So endete die Herrschaft der Welfen - Teil 1
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So endete die Herrschaft der Welfen - Teil 1

06:00 24.07.2021
Die Schlacht bei Langensalza 1866.
Die Schlacht bei Langensalza 1866. Quelle: Bomann-Museum
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Celle

Nach dem Ausbruch des preußisch-österreichischen Krieges am 15. Juni 1866 und dem Einmarsch preußischer Truppen in das Königreich Hannover verließ der hannoversche König Georg V. sogleich in Begleitung des Kronprinzen seine Residenz in Hannover, um sich in die Obhut seiner Armee im Süden des Königreichs zu begeben. Von hieraus wandte er sich mit einem Aufruf an die Bewohner des Landes, um seine Entscheidung, sich im Kampf um die deutsche Hegemonie auf die Seite Österreichs zu stellen, zu rechtfertigen.

König Georg V. wendet sich an sein Volk

Unter der Überschrift „An Mein getreues Volk!“ erklärte Georg V. darin in Bezug auf die Kriegserklärung des preußischen Königs Wilhelm I.: „Das ist geschehen, weil Ich ein Bündniß nicht eingehen wollte, welches die Unabhängigkeit Meiner Krone und die Selbständigkeit Meines Königreichs antastete, die Ehre und das Recht Meiner Krone demüthigte und die Wohlfahrt Meines getreuen Volkes erheblich zu verletzen geeignet war. Eine solche Erniedrigung war gegen Mein Recht und wider Meine Pflicht, und weil Ich sie zurückwies, brach der Feind in Mein Land.“ 1

Seine Untertanen forderte Georg V. auf: „Bleibt getreu Eurem Könige auch unter dem Drucke der Fremdherrschaft harret aus in den Wechselfällen der kommenden Zeiten, haltet fest wie Euere Väter, die für ihr Welfenhaus und für ihr Vaterland in nahen und fernen Landen kämpften und endlich siegten und hoffet mit Mir, daß der Allmächtige Gott die ewigen Gesetze des Rechts und der Gerechtigkeit unwandelbar durchführt zu einem glorreichen Ende.“2

Königin Marie und Tochter bleiben in Herrenhausen

Große Sorgen bereitete Georg V. die Sicherheit seiner Frau, der Königin Marie, und seiner Tochter, die in Herrenhausen geblieben waren, deren Schutz er in einer besonderen Botschaft seinen „treuen Hannoveranern“ anempfahl. 3

In der Schlacht von Langensalza gegen preußische Truppen

Das hannoversche Heer lieferte am 27. Juni in der Schlacht von Langensalza den preußischen Truppen einen aufopfernden Kampf, der mit dem Sieg der hannoverschen Truppen endete. Trotz dieses Erfolgs sah sich König Georg V. jedoch angesichts des Mangels an Munition und Verpflegung, der Erschöpfung der Soldaten sowie vor allem wegen der Einkreisung der hannoverschen Armee durch preußische Truppen am 29. Juni zum Abschluss einer Kapitulationsvereinbarung gezwungen. Die hannoversche Armee wurde entwaffnet und aufgelöst.

In diesen Kämpfen hatten 1436 Hannoveraner und 830 Preußen ihr Leben gelassen. Zudem gab es viele Verwundete. In aller Eile, oft ohne Särge, wurden die Opfer beider Kriegsparteien an verschieden Orten im Bereich des Schlachtfeldes bestattet. Vielfach dienten Massengräber als letzte Ruhestätte.4

Georg V. geht ins Exil nach Österreich

Den weiteren Verlauf des Krieges konnte Georg V. nicht mehr beeinflussen. Er verließ sein Königreich und begab sich ins Exil nach Hietzing bei Wien. Sein „monarchisches Selbstverständnis“ sollte dadurch nicht beeinträchtigt werden. Auch nach der Besetzung Hannovers durch preußische Truppen hielt Georg V. an dem Fortbestand eines eigenständigen hannoverschen Staates unter seiner Herrschaft fest. Einen Eindruck davon vermittelt der Briefwechsel des früheren hannoverschen Königs mit seiner Frau, die erst 1867 ihrem entthronten Gemahl ins österreichische Exil folgte.

Überkommenes Herrschaftsverständnis bei Georg V.

