Massenmörder aus Hannover

Darum saß Fritz Haarmann bei Celle ein

Serienmörder Fritz Haarmann saß vor seiner Hinrichtung 1925 in der Strafanstalt "Jägerheide" südlich von Celle ein. Darum kam er hier ins Gefängnis.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 16. Oct 2021 | 11:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
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Celle.

Das Vorstrafenregister von Fritz Haarmann (1879 bis 1925), der am frühen Morgen des 15. April 1925 wegen nachgewiesenen 24-fachen Mordes in Hannover hingerichtet wurde, ist riesig. Eine von vielen Strafen verbüßte er in den Jahren 1921 und 1922 im Moor südlich von Celle.

Strafgefangene ins Große Moor südlich von Celle verlegt

Als die Kriegsgefangenen nach dem Ersten Weltkrieg in ihre Heimatländer entlassen waren, verlegte man Strafgefangene aus Hannover und Celle ins Große Moor südlich von Celle, um die Kultivierungsarbeit fortzuführen. Untergebracht wurden sie in dem Gefangenenhaus, dem späteren Schulhaus. Die Bezeichnung war Strafanstalt Jägerheide, die Adresse Jägerheide Nr. 2. Bekannt ist, dass der Serienmörder Haarmann dort eine Strafe absaß.

In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg verdiente Fritz Haarmann seinen Lebensunterhalt in Hannover mit dem Handel von Altkleidern und Fleisch. Er wurde am 25. April 1921 zu drei Wochen Haft wegen Bettelns und am 24. Oktober 1921 wegen Wäschediebstahls zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt.

Haarmann wegen Bettelns und Diebstahls zu Haftstrafen verurteilt

Letztere Straftat verübte Haarmann am 31. August 1921 und wurde noch am gleichen Tag festgenommen. In seiner Krankenakte verlautete: „Der Angeklagte hat am 31. August 1921 zu Hannover nachm. vom Hofe des Hauses Bödekerstr. 67 Wäschestücke der Frau Ferdinand Salberg, die zum Trocknen aufgehängt waren, nämlich 3 Oberhemden, 2 Damenhemden, 1 Kissenbezug entwendet. Bei seiner Festnahme fanden sich noch 2 Damenhemden in seinem Besitz. Der Angeklagte gibt unwiderlegt an, daß er diese 2 Hemden gleichzeitig mit der Wäsche der Frau Salberg gestohlen habe; diese Stücke hätten auf dem Nachbargrundstück, das von dem Hofe des Hauses 67 nur durch ein niedriges Staket getrennt sei, gehangen, so daß er sie in derselben Wegnahmehandlung sich habe zueignen können ... Wegen der Dreistigkeit, mit der der Angeklagte vorgegangen ist, erschien eine Gefängnisstrafe von 5 Monaten angemessen.“ Letztere Strafe wurde sofort vollstreckt bis zum 8. Februar 1922 und im Anschluss daran die wegen Bettelns festgesetzte Haftstrafe. Wie aus der Anklage¬schrift vom 27. September 1921 hervorgeht, befand sich Haarmann zu dem Zeitpunkt noch in Untersuchungshaft in Hannover.

Der „Hannoversche Anzeiger“ berichtete in seiner Ausgabe vom 19. Dezember 1924 über seine damaligen Vergehen: „Im April 1921 erhält der Angeklagte Haarmann seine 14. Strafe wegen Bettelei, die ihm 3 Wochen Haft einbrachte. Diese Bestrafung hat dann dazu geführt, daß Haarmann von dieser Betätigung abließ. Er schilderte uns, daß Grans [Hans Grans, sein Gehilfe, 1901 bis 1975] ihn überredet habe, jetzt auf Diebstahl auszugehen, und er hat ja dann auf den Höfen dort aufgehangene Wäsche gestohlen. Das ging gut, bis er am 31. August 1921 festgenommen wurde. (...)“

Serienmörder in Außenstelle der Celler Strafanstalt nördlich von Ehlershausen

Haarmann wurde in ein Außenkommando der Celler Strafanstalt am Rande des Großen oder Müggenburger Moores nördlich von Ehlershausen verlegt, wo er bis zum 1. März 1922 inhaftiert blieb. Auf einer Übersichtskarte von 1920 ist das Quartier der Zuchthäusler als „Gefangenengehöft“ eingezeichnet. Es ist neben der staatlichen Administration und der Schmiede als erstes massives Haus Großmoors 1915 in niedersächsischer Bauweise hergestellt worden.

