Geschichte Neuenhäusens

So entstand die Breite Straße in Celle

Die Breite Straße verfügt über eine der schönsten Alleen in Celle. Das ist der geschichtliche Hintergrund der Straße und so sehen aktuelle Pläne aus.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 05. Feb. 2022 | 06:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

Der Stadtteil Neuenhäusen wurde 2019 in das Städtebauförderungsprogramm „Wachstum und nachhaltige Erneuerung – Lebenswerte Quartiere gestalten“ des Bundes und des Landes Niedersachsen aufgenommen. Die Stadt Celle und die in Neuenhäusen lebenden Ortsteilbewohner haben somit die Möglichkeit erhalten, „das Gebiet nachhaltig zu entwickeln, Strukturen zu stärken und sukzessive bestehende Defizite zu beseitigen“. Insgesamt sollen in den nächsten Jahren bis zu 12,9 Millionen Euro im Gebiet für öffentliche und private Maßnahmen eingesetzt werden. Im Rahmen dieses Programms ist auch der Umbau der Breiten Straße angedacht, die über eine der schönsten Alleen Celles verfügt. Der Straßenbelag sowie der Untergrund sind teilweise marode und die aktuelle Parksituation für Pkw ist unbefriedigend.

Neue Stadt vor dem Westceller Tor

Um das Jahr 1680 ließ Herzog Georg Wilhelm Pläne zu einer „Neuen Stadt“ vor dem Westceller Tor („Westerceller Thor“) entwickeln, wo bislang nur wenige Bauwerke standen. Die neue Celler Vorstadt sollte westlich vom herzoglichen Schloss und der Celler Altstadt an zwei Ausfall- und Fernstraßen liegen: an der nach Westen in den Weserraum parallel zu den Triftanlagen führenden Nienburger Straße (seit 1893 Bahnhofstraße) und an der Hannoverschen Heerstraße (heute Hannoversche Straße) nach Süden als Verbindung zur Nachbarresidenz Hannover. Der im Stadtarchiv Celle erhaltene „Vorschlags Riß, Wie man dass stück Land, so [...] vom West-Zeller Thor an biß hinter der Neustadt sich erstrecket [...] mit Straßen und Häusern ordentlich bebauen könne“ ist ein bedeutendes Zeugnis der Celler Stadtplanung.

Unterschiedliche Häusergrößen geplant

Präsentiert wird eine weitläufige Planung, die sich westlich der Celler Altstadt auf rund 75 Hektar Fläche über etwa 1,5 Kilometer nach Westen erstrecken sollte, bis über die (ältere) Neustadt hinaus an die Tätzebrücke (heute Fuhsebrücke) heran. Der Fluss Aller sollte im Rahmen dieses Stadterweiterungsprojekts teilweise umgeleitet werden. Die angedachte Siedlungsfläche war rund viermal größer als die Celler Altstadt. Zeitgenossen verglichen die Ausmaße mit der Größe der rund 20 Jahre früher entstandenen Hamburger Neustadt.

Die angedachten unterschiedlichen Häusergrößen nahmen Bezug auf den unterschiedlichen Sozialstatus der zu erwartenden Bewohner. Folgerichtig war daher auch die Gestaltung der Gebäude nicht einheitlich. Auf den großen Grundstücken der höheren, vielfach adeligen Hofbediensteten entlang der „Haubtstraßen“ sollten nur zweigeschossige Häuser erlaubt sein, während die übrigen Grundstücke in der zweiten und dritten Reihe auch mit einstöckigen Häusern bebaut werden konnten. Diese waren für Handel- und Gewerbetreibende sowie das Personal der Hofbediensteten gedacht. Der Bebauungsplan ignorierte zunächst bewusst große Teile der bereits bestehenden Bebauung.

Überdimensioniertes Projekt in Celle scheitert

Letztlich scheiterte das überdimensionierte städtebauliche Großprojekt von 1680. Ursache dürfte primär die fehlende Perspektive Celles als Residenzstadt gewesen sein, da vertraglich vereinbart war, dass Celle nach dem Tod Herzog Georg Wilhelms den Status einer Residenz verlieren werde. Es würde jetzt zu weit führen, weitere Gründe für das Scheitern aufzulisten.

Vom barocken Idealplan verwirklicht worden ist jedoch die Idee der Quartieraufteilung nach unterschiedlichen sozialen Rängen der Bewohner der Westceller Vorstadt (später Neuenhäusen), die sich in der Breite der Straßen, der Größe der Grundstücke sowie den Gebäudetypen ausdrückte.

