem Lusthaus zeigt, sowie eine Zeichnung des nrdlichen Bullenbergs aus dem Jahr 1840 erlauben einen Rekonstruktionsversuch dieses nicht mehr bestehenden Predigerhauses. Er wurde von dem Architekten Martin Kersting vorgenommen. Nicht ganz klar ist, ob sich das sdlich gelegene Nachbarhaus direkt anschliet oder ob eine Lcke zwischen beiden Bauwerken besteht.

Viele Pastorenfamilien nutzten das Anwesen

Die zahlreichen Pastoren, die zusammen mit ihren Familien im 18. Jahrhundert in dem Predigerhaus wohnten, waren Dietrich Khler (1723 bis 1728), Heinrich Talla (1728 bis 1747), Johann Georg Khner (1748 bis 1749), Konrad Klugkist (1749 bis 1755), Diedrich Brummer (1755 bis 1758), Dr. Konrad Heinrich Runge (1758 bis 1770), Dethard Dsing (1770 bis 1773), August Harbig (1773 bis 1783) und zuletzt Johann Friedrich Krietsch (1784 bis 1801).

Bibeltapete in der groen Stube

Die Kirchengemeinde kam sowohl fr die Brandversicherung als auch die regelmigen Reparaturarbeiten am Haus auf. Dank der vollstndig erhaltenen Bau- und Unterhaltsrechnungen sind wir ber dieses Gebude besser als ber irgendein anderes abgerissenes Gebude am Bullenberg informiert. So kaufte die Kirchengemeinde 1741 beispielsweise eine 36 Taler und 27 Mariengroschen teure fnfteilige Tapete mit biblischen Motiven, die in der groen Stube von Pastor Heinrich Talla angebracht wurde. Derartige eher seltene Tapeten wurden blicherweise von Tapetenmalern gefertigt. Diese bemalten auf Wunsch des Auftraggebers Leinwandstcke, die nach Fertigstellung auf Rahmen gespannt und vor den Wnden befestigt wurden. Vor der Bibeltapete ist eine ausfhrliche Beschreibung Tallas erhalten: Davon das Erste Vorstellet die geschichte der Verklrung Christi auff dem berge Thabor, das Zweyte, den Kampff Jacobs mit dem Engel, das Dritte, die geschichte von dem Heyland und dem Samaritanischen Weibe, das Vierte, den Johannes in der Insel Pathmos, das Fnfte den Todes-Kampf Christi im garten wozu noch gehren zwey gemhlde, in verguldeten Rahmen ber den Thren: davon das eine Vorstellet die Geschichte der Geburth Unseres Heylands das andere, die Geschichte seiner Auferstehung.

Die Deutsch-reformierte Schule

Nachdem der reformierte Bankier Jacob Meinerzhagen aus Kln eine sechsjhrige finanzielle Zuwendung zugesagt hatte, beschloss die Gemeindeversammlung der Deutsch-reformierten Gemeinde am 5. Mrz 1724 im Predigerhaus am Bullenberg die Wiedererffnung der 1719 geschlossenen Schule. Das Schulgebude, in dem im ersten Jahr 15 Kinder unterrichtet wurden, befand sich auf dem Hof des Grundstcks am Bullenberg. Sowohl aus Finanzmangel als auch aus Mangel an gengend Schlern wurde der Unterricht jedoch bereits 1731 wieder eingestellt. Da das Schulgebude zehn Jahre lang nicht mehr als Schule, sondern nur noch fr den kirchlichen Unterricht (Konfirmandenunterricht) genutzt worden war, machte es einen desolaten Eindruck. Da das alte Schul-Haus tglich dem Einfall drohete, beschlossen die Vorsteher der Deutsch-reformierten Gemeinde, das Gebude abzubrechen und an seiner Stelle ein neues Schulgebude errichten zu lassen. Nachdem die Kirchengemeinde am 8. April 1741 eine Suplik (Bittschrift) an den britischen Knig Georg II. gesandt hatte, wurde ihr von diesem alles Bau-Holz, ganz frey, und ohne allen Entgeld, allergndigst geschenket. Der Neubau, der inklusive Brunnenbau 599 Taler kostete, wurde durch den Baumeister Johann Gottfried Pfister, ebenfalls ein Gemeindeglied, geplant und betreut und primr durch den Zimmermeister Wunsch errichtet.

