Vor dem Ausbruch 1870

So erlebte Celle den Deutsch-Französischen Krieg

Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71: Das waren die Ursachen und so wurden die Ereignisse bei der Celler Bevölkerung aufgenommen. (Teil 1)

  • Von Cellesche Zeitung
  • 22. Jan 2022 | 06:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
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Celle.

Überall in Europa hatte im 19. Jahrhundert der nationale Gedanke die Völker ergriffen. Die Nation sollte fortan die Legitimationsgrundlage für jede Herrschaft bilden. Durch die Förderung nationaler Identität und Zusammengehörigkeit sollte sich ein Bewusstsein für zentrale innerweltliche Werte entwickeln. In Deutschland hatten solche Überlegungen im Widerstand gegen die napoleonische Vorherrschaft zunehmende Bedeutung erlangt.

Deutscher Bund beim Wiener Kongress gegründet

Als im Jahre 1814 die Vertreter der verschiedenen europäischen Staaten in Wien zusammenkamen, um nach den napoleonischen Kriegen über die Nachkriegsordnung in Europa zu entscheiden, verbanden viele Bürger in Deutschland mit diesem Kongress die Hoffnung auf eine Überwindung des in zahlreiche souveräne Staaten geteilten Landes. Diese Erwartungen wurden jedoch enttäuscht. Der in Wien gegründete Deutsche Bund als lockerer Zusammenschluss von 35 souveränen Fürstenstaaten und vier Freien Städten entsprach diesen Vorstellungen und Ansprüchen nicht.

Preußens Stärke und Deutschlands Einheit

Die weitere Entwicklung des Deutschen Bundes war in der Zeit nach dem Wiener Kongress von dem Dualismus zwischen Österreich und Preußen geprägt, durch den grundlegende Reformen im Sinne des nationalstaatlichen Gedankens verhindert wurden. Dazu stellte der deutsche Historiker Heinrich von Treitschke im Jahre 1865 fest: „Wem die Einheit, monarchische Einheit des Vaterlandes mehr ist als eine Phrase, dem muß die Erhaltung und Mehrung der Macht Preußens als unabänderliches Ziel feststehen. Die Mittel, dies Ziel zu erreichen, wechseln je nach dem unberechenbaren Gange der Ereignisse.“1

Von diesem Gedanken ließ sich auch der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck bei seinem Vorgehen gegen Österreich im Jahre 1866 leiten.2 Nach dem für Preußen siegreichen Ende im „Deutschen Bruderkrieg“ wurden unter Führung der Hohenzollernmonarchie 1867 die Gebiete nördlich des Mains zum Norddeutschen Bund zusammengefasst. Das Königreich Hannover sowie Kurhessen, Nassau und Frankfurt verloren im Zuge dieser Ereignisse ihre Eigenständigkeit und wurden von Preußen annektiert.

Süddeutsche Staaten mit dem Norddeutschen Bund verbunden

Die angestrebte nationalstaatliche Einheit war auf diese Weise aber noch nicht erreicht worden. Die süddeutschen Staaten waren außerhalb dieses Bundesstaates geblieben. Sie wurden jedoch in der Folgezeit durch den Abschluss von Schutz- und Trutzbündnissen und durch die Weiterentwicklung des deutschen Zollvereins im Jahre 1868 mit ihren Vertretern im Zollbundesrat und im Zollparlament mit dem Norddeutschen Bund verbunden.

Als schwerwiegendes Hindernis auf dem Wege zu einer gesamtstaatlichen Vereinigung der Deutschen hatte sich Frankreich mit seinem Kaiser Napoleon III. erwiesen. Dessen Widerstand blieb weiterhin ein ernst zu nehmender Faktor im Ringen um die deutsche Einheit.

„Welfische Legion“ schon nach kurzer Zeit aufgelöst

Diesen Tatbestand versuchte sich auch der hannoversche König Georg V. im österreichischen Exil zunutze zu machen. Bei einem Sieg Frankreichs in einem Krieg gegen Preußen hoffte er, wieder auf den Welfenthron in Hannover zurückkehren zu können. Im Hinblick auf diesen nach Georg V. „unvermeidlichen Kampf“ war 1867 die anfangs 700 Mann umfassende „welfische Legion“ gebildet worden, die an der Seite Frankreichs in einem solchen Konflikt mitwirken sollte. Diese Truppe hielt sich zunächst im holländischen Arnheim auf, musste das Land aber im Verlauf des Jahres 1867 wieder verlassen und wurde nach einem kurzen Aufenthalt in der Schweiz schließlich 1868 nach Frankreich abgeschoben. Aber auch hier wurde ihr keine besondere Aufmerksamkeit zuteil, so dass schon nach kurzer Zeit ihre Auflösung eingeleitet wurde. Zu einem militärischen Einsatz der „welfischen Legion“ ist es somit nie gekommen.

