Erster Weltkrieg

Adelheidsdorf und das Ende des Kaiserreichs

Neun Gefallene hatte Adelheidsdorf am Ende des Ersten Weltkriegs zu beklagen. So erlebte das Dorf Im Kreis Celle die letzten Jahre des deutschen Kaiserreichs.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 21. Mai 2022 | 06:00 Uhr
  • 14. Juni 2022
Drei Grabstellen auf dem Friedhof in Adelheidsdorf werden seit 1970 als Gräber der Opfer von Krieg- und Gewaltherrschaft öffentlich gepflegt.
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  • 21. Mai 2022 | 06:00 Uhr
  • 14. Juni 2022
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Adelheidsdorf.

Vor hundert Jahren wurde der erste Band der Adelheidsdorfer Schulchronik abgeschlossen. Nach 23 Jahren Bearbeitungszeit war das zeitgeschichtlich bedeutende Buch, das heute im Tresor der Grundschule Adelheidsdorf archiviert wird, komplett mit Leben gefüllt. Und es macht schon den Eindruck, als hätten die Lehrer Freude daran gehabt, ihrer Chronisten-Aufgabe nachzukommen. Das Anlegen und Fortführen einer Schulchronik war in Preußen im Paragraf 10 der Allgemeinen Bestimmungen über die Volksschule vom 15. Oktober 1872 angeordnet worden.

Schulchronik gibt Aufschluss über Adelheidsdorfer Geschichte

Adelheidsdorf zählt zu den jüngsten Dörfern des Landkreises Celle. Ab 1825 wurden der Reihe nach die Siedlungshäuser der Adelheidsdorfer Kolonisten fertiggestellt. Es sollte bald 90 Jahre dauern, bis auch auf der Ostseite der Hannoverschen Straße eine rege Bautätigkeit zu erkennen war und die Siedlungen am Kükenkamp entstanden. Zugleich wurde Adelheidsdorf endlich mit Strom versorgt. Es lohnt sich der Blick in die Schulchronik, die vom 1. Oktober 1912 an vom Lehrer Hermann Menke geführt wurde. Menke, geboren am 6. September 1886 in Westergellersen, hatte von 1904 bis 1907 das Schullehrerseminar in Lüneburg besucht, das sich von seiner Gründung 1851 an bis 1926 im Gebäude des St.-Michaelisklosters befunden hatte. Er starb nach längerer Bettruhe mit nur 34 Jahren am 6. Februar 1921.

Lehrer Hermann Menke erinnert an Versorgung des Dorfes mit Strom

Hermann Menke führte die Schreibfeder ab 1913. Sein erster Eintrag befasste sich mit der neu gegründeten Elektrischen Überlandzentrale A.-G. des Landkreis Celle, die nun auch Adelheidsdorf mit Licht und Strom versorgen sollte. Der Chronist wusste zu berichten, dass das Ortsnetz von Willers (nördlichstes Grundstück) bis Heins reichen sollte. Die Hausanlagen waren der Firma Siemens-Schuckertwerke, kurz „Siemens-Schuckert“, übertragen worden.

Der gesundheitsschädliche Hausschwamm, Serpula lacrymans, keine Seltenheit in den ungenügend durchlüfteten Schulhäusern, richtete in den östlichen Zimmern des Schulhauses, das sich seit 1836 im heutigen Parkplatzbereich der Friedhofskapelle befunden hatte, „furchtbare Verheerungen“ an.

Lehrer Menke beobachtete eine rege Bautätigkeit im Ort. „Nabe hat sich an der Straße ein freundliches Wohnhaus erbaut; mehrere Ställe u. Scheunen sind schon in Angriff genommen“, schrieb er mit sauberer Handschrift über die Baufortschritte auf der Hofstelle von Carl Nabe.

Adelheidsdorf wächst beständig

Und bei der Müggenburg, jenem früheren Vorwerk mit Gaststätte am Ortsausgang Richtung Ehlershausen, wo bis 1871 Weggeld erhoben worden war, entstanden neue Ansiedelungen. Der Kükenkamp, namentlich angelehnt an die dortigen Kükenbusch-Wiesen, entwickelte sich als eigenständiges Siedlungsgebilde. „Bei der Müggenburg scheint ein neues Dorf zu entstehen“, mutmaßte Hermann Menke, der mit offenen Augen durch das langgestreckte Dorf ging. „Drei neue Wohnhäuser sind vollendet u. bezogen. Auch in diesem Jahre werden mehrere fertig gestellt. Die ‚gemeinnützige Ansiedelungsgesellschaft aus Hannover‘ hat hier den Boden von der Domäne erworben u. legt dort Rentengüter an.“