Wie sehr Georg V. sich auch weiterhin von einem überkommenen Herrschaftsverständnis im Sinne eines fast mystisch-christlichen Gottesgnadentums leiten ließ, zeigt der Inhalt eines Briefes vom 17. August 1866. In völliger Fehleinschätzung der realen Bedingungen und Möglichkeiten fordert er: „Preußen muß überhaupt mit dem, was es will, selbst hervortreten und unmittelbar mit mir verhandeln. Mit dem Allerheiligsten auf Erden spielt man nicht. Die von Gott einem unmittelbar verliehene Krone niederzulegen und [sic] mit allen ihr verbundenen Verantwortlichkeiten seinem theueren und noch so jungen Sohne zu übertragen, ehe man überhaupt nur einmal weiß, ob dieselbe ihm überall auch dadurch gerettet wird, und was zu seinem und des Volkes Wohl dafür als Entschädigung geboten werden soll, grenzt an höchsten Blödsinn, um mit dem zu reden, der sich erboten hat, die Welfenkrone dem Hohenzollern so zu sagen zu Füßen zu legen, ohne selbst verbürgen zu können, […] ob der von ihm vorgeschlagenen Handel auch nur im geringsten was hilft.“ 5

„Welfenhaus“ mit allen Mitteln verteidigen

Und wenige Tage später, im Brief vom 22. August 1866 an die Königin, glaubte Georg standhaft zu sein, wenn er gegenüber Preußen lauthals die Absicht verkündete, sein „Welfenhaus“ und sein „ur- und stammeswüchsiges Volk und Land“ mit allen Mitteln verteidigen und nur der Gewalt weichen zu wollen, niemals aber einen Vertrag „zwischen der welfischen Dynastie und der des fremden Räubers“ abzuschließen, der das frevelhafte Tun Preußens rechtfertige. Die gegenwärtige Situation vergleicht Georg dabei mit der Lage Hannovers in den Jahren 1803 bis 1813 und sieht darin „eine schwere Prüfung, die der Herr zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert über Herrscherhaus, Volk und Land verhängt hat“. So wie damals mit Gottes Hilfe den Welfen „ihr Hannover und diesem ihre Welfen“ zurückgegeben worden sei, „so kann der Herr in seiner Allmacht und Vaterhuld dieses in noch kürzerer Zeit gebieten“.

König Georg V. (1819 bis 1878). Quelle: Bomann-Museum

Es werde sich zeigen, dass „die Gerechtigkeit Gottes, die unerschöpflich, unermeßlich und unerschütterlich ist, es nie zulassen kann noch wird, daß eine Schlechtigkeit wie Preußen sie überhaupt in dieser Zeit in Deutschland, namentlich aber Hannover gegenüber begangen, den Sieg davon trage“.

Es gebe in der Geschichte kein vergleichbares Beispiel, „wo ein seit fast tausend Jahr mit seinem Land und Volk verwobenes Herrschergeschlecht, wie es bei uns der Fall ist, durch einen auswärtigen, räuberisch einfallenden Feind auf die Dauer vertrieben sein sollte. So bauen wir auf Gott, […] der in seiner nie endenden Gnade und Gerechtigkeit zu seiner Zeit das wiedergeben wird, was Er unserem Hause vor tausend Jahren geschenkt und was Er schon einmal, nachdem Er in diesem Jahrhundert es zugelassen, daß eine räuberische Hand es uns entriß, nach zehn Jahren uns größer und glücklicher werden ließ, als es je früher gewesen“.6

Starrsinniger Herrscher auf dem Welfenthron

Diese starrsinnige Haltung hatte Georg V. bereits als Herrscher auf dem Welfenthron gezeigt. Unfähig zu einer realistischen Einschätzung der politischen Lage in Deutschland und der eigenen Situation in seinem gegenwärtigen Aufenthaltsort in Hietzing bei Wien, war der hannoversche König weiterhin in seinem „historisch unschöpferischen Staats-und Herrschaftsegoismus […] hin und her gerissen zwischen dünkelhaftem Zynismus und christlich-germanischem Gottesgnadentum, […] zwischen niedrigster Kleinkrämerei und romantischem Höhenflug“7, ohne dass er bereit gewesen wäre, die notwendigen Konsequenzen aus dem Geschehen der vergangenen Monate zu ziehen.

Marie von Sachsen-Altenburg (1818 bis 1907) heiratete 1843 den blinden Kronprinzen und späteren König Georg V. von Hannover, war von 1851 bis 1866 an der Seite ihres Mannes die letzte Königin von Hannover. Quelle: Bomann-Museum

Daran konnte auch der verzweifelte Versuch der Königin Marie, ihren Gatten zu einer Änderung seiner bisherigen Einstellung und Lagebeurteilung zu bewegen, wenig ausrichten: „Jetzt, wo vielleicht nur noch ein schwacher Funken von Hoffnung zur Rettung unseres unglücklichen Landes vor Fremdherrschaft und zur Erhaltung der Dynastie – jetzt rufe ich Dir im Namen der ganzen Nation zu: Rette und nimm die Bedingungen an, wie sie sind! Behalten wir Fuß im Lande; sey es wie es wolle, so können wir auch später zu unseren ganzen Rechten gelangen. Wird das Land aber annectirt, so verlieren wir es auf immer! […]

Höre Du endlich meine Stimme, ehe es zu spät! geliebter Mann! Du bist es uns, Deinem armen Volk schuldig, was nach Hülfe schreit und denkt, Du thust nichts dafür! “ 8

Der Krieg zwischen Preußen und Österreich war bereits nach drei Wochen zugunsten Preußens entschieden. Das Ergebnis dieses militärischen Konflikts bedeutete das Ausscheiden Österreichs aus dem Deutschen Bund und damit zugleich eine Neuorientierung in Bezug auf die „deutsche Frage“.

