Nach dem Ersten Weltkrieg

So wurde die Post in Wathlingen organisiert

Nach dem Ersten Weltkrieg pausierte monatelang der Schriftverkehr. Am 28. April 1919 setzte er im Celler Raum plötzlich wieder ein. Mit diesem Thema befasste sich das Postamt in Celle.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 09. Juni 2020 | 17:27 Uhr
  • 10. Juni 2022
Deutsche Behördensprache, Bürokratismus, Formalismus und deutsche Gründlichkeit: Der Band mit dem Titel „Akten, betreffend den Dienstbetrieb bei der Postagentur in Wathlingen“, hier mit Schriftverkehr vom Jahr 1919, verlockt den Heimatkundler nicht wirklich zum Sichten und Auswerten.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 09. Juni 2020 | 17:27 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Wathlingen.

Am Ende des Jahres 1918 schwiegen in Europa die Waffen. Kaiser Wilhelm II., dessen Geburtstag am 27. Januar reichsweit von allen Menschen gefeiert worden war, befand sich im Exil in den nahen Niederlanden, wo ihm Königin Wilhelmina Asyl gewährte.

Monatelang pausiert der Schriftverkehr in den vorliegenden Akten, betreffend den Dienstbetrieb bei der Postagentur in Wathlingen, dann setzt er unvermittelt am 28. April 1919 wieder ein. Das Postamt in Celle befasste sich mit einer Änderung des Dienstes der unteren Beamten in Wathlingen. Abgelegt ist der Entwurf, der tags darauf in Reinschrift mit einer Landbestellübersicht und einem Dienststundenplan versandt wurde. Im Schreiben verlautete:

Postamt Celle befasst sich mit Dienst in Wathlingen

„Der Dienst der u. B. der Postagentur in Wathlingen wird von 3 vollbeschäftigten u. B. und einem Aushelfer – dieser für Rechnung des Postagenten und als werktägliche außergewöhnliche Aushilfe (1,75 M) – wahrgenommen.

Die Herabsetzung des wöchentlichen Leistungsmaßes auf 48 Stunden hat noch nicht vorgenommen werden können, weil hierzu die Zeit und die Kräfte nicht reichten. Zur Einführung dieses Leistungsmaßes ist die Einstellung eines 4. vollbeschäftigten u. B. erforderlich. Durch die beiden Landbestellreviere und die zwei Ortsbestellungen sind 3 u. B. voll beschäftigt, während der 4. vollständig für den inneren Dienst benötigt wird. (…)

Zur Durchführung des Sonntagsdienstes ist die Einstellung eines Aushelfers (Dienst 7 1/2 Stunden) an jedem Sonntage zum Lohnsatze von 4 M und 80 Pf Teuerungszulage erforderlich. Dieser Lohnsatz ist bei den jetzigen Verhältnissen angemessen.

Nach Überweisung der 4. u. Beamtenstelle werden die … dem Postagenten zu zahlende Vergütung von 303 M für Wahrnehmung der Ortsbestellung, für die Eil- und Telegrammbestellung und für das Herbeirufen von Personen an den Fernsprecher sowie die werktags erforderliche halbe Kraft zum Lohnsatze von 1,75 M … fortfallen.

Es wird beantragt: 1.) die Neuregelung des Dienstes vom 1. Mai ab und die Einstellung einer Sonntagsaushilfe zum Lohnsatze von 4 M und 80 Pf Teuerungszulage zu genehmigen, 2.) vom gleichen Zeitpunkte ab der Postagentur in Wathlingen eine weitere u. Beamtenstelle zuzuweisen und 3.) die Verrechnung der Eilbotenlöhne pp. durch die Lohnhilfe anzuordnen.“

Antwort mit Schreibmaschine abgetippt

Die Antwort aus Hannover folgte am 2. Mai 1919, sie wurde mit Schreibmaschine abgetippt. Da heißt es:

