Zäsur ab 1945

So erlebten Celler das Kriegsende

Das Ende des Zweiten Weltkrieges bedeutete eine Zäsur für Deutschland. So erlebten Menschen in Celle den Einmarsch der alliierten Truppen und die Besetzung der Stadt.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 16. Juni 2020 | 11:31 Uhr
  • 10. Juni 2022
Ende März 1945: Ein Flüchtlingstreck aus den deutschen Ostgebieten ist nach Celle gelangt.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 16. Juni 2020 | 11:31 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

Am 8. Mai 2020 wird in vielen Staaten des Endes des Zweiten Weltkrieges gedacht. Auch in Deutschland ist dies für Millionen Menschen ein Anlass, sich an das damalige Geschehen und an die damit verbundenen Folgen zu erinnern.

Bedingungslose Kapitulation

Im Frühjahr des Jahres 1945 waren die Truppen der Alliierten an allen Fronten nach Deutschland vorgedrungen und hatten dabei nach heftigen Kämpfen schrittweise das Land unter ihre Kontrolle gebracht. Vom Westen marschierten die Amerikaner und Briten in das Reich ein. Hitlers letzter Gegenschlag, die Ardennenoffensive, konnte nur eine kurzzeitige Unterbrechung bewirken.

Vom Osten waren die russischen Armeen vorgedrungen; ihr Vormarsch wurde nur durch einen kurzen Aufenthalt an der Oder unterbrochen. Diese sowjetische Offensive, die am 12. Januar 1945 an der gesamten Ostfront zwischen Memel und Karpaten begann und innerhalb weniger Wochen bis an die Oder vorstoßen konnte, führte zu einer Massenflucht der deutschen Zivilbevölkerung aus Ost- und Westpreußen, aus Pommern und Schlesien. Riesige Flüchtlingstrecks versuchten, vor den rasch vorrückenden sowjetischen Truppen nach Westen zu gelangen, um sich vor dem Zugriff der Roten Armee in Sicherheit zu bringen.

Hitler begeht im "Führerbunker" Selbstmord

Ende April 1945 hatte Hitler im „Führerbunker“ in Berlin Selbstmord begangen. Am 2. Mai musste die Reichshauptstadt Berlin kapitulieren, nachdem sie durch die Sowjets und die mit ihnen verbündeten Truppen eingenommen worden war. Am 7. und 8. Mai 1945 wurde die bedingungslose Kapitulation in Reims und Berlin-Karlshorst unterzeichnet. Und am 9. Mai trat die Gesamtkapitulation in Kraft. Damit war der Zweite Weltkrieg beendet.

Für das deutsche Volk bedeutete diese Phase der Vergangenheit den tiefsten Einschnitt in der Geschichte des 20. Jahrhunderts mit dem größten politisch-gesellschaftlichen Umbruch.

Zeitzeugen berichten über das Kriegsende

Die Umstände, Bedingungen und Begleiterscheinungen, mit denen für die Menschen in Deutschland das Ende der Kampfhandlungen verbunden war, konnten dabei sehr unterschiedlich sein, wie dies mit den Darstellungen einiger Zeitzeugen deutlich wird.

Ihre Beobachtungen beim Erscheinen alliierter Truppen am 12. April 1945 in Celle fasste eine Anwohnerin in einer Durchgangsstraße so zusammen: „[...] Was fuhr bei uns vorbei, Tag und Nacht an englischen und amerikanischen Autos, von kleinen Personenwagen an über Lastwagen aller Art bis zu den Kampfwagen, den kleinen Typen und den größten, schwersten Tanks, die das Haus erzittern machten. Wir haben ja wohl auch viel Autos gehabt, aber bestimmt nicht annähernd so viele wie unsere Feinde. Es war überwältigend, diese Transporte von Menschen und Waffen und Soldaten. Kein feindlicher Soldat geht zu Fuß! Sie haben ja unbegrenzt Treibstoff für ihre Motore. [...] Dass wir gegen diese wahnsinnige Uebermacht an Material angewollt haben – das war ja mehr als Versessenheit. [...] Und was hatten sie an Essvorräten, wenn man sie mal futtern sah. Wie brillant sahen sie alle aus, frisch und braun gebrannt und im besten Alter, keine zu junge, keine zu alte, in keiner Weise überanstrengt; wie auf einem Ausflug in ein fremdes Land, den sie genossen. Unter solchen Verhältnissen lässt sich schon Krieg führen. Und unsere dagegen, übermüdet von Fußmärschen, schlecht ernährt, wenige. Welch ein Unterschied!“ 1

Wilhelm Brese schildert letzte Kampfhandlungen in Marwede

Über die Besetzung seines Wohnortes Marwede im Landkreis Celle am 13. April 1945 berichtet der spätere Bundestagsabgeordnete Wilhelm Brese. Er beschreibt dabei den völlig sinnlosen Versuch einer etwa 400 Luftwaffenhelfer, Arbeitsdienstleute und Soldaten umfassenden Kampftruppe, die, schlecht ausgerüstet und lediglich durch die im Dorf verfügbaren Traktoren und Pferdegespanne unterstützt, unter dem Kommando eines Oberstleutnants an diesem Tage gegen anrückende amerikanische Panzer ins Gefecht geschickt wurde. Diese spontan zusammengestellte militärische Gruppierung konnte natürlich nichts ausrichten und ergriff nach kurzer Berührung mit dem Feind die Flucht. Drei Jugendliche im Alter von 16 und 17 Jahren wurden bei diesem sinnlosen Unternehmen getötet und noch am Abend unter großer Anteilnahme auf dem Dorffriedhof bestattet.