Österreich scheidet aus Deutschem Bund aus

In diesem Sinne bewertete die „National-Zeitung“ in Berlin am 25. Juli 1866 das Ende des Deutschen Bundes als eine sozialgeschichtliche Zäsur: „Dies ist der Schritt, mit dem erst ganz und vollständig das Mittelalter, die Feudalität, von unserer Nation überwunden und beseitigt wird. Indem wir uns vom Hause Habsburg trennen, welches die Ideen und Ansprüche des römisch-deutschen Kaisertums nicht loswerden kann, werden wir [...] die selbständige Nation und stehen wir vor der Möglichkeit, einen deutschen Nationalstaat zu errichten. Wir können deutscher sein als es unseren Vorfahren vergönnt war.“ 9

Herrschaftsgebiet der Welfen von Preußen annektiert

Der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck nutzte die durch den Krieg gewonnene Machtstellung des Hohenzollernstaates, um zunächst eine neue politische Ordnung unter preußischer Führung nördlich der Mainlinie zu errichten. Einen selbstständigen hannoverschen Staat gab es nun nicht mehr. Das bisherige Herrschaftsgebiet der Welfen wurde ebenso wie Kurhessen, Nassau und Frankfurt am Main von Preußen annektiert. Nur Sachsen blieb ein solches Schicksal als Verbündeter Österreichs erspart. Das Königreich konnte seine staatliche Eigenständigkeit dank der Fürsprache Frankreichs und Österreichs erhalten.

Preußen wird dominierende Macht

Nach der Auflösung des Deutschen Bundes wurde nun unter dem Präsidium des Königs von Preußen der Norddeutsche Bund gegründet. Ihm gehörten 19 noch selbstständig gebliebene Mittel- und Kleinstaaten sowie die Freien Städte Hamburg, Bremen und Lübeck an. Preußen war in diesem Bundesstaat die eindeutig dominierende Macht; daneben hatte lediglich Sachsen noch ein stärkeres Gewicht.

Norddeutscher Bund nur eine Übergangslösung

Der Norddeutsche Bund war jedoch nur als eine Übergangslösung gedacht, stellte somit auf dem Weg zur deutschen Einheit lediglich eine Zwischenstufe dar. Eine weitergehende Lösung wäre auf den heftigen Widerstand anderer europäischer Mächte gestoßen und insbesondere von Frankreich nicht akzeptiert worden, das in einem unter Preußens Führung vereinten Deutschland eine überaus bedrohliche Macht gesehen hätte. Mit den süddeutschen Staaten schloss Bismarck „Schutz- und Trutzbündnisse“ ab. Damit war zugleich eine zukunftsweisende Entscheidung im Blick auf das anzustrebende Ziel eines staatlichen Zusammenschlusses aller Deutschen getroffen worden.

Von Karl-Heinz Buhr

Quellen

1 Zit. nach: „Cellesche Anzeigen“ vom 26.6.1866.

2 Ebd.

3 Klaus Mlynek, Waldemar R. Röhrbein: Geschichte der Stadt Hannover. Hannover 1994, S. 313.

4 Vgl. Adolf Meyer: Wer gedenkt noch der Opfer?, in: „Cellesche Zeitung“ (CZ) (Sachsenspiegel) vom 2.12.2017, S. S. 60.

5 König an Königin vom 17. August 1866, in: Hannovers Schicksal 1866 im Briefwechsel König Georgs V. mit der Königin Marie, bearbeitet von G. M. Willis. Mit 10 Bildtafeln und Stammtafeln. Hildesheim 1966, S. 97f.

6 König an Königin vom 22. August 1866, in: Hannovers Schicksal 1866 […], wie Anm. 5, S. 104f.

7 Ernst Engelberg: Bismarck, Urpreuße und Reichsgründer. Berlin 1985, S. 501.

8 Königin an König vom 8. August 1866, in: Hannovers Schicksal 1866 […], wie Anm. 5, S. 88.

9 Zit. nach: Heinrich August Winkler: 1866 und 1878: Der Machtverzicht des Bürgertums, in: Wendepunkte deutscher Geschichte 1848-1945, hg. von Carola Stern und Heinrich August Winkler. Frankfurt am Main 1979, S. 43.

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