75 Jahre Niedersachsen

So nahmen Celler die Landesgründung 1946 wahr

Dass Niedersachsen vor 75 Jahren gegründet wurde, haben die Celler nur am Rande mitbekommen. Nach dem Krieg waren sie mit ganz anderen Dingen beschäftigt.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 27. Nov 2021 | 06:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
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Celle.

Niedersachsen feierte am 1. November mit einer großen Gala in der Hannoverschen Stadthalle seinen 75. Geburtstag. Dass es am 1. November 1946 das Land noch gar nicht gab, sondern erst die Verordnung der britischen Militärregierung vom 23. November 1946 Niedersachen rückwirkend gründete, fällt unter den Tisch. Das Augenmerk der heute Feiernden richtet sich nicht mehr auf den eigentlichen Gründungsvorgang, sondern auf Beispieldaten aus 75 Jahren, die heute als prägend definiert werden. Das kann man so machen und trifft sicher auch den Zeitgeist. Dieser Beitrag geht der Frage nach, welche Bedeutung die Menschen im Raum Celle 1946 der Gründung des Landes zuwiesen, und wird zeigen, dass eine historische Herangehensweise an das Jubiläum uns Heutigen hilft, Gegenwärtiges besser zu verstehen.

„Wir waren immer Niedersachsen“

Die beiden hellwachen Wathlingerinnen Meta Oelker und Gerda Duhr blicken auf mehr als 90 Lebensjahre zurück. Kaffee und Dänische Butterkekse stehen auf dem Sofatisch in der kleinen gemütlichen Wohnstube, und beide erzählen detailreich und genau vom schweren Alltag der Bauern, von versperrten Bildungswegen für Mädchen, von großen und kleinen Tragödien des Dorfes, aber auch von den heiteren Episoden im Dorfleben. Als das Thema auf die Gründung des Landes Niedersachen zu sprechen kommt, antworten beide kopfschüttelnd: „Nee, das ging an uns total vorbei.“ Beide fügen aber sofort hinzu: „Wir waren immer Niedersachsen“, und verschmitzt lächelnd fügen sie an: „Das Niedersachsenlied, das haben wir schon immer gerne gesungen.“ Und dann ernster erinnert sich Gerda Duhr: „Die Nazis, die haben das Thema Niedersachen ja runterdrücken wollen, aber es war immer da, und nach dem Krieg kam es dann wieder hoch.“

Niedersachsen-Leidenschaft hat lange Tradition

Mit diesem Niedersachsenbewusstsein sind die beiden Wathlingerinnen im Landkreis nicht allein, denn die Niedersachsen-Leidenschaft hat in der ehemaligen preußischen Provinz Hannover eine lange Tradition. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Jugend von der Heimatbewegung ergriffen und das Land Niedersachsen „erfunden“, denn es kann sich auf keine historische Tradition staatlicher Einheit wie etwa Sachsen oder Bayern berufen.

Hermann Grote dichtet Niedersachsenlied

Die „symbolische Konstruktion“ eines Landes Niedersachsen hatte damals etwas Revolutionäres, denn die jahrhundertelang geltende dynastisch legitimierte Klein- und Kleinststaatlichkeit Hannovers, Oldenburgs, Braunschweigs und Schaumburg-Lippes war plötzlich infrage gestellt. Die plötzlich in den Vordergrund gerückten Gemeinsamkeiten in Geschichte, Kultur und Volkstum waren sehr weit hergeholt, manchmal sogar falsch, was der Idee aber keinen Abbruch tat. Wie ein Booster für die Niedersachsenidee wirkte es, als nach der Niederlage gegen Preußen das Königreich Hannover 1866 zur „Provinz Hannover“ herabsank. 1895 erschien eine neue Zeitschrift mit dem Titel „Niedersachsen“ immerhin in einer Auflagenhöhe von 4000 Exemplaren. 1901 betrat mit dem in Hannover gegründeten „Heimatbund Niedersachsen“ ein neuer Akteur das geschichtskulturelle Feld, 1902 wurden die jährlichen Niedersachsentage ins Leben gerufen, und die Schüler lernten in der Volksschule mit einer Fibel lesen und schreiben, die den Namen „Niedersachsen“ im Titel trug.

Als 1926 der Musiklehrer Hermann Grote das Niedersachsenlied dichtete, entwickelte es sich bald zu einem Gassenhauer. Noch heute gilt es als so etwas wie die inoffizielle Landeshymne:

„Von der Weser bis zur Elbe, von dem Harz bis an das Meer,

stehen Niedersachsens Söhne, eine feste Burg und Wehr.

Fest wie unsere Eichen halten alle Zeit wir stand,

wenn Stürme brausen übers Deutsche Vaterland.