Die dort praktizierte Kultivierungsarbeit, die Trockenlegung des Großen Moores, war seit 1914 mit Strafgefangenen praktiziert worden. Im Juni 1920 hatte die Besiedlung jener unwirtlichen Gegend, die heute noch den Namen „Jägerheide“ führt, begonnen, und zwar mit etwa 250 Mann. In zwei ehemaligen Kriegsgefangenenbaracken wurden die Männer zunächst untergebracht.

Absteigequartier für Prostituierte

Haarmanns Gehilfe Hans Grans (1901 bis 1975) begründete die Abwesenheit Haarmanns gegenüber der damaligen Hauswirtin Klara Rehbock in der Form, dass dieser zu seiner Erholung im „Luftkurort Jägerheide“ verweilen würde. In dem halben Jahr der Abwesenheit Haarmanns begann Grans in dem verrufenen Raum ein „tolles Leben“. Der Raum wurde zum Absteigequartier für junge Dirnen.

Am 1. Juli 1921 war Haarmann in ein Zimmer an der Neuen Straße 8, mitten im hannoverschen Gänge-Viertel, umgezogen. Dieses Zimmer hatten vorher Alwin Köhler und Hugo Wittkowski als Lagerraum benutzt. Nach der Festnahme Haarmanns am 31. August 1921 hatte Grans allein das Zimmer inne. Er nahm seinen Freund Hugo Wittkowski mit hinein, und beide lebten mit Damen zweifelhaften Rufes und anderem Gesindel dort zusammen und hatten bald Streitigkeiten mit der Hauswirtin sowie mit anderen Hausbewohnern, die an ihrem Treiben Ärgernis nahmen.

Streit mit Hauswirtin der Wohnung an der Neuen Straße in Hannover

Infolge dieses Treibens von Grans und der dauernden Streitigkeiten schloss Klara Rehbock das Zimmer ab, sodass auch Grans nicht mehr hinein konnte. Während dieser Zeit hob Grans mit Zustimmung Haarmanns dessen Militärrente ab, schickte Haarmann auch einige Pakete in das Gefängnis und bezahlte zum Teil die Miete, verbrauchte den Rest des Geldes aber für sich.

Gutachter Professor Ernst Schultze (1865 bis 1938) brachte in seinen Gesprächen mit Haarmann in Göttingen am 8. September 1924 den Belastungszeugen Döring ins Spiel. Auch der scheint in der Gefangenenarbeitsstelle Jägerheide eingesessen zu haben. Schultze kommentierte Haarmanns Antworten: „Lacht und schlägt die Hände zusammen vor Erstaunen, daß er Döring zum Budenzauber eingeladen habe. – Bestreitet, Döring mißhandelt zu haben, daß dieser wohl früher in Jägerheide Prügel bekommen habe. Einer habe ihn von hinten gebraucht. Da sei er wieder ins Zellengefängnis in Hannover gekommen.“

Fritz Haarmann schreibt Briefe nach Hannover

In seiner Haftzeit schrieb Haarmann Briefe nach Hannover, wie aus der Celleschen Zeitung vom 7. Juli 1924 zu vernehmen war: „Die ‚Landeszeitung’ veröffentlicht am Sonnabend abend eine Reihe von Briefen Haarmanns, aus deren Inhalt man auf den anständigsten Menschen der Welt schließen könnte. Die Briefe strotzen vor orthegraphischen (sic!) Fehlern, obwohl Haarmann, wie es heißt, von Beruf Kaufmann ist. Die Briefe sind Ende 1921 und im Jahre 1922 geschrieben, teilweise aus der Strafanstalt Jägerheide bei Celle, und sind sämtlich an seine Vermieter bezw. Vermieterinnen und an das Mieteinigungsamt gerichtet.

