Sachsenspiegel

Über die Heide nach Hamburg

Bahnfahren in Norddeutschland im Jahr 1965 / Teil 1

  • Von Cellesche Zeitung
  • 03. Nov. 2018 | 09:39 Uhr
  • 10. Juni 2022
Der englische Autor fuhr mit dem OHE-Triebwagen GDT 0519 von Celle bis zum DB-Bahnhof Soltau (Han).Im Mai 1961 steht das Fahrzeug im Bahnhof Soltau (Han) Süd an der Gartenstraße.Es wurde bereits 1951 in der Maschinenfabrik Esslingen AG gebaut.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 03. Nov. 2018 | 09:39 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

Solange, wie Eisenbahnen mit ihren Fahrzeugen das Bild des Transportverkehrs mitbestimmen, verfolgen an der entsprechenden Technik Interessierte deren Geschichte und Entwicklung. Diese Art von Hobby wird weltweit ausgeübt. So natürlich auch im Land der Erfindung der Eisenbahn, in England.

Im Jahr 1965 unternahm der englische Autor von Eisenbahnliteratur, William James Keith Davies, eine Auslandsreise nach Norddeutschland, um die damaligen Eisenbahnen in diesem Gebiet zu „erfahren“. Daraus entstand sein Buch „Railway Holiday in Northern Germany“ (Ei-senbahnferien in Norddeutschland). Der Abschnitt, der seine Fahrt auf den OHE-Strecken und weiter auf Bundesbahngleisen bis Hamburg beschreibt, wird hier übersetzt wiedergegeben:

„Einladend sieht das mittelalterliche Celle in der frühen Morgensonne des ruhigen Sommersonntages aus. Die Sonnenstrahlen, die gerade die letzten Reste des Nebels über dem Fluß auflösen, versprechen einen warmen Tag. Sie vergolden die weitgehend leeren Straßen mit ihren flimmernden Konturen und lassen die hellen ockerfarbenen Wände des Schlosses sauber und ansehnlich erscheinen. Die Strahlen glänzen genauso auf dem Zug in Richtung Soltau, einem zwetschgenfarbenen Drehgestelltriebwagen mit der Baureihenbezeichnung DT 0519, der sich im DB-Bahnhof für seine Abfahrt um 7.53 Uhr mit Reisenden füllt.

„Eilzugtriebwagenmit Kurswagen“

Der Triebwagen ist aktuell für Egestorf bestimmt, ein Ort, von dem ich noch nie etwas gehört habe. Die meisten Ausflügler sind offensichtlich Tagesreisende, die, wie der Schaffner sagt, den Zoo besuchen wollen. Als ich nach einer einfachen Fahrt nach Soltau frage, händigt mir der Schalterbeamte eine verbilligte Rückfahrkarte aus – sie ist augenscheinlich preisgünstiger – oder er ist überwiegend an die Ausgabe von Rückfahrkarten gewöhnt. Um den Spaß zu vervollständigen, ist scheinbar niemand sicher, ob der Wagen überhaupt nach Soltau fahren würde, denn die Fahrkarte weist Soltau oder Munster Lager als Endstation dieser entsprechenden Nebenstrecke aus.

Der Fahrplan nennt die Verbindung „Eilzugtriebwagen mit Kurswagen“; selbst für eine größere Nebenbahn eine höchst ungewöhnliche Begebenheit, obwohl diese großen Triebwagen recht schwere Anhängelasten bewegen können. Der Triebwagen ist schon eindrucksvoll, aber nirgends ist ein Anzeichen eines Kurswagens zu sehen, als wir mit Gefälle losfahren, am OHE-Bahnhof vorbei und durch den Betriebshof, in dem DT 0520, ein ähnlicher Triebwagen, vor dem Wagenschuppen wartet.

Die ganze Ausstattung kann nur als üppig zusammengefasst werden. Das Fahrzeug ist um einiges besser als die der DB-Nebenbahnen. Die Unterflurmotoren schnurren leise, wir fahren auf einer tadellosen, zweigleisigen Strecke und der kleine Bahnhof Celle Vorstadt ist vorschriftsmäßig mit frisch gestrichenen Signalen ausgestattet. Auch die Signalglocke läutet mit einem angenehmen Klang und mit passendem Tempo; dagegen ist die Hupe, wenn sie ertönt, unverhohlen gebietend, als wir erhaben an einer unscheinbaren Nebenstraße entlangfahren.

