Sachsenspiegel

Raketenantrieb auf der Schiene

80 Jahre Bahnstrecke Langenhagen-Celle: Die Geschichte der Hasenbahn / Teil II

  • Von Cellesche Zeitung
  • 06. Okt. 2018 | 10:30 Uhr
  • 10. Juni 2022
Fritz von Opel und Ingenieur Sander am Raketen-Schienenfahrzeug RAK 3, 1928.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 06. Okt. 2018 | 10:30 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

Schlielich wurde besonders hervorgehoben, dass sich die Einrichtung der Haltestelle vorteil-haft fr die weitere Urbarmachung ausgedehnter dlndereien und Bruchland, und zwar insbesondere jenseits der neuen Bahnstrecke im Hastbruch, auswirken wrde. Die Wirtschaftsverhltnisse fr die Siedler sollten durch einen besseren Anschluss an das Absatzgebiet (Grostadt Hannover) wesentlich gnstigere Formen annehmen. Auer einer strkeren Milchviehhaltung wrde die Schweinezucht noch eine bedeutende Steigerung erfahren knnen. Der Besitzer von Dasselsgut beabsichtigt schon jetzt, diese derart zu steigern, da er mit einem Umsatz von 1000 Stck Schweinen pro Jahr rechnet.

Auf der neuen Bahnstrecke werden voraussichtlich folgende Gter befrdert werden: im Versande Kartoffeln, Heu und Stroh, Milch, im Empfang Futter und Dngemittel, landwirtschaftliche Maschinen und Kohlen und Baumaterialien. Daraufhin wurde in Station 339 der Neubaustrecke die Kreuzungs- und berholungsstation Adamsgraben eingerichtet. Allerdings kam es wegen fehlender Staatsmittel zunchst noch nicht zum Ausbau zu einer Personenhaltestelle.

Die Bauarbeiter scheinen beim Bau der Bahnstrecke von Hannover ber Langenhagen nach Celle sorgfltig gearbeitet zu haben, denn 1928 whlte der Autoindustrielle Fritz von Opel (1899-1971) die Strecke Isernhagen-Burgwedel fr seinen Versuch, den Geschwindigkeitsrekord auf der Versuchsstrecke Avus in Berlin mit einem raketenbetriebenen Schienenwagen zu brechen.

So konnte die deutsche Bevlkerung sogar in allernchster Nhe Zeuge von Raketenfahrzeug-Versuchen sein. Am 23. Mai 1928 stellte Fritz von Opel auf der Avus mit 238 Stundenkilometern einen neuen Geschwindigkeitsrekord auf. Vor 3000 geladenen Gsten steuerte der Enkel des Firmengrnders Adam Opel (1837-1895) das Opel-Sander-Raketenwagen 2 (RAK 2) genannte Fahrzeug. Es hnelte einer schwarz lackierten Zigarre und war immerhin fnf Meter lang. Zwei gewaltige Flgel sollten den errechneten Auftrieb kompensieren und ein Abheben des Fahrzeugs verhindern. 24 Pulverraketen mit insgesamt 120 Kilogramm Sprengstoff katapultierten den RAK 2 mit einem langen Feuer- und Rauchschweif nach vorne. Mit jedem Tritt aufs Gaspedal zndete von Opel die nchste Stufe des Antriebs und erreichte die damalige Rekordgeschwindigkeit von 238 Stundenkilometern.

Zweimal raste der RAK 3 am 23. Juni 1928 in Opels Anwesenheit auf den Schienen der Hasenbahn vom Bahnhof Burgwedel in Richtung Celle. Beim zweiten Versuch, zu dem um 14.30 Uhr der Startschuss fiel, knackte der unbemannte rote Wagen mit Raketenantrieb auf der drei Kilometer langen Strecke in Hhe Kleinburgwedels den Rekord mit 256 Kilometern pro Stunde. Nachdem der Wagen aber wenig spter mitsamt einer Katze explodiert war, wurde der nchste Start auf den 3. August 1928 festgelegt. Die Gemeindeverwaltung verbot den Test wegen Sicherheitsbedenken. So lautet die offizielle Version.

Unter dem Titel Die Fahrt des Raketen-Wagens bei Kleinburgwedel Der zweite Start missglckt Der Wagen aus den Schienen geschleudert berichtete der Hannoversche Anzeiger vom 25. Juni 1928 ausfhrlich ber das Ereignis. Nach dem groartigen Schauspiel des ersten Starts sei das Interesse der gewaltigen Zuschauermenge auf das Hchste gestiegen. Mit Spannung htten die Menschen auf den weiteren Versuch gewartet, der mit verstrkten Ladungen vorgenommen wurde. Schlielich kndete eine abgefeuerte Rakete den unmittelbar bevorstehenden zweiten Start an.

Man hatte eine Katze hineingesetzt, um auszuprobieren, ob sie den erwarteten Druck des Antriebsatzes aushalten wrde. Die Cellesche Zeitung berichtete: Eine Katze als Passagier. Sie wird unter einigem Protest in einem Behlter auf dem Fhrersitz verstaut. Sie scheint sich der Ehre, hier als Schrittmacher der Menschheit zu dienen, die sie neben den Hahn und den Hammel Montgolfiers stellt, nicht nach Gebhr zu wrdigen. Ihr ist sichtlich wenig an der Feststellung, ob der tierische Organismus eine Geschwindigkeit von 400 Stundenkilometer ertrgt, gelegen.

Kurz nach dem Startschuss zerbarst das Fahrzeug mit einer gewaltigen Explosion, die eines wohlassortierten Munitionslagers wrdig ist.