Bekanntlich war Haarmann wegen des zweifelhaften Treibens in seinen Wohnungen wiederholt gekündigt worden. Er verstand es in den Briefen stets, sich reinzuwaschen und im übrigen seinen Freund Grans als Uebeltäter hinzustellen. In einem Brief an das Mieteinigungsamt bezeichnet er sich als ‚anständigen Menschen’ im Gegensatz zu den Vermietern, die er als ‚gemeine Menschen’ betrachtet.“

Haarmann rückt Mitbewohner Hans Grans ins schlechte Licht

Der Kriminalschriftsteller Hans Hyan (1868 bis 1944) verwendete einen dieser Briefe für seine Publikation. Er stellte einleitend fest: „Interessant und für Haarmanns geistige Fähigkeiten bezeichnend sind übrigens die Briefe, die er in dieser Sache aus dem Gefängnis an die Wirtin des Hauses in der Neuen Straße schrieb. Das am meisten charakteristische Schreiben, das ich hier folgen lasse wirft gleichzeitig ein breites Schlaglicht auf die Person und den Charakter des Hans Grans, seines Mittäters.“

Dies ist der Wortlaut des Briefes: „Meinen Kontrakt kennen Sie ja. Ich bitte Sie höflichst, mir die Wahrheit mitteilen zu wollen. Sollten Sie in Ihren rechte sein, mir gegenüber bin ich bereit auszuziehen. Ich teile Sie aber höflichst mit, ich bin doch der Miether, ich habe mir kontraktlich nichts zu schulden kommen lassen. Sollte aber ein Angestellter von mir dummheiten machen, so muß mir dieses mitgeteilt werden u. ich werde dann Maßregeln treffen, daß Grans sofort die Wohnung verläßt, aber ich bleibe der Miether und der Besitzer der Wohnung vor wie nach. Ich bitte Sie nochmals höflichst, wenn Hans Grans Dummheiten macht, dann passen Sie als Hauswirt auf und Grans muß aus der Wohnung. Die Kündigung nehme ich nicht an, da es nicht mein Verschulden trifft, ich aber Hans Grans den Laufpaß geben werde, das dieses nicht wieder vorkommen kann. Ich werde die Wohnung nur noch als Contor benutzen ohne das dort wär schläft, außerdem Hans Grans verbiten die Wohnung betreten. Entschuldigen Sie höflichst, ich kann persönlich nicht selber kommen, aber schreiben Sie mir doch umgehend bitte, ob Grans keine Dummheiten macht, den auf die anfragen hat Grans mir nur immer Gutes geschrieben und ich habe alles geglaubt. Sie werden mit mir zufrieden sein und meinerseits werden Sie solches nie Erfahren. Ich kann aber über solche Jungensstreiche welches ich nicht wußte als Sündenbock gelten und wie gesagt, nehme ich die Kündigung nicht an. Sind Sie in Ihrem Recht so Entfernen Sie den Grans sofort. / Mit den freundlichsten Gruß an Sie und Geschwister bleibe ich / Hochachtungsvoll / Fr. Haarmann, Jägerheide bei Celle, Haus 2.“