„Vorbehaltlich der Prüfung durch den B.A.B. wird genehmigt, daß zur Herabsetzung des Leistungsmaßes der Dienst der unteren Beamten bei der Postagentur in Wathlingen vom 1. Mai ab nach dem anliegenden Stundenplan und der Landbestellübersicht geregelt wird. Um diese Regelung zu ermöglichen, wird das untere Beamtenpersonal um eine volle Kraft verstärkt. Einstweilen ist eine Aushilfskraft einzustellen (F.N. Tit. 35). Wegen endgültiger Besetzung der Stelle ergeht später besondere Verfügung. Außerdem kann an jedem Sonntag eine Aushilfe zum Lohnsatz von 5 Mark 60 Pf. ohne Zubilligung einer Teuerungszulage eingestellt werden. Dagegen kommt die dem Postagenten Timme bisher für Wahrnehmung der Ortsunterbeamtengeschäfte und der Botengänge im Eil-Telegramm- und Fernsprechdienst jährlich gezahlte Vergütung von 303 Mark unter Entbindung von diesen Leistungen rückwirkend vom 1. Mai ab in Wegfall. Die Eilbotenlöhne usw. sind wieder durch die Lohnliste zu verrechnen.

Gleichfalls hat auch die Einstellung der werktäglichen Aushilfe zum Lohnsatze von 1 Mark 75 Pf. fortzufallen pp.“

Mit B.A.B. war der Bezirksaufsichtsbeamte gemeint. Über die Arbeit dieser Berufsgruppe heißt es im „Archiv für Postgeschichte“ (1982): „In den OPD-Bezirken führten die Bezirksaufsichtsbeamten (BAB) P und F die Betriebs- und Kassenprüfungen durch. Auch deren Arbeit war oft schwierig, weil die Ausbildung der in verantwortlichen Stellungen Tätigen sehr oft noch nicht abgeschlossen und auch nicht ausreichend war.“

Postamt Celle setzt Änderungen um

Das Postamt Celle leitete unverzüglich die Umsetzung ein. Mit dem Bearbeitungsvermerk „Sofort“ gab sie am 3. Mai 1919 mit den beiden Anlagen eine interne und externe Verfügung in den Geschäftsgang: „(…) in Wathlingen z. K. u. Beachtung. Die Abschriften sind abzunehmen. Der Dienst der u. B. ist nach dem Dienststundenplan wahrzunehmen und zwar von den drei Bestellern im Wechsel. Die Ortsbestellung ist an Sonntagen wieder auszuführen.“

Der widerruflich angenommene Aushelfer Wilhelm Grethe erschien am 29. Juni 1919 auf der Postagentur in Wathlingen, um vom Postagenten Timme in der vorgeschriebenen Art und Weise dienstlich verpflichtet zu werden. Maschinell war auch hier unter dem Verpflichtungstext ergänzt: „Die Beschäftigung erfolgt auf jederzeitigen Widerruf. Ein Anspruch auf spätere Einstellung in den Postdienst wird nicht erworben.“

Vergütung des Postagenten Timme im Fokus

Noch immer stand die Umwandlung der Postagentur Wathlingen in ein Postamt III. Ordnung im Raum. Die Oberpostdirektion in Hannover hatte zuletzt, mit Verfügung vom 24. April 1914, in Aussicht gestellt, die Vergütung des Postagenten Timme im Betrag von 1200 Mark jährlich künftig nicht mehr bei Titel 31, sondern bei Titel 23 (Postverwalter) zu verausgaben. Nun aber verlautete seitens des Postamtes in Celle am 2. September 1919: „Die Umwandlung der Ag. Wathlingen in ein PA. III wird voraussichtlich in absehbarer Zeit kaum möglich sein, weil das Gebäude hierfür in W. fehlt und an einen Neubau wohl noch nicht recht zu denken ist.“

Diesem vorerst abschließenden Schreiben war die Verfügung vom 24. April 1914 beigefügt, auf deren Rückseite die Kriegsjahre hindurch im Sechs-Monats-Rhythmus angegeben wurde, dass die Umwandlung noch nicht stattgefunden habe.

