Leben unter Besatzern

So war die Lage in Celle nach dem Zweiten Krieg

Celle war nach dem Zweiten Weltkrieg von den Briten besetzt. So agierten die Vertreter der britischen Militärregierung und das waren die Herausforderungen.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 18. Juli 2020 | 06:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
Ein britischer Verkehrsposten auf dem Albrecht-Thaer-Platz in Celle.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 18. Juli 2020 | 06:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

Nach dem Sturz der nationalsozialistischen Herrschaft und der Besetzung Deutschlands durch die Alliierten im Jahre 1945 sollte das Land eine neue staatlich-gesellschaftliche Organisationsform erhalten. Grundlegende Bedeutung hatte dabei die von den Siegermächten vorgenommene Teilung des Landes in eine amerikanische, britische, französische und sowjetische Besatzungszone. Celle gehörte zur britischen Zone und innerhalb dieses Gebietes zur Provinz Hannover.

Erste Maßnahmen nach der Besetzung

Da die Alliierten zum Zeitpunkt der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht nicht über eine gemeinsame Konzeption für die Besatzungspolitik verfügten, orientierten sich die Briten zunächst an Grundsätzen und Überlegungen, die in einem britischen Deutschland-Handbuch im Oktober 1944 formuliert worden waren:

– Ausschaltung des Nationalsozialismus und der Wurzeln des Militarismus im allgemeinen und aus der Verwaltung, Justiz und Wirtschaft im besonderen;

− Umerziehung der Deutschen zu demokratischen Lebensformen;

− Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung nach Besetzung und Kapitulation;

− Verhinderung einer „Verbrüderung“ (fraternization) zwischen deutscher Bevölkerung und alliierten Truppen;

− Lösung der zu erwartenden existenziellen Nachkriegsprobleme mit Hilfe einer deutschen Selbst- und Auftragsverwaltung (indirect rule-Prinzip);

− Kontrolle von Wirtschafts- und Finanzwesen, Rundfunk und Presse;

− Wiederbelebung einer deutschen Friedenswirtschaft auf reduziertem Niveau.“1

Angesichts der ungeheuren Zerstörungen und damit verbundenen Folgen für das Überleben der Menschen und für die Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrer Zone war es das vorrangige Interesse der britischen Militärregierung, mit Hilfe eines „vertrauenswürdigen“ Fachpersonals die auf Landes-, Provinz- und Bezirksebene wie auch in den einzelnen Landkreisen und Städten notwendigen Maßnahmen durchzuführen.

Dilemma für britische Militärregierung

„Damit begann für die Briten bereits im Vorfeld der eigentlichen Entnazifizierung ein Dilemma, aus dem sie sich lange Zeit nicht befreien konnten.“ Einerseits war in der Situation, in der sich Deutschland 1945 befand, eine funktionsfähige Verwaltung unerlässlich, andererseits wollte die Besatzungsmacht „dem besatzungspolitischen Ziel einer Entnazifizierung der deutschen Gesellschaft auch im Sinne einer personellen Säuberung Rechnung tragen“.2

Ernst Meyer wurde im März 1924 zum Bürgermeister von Celle gewählt und hatte dieses Amt bis zu seiner Verhaftung durch die britische Militärregierung am 15. April 1945 inne.

Wie schwierig es dabei war, in kurzer Zeit geeignete „unbelastete“ Personen zu finden, zeigte sich auch in Celle, als die dortigen Vertreter der britischen Militärregierung nach der Besetzung der Stadt sogleich mit der Einrichtung einer arbeitsteiligen Verwaltung begannen und auch hier sehr schnell mit der „nationalsozialistischen Verbindung“ einzelner Personen konfrontiert wurden, die zu einem raschen Wechsel an der Spitze der städtischen Verwaltung bei der Einsetzung eines Oberbürgermeisters führten.3

Versuche der Entnazifizierung in Celle

Nicht zu übersehen war aber auch, dass die Briten bereits frühzeitig, noch vor Beginn einer Bildung deutscher politischer Organisationen und Institutionen versuchten, die öffentlichen Einrichtungen von Gefolgsleuten der NS-Herrschaft zu säubern. Ein genau festgelegtes Konzept bzw. Muster verfolgte man dabei jedoch nicht. So wurden in Celle „beispielsweise die Personalakten des Oberlandesgerichts Celle im ersten Stadium der Entnazifizierung ausschließlich von Dienststellen der Militärregierung ausgewertet“, dagegen „legte man die Überprüfung der städtischen Bediensteten in die Hände des Oberbürgermeisters. Diese Selbstreinigung führte immerhin dazu, daß bis zum Ende des Jahres 1945 fast ein Viertel aller Angehörigen der Stadtverwaltung entlassen wurden. Hierdurch und infolge der Neueinstellung unbelasteter Personen sank der Anteil derjenigen Beamten und Angestellten, die der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen angehört hatten, von 71 Prozent auf 48 Prozent“.4

Existenzielle Probleme der Celler Bevölkerung

Die im Auftrage der Militärregierung von den deutschen Dienststellen auf den verschiedenen Verwaltungsebenen durchzuführenden Aufgaben waren vielfältig. Die existenziellen Probleme der Überlebenden stellten auch in Celle eine täglich aufs Neue zu bewältigende Herausforderung dar. Infolge der kritischen Versorgungslage waren bereits am Ende des Krieges auch häufiger Proviantlager der Wehrmacht und stillgelegte beziehungsweise verlassene Fabriken geplündert worden.

