Neustart nach dem Krieg

So waren die Anfänge des Kreischorverbandes

Der Neustart nach dem Zweiten Weltkrieg war für die Gesangvereine nicht leicht. 1962 wurde schließlich die erste Satzung des Sängerkreises Celle beschlossen.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 15. Jan 2022 | 06:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 15. Jan 2022 | 06:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
Anzeige
Celle.

Der Kreischorverband Celle besteht seit 60 Jahren. Er entstand unter der Federführung des Chorleiters Johannes Roß und durch die Teilung des Sängerkreises Celle-Burgdorf in zwei selbstständige Sängerkreise am 6. Januar 1962. Der Kreischorverband Celle besteht aus Chören und Musikgruppen der Stadt Celle und des Landkreises Celle. Ihm gehören zurzeit 34 Chöre mit etwa 900 aktiven Sängerinnen und Sänger an.

Die Sängerinnen und Sänger des Celler Raums waren schon lange vor der Gründung des Kreischorverbandes in Bünden zusammengeschlossen, um gemeinsame Aufgaben zu lösen und einen musikalischen und organisatorischen Zusammenhalt zu haben. Selbst in der schwierigen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg wurden Sängertreffen veranstaltet, so beispielsweise Verbandstage in verschiedenen Orten, Wertungssingen und als Höhepunkte große Sängerbundesfeste. Nach der erzwungenen Pause während des Zweiten Weltkrieges wurde zunächst ein Versammlungsverbot ausgesprochen, deren Lockerung aber bereits am 2. August 1945 durch den Oberbefehlshaber der britischen Zone, Feldmarschall Bernard Montgomery, in einer „persönlichen Botschaft an die deutschen Mütter und Väter“ mit Blick auf das Potsdamer Abkommen in Aussicht gestellt wurde.

Deutscher Sängerbund vom Alliierten Kontrollrat als Nazi-Organisation verboten

Bis 1933 waren Arbeitergesangvereine und die, wie man sagt, bürgerlichen Gesangvereine in getrennten Bünden organisiert gewesen. Den Deutschen Arbeiter-Sängerbund, kurz DAS, hatten die Nationalsozialisten 1933 verboten, seine Mitglieder hatten sie verfolgt. Diese Vorgeschichte von Verbot und Anpassung war der Grund dafür, dass 1945 der Deutsche Sängerbund vom Alliierten Kontrollrat als eine der Zwangs- und Gleichschaltungsorganisationen der Nazis verboten wurde.

Dafür genehmigte die englische Militärregierung den Deutschen Allgemeinen Sängerbund als neuen Verband. In diesem Bund bildeten die Kreise Burgdorf, Celle und Gifhorn eine Bezirksgruppe, deren Vorsitzender Walter Kudraß, Celle, und der musikalische Leiter Heinrich Knauer, Burgdorf, wurden.

In vielen Chören fehlten Liederbücher

Die Situation der Laienchöre war nach dem Zweiten Weltkrieg äußerst deprimierend, was sich durch eine starke Verunsicherung und eine allgemeine Hoffnungslosigkeit ausdrückte. Das Liedgut hatte sich grundlegend geändert, und in vielen Chören waren die Liederbücher im Krieg abhanden gekommen. Trotz Geldnot mussten neue Bücher beschafft werden. „Da war es um manchen Chor geschehen“, erzählte Hans Bölte, Leiter der Chorgruppe Soltau von 1992 bis 2004 und Ehrenvorsitzender der Singgemeinde Munster. „Denn durch geringe Mitgliederzahlen und zusätzlichen Chorleitermangel mussten etliche Chöre das Singen einstellen.“

Im April 1949 schlossen sich in Wiesbaden die Vertreter der bereits wieder zugelassenen Unterbünde mit dem Ziel zusammen, eine Wiedergründung des Deutschen Sängerbundes zu erreichen. Das hohe Ziel wurde von der Interessengemeinschaft nach langwierigen Beratungen und Verhandlungen am 10. Juli 1949 in Göppingen erreicht, berichtete Friedhelm Böning, Ehrenmitglied des Sängerkreises Hannover, in einem Festvortrag im Jahre 1999.

Erste Sängerkreise richten sich nach dem Krieg wieder ein

Jetzt richteten sich die ersten Sängerkreise wieder ein, wie noch 1949 der Sängerkreis Soltau-Fallingbostel, dessen Vorsitzender Amtsgerichtsrat Karl Daub (bis 1967) und musikalischer Leiter der damalige Konrektor der Hermann-Billung-Schule, Karl-Heinz Naumann, wurden.

Nach seiner Wiederzulassung traten dem Deutschen Sängerbund auch die Chöre der Kreise Burgdorf und Celle bei. So entstand im Jahre 1954 der Sängerkreis Celle-Burgdorf. Vorsitzender wurde Walter Kudraß. Seinem selbstlosen Einsatz war es zu verdanken, dass fast alle Chöre des Kreises dem Deutschen Sängerbund beitraten, schrieb der Lehrter Männerchor-Vorsitzende Manfred Grobe. Kreischorleiter blieb in dieser Zeit Heinrich Knauer aus Burgdorf.