Neue Dienstanweisung für Beamte in den Postagenturen

Am 13. September 1919 versandte das Postamt in Celle eine neue Dienstanweisung für untere Beamte an die Postagenturen im Zuständigkeitsbereich, darunter auch die Postagentur Wathlingen. Ungeduldig musste das Postamt in Celle zwischenzeitlich, am 22. September 1919, in Wathlingen nachfassen. Postagent Timme fehlten aber die meisten der alten Dienstanweisungen. So musste er am 26. September 1919 antworten: „Es ist nur die Dienstanweisung des Landbrieftr. Timme aufzutreiben, wahrscheinlich sind die anderen von den früheren Briefträgern mitgenommen. Neue Dienstanweisung empfangen.“

Am 22. Oktober 1919 fragte das Postamt in Celle bei der Postagentur in Wathlingen nach dem Verbleib der Armbänder der Aushelfer nach. „2 Armbänder waren erst 1917 neu beschafft worden.“ Postagent Timme prüfte und antwortete am 31. Oktober 1919: „Die 3 Armbänder sind nicht nachweislich.“

Diskussion um Armbänder

Das Postamt in Celle fasste am 5. November 1919 nach: „Sind sämtliche Aushelfer, die ein Ar[m]band zu tragen verpflichtet waren, über den Verbleib gefragt worden? Haben diese Personen Armbänder erhalten? Es ist sonst nicht recht verständlich, wie die Bänder, die nicht in unberufene Hände gelangen dürfen, abhanden kommen können.“

Und siehe da! Postagent Timme konnte unterm 14. Dezember 1919 vermelden: „Die Armbänder haben sich angefunden, sie lagen unter den nicht bestellten Zeitungen, es fehlt an einem der Adler ist verloren.“

Beschädigte Ausrüstung

Die Celler Beamten fassten noch einmal nach, und zwar am 16. Dezember 1919: „Wenn das Wappen des beschädigten Armbandes nicht auffindbar sein sollte, wird um Beifügung des Armbandes ersucht.“ Tags darauf, am 17. Dezember 1919, verschickte Postagent Timme die beschädigte Ausrüstung mit dem Hinweis: „Armband ohne Wappen beigefügt.“

In einem Rundschreiben der Postdirektion in Hannover vom 6. September 1919 verlautete:

„Bei einem Postamt ist kürzlich das Fehlen einer nahezu vollständigen Ausrüstung für Störungssucher festgestellt worden. Da die Ausrüstungsgegenstände bestimmungsgemäß bei der dem Störungssucher vorgesetzten Dienststelle aufbewahrt werden sollen, ist die vorgesetzte Dienststelle für die Vollzähligkeit, der Störungssucher selbst dagegen für den guten, jederzeit gebrauchsfähigen Zustand seiner Ausrüstungsgegenstände verantwortlich. Beide Dienststellen haben mithin versagt, wenn nahezu alle Ausrüstungsgegenstände unbemerkt verschwinden konnten. Um ähnlichen Verlustfällen vorzubeugen, sind mit der Prüfung usw. der Ausrüstungs usw. Stücke künftig, soweit dies noch nicht angeordnet ist, bestimmte Beamte zu beauftragen. Der Umtausch unbrauchbar gewordenen Störungssuchergeräts ist sofort zu veranlassen. Vorzuzeigen war dieses Rundschreiben in Beedenbostel, Steinhorst, Wathlingen, Langlingen, Müden Kr. Gifhorn, Sülze und Wathlingen.

Lange Mängelliste in Wathlingen

Egal, was fehlte: Es war transparent darzulegen und für Ersatz zu sorgen. In Beedenbostel fehlte ein Streckenhörer, in Müden ein Hammer – aber in Wathlingen vermisste man ungleich mehr: einen Gerätekasten, zwei Hebelkluppen, zwei Frostklemmen, zwei Flachzangen, eine Tasche für den Halteriemen und eine zweite Flaschenzugleine.

Die Wathlinger Meldung datiert vom 19. September 1919. Postagent Timme skizzierte, was nach dem Krieg noch zur Verfügung stand. Das waren ein Flaschenzug mit Leine ohne Klemme, Halteriemen, ein Paar Steigeisen, eine Feile, Streckenfernhörer und 30 Kilogramm Eisendraht.