Der „Prinz-Heinrich-Flug“, ein Zuverlässigkeitsflug, der unter der Schirmherrschaft von Prinz Heinrich von Preußen (1862 bis 1929) vom 17. bis 25. Mai 1914 veranstaltet wurde, führte am Donnerstag, dem 22. Mai 1914, auch über Adelheidsdorf. Hermann Menke erblickte im Flugraum über der Volksschule 36 Flugzeuge, teils Doppel- und Eindecker. Militär- und Zivilflieger machten einen Aufklärungsflug von Hamburg über Hannover nach Köln. Der Lehrer war mehr als begeistert: „Es war ein grandioser Anblick, wie die Eroberer der Luft als eine Schar Zugvögel am nördl. Horizonte auftauchten und im ruhigen, majestätischen Fluge im Süden verschwanden.“

Blitz verwüstet Wohnhaus

Am 15. Juni 1914 zog nach den Worten des Chronisten gegen 16 Uhr ein Gewitter auf, „das bald sehr gefährlich hätte werden können“. „Der Blitz schlug nämlich in das Wohnhaus des Ansiedlers Höfermann auf der Müggenburg, ohne jedoch zu zünden. Die elektrische Entladung hat aber im Hause arge Verwüstungen angerichtet, Balken zersplittert und Mauern zerrissen.“ Zum Glück sei der Schaden durch Versicherung gedeckt gewesen.

Husaren-Regiment stattet Adelheidsdorf Besuch ab

„Eine seltene Ehre wurde unserer Ortschaft zu teil“, schreibt der Lehrer im folgenden Absatz. Die Rede war von der Einquartierung, dem Unterbringen „der schmucken Braunschweigischen Husaren“, die aber schon am nächsten Vormittag das Dorf wieder verlassen hätten. Die „Braunschweigischen Husaren“, das war das Braunschweigische Husaren-Regiment Nr. 17, ein 1809 gegründeter Kavallerieverband der Preußischen Armee. Man sprach auch von den „Totenkopf-Husaren“, trugen sie doch das auffällige Totenkopfzeichen auf dem Helm und auf der Fellmütze.

Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo erschossen

In diesen Tagen geschah dann auch das Unfassbare. Am 28. Juni 1914 weilte der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand (1863 bis 1914) mit Gattin Sophie von Hohenburg (1868 bis 1914) in Bosnien, besuchte die Hauptstadt Sarajevo. Der serbische Nationalist Gavrilo Princip (1894 bis 1918) gab um 10.50 Uhr zwei Schüsse auf das in einem Automobil sitzende Prinzenpaar ab. Franz Ferdinand und Sophie starben in den nächsten Minuten, nur ein paar Zentimeter voneinander getrennt. Einen Monat später brach der Erste Weltkrieg aus, der etwa 17 Millionen Todesopfer fordern sollte.

Erster Weltkrieg bricht aus

Auch in Adelheidsdorf überschlugen sich die Ereignisse. Lehrer Hermann Menke nahm sich erst später Zeit für seine Eintragungen, versuchte zunächst, in Bildern zu sprechen, und übertrug Kriegslyrik des bayerischen Schriftstellers Ludwig Thoma (1867 bis 1921):

„Am 1. Aug. 1914.

‚Es wurde still.

Ein ganzes Volk, es hielt mit einem

Den Atem an. Doch stockte keinem

Darum des Herzensschlag.

So ging der Tag.

Dann senkte sich feierlich u. milde

Der Mond über die Gefilde.

Und heiter blickt n[ach] fern

Ein holder Stern,

Als wenn er’s heut’ wie immer fände:

In allen Hütten müde Hände,

Und gute Rast

Nach tiefer Arbeit Last.

Horcht!

War’s nicht, als hätt’ ein Ruf geklungen,

Ein Ton, als wie aus Erz gedrungen?

Du – wieder! Auf!

Nun geht es brausend durch die Wälder,

Nun dröhnt es über stille Felder:

Die Wehr zur Hand!

Und schützt das Vaterland!

Auf springt das Volk, es reckt die Glieder.

Und keine Sorge drückt uns nieder

Komm, was es sei!

Von Ungewißheit frei

Wir wollen es gemeinsam tragen

Und heute schon als Bestes sagen,

Daß man uns Hand in Hand

Als Brüder fand.

Dem Kaiser, der Dir Wort gegeben,

Wird Dank in jedem Herzen leben.

Und jetzt – hurra!

Die Mutter aus : Germania!

‚Für uns’

‚Fern, fern im Osten, da gähnt ein Grab,

Da senkt man zu Tausend die Toten hinab für uns!

Im Westen, da ragt manch Kreuz schlicht u. klein

Da liegen sie stumm in dichten Reihn für uns!

Und wo im Winde rauscht das Meer,

Da gaben sie freudig ihr Leben her für uns!

Sie opferten Zukunft u. Jugendglück,

Sie kehren nie wieder zur Heimat zurück.

Sie gaben ihr alles, ihr Leben, ihr Blut, für uns

Sie gaben es hin mit heiligem Mut, für uns!

Und wir? Wir können nur weinen u. beten

Für sie, die da liegen bleich, blutig zertreten.

Doch Eins noch: ihr Tod soll zu neuem Leben

Uns wecken, daß nicht sie umsonst gegeben

Für uns!“

Größere Textteile des Gedichts wurden erst später und von anderer Hand auf der folgenden Seite in der Schulchronik nachgetragen.

