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Sachsenspiegel Selten betrat Wanderer ernste, wegarme Gebiet
Mehr Sachsenspiegel Selten betrat Wanderer ernste, wegarme Gebiet
12:25 19.12.2015
Foto: Ramlinger beim Torfstich im Großen Moor, 1935.
Ramlinger beim Torfstich im Großen Moor, 1935. Quelle: Repro: Dagmar Klinge
Celle

Großmoor hat seinen hundertsten Geburtstag gefeiert. 1914 steht als Gründungsjahr im Raum, als der Bau der ersten drei Häuser an der heutigen Hauptstraße erfolgte und das Kriegsgefangenenlager soweit fertig gestellt war, dass es die ersten Kriegsgefangenen aufnehmen konnte.

Die Besiedlung setzte erst 1919 ein, als eine Reihe siedlungswilliger Familien aus allen Teilen des Deutschen Reiches eingetroffen waren und vorübergehend in den Baracken eine Bleibe gefunden haben. Und 1920 übernahmen 230 ehemalige Soldaten den Bereich der heutigen Jägerheide und bauten dort die ersten Häuser.

Wie es damals im Großen Moor aussah und wie menschenfeindlich die Gegend auf den Betrachter gewirkt haben muss, berichtete anschaulich der Mittelschulrektor Georg Breling (1868-1962) in dem von mehreren Lehrern Ende der zwanziger Jahre zusammengetragenen Heimatbuch „Der Speicher“. Breling war von 1891 bis 1898 Lehrer in Wathlingen, er kannte den Celler Südkreis. Er schrieb:

Verirrte Kinder kommen
im sumpf ums leben

„Wenn man vor dem Kriege mit der Eisenbahn von Ehlershausen aus der Stadt Celle zueilte, sah man bald hinter dem Bahnhofe westwärts eine weite, teilweise mit Wald bestandene Fläche ohne menschliche Ansiedlungen. Hier dehnte sich das ‚Große Moor’ scheinbar endlos nach Westen hin aus. Selten betrat ein Wanderer dieses ernste, wegarme Gebiet, obgleich die verschwiegenen Gründe ihre eigene Schönheit hatten. Nur wenn ein Brand dort den Wald vernichtete und wochenlang im Moore weiterschwelte, eilten Menschen aus der Nachbarschaft herbei. ‚Das Moor brennt!’ rief man weit und breit, wenn brenzliger Rauch die Luft erfüllte. Doch wenn das Feuer erstickt war, fiel das durch den Brand baumlos gewordene Gebiet wieder in Vergessenheit. In den Randgemeinden des Moores erzählte man von verirrten Menschenkindern, die elendig im Sumpfe umgekommen waren. Abschreckende Namen für teichartige Sümpfe, wie ‚Grundloser See’ oder ‚Tiefe See’ und ‚Wilde See’, die man auf alten Karten findet, warnten den Wandersmann. Im Mittelalter konnten die Sumpfwasser noch schlechter abfließen; daher war es noch unwegsamer im Moor. Da ließ Herzog Wilhelm der Jüngere (1569–1592) – wahrscheinlich in den siebziger Jahren des 16. Jahrhunderts – den ‚Adamsgraben’ und ‚Neuen Graben’ zur besseren Entwässerung des Bruches auswerfen; nun konnten geeignete Gebiete in Hut und Weide genommen werden. Später tauchten Pläne zur gründlichen Urbarmachung des Moores auf; Adelheidsdorf entstand und damit der Wunsch nach weiterem Vordringen in diese menschenleere Landschaft. Besonders wurden solche Siedlungspläne erwogen, nachdem im Jahre 1845 die Bahn Hannover–Hamburg am Ostrande des Moores vorbeigeführt war und der Bahnhof Ehlershausen die Möglichkeit eines besseren Verkehrsanschlusses für das Moor ergab. Doch vergingen noch Jahrzehnte, ehe ein Siedlungsplan ausgeführt wurde. Erst der kulturzerstörende Krieg brachte diese Kulturtat. Zwar waren schon vor dem Kriege einige Entwässerungsgräben ausgeworfen worden, doch nur, um die Gewinnung von Brenn- und Streutorf zu fördern; auch hatte im Winter 1913/14 die Verwaltung des Landkreises Celle mit den in Frage kommenden Grundeigentümern zwecks Abgabe der betreffenden Ländereien verhandelt.“

Der Heimatkundler Gerd Heide vermittelte einen Eindruck von Romantik. Sein Aufsatz „Das Reisen auf der alten Poststraße nach Hannover“ wurde posthum 1937 im Celler Heimatkalender auf das Jahr 1938 abgedruckt. Er schrieb: „Nördlich von der alten Poststraße auf dem Gelände des staatlichen Großen Moores und der angrenzenden Gebiete ist ein ganzes Dorf, das Dorf Großmoor, entstanden; wo früher nur Heide und Moor zu erblicken war, sind jetzt Acker und Wiesen.“