Begräbnis auf dem Dorffriedhof

Weiter heißt es dann: „Es war schon dunkel geworden, und das Begräbnis fand vor einer gespenstigen Kulisse statt. In allen Richtungen war der Himmel rot, die Wälder brannten, Weltuntergangsstimmung. Die Gefallenen waren mir von den feindlichen Soldaten gemeldet, als ich ihnen mit einem weißen Handtuch entgegengegangen war. Als ich ihnen dabei erklärte, daß im Dorfe keine Soldaten seien, fragte mich einer nach der Zeit, in der sie abgerückt seien. Ich zog meine Uhr aus der Tasche, um die Stunde zu zeigen. Doch im selben Augenblick wurde sie mir mit Kette aus der Hand gerissen. Ich schimpfte, aber unter Lachen zog sich die Truppe ins Nachbardorf zurück.

In der Nacht waren bei uns nur wenige Einwohner in ihren Häusern geblieben, der größte Teil war in den Wald geflüchtet und kam am nächsten Morgen, als die endgültige Besetzung erfolgt war, zurück. Schon sehr früh rückten die Truppen ein. Nach dem Uhrenraub am vorigen Tage hatten meine Frau und ich alle Wertsachen unter einem großen Holzhaufen im Keller versteckt. Die Untersuchung unseres Hauses verlief ohne große Überraschung, lediglich zwei Weckuhren waren verschwunden. Diese Tatsache meldete ich wütend einem englischen Offizier, der mit seinem Fernsprechtrupp sich in unserer Küche niedergelassen hatte. Er war ein netter, junger Student, der sich auch empörte und dann nach einer Stunde beide Uhren zurückbrachte [...].“ 2

Volk erlebt die „totale Niederlage“

Nach dem „totalen Krieg“, der vom Propagandaminister der nationalsozialistischen Regierung, Josef Goebbels, im Februar 1943 als entscheidende Wende zum „Endsieg“ angekündigt worden war, erlebten die Deutschen nun 1945 die totale Niederlage, den völligen Zusammenbruch des Heeres und den Sturz der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, die bis zuletzt versucht hatte, das Volk zu täuschen und törichte Hoffnungen zu nähren.

Mit der Kapitulation der gesamten deutschen Wehrmacht Anfang Mai 1945 waren zugleich tief greifende territoriale und politische Veränderungen verbunden. Das ganze Reichsgebiet befand sich nun in der Gewalt der Kriegsgegner. Deutschland erlebte die größte Niederlage, die jemals ein europäisches Volk erlitten hat.

Viele Städte durch Luftangriffe der Alliierten zerstört

In dieser letzten Kriegsphase waren in dem aussichtslosen, sinnlosen Kampf gegen eine feindliche Übermacht noch viele Opfer zu beklagen, waren zahlreiche deutsche Städte infolge unvermindert heftiger Luftangriffe der Alliierten durch Bomben dem Erdboden gleichgemacht worden.

Der eigentliche Besetzungsvorgang des Landes war zumeist nicht mit verlustreichen Kampfhandlungen und Zerstörungen verbunden. Versuche seitens der örtlichen Parteiführung und der militärischen Einsatzleitung, zu entschlossenem Kampf aufzurufen und die „letzten Kräfte“ zu mobilisieren, blieben weitgehend wirkungslos.

Briten besetzen Celle

Auch in Celle vollzog sich die Besetzung der Stadt durch die Briten ohne nennenswerten Widerstand deutscher Truppen. 3

Der Einmarsch der alliierten Truppen und deren Auftreten in den von ihnen eroberten Städten, Gemeinden und Gebieten lösten bei der deutschen Bevölkerung schwankende, gespaltene Reaktionen und Einstellungen aus. Neben der Erleichterung über das lang ersehnte Ende des Krieges blieb angesichts der schockartigen Erkenntnis der Verbrechen der Nationalsozialisten und des im Namen Deutschlands begangenen Unrechts die bange Frage nach den nun zu erwartenden Folgen durch die Siegermächte. In der „Zerrissenheit“ von Schuldangst und Schuldabwehr, von Erleichterung und Ungewissheit suchte man einen Ausweg aus dem furchtbaren Leid.

Viele Menschen in Deutschland erlebten das Ende des Krieges als eine persönliche Katastrophe: Verzweiflung und Trauer über den Verlust von Familienmitgliedern und Freunden, die Befürchtung, den Siegern rechtlos ausgeliefert zu sein.