Wir sind die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen,

Heil Herzog Widukind Stamm.“

Dass die Oldenburger, Ostfriesen, Osnabrücker und Emsländer im Originaltext ausgegrenzt werden, störte damals niemanden. Überzeugte Niedersachsen änderten einfach die erste Zeile in „Von der Ems bis an die Elbe …“, und dann waren wieder alle dabei. Das heute so anstößige „Heil“ verstanden die damaligen Zeitgenossen ganz unbefangen als altgermanischen Glück- und Segenswunsch.

Denkschrift zu Niedersachsen und das deutsche Reich

Wichtiger als dieses Lied dürfte es aber gewesen sein, dass ab Ende der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts der Niedersachsengedanke durch den Landeshistoriker Georg Schnath und den Volkskundler Wilhelm Preßler auch in die politische Spitze der Provinz Hannover hineingetragen wurde. 1929 ergriff der hannoversche Provinziallandtag die Initiative und beauftragte den Geografen und Landeskundler Kurt Brüning und den Historiker Georg Schnath mit einer Denkschrift „Niedersachsen im Rahmen der Neugliederung des Reiches“. Nicht nur die historischen, volkstumsmäßigen und kulturellen Gemeinsamkeiten, sondern auch die wirtschaftspolitischen Vorteile eines solchen Großraumes sprächen für die Bildung eines Landes Niedersachsen. Bereits damals widersprachen die Oldenburger heftig und pochten auf ihre historische Eigenständigkeit.

Nazis duldeten keine Regionalkultur

Die weiteren Ereignisse ließen die Niedersachsenidee im Sande verlaufen. Denn bei aller Germanen- und Sachsentümelei duldeten die Nationalsozialisten keine eigenständige Regionalkultur, die ihren Zentralisierungsbestrebungen zuwiderliefen. Die 1934 verordnete Verwaltungsreform richtete nicht nur ein grandioses Verwaltungswirrwarr an, sondern drängte auch gleichzeitig den Niedersachsen-Gedanken zurück, ohne ihn aber in Vergessenheit geraten zu lassen. So spiegelt die „Wir waren immer Niedersachsen“-Erzählung der beiden Wathlingerinnen im Kleinen eine historische Wirklichkeit wider.

Kriegsgefangene kehren zurück in Landkreis Celle

In Bergen ist für einen fünfjährigen Jungen seit dem Frühsommer 1946 die Welt wieder ein Stück weit in Ordnung. „Es war ein schöner Maitag und in unserem Garten blühte der Flieder. Noch heute habe ich diesen Fliederduft in der Nase, wenn ich an den Tag denke, als mein Vater aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte. Das normale Familienleben begann.“ Das ist für den 1941 geborenen Karl Lapacek die alles überlagernde Erinnerung an das Jahr 1946. Aber auch das erwähnt er: „Das Haus meiner Eltern war voller Flüchtlinge. Die Eltern und alle anderen hatten 1946 andere Alltagsprobleme zu lösen, als sich um die große Politik zu kümmern.“

Alltagsprobleme statt Politik

Am anderen Ende des Landkreises beschreibt Dr. Armgard Gräfin zu Dohna, geborene von Reden, die Situation im Gutshaus zu Wathlingen ganz ähnlich: „Herbst 1946 kam mein Vater aus russischer Gefangenschaft zurück – dieses Ereignis überdeckt alles, ich war noch nicht sechs Jahre alt. Unser Haus voller Flüchtlinge, zum Teil Verwandtschaft. Fazit: Ich glaube, die Menschen waren mit so vielen Problemen beschäftigt, dass dieses politische Ereignis des Neuanfangs (nicht mehr preußische Provinz!) in der Erinnerung unangemessen zu wenig gepflegt wurde.“ Hunderten wird es im Landkreis, ja in ganz Deutschland so oder ähnlich ergangen sein. Nach dem Ende des Krieges und nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht und der Besetzung durch die Alliierten drängten sich Fragen nach ausreichender Nahrung, nach Wohnraum für Ausgebombte, Flüchtlinge und Vertriebene, die Sorge um das Schicksal der Kriegsgefangenen, die Trauer um die Gefallenen, aber auch die Suche nach einem Arbeitsplatz in den Vordergrund. Alle befragten Zeitzeugen nennen dies als die drängendsten Hauptsorgen der Zeit.