Wilddiebe machen urwüchsige
Gegend unsicher

Rudolf Bähre aus Wettmar blickte in seinem Aufsatz „Im großen Moore“ für den Heimatkalender für die Lüneburger Heide 1953 zurück. Wie alle umliegenden Dörfer hatte auch Wettmar Torfstichrechte im Großen oder Müggenburger Moor besessen. „Es war schön hier hinten am Ende der Welt. Die Stockenten klingelten, der Brachvogel kolütete über die weiten Flage, daß es weithin zu hören war. Himmelsziegen meckerten, Kiebitze riefen und schossen flügelrauschend schrägan und kopfheister durch die Luft, hoch oben klang des Fischreihers heiserer Ruf, Adder und Eidechse sonnten sich auf den Bülten. Hier hatte der Mensch nichts zu sagen.

Meist war es so, wenn ein Mensch hierher kam, dann kam er mit Piff und Paff; denn der Bock war zahm, und das Wild verhoffte kaum, ganz abgesehen davon, daß den Büchsenknall kein Mensch hörte. Also waren es meist Wilddiebe, die man hier antraf.

Hier war eine eigentümliche Welt. Was hier wuchs, war ganz anders, als was ich kannte, und was hier lebte, davon hatte ich noch nicht viel gesehen. Und ich selbst, ich weiß nicht, wie mir wär. Ich mußte immerzu fragen, und mein Großvater mußte einen halben Brockhaus voll antworten, und wir merkten gar nicht, daß wir schon eine gute Wegstrecke auf dem Heimweg hinter uns hatten, hörten nicht, daß in der Ferne ein Wetter grollte. Darum hatten wir gar keine Eile.“

Schon als kleiner Junge zeigte sich der spätere Großmoorer Dorflehrer Heinrich Roes (1899-1987), der 1904 mit seinen Eltern nach Ehlershausen gekommen war, beeindruckt ob der Schönheit und der Urwüchsigkeit der nahezu menschenleeren Gegend. Er berichtete 1948: „Wenn man vor dem ersten Weltkriege auf dem Damm der Bahn Ehlershausen-Celle stand und den Blick nach Westen wendete, bot sich dem Auge ein unwegsames Moor dar: Hohe Heide, Birkengestrüpp, mit grünen Moospolstern und weißem Wollgras bewachsene Moorkulen, geringer Kiefernbestand, das war alles, was es hier zu schauen gab. Rehe, Birkhühner, Sumpfhühner, Brachvögel und anderes Getier belebten die Landschaft. Wohl niemand in den umliegenden Dörfern ist je auf den Gedanken gekommen, dass dies unwegsame Gelände einmal Heimatboden für Menschen werden könnte.“

Der aus Peine stammende Carl Wippo (1826-1898), der nach Chicago auswanderte und Dorette Meyer, Tochter des Vorwerkspächters auf der Müggenburg, heiratete, lernte die Gegend 1845 im Zuge des Eisenbahnbaues kennen. Er schrieb in seinen Memoiren:

Typische Moorlandschaft:
überall waren Bienenstände

„Kommt man von Celle(,) so hat man zur linken nichts als Heide und Sand und zur rechten das eben beschriebene Adelheidsdorf, darum ist es gewissermaßen wohlthuend, wenn man inmitten dieser, man mögte fast sagen Einöde, ein kleines Paradies vorfindet; denn in der That ist die Muggenburg ein solches, mit ihren herrlichen Feldern, Wiesen, Bächen, Obst und Gemüsegärten, Fischteichen und Viehweiden; die herrlichen Gärten mit ihren Anlagen, schattigen Bäumen und Lauben und duftenden Blumen sind zu einladend als das der Wanderer stillschweigend vorüber gehen könnte, und jeder der einmal jene Chausee zwischen Hannover und Celle bereist hat, weiß sich auch der Müggenburg zu erinnern.“

Fritz Grün (1905-1986), dessen Familie 1950 auf der Flucht von Ostpreußen nach Adelheidsdorf gekommen war, brachte 1974 die in einem plattdeutschen Beitrag formulierten Erinnerungen des Landwirts und Milchfahrers Friedrich „Fritz“ Bütepage (1887-1975) an die Zeit des Großen Moores zu Papier. Der Zeitzeuge starb wenig später, heute ist eine Straße im Ortsteil Adelheidsdorf nach ihm benannt.

Auch Bütepage erlebte die Landschaft in einer Zeit, als im Großen oder Müggenburger Moor noch keine Häuser standen, als das Gebiet noch von dem alten herrschaftlichen Vorwerk Müggenburg beziehungsweise von der fiskalischen Behre aus verwaltet wurde. Hier herrschte einst die typische Moorlandschaft vor, mit Birke, Heide und Binsen, bevölkert von Rot- und Schwarzwild, Enten und Birkwild. Überall standen Bienenstände.