Französisch-deutsche Spannungen

Zu den Spannungen in den deutsch-französischen Beziehungen trugen auch Reden deutscher Politiker bei. So erklärte Johannes Miquel (Bürgermeister von Osnabrück und führende Vertreter der Nationalliberalen) in der Debatte über den von den verbündeten Regierungen vorgelegten Entwurf einer Verfassung des Norddeutschen Bundes am 9. März 1867 in Bezug auf die Bedeutung der Mainlinie als Abgrenzung innerhalb Deutschlands: „Die Mainlinie ist, wenn ich den prosaischen Ausdruck gebrauchen darf, gewissermaßen eine Haltestelle für uns, wo wir Wasser und Kohlen einnehmen, Atem schöpfen, um nächstens weiter zu gehen.“3

Solche Äußerungen verstärkten in Frankreich die Vorstellung, von einer expansive Ziele verfolgenden Macht östlich des Rheins bedroht zu sein.

Spaniens Nähe zu Deutschland

Die Situation spitzte sich zu, als nach der Beseitigung der Bourbonenherrschaft in Spanien und der Vertreibung der Königin Isabella II. im Jahre 1868 die provisorische Regierung in Madrid Prinz Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen, einem entfernten Verwandten König Wilhelms I. von Preußen, die Krone anbot. Nach anfänglichem Widerstand aus Rücksicht auf Frankreich stimmte Bismarck schließlich im Juni 1870 dieser Kandidatur zu.

Am 2. Juli 1870 war dazu in der französischen Presse die Aufsehen erregende Meldung zu lesen: „Die spanische Regierung hat eine Abordnung nach Deutschland geschickt, um den Prinzen von Hohenzollern die Krone anzubieten!“ Diese Mitteilung löste Entrüstung und Angst vor den möglichen Folgen aus. Von einer Umzingelung war da die Rede: „Preußen am Rhein, Preußen hinter den Alpen, Preußen jenseits der Pyrenäen!“ Eine solche Entwicklung musste unbedingt verhindert werden. Aufgrund dieser bedrohlichen Lage zog Prinz Leopold mit dem Einverständnis des preußischen Königs seine Kandidatur zurück. Die französische Regierung gab sich jedoch mit dem Erreichten nicht zufrieden. Sie beauftragte ihren Botschafter Benedetti, den in Bad Ems weilenden preußischen König aufzusuchen, um von ihm für alle Zukunft den Thronverzicht der Hohenzollern auf den spanischen Thron erklären zu lassen. König Wilhelm I. lehnte diese Forderung höflich, aber bestimmt ab und war auch nicht zu einem weiteren Gespräch mit dem französischen Botschafter bereit.

„Emser Depesche“ löst Sturm der Entrüstung in Frankreich aus

Bismarck, der von den Vorgängen in Bad Ems telegraphisch in Kenntnis gesetzt worden war, gab nun der „Emser Depesche“ durch Streichungen eine Fassung, die den Eindruck einer schroffen Ablehnung und Zurückweisung vermittelte: „Seine Majestät der König hat es darauf abgelehnt, den französischen Botschafter nochmals zu empfangen, und demselben durch den Adjutanten vom Dienst sagen lassen, daß Seine Majestät dem Botschafter nichts weiter mitzuteilen habe.“

In dieser verschärften Form löste die „Emser Depesche“ in Paris bei der Bevölkerung einen Sturm der Entrüstung aus. Von dieser Stimmung ließ sich auch die Regierung leiten und sah als angemessene Reaktion auf diesen Affront nur den Entschluss zum Krieg. Am 19. Juli erfolgte die Kriegserklärung Frankreichs an Preußen.

Reaktionen in Celle bei Kriegsbeginn

Beim Ausbruch des Krieges fragte sich mancher im Gebiet des früheren Königreichs Hannover, wie die Menschen nach den Ereignissen des Jahres 1866 auf diese neue Herausforderung reagieren würden. Insbesondere Mitglieder und Anhänger der „welfischen Bewegung“ wurden verdächtigt, insgeheim einen Sieg Frankreichs zu wünschen, um dadurch dem expansiven Verhalten Preußens entgegenwirken zu können.

Zu den Gebieten, in denen ein nicht geringer Teil der Bevölkerung die partikularistischen Bestrebungen der Welfenpartei unterstützte, gehörte auch das Celler Gebiet.