Liberale Besatzungsherrschaft in Stadt und Kreis Celle

Der Oberste Befehlshaber der Alliierten Streitkräfte, General Dwight D. Eisenhower, hatte es nach der Kapitulation vorgegeben: Die Alliierten kämen „als siegreiches Heer, jedoch nicht als Unterdrücker“. Der langjährige Celler Kreisarchivar Rainer Voss kommt zu dem Schluss, dass Stadt und Landkreis Celle das Glück hatten, Militärkommandanten zu haben, die eine möglichst liberale Besatzungsherrschaft ausübten. Vor Ort kannten sich Sieger und Besiegte bald, und es entwickelte sich mancherorts ein eher entspanntes Verhältnis, wie sich an der Erinnerungsepisode zeigt, die der ehemalige Landwirt Heinz Meyer, Jahrgang 1927, erzählt: „Die Engländer parkten ihre Autos immer gegenüber auf dem Hof von H. Eines Tages fragte jemand die Engländer, wie lange sie denn eigentlich bleiben wollten. Ein Offizier habe geantwortet, dass es wohl zehn bis zwölf Jahre sein werden.“ Ob diese Antwort ernst gemeint war, dem Frager nur einen ordentlichen Schreck einjagen sollte oder eher in die Kategorie „typisch britischer Humor“ fällt, lässt sich nicht klären. Dass es dann doch schneller ging – so Heinz Meyer –, habe alle überrascht. Was in den nächsten Jahren passierte, wurde dann allgemein als eine „vernünftige Sache“ wahrgenommen, die „sowieso in der Luft lag“.

Bei dem anstehenden wirtschaftlichen und politischen Aufbau orientierte sich die britische Besatzungsmacht an dem System des „indirect rule“, das sich in ihren Kolonien bewährt hatte. Die einheimischen Verwaltungsstrukturen sollten möglichst erhalten bleiben und der Demokratieaufbau von unten nach oben erfolgen. In diesem Sinne war die Militärregierung bestrebt, so schnell wie möglich „unbelastete“ Deutsche mit gewisser administrativer Erfahrung für die wichtigsten Ämter und Leitungspositionen zu finden.

Hinrich Wilhelm Kopf verfasst Manifest zur Gründung eines Landes Niedersachsen

Am 1. Mai 1945 wurde Hinrich Wilhelm Kopf von den Briten in Hannover als Regierungspräsident eingesetzt. Bereits einen Monat später verfasste er ein Manifest, das die Gründung eines Landes Niedersachsen vorschlug. Widerstand erfuhr Kopfs Plan prompt von dem braunschweigischen Ministerpräsidenten Hubert Schlebusch (1893 bis 1955, SPD), der im Januar 1946 von Alfred Kubel (1909 bis 1999, SPD) abgelöst wurde, und dem oldenburgischen Ministerpräsidenten Theodor Tantzen (1877 bis 1947, FDP), die einer offiziellen Absendung des Textes an die Militärregierung widersprachen. Die damals noch selbstständigen Länder Oldenburg und Braunschweig waren nämlich alles andere als begeistert, ihre auch während der Preußenzeit behauptete Selbstständigkeit zu verlieren.

Briten reagieren zurückhaltend

Gelassener sah man es in Hannover, denn dort war bereits 1866 nach der Niederlage gegen die Preußen bei Langensalza das selbstständige Königreich Hannover auf den Status einer preußischen Provinz herabgesunken. Das Anliegen, die Reste deutscher Kleinstaaterei durch klare und demokratische Strukturen zu ersetzen, war zwar durchaus ein Ziel der Briten, aber nur einen Monat nach der Kapitulation war ihnen diese Initiative eines Deutschen doch etwas zu forsch. Kopf ließ sich dadurch aber nicht entmutigen.

Um die ehemaligen obersten Verwaltungsbehörden zusammenzufassen und auf deutscher Seite einen Ansprechpartner und eine zentrale Empfangsstelle für ihre Befehle zu haben, schuf die britische Militärregierung im Oktober 1945 den „Gebietsrat Hannover-Oldenburg-Braunschweig“ („Hanover Regional Council“). Sie setzte den Sozialdemokraten Kopf als Vorsitzenden und den Oldenburger Theodor Tantzen und den Braunschweiger Hubert Schlebusch als gleichberechtigte Stellvertreter ein. Hinrich Wilhelm Kopf hatte ein sehr feines Gespür für die Bedeutung politischer Symbolik, und so wurde auf sein Betreiben hin das Gremium Anfang 1946 in „Gebietsrat Niedersachsen“ umbenannt und gab ab Mai 1946 das „Amtsblatt für Niedersachsen“ heraus.

Kopfs sucht Fürsprecher für seine Idee

Weil Kopfs Niedersachsenpläne selbst in seiner eigenen Partei nicht unumstritten waren, schmiedete er hinter den Kulissen eifrig weitere Bündnisse und suchte Fürsprecher für seine Idee. Bereits im Mai 1946 hatte er mit dem Vorsitzenden des „Heimatbunds Niedersachsen“ das weitere Vorgehen abgesprochen. Uneingeschränkte Unterstützung erhielt der Sozialdemokrat Kopf von unerwarteter Seite. Der Konservative Heinrich Hellwege (NLP=Niedersächsische Landespartei, später DP, dann CDU), der als junger Mann welfisch und antipreußisch orientiert war, unterstützte die Pläne des „roten Welfen“ Kopf zur Gründung eines Landes Niedersachsen vorbehaltlos. (Fortsetzung folgt)

Von Martin Thunich

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