Fritz Bütepage, Sohn des Bahnwärters Friedrich Bütepage, am 8. Juni 1887 in Adelheidsdorf geboren, wurde am 3. Juli 1887 in Neuenhäusen getauft, am 16. Oktober 1899 in der Adelheidsdorfer Schule aufgenommen und am 28. März 1901 mit der Konfirmation entlassen. Unmittelbar danach lernte er das Große Moor gut kennen.

Der plattdeutsche Beitrag wurde 1987 im „Wathlinger Boten“ abgedruckt. Fritz Bütepage berichtet darin, wie er vom Vater 1901 als Hütejunge zur Müggenburg geschickt wurde, von wo aus er mit dem Vieh über die beim heutigen Hotel Müggenburg beginnende Auestraße in das noch unbesiedelte Große Moor ging. Drei Mark gab es für seine Dienste auf die Hand. Dass das Gelände unwegsam war, belegt bereits diese Aussage: „O, do weern beistig groote Bülten, do fund kein fremder Minsch dorch bi Nachte, de fallt op de Neese.“ Da waren biestig große Bülten, da fand kein fremder Mensch durch bei Nacht, der fiel auf die Nase.

Das war eine schlechte Zeit.

„Dat war en slechte Tid. 1901 bin ick ut de School komen, on do hett unse Vooder mick vermeed (vermietet) no de ole Domaine Müggenburg, de socht een lütjen Knecht, on eck weer froh, dat eck wegkoom von tohus. Nu kreeg ick drei Mark, Mietsdooler, dat weer obber Geld en de Finger, dat erschte Geld, eck was (war) froh, eck mußt et obber afgewen to Hus, se leet sick ok nich utplünnern. Hebb eck ook edohn. Am Owend kunnt eck all koomen, eck mußte mick do melden oop de Müggenburg.

Die Kühe können gehen,
wo sie wollen

O, do weern beistig groote Bülten, do fund kein fremder Minsch dorch bi Nachte, de fallt op de Neese. Weere denn alle Käuh tohopen, denn ging dat en beten wieder. Do weern Torfkuhlen, on watt do so wassen deiht, ole Binsen on son Kram, veel to hoolen was do nich. Klee hebbe se nich saihn, de Käuhe, on son beten moger weeren se ok. Do weer ok een Fanghoff. Do mott eck mick denn mett dem Veih verholen, do mott eck se alle rindriewen, domet se sik utruhen können. Bi dollen Hitze helpt kein Schömpen on nix. Fürchterlich slagen se no de Brummers. Zwei Stunden, on denn mott eck se wedder wegholen do, se waren froh, wenn se do rutkomen dehn. Denn mott eck wedder losdriewen. Eck had e grote Weidegerechtsame vom Stoot, de goht öwer de Isebohn röwer. Grootmoor existiere noch nicht, et gab kein Hus nich, se können gohn, wo se wollen, de olen Käuhe. ---

Doch de Haide möken se ock nich, de Binsenkrom on wat do rummer stund.

Verhandlungen über
Gründung einer Kolonie

So om sechse romm hebb eck mie denn angesammelt mett mine Herde anne Bohn. Do gew dat noch keine Schlagbööme, sondern sone Ricke tum schuben, na ja, eck koom do schon reuwer. De Käuhe wußten eher Bescheid wie ick. Se weern froh, dat et no Hus gaiht, mine schwattbunte on wittbunte.

Watt eck noch segge wullt: Wenn et Herbst ward, dehn mußt dat Geld gesammelt weern, pro Kau mußte jeder Buur 70 Pfennig betoln. Kam eck no Hus, mott eck öfter do mett helpen, onse ole Knech, de ole Heinrich, de was von Otze, de weer all seben Johr do, dem mußt eck helpen.

Peerde had wie do noch nich, wie fohre mett Ossen, on et ging ock.“

Bis zur Besiedlung dauerte es noch ein paar Jahre. Erste Verhandlungen über die Gründung einer Kolonie im Großen Moor sind aus einem Briefwechsel vom 24. August 1912 zu ersehen.

Wenige Jahre später kam die Staatliche Mooradministration, zwölf Jahre später waren die kommunalen Verhältnisse soweit geregelt, dass der Oberpräsident der Provinz Hannover am 8. Januar 1924 ausdrücklich genehmigte, dass die neu zu bildende Gemeinde den Namen „Großmoor“ (in einem Wort geschrieben) erhielt.

Matthias Blazek

Literatur:

Matthias Blazek: Großmoor, Adelheidsdorf 2014.

Von Matthias Blazek