Besitz des Hofagenten Isaak Jakob Gans

Ende des 18. Jahrhunderts erlebte die Deutsch-reformierte Gemeinde einen krisenhaften Niedergang. Infolge groer Finanzprobleme veruerte die kleine Deutsch-reformierte Gemeinde 1797 ihr Anwesen am Bullenberg fr den recht hohen Betrag von 2200 Reichtaler an einen Herrn Dr. Winter (vermutlich Dr. jur. Christoph Ludewig Winter). Ob der damalige Pastor der Gemeinde, Johann Friedrich Krietsch, welcher bis 1801 die Pfarrstelle betreute, fortzog oder zunchst weiter in dem Haus wohnen blieb, ist nicht bekannt. Winters Name ist in Theodor Sprengers Huserliste eingeklammert, denn der neue Hauseigentmer wurde 1797 tatschlich der Unternehmer und Hofagent Isaak Jakob Gans (1723/34 bis 1798). Er war der Abkmmling einer weitverzweigten wohlhabenden jdischen Familie, deren Ahnen bis ins 14. Jahrhundert zurckverfolgt werden knnen.

Gebude abgerissen und durch Steinbau ersetzt

Bei allen Fllen seiner Hauskufe musste Gans als Jude zu seinen Grundstcksgeschften die Zustimmung des Geheimen Rates einholen, der seinerseits bei der Burgvogtei Erkundigungen einzog. Diese fielen ausnahmslos positiv aus. Ein Jahr nach dem Hauskauf verstarb der Immobilienbesitzer. Das Mietshaus blieb bis zum Konkurs seiner Shne Philipp und Susmann Gans im Familienbesitz. In einer Auktionsanzeige aus dem Jahr 1800 in den Hannverischen Anzeigen wird es immer noch beschrieben als vorhin von dem reformirten Prediger bewohnte Haus nebst Garten am Magnusgraben vor dem Westcellerthore. Die Versteigerung war fr den 30. Oktober 1800 angesetzt, wobei das Gebot bei 1000 Reichstalern beginnen sollte. Wer damals den Zuschlag bekam, ist leider nicht bekannt. Vier Eigentmer zhlte das ehemalige Predigerhaus im 19. Jahrhundert. 1872 wurden die Gebude auf dem Grundstck abgerissen und durch den heute noch existierenden Steinbau ersetzt. Zudem wurde es neu parzelliert (Bullenberg 1 bis 3), so dass auf den Grundstcken Bullenberg 1 und 2 weitere Gebude errichtet werden konnten.

Von Andreas Flick

Quellen

Andreas FLICK: Die Geschichte der Deutsch-reformierten Gemeinde in Celle 1709-1805. Von ihren Anfngen bis zum Zusammenschlu mit der Franzsisch-reformierten Gemeinde (= Tagungsschriften des Deutschen Hugenotten-Vereins, 12), Bad Karlshafen 1994.

Andreas FLICK: Ein Pastor von zweifelhaftem Ruf macht es sich besonders den Winter ber bequem, in: Cellesche Zeitung (Sachsenspiegel 33), 17. August 2013, S. 48.

Hannverische Anzeigen 1800, Sp. 2492.

Hildegard HUTZENLAUB: Historische Tapeten in Hessen von 1700 bis 1840, Diss. Univ. Frankfurt, 2005.

Carla MEYER-RASCH: Alte Huser erzhlen. Von Menschen und Schicksalen der Stadt Celle, Bd. 2, Celle 1962.

Brigitte STREICH: Der Hoffaktor Isaac Jacob Gans (1723/34-1798). Ein Celler Jude am Ende des Ancien Rgime, in: Juden in Celle. Biographische Skizzen aus drei Jahrhunderten (= Celler Beitrge zur Landes- und Kulturgeschichte. Schriftenreihe des Stadtarchivs und des Bomann-Museums, Bd. 26), Celle 1996.

Ev.-ref. Kirchengemeinde Celle,: Best. 3, Nr. 8, Nr. 15, Nr. 38, 39 und Nr. 40.

Kirchenbuchamt Celle:Stadtkirche Sterberegister: 17011750, IV R2, S. 87.

Stadtarchiv Celle:Best. 23 J, Nr. 27, S. 2 und Best. N 08, Nr. 700.

Brief von Dr. Astrid Arnolds:(Leiterin Deutsches Tapetenmuseum) vom 10.11.2010.

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