Bernhard Hamborg erstes Kriegsopfer

Aber auch Adelheidsdorf hatte schon bald ein erstes Kriegsopfer zu beklagen. Bernhard Hamborg, am 20. August 1891 auf der Hofstelle 1 geboren, diente als Gefreiter in der 10. Kompanie des Füsilierregiments 73. Er erlag am 11. September 1914 im Lazarett Münster seinen schweren Verletzungen. Seine sterblichen Überreste wurden nach Adelheidsdorf überführt. Sein Grab, die älteste Grabstelle des Friedhofs, wird heute öffentlich gepflegt.

Drei Grabstellen auf dem Friedhof in Adelheidsdorf werden seit 1970 als Gräber der Opfer von Krieg- und Gewaltherrschaft öffentlich gepflegt. Eins davon ist das Grab von Bernhard Hamborg auf der Südseite des Friedhofs, der kurz nach seinem 23. Geburtstag an Tetanus erkrankte und starb.

Eigentlich war die Verletzung an sich nicht tragisch, die sich der 23-Jährige unweit St. Quentin in Nordfrankreich am Vorabend der bekannten Schlacht zugezogen hatte, wie Hermann Menke notiert: „Der einj[ährige] freiw[illige] Gefr[eite] Bernhard Hamborg, der gerade eine Übung ableistete, als mobil gemacht wurde, machte den verlustreichen Marsch durch Belgien mit u. wurde in den harten Kämpfen bei St. Quentin am 27. Aug. durch einen Granatsplitter an der rechten Hand verwundet. Es gelang ihm, mit einem Automobil Münster i.W. zu erreichen, wo er im Garnisonlazarett Aufnahme fand.

Denkmal geschmückt mit Eisernem Kreuz

Leider stellte sich nach einigen Tagen bei ihm Wundstarrkrampf ein, u. unter schrecklichen Qualen mußte er sein junges Leben dahingeben. Den tief gebeugten Eltern war es noch vergönnt, dem sterbenden Helden in seiner Todesstunde beizustehen. Ein Lastenw[agen] brachte die sterbliche Hülle des Gefallenen nach der Heimat, die er vor wenig Wochen frisch u. gesund verlassen hatte. Ein großes Trauergefolge erwies dem toten Krieger die letzte Ehre. Auf unserem kleinen Heidefriedhof wurde er beigesetzt. Ein würdiges Denkmal, geschmückt mit dem ‚Eisernen Kreuz‘, zeigt uns sein Grab, wo der junge Vaterlandsverteidiger ausruht von harten Kämpfen u. hinüberschlummert zum ewigen Frieden.“

Im weiteren Verlauf des Weltkrieges starben acht weitere Gemeindeglieder für ihr Vaterland, und zwar Emil Danneleit, Karl Böse, Hermann Böse, Karl Fischer, Hermann Heins, Friedrich Knoop und Bruno Siebert. Sie alle fielen in Frankreich, Flandern oder Galizien und führten fast durchweg den niedrigsten Dienstgrad Musketier. Zudem starb der Gastwirtssohn Wilhelm Soeder am 18. November 1918 nach schwerer Verwundung in amerikanischer Gefangenschaft.

Schulkinder zur Ernte herangezogen

Über „die Schule im Weltkrieg 1914-19“ schreibt der Chronist an anderer Stelle, zunächst zusammenfassend: „Die Ernte stand zum Teil noch im Felde, als der Krieg begann, u. es galt, sie mit den wenigen Kräften, die zurückgeblieben waren, zu bergen. Da mußten unsere Schulkinder tüchtig mit Hand anlegen. Und so wurde es zur Regel die langen Jahre hindurch. Ja, unsere Jugend hat tapfer in der Landwirtschaft mit geholfen u. so unser armes, bedrängtes Vaterland das Durchhalten erleichtert. Natürlich kam der Unterricht nicht zu seinem Recht, aber auch hier galt die Losung: ‚Tout pour la patrie!‘

Auch der Allgemeinheit mußte die Schule dienen. Besonders bei Sammlungen waren die Schulkinder unentbehrlich. […]“

Schweres Herzleiden bei Lehrer Menke festgestellt

Auch Lehrer Menke wurde dann im Februar 1915 eingezogen, und zwar beim Landwehr-Infanterieregiment 74 und Infanterieregiment 164, um dann nach Munster zum Scharfschießen zu kommen. Er brach infolge eines Hitzschlags zusammen, wurde ins Lazarett geschafft, wo der Arzt ein schweres Herzleiden feststellte. 1918 erkrankte Hermann Menke an der Ruhr, dann stellte sich bei ihm ein schweres Magen- und Darmleiden ein. Dennoch unterrichtete er zunächst weiter, bis es wirklich nicht mehr ging. Acht Wochen lag er in der Universitätsklinik Göttingen krank darnieder, wurde in Adelheidsdorf von Lehrer Hermann Röhling aus Nienhagen vertreten. Am 6. Februar 1921 hauchte Hermann Menke sein junges Leben aus.

Von Matthias Blazek

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