Das Postamt in Celle fasste am 25. September 1919 nach: „Außer den vorseitig angegebenen Geräten müssen noch vorhanden sein: 1 Gerätekasten, 2 Hebelkluppen, 2 Frostklemmen, 2 Flachzangen, 1 Tasche für den Halteriemen, 1 zweite Flaschenzugleine.“

Austausch mit Postagent Timme

Postagent Timme antwortete: „Außer den vorseitig angegebenen Geräten ist auch der Gerätekasten da, sonst ist nichts da. Ist es hier gewesen(,) so ist es wohl von der Bautruppe in Anspruch genommen worden, welche manchmal zur Ergänzung von Draht den Geräteraum betreten mußten, und nicht überwacht werden konnten.“

Das klang für die Beamten in Celle wohl einigermaßen plausibel. Postagent Timme wurde noch einmal in der Sache kontaktiert, dann wurde am 13. Dezember 1919 eine Verfügung entworfen, die wie folgt ergehen sollte:

Von den der P[ost]ag[entur] in Wathlingen s. Zt. überwiesenen Ausrüstungsgegenständen für Störungssucher sind während des Krieges folgende Gegenstände abhanden gekommen: 2 Hebelkluppen, 2 Froschklemmen und 1 Flaschenzugleine. Über das Abhandenkommen dieser Gegenstände vermag der Postagent keine näheren Angaben zu machen. Er will während des Krieges infolge Personalmangels derart mit Arbeit überlastet gewesen sein, daß es ihm nicht möglich gewesen sei, die Ausrüstungsstücke immer persönlich auszugeben bezw. abzunehmen. Da die Störungen von Leitungsaufsehern und Arbeitern der Baukolonne aus Celle beseitigt worden seien und diese sich häufig einzelne Ausrüstungsgegenstände von ihm geliehen hätten, sei anzunehmen, daß sie die fehlenden Gegenstände nicht zurückgebracht hätten. Hier sind keine überzähligen Ausrüstungsgegenstände vorhanden.

Es wird beantragt, der Postagentur Wathlingen für die abhanden gekommenen Gegenstände Ersatz zu liefern.“

Gegenstände sollen geliefert werden

Am 24. Dezember 1919 wurde am Rande notiert, dass durch Verfügung vom 19. Dezember „M 2“ angewiesen worden sei, die Gegenstände zu liefern.

Am 12. Dezember 1919 schrieb Postagent Timme nach Celle, dass er dringend kurzzeitig einen Aushelfer benötige: „Auf Anregung der hiesigen Besteller wird gebeten(,) für die Einsammlung der Zeitungsgelder auf der großen Tour einen Aushelfer für zwei Tage zu bewilligen, da diese Bestellung schon mehr als acht Stunden beansprucht. Es liegen für diese Tour 231 Zeitungsbestellzettel vor.“

Dem Ansinnen wollte das Postamt in Celle gerne entsprechen. Am 14. Dezember 1919 richtete es sich an die Ober-Postdirektion in Hannover: „Zur Einziehung der Bezugsgelder von 231 Zeitungsbeziehern im Landbestellbezirk I der Postagentur Wathlingen hat an 2 Tagen eine außergewöhnliche Aushilfe zum Lohnsatze von 5 M und 1 M Teuerungszulage eingestellt werden müssen. Um nachträgliche Genehmigung wird gebeten.“

Ober-Postdirektion Hannover genehmigt Antrag

Die Ober-Postdirektion in Hannover quittierte den Antrag am 16. Dezember 1919 mit dem Wort „Genehmigt“ (gezeichnet Dr. Wolcken), das Postamt in Celle leitete den Vorgang zur Kenntnisnahme am 18. Dezember 1919 nach Wathlingen weiter.

Das Jahr 1919 ging ohne weitere Überprüfungen oder Ähnliches vorbei. Zum Jahreswechsel hatte Postagent Timme dann noch einmal wegen eines erhöhten Arbeitsaufwandes einen Aushelfer zum Tagegeldsatz von 5 Mark einstellen müssen, wie er am 1. Januar 1920 notierte.

Von Matthias Blazek

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