Breite Straße entstand als Straße zweiten Ranges

Von der großzügigen 1680er-Straßenplanung übernommen wurden die Hauptstraßen, also die heutige Trift/Bahnhofstraße und die Hannoversche Straße. Eine einheitliche Breite der Nebenstraßen hat es im Rahmen der Neubauplanungen nicht gegeben.

Deutlich breiter als die meisten Straßen im Quartier

Die Breite Straße entstand als Straße zweiten Ranges in Folge der zuvor beschriebenen Straßenplanungen für die Westceller Vorstadt (später Neuenhäusen). Noch 1734 hieß sie übrigens „Straße in den neuen Häusern“. Der heutige Straßenname „Breite Straße“ ist erst seit 1738 belegt (1742 findet sich auch die Bezeichnung „Langestraße“). Die hier mit abgebildete Ansichtskarte aus dem Jahr 1905 dürfte erklären, wie es zu dem Namen Breite Straße kam, denn sie war deutlich breiter als die meisten Straßen im Quartier.

Lindenallee unter Denkmalschutz

Das auf dem Foto erkennbare Straßenpflaster existierte seit 1859. Heutzutage ist die Straßendecke asphaltiert. Auf beiden Straßenseiten wuchsen Baumreihen, hinter denen kleine Gräben verliefen. Bis heute wird die Breite Straße beiderseits von Linden flankiert, die aktuell infolge der Erdverdichtung von den dort parkenden Autos bedroht werden. Diese Lindenallee steht in der ganzen Länge vom Triftpark bis zur Jägerstraße gemäß Paragraf 3 Absatz 2 des Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes als Einzeldenkmal unter Denkmalschutz.

Linden fällen und andere Bäume pflanzen?

Aktuelle Planungen im Rahmen der Neugestaltung der Breiten Straße bevorzugen die Entnahme sämtlicher Linden und sehen eine anschließende Neubepflanzung vor. Dabei wird ernsthaft erwogen, andere Baumarten als Linden anzupflanzen. Vor den Häusern, die keine Vorgärten hatten, gab es früher gepflasterte Gehwege. Im nördlichen Teil, der durch die Triftanlage führt, existiert keine Bebauung. Die Gesamtoptik der Breiten Straße hat sich im Laufe der Zeit deutlich weniger verändert als beispielsweise die der Hannoverschen Straße.

Die Lage der Straßenabzweigung zur heutigen Bahnhofstraße im Norden war ursprünglich von einem älteren herzoglichen „Vorwerck“ (landwirtschaftlicher Betrieb, heute Grundstücke Bahnhofstraße 9 bis 11) bestimmt, das jedoch bereits vor 1700 aufgegeben worden war. Gekreuzt wird die Straße durch die alten vor 1680 entstandenen Flurwegsverbindungen Kirchstraße/Ohagenstraße und Fundumstraße, die keinen rechtwinkeligen Verlauf haben.

Giebelhäuser erinnern an Fachwerkbauten der Celler Altstadt

Im Gegensatz zu den beiden Hauptstraßen Bahnhofstraße/Trift und Hannoversche Straße ist die ältere Straßenbebauung vor allem von eingeschossigen giebelständigen Fachwerkhäusern geprägt, die auf der Straßenwestseite schmale und sehr tiefe Grundstücke aufweisen. Die Optik der Gebäude und Fassaden, die vielfach ohne eine besondere individuelle Note waren, war im Laufe der Jahrhunderte sichtbaren Veränderungen unterworfen. Die Ursache für den Abbruch zahlreicher historischer Gebäude auch in der Breiten Straße lag nicht allein in Baufälligkeit oder in dringendem Neubaubedarf, sondern auch an der einst fehlenden Wertschätzung der Barock-Fachwerkhäuser in ihrer historischen Bedeutung. Zudem stand der barocke Gebäudebestand in Neuenhäusen in der Wahrnehmung „stets im Schatten des zweifellos herausragenden Fachwerkensembles der Altstadt“ (Flick/Maehnert/Rüsch/Steinau). „Fachwerk in Celle auf dem Rückzug. Im Citybereich verteidigt die Fachwerkstadt Celle ihre alte Bautradition. In der Breiten Straße gelten andere Spielregeln“ titelte die Cellesche Zeitung kritisch 2019.

Auch wenn inzwischen zahlreiche der im 17. und 18. Jahrhundert errichteten Giebelhäuser abgebrochen und durch Neubauten ersetzt worden sind, so gibt es immer noch etliche Zeugnisse der ursprünglichen Bebauung. Es sind die traditionellen Giebelhäuser mit Sichtfassaden, die an die Fachwerkbauten der Celler Altstadt erinnern.

