Schicksalstag in Müden

Eine Stunde Krieg im Dorf

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs rückten britische Truppen 1945 in die Lüneburger Heide vor. So bereitete sich Müden an der Örtze auf das Schlimmste vor (Teil1).

  • Von Cellesche Zeitung
  • 06. Nov 2021 | 06:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
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  • 06. Nov 2021 | 06:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
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Müden.

Deutschland lag schon weitgehend in Trümmern, da war Müden an der Örtze vor den Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs immer noch verschont geblieben. Im Winter 1944/45 allerdings spitzte sich die Lage zu. Aus dem Osten strömten die Vertriebenentrecks ins Dorf, aus Hamburg kamen Ausgebombte. Wessels Gasthof und die Jugendherberge waren zu Lazaretten geworden. Die Schule war geschlossen, stattdessen wurden die Kinder einberufen, den Verwundeten beizustehen. „Wir hielten ihnen die Hand und hörten zu“, erinnert sich Ulla Nott, geborene Wessel, heute daran. Sich das erlebte Furchtbare von der Seele reden zu dürfen, einem unbedarften Kinde gegenüber, mag heute kritisch bewertet werden. Damals aber herrschten Maßstäbe, diktiert von ganz anderen Umständen.

Flüchtende, Vertriebene und Gestrandete in Müden

Der Zustrom Flüchtender, Vertriebener und Gestrandeter wurde so groß, dass am Dorfrand, linksseitig der Unterlüßer Straße sowie am Wietzendorfer Weg – beides noch nicht bebaut – hastig Notunterkünfte aufgeschlagen werden mussten. Die Ansässigen selbst mussten zusammenrücken, um in ihren Wohnungen Räumlichkeiten zu deren Aufnahme bereitzustellen.

Widerstand gegen britische Truppen

Im Laufe der ersten Aprilhälfte waren britische Truppen nahe herangerückt. Müden war in die Verteidigungslinie des Fliegerhorstes Faßberg eingegliedert worden. Deckungsgräben wurden am rechtsseitigen Wietze-Ufer und Schützenmulden im Dorfkern ausgehoben, die Straßen und Feldwege nach Westen hin vermint. An der Wietzebrücke wachte ein Feldwebel, mit Befehl, die Brücke zu sprengen, sobald die Briten sie überqueren wollten.

Auch die Zivilbevölkerung bereitete sich vor – ohne ihre wehrfähigen Männer, die an auswärtigen Fronten kämpften oder als Soldaten in Faßberg lagen. Die einen schafften Platz im Keller, andere bauten sich Erdbunker. Am 14. April lenkten Frauen einen Kuhwagen, vollgepackt mit Hausrat, aus dem Dorf hinaus, mit Ziel Niemeyers Hestern. Als sie erkannten, dass sich dort deutsche Kräfte konzentrierten, kehrten sie um und gingen lieber doch in die Keller. Am Morgen des 15. April packten Friederike Siemering und Erna Tiedke ihre insgesamt sechs Kinder und Proviant auf einen Wagen und fuhren ins Weiße Moor. Im „Heidehaus“, einem vom Siedler und Heimatforscher Hanns Fischer um 1920 erbauten Mini-Haus, war es beengt, doch fühlten sie sich in Sicherheit. Der örtliche Volkssturm sollte eigentlich noch eine Panzersperre bauen, aber dazu kam es nicht mehr.

Volkssturm geht rechtzeitig nach Hause

Drillmeister des Müdener Volkssturms war der rüstige Hauptlehrer der Volksschule, ein ausgesprochen linientreuer Parteigenosse. Befehligt aber wurde das aus Rentnern und Jugendlichen zusammengewürfelte Häuflein vom Poitzer Lehrerkollegen, einem älteren Herrn und gedienten Offizier aus dem Ersten Weltkrieg. Der hatte das Rückgrat, kurz vor dem bevorstehenden Einsatz vor seine Männer zu treten und eine Ansprache zu halten, die ihn den Kopf hätte kosten können, wenn der Tag anders verlaufen wäre:

„Leute, wenn der Engländer über den Rhein gekommen ist, dann halten wir ihn hier auch nicht mehr auf. Geht nach Hause, versteckt euer Gewehr und lasst den lieben Gott einen guten Mann sein.“

Sie taten, wie ihnen befohlen, und so kam beim Feuergefecht in Müden kein einziger Müdener zu Tode.