Die Strecke nach Wittingen an der Zonengrenze zweigt nach Osten ab, wir sind wieder auf eingleisiger Spur, nicht mehr so sanft und eben, mit dem einen oder anderen sichtbaren Unkraut. Hohe Hecken umschließen die Strecke beidseitig. Genau um 13 Uhr läutet die Fahrzeugglocke bei der Fahrt durch den Haltepunkt Vorwerk. Wir sind durch Felder auf den weiten Flächen der Lüneburger Heide angekommen – der berühmten Heide, auf welcher, neben anderen nennenswerten Ereignissen, Montgomery die deutsche Kapitulation entgegennahm, die den Zweiten Weltkrieg beendete. Die Heide ist heute hauptsächlich urbar unter bäuerlicher Bewirtschaftung. Große Flächen werden aber weiterhin für militärische Ausbildung genutzt. Britische und deutsche Truppen, Gestrüpp und wilde violette Heide wechseln sich ab mit ordentlichem, kultiviertem Land.

Wir sehen einen schnittig aussehenden Schotterstopfer auf einem Nebengleis bei Scheuen. Die Glocke meldet sich mit einem verkrampften Läuten, als wir parallel zur Straße fahren – 50 km/h sehen bei diesem Triebwagen wohl sehr langsam aus. Die Signale machen den Eindruck, als wenn sie keine große Rolle spielen. Ohne sie zu beachten, fahren wir durch Altensalzkoth und ein Stückchen weiter durch Eversen. Wir sind ja ein Eilzug; so müssen wir nicht überall halten, und ein D-Zug folgt uns in ungefähr einer halben Stunde.

Wir stoppen aber in dem mit Signalen vollgestellten Bahnhof von Sülze, in dem der Bahnhofswärter mit einem trockenen „Zurücktreten!“-Ruf generelle Heiterkeit auf dem Bahnsteig und neugierige Blicke unserer Gruppe von Ausflüglern hervorruft, die wiederum ihr mitgebrachtes Frühstück konsumieren.

Die Sonne scheint warm, aber niemand öffnet ein Fenster, um den Mief hinauszulassen; tatsächlich steht eine beleibte Reisende regelmäßig auf, um sicherzustellen, dass ihr Fenster so geschlossen bleibt wie nur möglich.

Nun passieren wir einen Abschnitt, in dem rangiert wird; an einem Warnschild werden wir langsamer, ein weißumrandetes Schild mit einem großen schwarzen A (Anfang) auf kirschrotem Grund. Wir beschleunigen wieder neben einer baumbeschatteten Straße und ruckeln über einen Bahnübergang, ohne mit der Geschwindigkeit herunterzugehen. Durch ein Gestrüpp und eine lange Linkskurve gelangen wir dann in den Bahnhof Beckedorf. Wohl eine wichtige Station, mit dem Abzweig rechts nach Munster (Lager) und einem Nebengleis voller rotlackierter Personenwagen, vermutlich für spezielle Einsätze – wobei die Wagen normalerweise grün sind.

Läutende Fahrtvorbei an Wohlde

Ein paar Leute steigen zu und schon sind wir wieder unterwegs über die weite Heide, unsere läutende Fahrt vorbei an Wohlde und dann neben einem zweigleisigen Güterbahnhof entlang, mit einem richtigen Stellwerk, wobei die meisten Signale mit einem Kreuz markiert sind, weil sie sich wohl nicht in Betrieb befinden.

Ein Nebengleis zweigt nach links ab, offensichtlich, um den nahegelegenen Truppenübungsplatz zu bedienen. Wir fahren langsam ein in den Bahnhof Bergen, ein kleines verschlafenes Dorf mit einer großen Zahl von Personen auf dem Bahnsteig, die wir ignorieren. Ein kleiner vierrädriger, kastenartiger Schienenbus zottelt uns entgegen und hält, sich schüttelnd, etwa zwanzig Meter entfernt vor uns. Wir nähern uns ihm im Schneckentempo, versperren ihm den Weg und setzen dann zurück in das Überholgleis, um ihn vorbeizulassen – sein Fahrtziel ist Beckedorf.