Thomas Mann spricht von Folterkeller des Hitlerismus

Nicht wenige hatten angesichts der schwierigen Lebensbedingungen und der politischen Gesamtsituation die Hoffnung auf eine bessere Zukunft verloren. Andere, die in der Zeit der NS-Diktatur verfolgt worden waren, erlebten das Kriegsende als Befreiung oder als Rettung. Thomas Mann schrieb am 12. Mai 1945: „Der dickwandige Folterkeller, zu dem der Hitlerismus Deutschland gemacht hat, ist aufgebrochen und offen liegt unsere Schmach vor den Augen der Welt, den fremden Kommissionen, denen diese unglaubwürdigen Bilder nun vorgeführt werden und die zu Hause melden, dies übertreffe an Scheußlichkeit alles, was Menschen sich vorstellen können. […]

Es war nicht eine kleine Zahl von Verbrechern, es waren Hunderttausende einer so genannten deutschen Elite, die […] diese Verbrechen begangen haben.“ 4

Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt

Die Sieger teilen das Land in eine amerikanische, britische, französische und sowjetische Besatzungszone. Große Teile des Landes waren verwüstet und glichen 1945 einer Trümmer- und Ruinenlandschaft, in der die Davongekommenen verzweifelt ums Überleben kämpften. Nach den Vorstellungen der Briten und Amerikaner sollten die Deutschen nach Beendigung des Krieges selbst für ihre Ernährung sorgen, dabei jedoch auf keinen Fall über bessere Voraussetzungen und Bedingungen verfügen als die Bevölkerung in den Ländern der Verbündeten. 5

Die Realität des Jahres 1945 war jedoch weit von einer angemessenen Versorgungslage entfernt.

Überall waren die Auswirkungen des Krieges zu spüren. Not und Elend waren durch die Hinauszögerung des Kriegsendes ins Ungeheuerliche gesteigert worden. Katastrophale wirtschaftliche und soziale Verhältnisse bestimmten den Lebensalltag der Besiegten. Hunger und Kälte, Wohnraummangel, zerstörte Verkehrswege, Zusammenbruch der Energieversorgung kennzeichneten die allgemeine Notlage der Menschen. Die zwischen den einzelnen Besatzungszonen errichteten Trennlinien verhinderten einen Austausch von Nahrungsmitteln und anderen wichtigen Gütern. Die zugeteilten Rationen bei der Lebensmittelversorgung reichten allein fürs Überleben kaum aus.

Hunger, Kälte, Wohnraummangel: Die Not war groß

Viele Menschen waren durch die Kriegshandlungen ausgebombt oder hatten fliehen müssen und waren nun ohne feste Bleibe. Sie mussten sich vielfach mit einem Unterschlupf in „Behelfsheimen“ oder in Kellern von Trümmergrundstücken begnügen. Etwa 25 Millionen Deutsche hatten in Verbindung mit den Kriegsereignissen ihren bisherigen Wohnsitz verlassen und mussten sich in den Wirren des untergegangenen Reiches neu orientieren. Viele irrten durchs Land, um ihre vermissten Angehörigen zu suchen. Hinzu kamen Millionen ehemaliger Soldaten der Wehrmacht, die in Gefangenschaft geraten waren oder vermisst wurden.

Hunderttausende von Osteuropäern, die zur Arbeit in Deutschland gezwungen worden waren, wollten bei Kriegsende nicht in ihre inzwischen unter kommunistischer Herrschaft stehenden Länder zurückkehren. Sie lebten teilweise noch mehrere Jahre als „Displaced Persons“ (DP) unter dem Schutz der westlichen Besatzungsmächte.

Wie geht es weiter nach dem Untergang des "Dritten Reichs"?

Allen Menschen gemeinsam war die Sorge um das tägliche Brot. Man fragte sich: Wie können wir nach dem Untergang des „Dritten Reichs“ angesichts der verheerenden Auswirkungen des Krieges noch auf eine erträgliche Gestaltung der Lebensbedingungen hoffen?

Von Karl-Heinz Buhr

Quellen

1 Vgl. Mijndert Bertram/Rainer Voss: Vom Ende des NS-Regimes bis zu den ersten demokratischen Wahlen nach dem Krieg – Ein Abriß der Ereignisse, in: Bomann-Museum (Hg.): Celle’45. Aspekte einer Zeitenwende. Begleitheft zur Ausstellung im Bomann-Museum Celle vom 13. April bis 24. September 1995.

2 Wilhelm Brese: Erlebnisse und Erkenntnisse des langjährigen Bundestagsabgeordneten Wilhelm Brese von der Kaiserzeit bis heute. Celle 1976, S. 57.

3 Vgl. Bertram/Voss, wie Anm. 1, S. 20ff.

4 Thomas Mann, in: Ruhr-Zeitung aus Bochum vom 12.5.1945.

5Ullrich Schneider: Niedersachsen 1945/46. Kontinuität und Wandel unter britischer Besatzung, hg. von der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Hannover 1984, S. 88.

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