Walther Hörstmann (1898–1977) wurde am 10. Mai 1945 von der britischen Militärregierung zum neuen Oberbürgermeister der Stadt Celle berufen und hatte dieses Amt bis zum 22. März 1946 inne.

In Celle war es bei der Besetzung der Stadt durch alliierte Truppen trotz einer von der Militärregierung angeordneten 24-stündigen Ausgangssperre zu einer Plünderung verschiedener Einzelhandelsgeschäfte durch Deutsche und Ausländer gekommen. Als besonderer Anziehungspunkt erwiesen sich dabei die Trüllerwerke mit den dort noch vorhandenen Grundstoffen der Keks- und Zwiebackproduktion. Aber auch alle Läger der Militärverwaltung, der Spinnhütte, der Firma Burwitz sowie verschiedener Bekleidungsgeschäfte der Stadt wurden in diese „Selbsthilfeaktionen“ der Celler Bevölkerung einbezogen.5

Militärregierung „vor Ort“

Bei dem Bestreben der britischen Militärregierung, der schwierigen Versorgungslage in ihrer Zone Herr zu werden, wurde „die Verantwortung für die Ernährungswirtschaft […] auf deutscher Seite 1945 […] den Ernährungsämtern“ übertragen und damit Einrichtungen, wie sie schon im August 1939 in den Provinzen und kleineren Ländern gebildet worden waren. „Ebenfalls im Mai 1945 legte die Besatzungsmacht zoneneinheitlich die Richtlinien fest, nach denen die Ernährungsämter die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen hatten (75. und 76. Periode, Mai/Juni 1945). Es wurden folgende Rationen (kcal/Tag) angeordnet: Kleinkinder 1000, Kinder und Jugendliche je nach Lebensalter zwischen 1250 und 1600. Normalverbraucher (über 17 Jahre alt) 1150, werdende und stillende Mütter 2200, Schwer- und Nachtarbeiter 2250, Schwerstarbeiter 2800.“ Aufgrund der unterschiedlichen Gegebenheiten auf der lokalen Ebene verzichtete die Besatzungsmacht seit Juli 1945 (77. Periode) jedoch auf eine zoneneinheitliche Festlegung der Rationen.6

Deutsche Dienststellen in Städten und Dörfern überfordert

Es zeigte sich aber sehr schnell, dass die für die Bewältigung dieser Aufgaben zuständigen deutschen Dienststellen in den Städten und Dörfern überfordert waren. Angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen konnten sie bei der Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln, Bekleidung und Wohnung oder bei der Regelung von Transport, Verkehr und Güterproduktion sowie bei der Organisation des Gesundheitswesens und der Schulen nur in sehr beschränktem Maße Hilfe leisten.

Wertverlust der „Reichsmark“

Die Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern, die bereits in den ersten Monaten nach Kriegsende erhebliche Schwierigkeiten bereitet hatte, hatte sich im Verlauf des Jahres 1946 weiter verschärft. Die auf Bezugsscheinen zugeteilten Lebensmittel stellten keine gesicherte Grundlage dar. Viele Menschen versuchten deshalb, andere „Quellen“ für die Verbesserung ihrer existenziellen Bedingungen zu erschließen. Besondere Bedeutung gewann dabei das Geschehen auf dem „Schwarzen Markt“, das der Kontrolle durch die Behörden weitgehend entzogen war.

Horrende Schwarzmarktpreise

Geld spielte hier keine Rolle. Wie stark die „Schwarzmarktpreise“ von den offiziellen Preisen abwichen, zeigen die folgenden Beispiele: So mussten für ein Kilogramm Fleisch bei einem offiziellen Preis von 2,20 Reichsmark (RM) 1946/1947 auf dem Schwarzmarkt 60 bis 80 RM bezahlt werden; für ein Kilogramm Brot 20 bis 30 RM anstatt 0,37 RM; für ein Kilogramm Kartoffeln wurden bei einem offiziellen Preis von 1,07 RM 120 bis 180 RM verlangt; bei Zucker lagen die entsprechenden Preise bei 1,07 RM und bei 120 bis180 RM; und ein Kilogramm Butter, dessen offizieller Preis mit 4 RM angegeben war, kostete auf dem Schwarzmarkt zu dieser Zeit 350 bis 550 RM. Bei der Bewertung und Einordnung dieses Preisniveaus muss man zudem bedenken, dass sich der Lohn eines Arbeiters 1945 bis 1948 zwischen 150 und 200 RM bewegte.7

Mit der noch als Zahlungsmittel anerkannten Reichsmark ließen sich jedoch schon bald kaum noch „Geschäfte“ machen. An deren Stelle trat die „Zigarettenwährung“ als neuer Bewertungsmaßstab.