Auf den ersten britischen Tank geschossen

Einer fiel allerdings tags darauf. Der arbeitete auf dem Fliegerhorst, war zum Faßberger Volkssturm eingezogen worden und bekam nicht rechtzeitig mit, dass auch sein Vorgesetzter, ein Oberstleutnant der Luftwaffe, im letzten Moment den Rückzug befohlen hatte. So schoss er auf den ersten britischen Tank, den er von Poitzen her heranrauschen sah, verfehlte ihn jedoch und wurde selbst erschossen. Der Einzige, der bei der Verteidigung von Faßberg getötet wurde, war somit ein Müdener: Paul Meyer, ein Schlosser, wohnhaft in der Sandstraße. So berichtet es Ernst Schütze, der sogar als Schwerbehinderter im Faßberger Volkssturm antreten musste, weil auch er auf dem Fliegerhorst arbeitete.

Briten an der Überquerung der Örtze hindern

Unterdessen traf das von Bergen anrückende britische Aufklärungsregiment The King’s Royal Hussars, verstärkt durch eine Maschinengewehr-Kompanie, bei Beckedorf auf deutsche Verbände und zwei ungarische Kompanien, die der Wehrmacht angegliedert worden waren. Sie hatten den Auftrag, die Briten an der Überquerung der Örtze zu hindern. Ihnen wird bescheinigt, dass sie kämpften, als gälte es die eigene Heimat zu verteidigen. Nach Müden waren sie von Bonstorf her gelangt, wo sie sieben Gefallene, zahlreiche Verwundete und einige Gefangene zurücklassen mussten. Auch eine Anzahl Deutscher fiel dort. Als die Ungarn erkannten, dass sie auf sich allein gestellt waren und keinerlei Verbindung mehr zu deutschen Truppen hatten, wichen sie Richtung Müden aus und schlossen sich den dort liegenden deutschen Soldaten an. Auch ein etwa 30 Mann starker Zug SS-Kämpfer, der beim Gefecht in Bonstorf ebenfalls schwere Verluste erlitten hatte, gliederte sich in Müden in die Müdener Verteidigungslinie ein. Das war die Situation, als die Briten gegen 19 Uhr das Dorf erreichten.

Ungarische Gefallenen in Hermannsburg beigesetzt

Anders als immer wieder behauptet, kämpfte in Müden keine „ungarische SS“. Die jungen ungarischen Soldaten waren Grenadiere aus der Panzerschule in Rétság bei Budapest. Infolge des Vormarsches der Roten Armee waren sie im Februar 1945 evakuiert und bei der Panzertruppenschule in Bergen stationiert worden. Von den Deutschen wurden sie an der sogenannten „Heidelinie“ ins letzte Gefecht geworfen, ihre Gefallenen in Hermannsburg beigesetzt.

Einwohner suchen Schutz im Keller

Auch die Handwerker- und Kaufmannsfamilie Leverenz hatte sich in den Keller ihres Wohn- und Geschäftshauses direkt an der Kreuzung vor der Wietzebrücke zurückgezogen, zusammen mit anderen Schutzsuchenden. Weil den ganzen Tag über alles ruhig geblieben war, gingen gegen 19 Uhr einige noch mal hinaus, um frische Luft zu schnappen. August Wilhelm Leverenz (1922–2007) war in Russland mehrfach verwundet worden, unter Verlust eines Beines, und befand sich nun zu Hause auf Genesungsurlaub. Auch er ging mit seiner Verlobten Hanna Kayser jetzt noch einmal vor die Tür. An der Wietzebrücke vernahmen sie das Grollen von Panzermotoren. Die Briten kamen von Bonstorf her aus Richtung Siebenarmiger Wegweiser. Sofort kehrten sie alle in den Keller zurück. August Wilhelm verfolgte, was auf der Straße geschehen sollte, am Kellerfenster.

Britische Panzerspähwagen schießen auf deutschen Kübelwagen

Vor Wessels Gasthaus Zum Örtzetal, am Zipfel zwischen Haupt- und Sandstraße und Leverenz gegenüber, hatten Soldaten in einem Kübelwagen Posten bezogen. Ihr Schicksal wird von einem weiteren Augenzeugen bestätigt:

Hermann Tewes, der älteste Sohn vom Peetshof, hatte heute 17. Geburtstag. Zum Feiern war eh niemandem zumute, für ihn kam noch Pech hinzu: Sein Geburtstagsgeschenk, ein Fahrrad, war am Nachmittag von einem deutschen Soldaten, der wohl türmen wollte, mit vorgehaltener Pistole beschlagnahmt worden. Auch auf dem Peetshof hatten sie sich so weit möglich in Sicherheit gebracht, Hermann aber stahl sich noch mal davon und trat vors Haus. Da stand er nun, schräg gegenüber von dem Posten, und sah, wie zwei britische Panzerspähwagen über die Wietzebrücke kamen. Die Deutschen bemerkten die Annäherung der luftbereiften Kampfwagen zu spät. Diese eröffneten sofort das Feuer. Der Kübelwagen ging explosionsartig in Flammen auf. Keiner der Insassen überlebte.

Von Eckhard Graf

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