Dann geht es schon weiter, die interessiert schauende Menge hinter uns lassend. Ich frage mich, wo die wohl alle hinwollen. Auf dem Bahnsteig in Bleckmar will jemand den Zug stoppen, aber wir ignorieren ihn und seine Familie, was unsere heitere Runde ziemlich amüsiert. Sie benötigt offenbar Ablenkung in der aufkommenden Hitze der heutigen Morgensonne. Wir müssen jetzt nur noch den eigenartig benannten Weiler Klein-Amerika – drei Häuser und herumlaufende Hühner –, eine 60-Zentimeter-Schmalspureisenbahn in den Torfstich in Lührsbockel und die Unterführung der Autobahn erwähnen, bevor wir die nächste Stadt (Soltau, Anmerkung des Übersetzers) erreichen, brummend an einem diesellokgezogenen Güterzug der OHE vorbei und zischend vor einem Stopsignal der DB wartend, neben dem verlassenen Soltauer OHE-Bahnhof. Das Signal zeigt freie Fahrt und wir fahren langsam auf DB-Schienen zum Bahnsteig 2 in Soltau.

Der eigentliche OHE-Bahnsteig 3 ist abgetrennt. Das bedeutet einen schnellen Lauf durch die Bahnsteigunterführung zum Einsteigen in den noch älteren Triebwagen nach Lüneburg Süd, der sich unter seiner zwetschgen- und schwarzfarbenen Lackierung verschleiert kaum noch als alter Esslinger erkennen läßt. Der andere Triebwagen ist verschwunden, während wir die Züge wechseln. Unmittelbar darauf sind wir weiter unterwegs, wieder gefüllt mit Ausflüglern, über die DB-Gleise zunächst in Richtung Uelzen und dann über die Heide.

Der äußere Schein trügt: Während dieser Typ Esslinger Triebwagens der Stolz, sagen wir, einer DEG ist (Deutsche Eisenbahngesellschaft, Anmerkung des Übersetzers), ist er bei der OHE offensichtlich zweitklassigen Diensten zugeordnet. Trotz des gepflegten Äußeren sind die Sitze aus Latten, hart und ramponiert. Wir haben kleinere Getriebeprobleme und schleichen langsam etwa eine halbe Meile dahin, bis es dem Lokführer gelingt, hochzuschalten, nur, um gleich wieder abzustoppen zum kurzen Halt in Harmelingen, einem Flecken zertrampelten Sandes in der Nähe einiger Häuschen und mit einem Unterstand, der früher wohl ein altes, hölzernes Wachhäuschen war.

Durch Tannenwälderzum Bahnhof Bispingen

Schon fahren wir weiter, zwischen Timmerlohs Bäumen hindurch, tunnelartig durch die Unterführung der Autobahn Frankfurt-Hamburg, durch tiefe Tannenwälder den Bahnhof von Bispingen erreichend. Dieser, an den sich die Autofahrer wahrscheinlich wegen seiner vier Bahnübergänge auf einer Länge von nur etwa einhundert Metern erinnern, fällt uns wegen der mit Waren beladenen Laderampe auf. Der Güterschuppen liegt etwas abseits von den Gleisen. Ein kleiner Karren mit Pferd pendelt zwischen dem Zug und dem Schuppen auf Schienen aus Vierkantrohr und alten Schwellen. Auf dem Bahnsteig bedient der Bahnvorsteher irgendein elektrisches Gerät und schon zockeln wir weiter, schrill pfeifend über die Bahnübergänge in Richtung Hützel.

Hier teilen sich die OHE-Strecken, nach Nordosten in Richtung Lüneburg an der DB-Strecke und weiter nach Bleckede nahe der Zonengrenze sowie nordwärts nach Winsen, näher an Hamburg an derselben DB-Linie gelegen, mit einer Stichbahn zur Endstation in Niedermarschacht nahe der Elbe.

Alle möglichen Verbindungen werden hier in Hützel bedient. So haben wir eine lange Pause, in der wir uns umschauen können. Nun – hier finden wir die Lösung für das Rätsel des fehlenden Kurswagens. Wie? Ganz einfach, denken Sie zurück an das seltsame Verschwinden des Personenwagens in Soltau. Er verschwand nicht einfach, sondern wurde nur an das Ende unseres Zuges gehängt, dadurch unmittelbar von einem Schnellzugwagen in einen Kurswagen verwandelt. Nun wird er wieder abgehängt, mit explosivem Zischen der Bremsschläuche und auf einen Zug wartend, der ihn nach Egestorf bringen wird, welches ein Stück die Strecke entlang in Richtung Winsen liegt.“

Von William James Keith Davies

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