Haarmann wehrt sich gegen Kündigung

Nach der Mitteilung der „Hannoverschen Landeszeitung“ heißt es dann in einem Brief vom 16. desselben Monats: „Ich bitte Sie nun höflich da Grans mich Belog und auf Ihren Anordnungen nicht hörte und trotzdem am 10. 12. d. Mts. wieder des Nachts eine Person herein ließ, sofort Grans die Schlüssel abzunehmen auf meine Anordnung. Grans hat die Wohnung sofort zu räumen. Wie sie ja selber wissen nach den Kontrakt Ordnung und Vereinbarung leide ich keine Weiber in meiner Wohnung. – Die Kündigung kann ich nicht annehmen, da mir kein Verschulden trifft. Ich komme Sie aber in allen teilen entgegen und bin dafür so wie ich Kenntnis von dem treiben Grans hatte Ordnung zu schaffen. Ich bitte aber zugleich Ihren werten Schutz, damit ich von solchen liderlichen Menschen befreit werde, welcher mein Vertrauen und Gutheit so gemein beschmutzt usw.“

Haarmann ersuchte dann um Zurücknahme der Kündigung. Er habe eine sehr schwere Operation hinter sich, und so könnte man seine Aufregung und seinen Kummer verstehen. (In Wahrheit saß er im Gefängnis.) Sollte die Kündigung aufrechterhalten werden, so wäre Haarmann auch gern bereit, eine Klage zu führen.

In einer Mitteilung an die Vermieter, dass er die Miete abgesandt habe, heißt es: „Betreffs eines Herrn der mit dem § 175 zu That und belastet ist wohnt bei Frau W. und ich bitte höflichst mit solchen Schwein nicht zu vergleichen denn solche Menschen gehören nicht unter Menschen.“

Haarmanns Briefe machen die Runde

Die „Niedersächsische Arbeiter-Zeitung“ fügte hinzu, dass in einem der Briefe noch Folgendes gestanden habe: „Fräulein Clara! Machen Sie sich doch nicht lächerlich. Ich traf dieser Tage Wachtmeister Wittbold, der erklärte, daß er sie recht freundschaftlich aus der Tür verwiesen habe. Ihr treuer Mieter Fritz Haarmann.“ Und in Klammern habe er folgende Bemerkung gesetzt: „Man wird doch alles wieder gewahr.“

Haarmann war sich demnach sicher, dass der wahre Sachverhalt am Ende ans Tageslicht gelangen würde. In jedem Fall machten Haarmanns Briefe die Runde.

In dieser Zeit, 1921, hatte bereits das Detektivbüro von Paul Sebastian in Hannover Recherchen über Haarmann angestellt. Beauftragt war Sebastian von dem Fahrradhändler Georg Koch, dessen Sohn Hermann 1918 verschwunden war.

1922 aus der „Jägerheide“ entlassen

Aus einem Wohnungsverzeichnis geht hervor, dass Haarmann seit seiner Entlassung aus dem Militärdienst am 28. Juli 1902 bis zu seiner Verhaftung am 23. Juni 1924 insgesamt 31 gesicherte Wohnungen innegehabt hatte. Dazwischen liegen Zeiten, in denen Haarmann sich in Haft befand oder unbekannten Aufenthalts war.

Am 1. März 1922 wurde Haarmann von der Gefangenenarbeitsstelle Jägerheide entlassen und kehrte zu seinem Zimmer im Haus Neue Straße 8 zurück. Er brach das Zimmer auf. Die Folge waren Streitigkeiten mit Klara Rehbock, bei denen Haarmann zu Tätlichkeiten überging. Das Zimmer selbst fand Haarmann durch seinen Freund und späteren Zeugen vor dem Gericht Hugo Wittkowski sowie Hans Grans ausgeräubert vor.

Haus wurde Schule und später Kindergarten von Großmoor

Haarmann war der prominenteste Gefangene in diesem Außenkommando der Celler Strafanstalt am Rande des Großen Moores, in dem über einen Zeitraum von annähernd zehn Jahren zunächst – ab 1918 – nur Strafgefangene aus Hannover und später Zuchthausgefangene aus Celle untergebracht waren. Es wurde am 1. April 1927 aufgelöst, und das Haus, in dem Haarmann einst eingesessen hatte, wurde zur Schule umgebaut. Seit 1970 befindet sich dort der Kindergarten von Großmoor.

Von Matthias Blazek

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