Sänger reisen scharenweise in Bussen an

In Hameln fand vom 22. bis 24. Mai 1954 das Zweite Sängerbundfest des Sängerbundes Nordwestdeutschland statt. Die Rede war von einem „wegweisenden Sängerbundesfest“, zu dem die Sänger scharenweise in Bussen anreisten.

Es war zunächst ein zaghafter Neubeginn. Durch die Einführung oder Neubelebung von Freundschaftssingen wurde wieder ein Gemeinschaftsgefühl geweckt. In Verbindung mit Chorjubiläen versammelten sich die Chöre der Kreise damals wie heute zu Chorfesten.

Kudraß führte Sängerkreis Celle-Burgdorf

Walter Kudraß führte den Sängerkreis Celle-Burgdorf von 1954 bis 1966. Geboren wurde er am 23. Dezember 1899 in Breslau/Niederschlesien und ging 1930 als Lehrer an die Deutsche Schule in Buenos Aires/Argentinien. 1931 kehrte er zurück nach Breslau, um seine zukünftige Frau Margarete zu heiraten. Mit ihr gemeinsam ging es alsbald wieder nach Buenos Aires zurück, wo der Familie bald danach zwei Kinder geschenkt wurden. 1939 erfolgte der Ruf zurück nach Deutschland, sodass bis 1944 Schlesien die Heimat war. 1949 ging sie nach Celle, eigentlich wieder mit dem Plan, nach Argentinien zu gehen. 1950 wurde Walter Kudraß aber Lehrer an der Schule in Nienhagen. Er sang selbst in Celle beim Männerchor Cellensia und hatte den durch Verschmelzung von drei Vereinen am 15. September 1862 gebildeten Celler Chor „Belle-Alliance“.

Sängerkreis Celle-Burgdorf spaltet sich auf

Im Jahr 1961 bildeten sich dann aus dem Sängerkreis Celle-Burgdorf zwei selbstständige Sängerkreise. Diese Teilung wurde am 6. Januar 1962 durch Errichtung einer eigenen Satzung und der Wahl eines eigenen Kreisvorstandes vollzogen.

Aus dem damaligen Protokoll ist zu ersehen, dass der Sängerkreis Burgdorf seinerzeit bereits aus 27 Chören mit rund 1000 singenden und 300 nichtsingenden Mitgliedern bestand. Es war besonders der, den es leider heute nicht mehr gibt, der maßgeblichen Anteil an der Gründung unseres Sängerkreises hatte. Theodor Dzuk vom Männergesangverein Burgdorf wurde Kreisvorsitzender, dem der Sangesbruder Pinkas aus Arpke sowie die Sangesbrüder Wiesener aus Burgdorf als Schriftführer und Petermann, ebenfalls aus Burgdorf, als Kassenführer zur Seite standen. Die Beisitzer kamen aus Uetze, Wettmar und Hänigsen. Erster Kreischorleiter wurde dort Jobst Joachim Schulz.

Sängerkreis Celle 1962 ins Leben gerufen

Die erste Satzung des Sängerkreises Celle wurde Anfang Januar 1962 beschlossen. Federführend war in der Anfangszeit der Musiklehrer Johannes Roß aus Celle.

Der Männergesangverein Wathlingen verlor am 20. April 1961 seinen langjährigen Chorleiter Walter Schröder, der einem zweiten Herzinfarkt innerhalb einer Woche erlegen war. Sangesbruder Walter Kudraß war bereits nach dem ersten Herzinfarkt vertretungsweise eingesprungen. Er übernahm nun die Leitung.

„Waren es wirklich nur fünf Jahre, die Studienrat Walter Kudraß danach den Chor leitete?“, fragte ein Zeitgenosse. „Ein Mensch, dessen Leben und Wirken nicht mit der Uhr, nicht nach dem Zeitplan von Tag und Jahr, gemessen werden konnte! Er gab und gab – Chormeister, Pädagoge, Mensch und Freund. Die Liederabende mit ihm waren ein Erlebnis; einfühlsam, aufrichtig, temperamentvoll, sprühender Witz und Humor. So lernten ihn die Sänger kennen und schätzen – ein Musikliebhaber, der sich für die Ideale des Chorgesangs verzehrte.“

Chorleiter Walter Kudraß stirbt plötzlich

Der plötzliche Tod von Chorleiter Walter Kudraß am 15. April 1966 traf den Männergesangverein Wathlingen und den Kreissängerbund sehr hart.