„Zigarettenwährung“ als neuer Bewertungsmaßstab

Viele Menschen waren in dieser Situation bereit, wertvolle Gegenstände gegen Lebensmittel einzutauschen. Für einen Fremden war es jedoch nicht so einfach, auf diesen Umschlagplätzen „ins ‚Geschäft‘ zu kommen. Denn die meisten Partner kennen sich und wissen, was sie voneinander zu halten haben; so ein „Neuer“ könnte sich über die Höhe der Preise oder die Qualität der Ware mokieren, vielleicht sogar einen „Kriminellen“ im Schlepptau haben. Nein, man hat seine feste Kundschaft und will sicher gehen. Außerdem ist nicht gewiß, ob die „Sore“ (gestohlenes Gut) gesucht und von jemandem wiedererkannt wird.

In kleinen, zwanglosen Gruppen stehen Händler und Kunden zusammen, anscheinend höchst uninteressiert, die aromatisch duftende, ausländische Zigarette im Mundwinkel. Gesprochen wird nicht viel. Ab und zu fällt eine Zahl, dann folgt entweder ein leichtes Kopfschütteln oder die nickende Zustimmung. Die beiden Handelseinigen verschwinden dann etwas abseits, tauschen hastig Ware und Gegenleistung aus und stehen Minuten später schon wieder bei anderen Gruppen, um dort ein neues Geschäft zu machen. […]

Vor der „Polente“ (Polizei) scheint man keine Angst zu haben. Gefürchtet von allen Beteiligten sind die Elemente, die mit Drohung „Kippe oder Lampen“ die Hälfte des Gewinns abhaben wollen oder im Weigerungsfalle mit einer Anzeige rasch zur Hand sind. Dann wird schnell geteilt und die Grüppchen lösen sich eiligst auf, um den Burschen, wenn möglich, an anderer Stelle die Beute wieder abzujagen. [...]“.8

„Kompensieren“ als „Geschäft“

Not macht bekanntlich erfinderisch. Und so erstaunt es nicht, dass es in dieser Zeit manchem auf recht ungewöhnliche Weise gelang, sich Vorteile zu verschaffen. Als Beispiel dafür wurde 1947 in einer Berliner Tageszeitung das „Kompensieren“ als ein „Geschäft“ vorgestellt, mit dem erstaunliche Gewinne zu erzielen seien: „Einem hungrigen Freunde wurde ein Pfund Butter für 320 RM angeboten. Er nahm sie auf Kredit, weil er soviel Geld nicht hatte. Er wollte sie morgen bezahlen. Ein halbes Pfund bekam seine Frau. Mit dem Rest gingen wir ‚kompensieren‘. In einem Tabakladen gab es für das halbe Pfund 50 Zigaretten. Zehn Stück behielten wir für uns. [...] Für 40 Zigaretten erhielten wir [in einer Kneipe] eine Flasche Wein und eine Flasche Schnaps. Den Wein brachten wir nach Hause. Mit dem Schnaps fuhren wir aufs Land. Bald fand sich ein Bauer, der uns für den Schnaps zwei Pfund Butter eintauschte. Am nächsten Morgen brachte ein Freund dem ersten Butterlieferanten sein Pfund zurück, weil es zu teuer war. Unsere Kompensation hatte 1½ Pfund Butter, eine Flasche Wein, zehn Zigaretten und das Vergnügen eines steuerfreien Gewerbes eingebracht.“9

Von Karl-Heinz Buhr

Quelle

1 Ullrich Schneider: Niedersachsen 1945/46. Kontinuität und Wandel unter britischer Besatzung, hg. von der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Hannover 1984, S. 35.

2 Schneider, wie Anm. 1, S. 29.

3 Vgl. Mijndert Bertram/Rainer Voss: Vom Ende des NS-Regimes bis zu den ersten demokratischen Wahlen nach dem Krieg – ein Abriß der Ereignisse, in: Bomann-Museum (Hg.): Celle’45, Aspekte einer Zeitenwende. Begleitheft zur Ausstellung im Bomann-Museum Celle vom 13. April bis 24. September 1995, Celle 1995, S. 24ff.

4 Bertram/Voss, wie Anm. 3, S. 30.

5 Vgl. Bertram/Voss, wie Anm. 3, S. 23 u. Sabine Maehnert: Die Probleme bei der Versorgung mit Lebensmitteln, in: Bomann-Museum (Hg.): Celle’45, wie Anm. 3, S. 125 u. S. 136-138.

6 Schneider, wie Anm. 1, S. 90f.

7 Karl-Heinz Rothenberger: Die Hungerjahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Boppard 1980, S.131.

8 Hannoversche Presse vom 6.9.1946, S.4.

9 Telegraf vom 24.6.1947.

Von