Zwölf Gebäude in der Breiten Straße unter Denkmalschutz

In der Breiten Straße sind zwölf historische Gebäude als Einzeldenkmäler unter Schutz gestellt, die mehrheitlich aus der Barockzeit stammen. Zu den Baudenkmalen, die ausnahmslos nördlich der Einmündung Kirchstraße/Ohagenstraße liegen, zählen heutzutage die Gebäude mit den Nummern 1A und 1B (Wohnhaus und ehemalige Turnhalle, heute Teil der Bohrmeisterschule), 3 (errichtet vom katholischen französischen Kapellmeister Philippe la Vigne), 24, 30 (seit mehr als 300 Jahren eine Bäckerei), 31 (unter anderem bewohnt von dem hugenottischen Uhrmacher Claude Jacques du Mesnil), 33, 34, 35, 36 (bis Mitte des 19. Jahrhunderts von Reit- und Stallknechten bewohnt), 38, 39 (der Ursprungsbau wurde von dem fürstlichen Bratenmeister Jürgen David Schele errichtet) und 41 (das sich aktuell baulich in einem traurigen Zustand befindet).

In früherer Gaststätte Celler "Lindenclub" gegründet

Erstaunlicherweise steht das Gebäude Breite Straße 8 (heute „Taverna Mykonos“) nicht in der Liste der Baudenkmale. Einst befand sich dort die Gaststätte „Zur Linde“, deren Namen auf die Lindenallee zurückgeht. Am 1. März 1864 wurde dort von 78 Bürgern der bis heute bestehende „Lindenclub“ gegründet, der in seinem Clubwappen einen Lindenbaum führt.

Zahlreiche Betriebe in der Breiten Straße ansässig

Bis heute liegt an der Breiten Straße eine Mischbebauung von Wohn- und Geschäftshäusern vor. Zu den Letzteren zählen unter anderem F. u. G. Wedemeyer Heizung und Sanitär, die Bäckerei Pippel, die Firma Holzwerk (Zimmerei, Dachdeckerei, Maurer- und Malereibetrieb), der Dachdeckermeister Reinhard Schele, der Malerbetrieb Lüchau, die Taverna Mykonos, die Fahrschule Thomas Klinkert, das Bestattungsinstitut Hellmann und der China-Imbiss Fook. Außerdem hat die Bohrmeister Schule (Drilling School Celle), eine staatlich anerkannte Fachschule für Bohr-, Förder- und Rohrleitungstechnik, in der Breiten Straße ihr Domizil.

Von Andreas Flick

Quellen

Andreas FLICK/Sabine MAEHNERT/Eckart RÜSCH/Norbert STEINAU: Die Westceller Vorstadt. Celles barocke Stadterweiterung. Geschichte und Bauten (= Celler Beiträge zur Landes- und Kulturgeschichte. Schriftenreihe des Stadtarchivs und des Bomann-Museums, Bd. 40), Celle 2010.

Egon ENGHAUSEN/Carsten MAEHNERT: Unterwegs in Neuenhäusen und seiner Geschichte, Celle 2002.

Gernot FISCHER: Celler Baudenkmale (= Beiträge zur Landes- und Kulturgeschichte. Schriftenreihe des Stadtarchivs und des Bomann-Museums, Bd. 28), Celle 2000.

Christian LINK: Fachwerk in Celle auf dem Rückzug. Im Citybereich verteidigt die Fachwerkstadt Celle ihre alte Bautradition. In der Breiten Straße gelten andere Spielregeln, in: Cellesche Zeitung 30.07.2019 (https://www.cz.de/Celle/Aus-der-Stadt/Celle-Stadt/Neubau-in-Breite-Strasse-Fachwerk-in-Celle-auf-dem-Rueckzug).

Heinrich SIEBERN (Bearb.): Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover, Heft III.5 Stadt Celle, Hannover 1937.

Ernst SPANGENBERG: Historisch-topographisch-statistische Beschreibung der Stadt Celle im Königreiche Hannover, Celle 1826 [ND Hannover-Döhren 1979]. https://stadtsanierung-celle.de/Neuenh%C3%A4usen/ (11.11.2021)

Liste der Baudenkmale in Celle: (https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Baudenkmale_im_Landkreis_Celle) (02.12.2021)

Denkmalatlas Niedersachsen: (https://denkmalatlas.niedersachsen.de/viewer/metadata/37009703/2/-/ (21.12.2021).

Bürgerbeteiligung – Sanierung der Breiten Straße am 15. Dezember 2021

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