„Cellesche Zeitung“ berichtet ausführlich über Vorkommnisse in Bad Ems

Die „Cellesche Zeitung“ hatte in den Tagen vor Kriegsbeginn ausführlich über die Vorkommnisse in Bad Ems berichtet. So wird in einer Darstellung vom 16. Juli 1870 festgestellt: „Der Vorwand zu dem wüsten Kriegsgeschrei, welches die französischen Blätter erheben, ist durch den Rücktritt des Prinzen von Hohenzollern vollständig beseitigt. Aber der gesteigerte Einfluß, die neugewonnene Macht unseres Vaterlandes und der Umstand, daß in den letzten Jahren mehr von Preußen als von Frankreich die Rede gewesen ist, scheinen die maßlose französische Eitelkeit zu solch toller Hitze gereizt zu haben, daß [...] die Schritte der französischen Politik jeder verständigen Berechnung spotten. Die Haltung unserer Regierung ist diesem unverständigen Gebaren gegenüber voll Maaß und Festigkeit. Ihr Wunsch, den Frieden zu bewahren, giebt ihren Aeßerungen das Gepräge der Zurückhaltung und Vorsicht [...]. Wenn sie [die Franzosen] aber in unverschämten Forderungen fortfahren, so gebieten uns Klugheit und Ehre, da der eigentliche Grund zum Kriege nur im französischen Neide auf unsere Machtstellung beruht, […] den Krieg, wenn er denn unvermeidlich ist, mit solcher Kraft zu führen, daß dem Gegner zu einem zweiten Angriffe Lust und Macht in gleichem Maße fehlen. Angesichts solcher äußeren Gefahren verschwinden für uns alle Parteiunterschiede und mit dem Augenblicke, wo das Vaterland in Gefahr ist, bleibt uns nur die eine Aufgabe, zu unserer Regierung zu stehen, und ihr opferwillig unsere Habe und das Blut unserer Söhne darzubieten [...].“4

Frankreichs erklärt Preußen den Krieg

Einen Eindruck von der tatsächlichen Stimmung innerhalb der Bevölkerung konnte man bereits am Tag nach der Kriegserklärung Frankreichs an Preußen bei einer spontanen Aktion am 20. Juli 1870 im Anschluss an ein Konzert in der „Union“ in Celle gewinnen, die ein Beobachter so zusammenfasste: „Wer das Gewoge in den Straßen gesehen, die Ausrufe der Begeisterung, die Zornausbrüche gegen Frankreich gehört, der wird nicht mehr daran zweifeln, daß die Zeiten des Particularismus vorüber sind.“5

Versammlung im Celler Rathaus stimmt Resolution einstimmig zu

Eine solche Einstellung kam auch in einer Resolution zum Ausdruck, die am 22. Juli auf einer von mehr als 200 Bürgern besuchten Versammlung im Rathaussaal der Stadt einstimmig angenommenen wurde: „Der Krieg ist ausgebrochen, ein heiliger Krieg der deutschen Nation gegen den lange getragenen Uebermuth des französischen Erbfeindes. Das ganze deutsche Volk ist aufgestanden, um in einmüthiger Begeisterung den frechen Angriff für diesmal und für alle Zeiten zurückzuweisen. Auf unser Hannoverland allein will man Blicke des Zweifels richten. Man fragt, ob auch wir unsere Pflicht gegen das Vaterland erfüllen wollen. Auf eine solche Frage haben wir nur eine Antwort unwilligen Zorns. Wir verabscheuen den Verrat, der uns mit den altbekannten Lockungen bonapartischer Lügendienste verführen möchte. Wie ein Mann stehen wir ein für die gemeinsame große Sache! Unsere Söhne und Brüder, die unter den Fahnen des Vaterlandes für dessen Ehre fechten, sollen wissen, daß auch wir am heimischen Herde bereit sind, mit Freuden Alles zu opfern, was das Vaterland von uns fordert.“6

Celle verabschiedet sich von Soldaten des 17. Infanterie-Regiments

Am Abend des 27. Juli bereitete die Bevölkerung der Stadt dann dem hier stationierten 17. Infanterie-Regiment einen herzlichen Abschied. In der lokalen Presse hieß es dazu: Beim Abmarsch der Soldaten „wollten die Hochs kein Ende nehmen“.7 (Fortsetzung folgt)

Von Karl-Heinz Buhr

Fußnoten und Quellen

1 Heinrich von Treitschke:Historische und politische Aufsätze, Bd. 2. Leipzig 1921, S. 91, zit. nach: Nationalstaat und Nationalismus im 19. Jahrhundert, bearbeitet von H. Brandt und W. Grütter. Paderborn 1981, S. 44.

2 Bismarck. Die gesammelten Werke, Bd. X, S. 140, zit. nach: Dokumente zur deutschen Politik 1806-1870, herausgegeben und kommentiert von H. Pross. Frankfurt am Main 1963, S. 239.

3 Aus:Erster Norddeutscher Reichstag, 9. März 1867, Stenographische Berichte I, S. 112, zit. nach: Manfred

Görtemaker:Deutschland im 19. Jahrhundert. Entwicklungslinien, 3. durchgesehen Auflage. Bonn 1987, S. 205f.

4 Cellesche Zeitung (fortan CZ) vom 16.7.1870.

5 CZ vom 23.7.1870.

6 CZ vom 24.7.1870.

7 CZ vom 30.7.1870. Vgl. zum Verlauf des Krieges insgesamt Karl-Heinz Buhr: Celle im Konfliktfeld von welfischer Tradition, Fremdherrschaft und nationaler Einheit, Schriftenreihe des Stadtarchivs und des Bomann-Museums, Band 50. Celle 2018, S. 213ff.

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