Als der Männergesangverein Wathlingen vom 20. bis 27. Mai 1967 seinen 75. Geburtstag feierte, schrieb Kreischorleiter Johannes Roß einleitend in der Festbroschüre: „Chorjubiläen wollen die Teilnehmer zur Besinnung rufen. Sie sollen den Sängern neue Kraft geben, das musikalische Erbe unserer Väter in Ehrfurcht zu verwalten. Gleichzeitig wächst die Verpflichtung, zeitgenössisches Liedgut zu singen und zu pflegen. Mögen die Wathlinger Festtage dem Chorgesang neue Freunde gewinnen.“

Rühriger Verfechter der Laienchormusik

Johannes Roß kam am Vorabend des Ersten Weltkriegs, am Silvestertag des Jahres 1913, zur Welt. Er war Gründer und langjähriger Leiter des 1946 als Schwesternchor ins Leben gerufenen Frauensingkreises Celle, er galt als rühriger Verfechter aller Belange der Laienchormusik. Ihm ist der Aufbau des Sängerkreises Celle beziehungsweise Celle-Soltau zu verdanken. So fühlte sich der Frauensingkreis Celle immer zu besonderen Leistungen angespornt und wurde über die engeren heimatlichen Grenzen hinweg bekannt.

Roß war zudem Chorleiter des Männerchores Cellensia und lange Jahre Kreischorleiter im Sängerkreis Celle-Soltau. Er hatte große Erfolge als Schulmusiker, Ehrenämter im Sängerbund Nordwestdeutschland sowie im Deutschen Sängerbund über schwierige Nachkriegsverhältnisse hinweg. Vielfältige Chorfreundschaften reichten weit bis nach Meudon und Finnland. Mitten aus seinem unermüdlichen Schaffen wurde er plötzlich am 8. Februar 1981 aus dem Leben gerissen.

Die Rolle von Johannes Roß in der nationalsozialistischen Zeit ist indes umstritten. Der Musiklehrer hatte als Erwachsener einen Hitlerjugenddienstrang ergattert und musste nach dem Krieg das Gymnasium Ernestinum verlassen.

Mitgliederzahl des Sängerbundes Nordwestdeutschland deutlich gestiegen

Als 1967 Karl Daub beim Sängerkreis Soltau seinen Hut nahm, war der Vorsitzende des Sängerbundes Nordwestdeutschland (des späteren Chorverbandes Niedersachsen-Bremen), Fokke Pollmann, in der Versammlung zu Gast. In seinem Grußwort wies er darauf hin, dass die Mitgliederzahl des Sängerbundes Nordwestdeutschland seit 1950 von 12.000 auf 90.000 angestiegen sei.

Der 1926 geborene Gewerbeoberlehrer Hans-Werner Hillmar wurde als neuer Vorsitzender des Sängerkreises Soltau gewählt. Er gab bekannt, er werde künftig sein Augenmerk auf die Nachwuchswerbung richten und mit dem Sängerkreis Celle Verbindung aufnehmen. Hillmar erinnerte sich noch gut an die Zusammenführung der Sängerkreise Soltau und Celle im Jahre 1968. Damals sei er mit seinem Kreischorleiter, Karl-Heinz Naumann, nach Celle gereist, um mit Johannes Roß in Verhandlungen zu treten. Mit Erfolg: Am Ende stand der Fusion nichts mehr im Wege.

Im Januar 1968 wurde die Chorgruppe Soltau in den Sängerkreis Celle eingegliedert. Im Städtischen Saalbau Union in Celle begrüßte Sängerkreisvorsitzender Hans-Heinrich Schrader aus Wathlingen, nachdem die versammelten Sängerinnen und Sänger unter der Leitung des Kreischorleiters Oberstudienrat Johannes Roß den deutschen Sängergruß und das aus dem schwäbischen Oberland stammende Volkslied „Hab oft im Kreise der Lieben“ von Friedrich Silcher gesungen hatten, besonders die Mitglieder der Chöre aus Soltau, deren Aufnahme in den Sängerkreis zu beschließen war.

Soltauer Chöre 1968 eingegliedert

Die Versammelten stimmten zu. Die Eingliederung der Soltauer Chöre erfolgte als Untergruppe (später Chorgruppe). Die Umgliederung betraf folgende Chorvereine: Singgemeinde Munster mit dem Gemischten Chor Oerrel, MGV Schneverdingen, Jugendmusikkreis Schneverdingen, Frauenchor Soltau, Kinderchor der Hermann-Billung-Schule Soltau, Junger Chor Soltau, Soltauer Liedertafel und MGV Eintracht Wietzendorf.

Der Mitgliederstand belief sich bislang auf 38 Chorvereine mit 1410 Sängerinnen und Sängern. Durch den Beitritt der Untergruppe Soltau vergrößerte sich diese Zahl um etwa 400 Sängerinnen und Sänger. Der Sängerkreis Soltau-Fallingbostel war damit aufgelöst.

Ein Sängerfest aus Anlass des besonderen Geburtstags ist bereits für den Sommer 2022 in Planung. Der Augenblick soll dann auch genutzt werden, dass eine Reihe von Chören aus dem Celler Raum, die ein CD-Benefizprojekt für das Celler Hospiz begleitet und Lieder der Comedian Harmonists aufgenommen haben, ihre Produkte der Öffentlichkeit präsentieren.

Von Matthias Blazek

Von