Ein paar Wochen spter, am 4. August 1928, wurde auf der Strecke Celle-Burgwedel ein neuer Versuch mit diesen Schienenwagen unternommen. Die Vorbereitungen hatte man in aller Stille getroffen, um die ffentlichkeit wegen der erheblichen Gefahren auszuschlieen. Aber Gerchte und Nachrichten hatten sich doch noch herumgesprochen. Die Menschenansammlung verzgerte den Start von RAK 4 erheblich und verhindert den von RAK 5 schlielich ganz.

Bauarbeiten ruhen Hasen auf der Strecke

Beim RAK 3 und RAK 4, die granatenhnlich aussahen, wie die Hamburger Nachrichten damals schrieben, und auf gut fnf Meter langen Lafetten befestigt waren, handelte es sich wahrscheinlich um die letzten Raketenfahrzeuge, die auf Schienen fuhren.

Das Ministerium fr Handel und Gewerbe in Berlin rumte am 19. Juli 1928 in einem Schreiben an die Regierung Lneburg ein, dass den Forderungen nach beschleunigter Fertigstellung des Bahnbaues laut einer Erklrung der Hauptverwaltung der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft nur entsprochen werden knnte, wenn die Mehrkosten vom Staat bernommen werden wrden.

Wegen eben dieser ungnstigen finanziellen Verhltnisse der Reichsbahn kamen die Bauarbeiten an der Reichsbahnstrecke im Jahre 1929 abermals zum Stillstand. Und das, obwohl die Strecke fast fertiggestellt war. Whrend die Bauarbeiten jahrelang ruhten, tummelten sich die Hasen auf der Strecke, daher rhrt der Name Hasenbahn; das war ein fester Begriff. Noch heute erinnert die ferngesteuerte Gleiswechsel-Blockstelle Hasenwechsel daran.

In der Zeit der Bauunterbrechung wurden die Schienen zu Versuchsfahrten fr den Schienenzeppelin des Konstrukteurs Franz Kruckenberg (1882-1965) und des von Opelschen Raketenwagens benutzt. Am 9. Oktober 1929 fand im Bereich der Opelschen Versuchsstrecke die Vorfhrung eines auf Schienen laufenden Propellerwagens fr den Haushalts- und Verkehrsausschuss des Reichstags statt, berichtete das Burgdorfer Kreisblatt zwei Tage spter. Dieses neuartige zweiachsige Fahrzeug glich rein uerlich einem der damals so beliebten Luftschiffe. Das Heck war strmungsgnstig abgeflacht und endete in einer groen Luftschraube, die das Fahrzeug mit einer Motorleistung von 390 PS bereits nach wenigen Minuten auf eine Geschwindigkeit von 182 Kilometern pro Stunde brachte. Die Versuchsfahrten nderten aber nichts daran, dass die Schienen anrosteten und von Ginster und Heide berwuchert wurden.

Nach einigen Jahren Ruhe erschien in der Celleschen Zeitung am 23. Februar 1933 eine unscheinbare Pressemitteilung, in der von dem Wunsch nach einer baldigen Fertigstellung der Bahnlinie zu lesen war: Die Bahnstrecke Celle-Langenhagen-Hannover. Fr die Fertigstellung der Neubaustrecke Celle-Hannover hat sich der Verkehrsverein Niedersachsen-Kassel (Sitz Hannover) in Eingaben an das Reichsverkehrsministerium erneut eingesetzt. Durch eine Reihe von Provinzblttern ging krzlich ein Artikel ber die Vorteile der Strecke Celle-Langenhagen-Hannover fr die Reise von Hamburg nach Hannover und weiter nach Sddeutschland. Durch eine Nachfrage bei der Reichsbahndirektion Hannover stellt sich nun heraus, da diese nicht erklrt hat, sie werde durch die Erffnung der Strecke Celle-Langenhagen-Hannover die grten Vorteile haben. Die Verkrzung der Strecke Celle-Hannover durch die Linie ber Langenhagen wrde nur 3 Kilometer und der zeitliche Gewinn etwa 11 Minuten betragen.

Erst im Jahre 1936, als die Nazi-Diktatur fr eine wirtschaftliche Scheinblte Deutschlands sorgte, ging es an den endgltigen Ausbau dieser Strecke. Im November 1936 wurde das letzte Schienenstck gelegt. Und am 14. November 1936 durchfuhren die mit dem Streckenbau beschftigten Arbeiter das weie Band, das ber das letzte Schienenstck gespannt war. Die Lokomotive trug ein Schild mit der Aufschrift Nach 24 Jahren.

Nazi-Deutschland feiert: Mit Volldampf voraus

Nachdem im Anschluss daran der Oberbau mit modernen fahr- und sicherungstechnischen Einrichtungen versehen worden war, konnte die Deutsche Reichsbahn am Samstag, 14. Mai 1938, zur feierlichen Erffnung schreiten. Aus Celle, dem Ausgangspunkt der neuen Strecke, nahmen Vertreter der NS-Partei, der Wehrmacht, der staatlichen und kommunalen Behrden und der Wirtschaft teil. In der geschmckten Bahnhofshalle fanden sich unter anderem Kreisleiter Hermann Passe (1894-1977) als politischer Hoheitstrger des Kreises Celle, Oberbrgermeister Ernst Meyer (1887-1948), Landrat Wilhelm Heinichen (1883-1967), die Celler Ratsherren, Offiziere der Celler Artillerie und die Vertreter aller Behrden im Stadt- und Landkreis Celle ein.

Auf dem hannoverschen Hauptbahnhof erwarteten die Gste einige historische Salonwagen zur Erffnungsfahrt ber die neue Strecke. Auch in Langenhagen, Isernhagen und Groburgwedel wurde die Einweihung der Reichsbahnlinie gefeiert. Staatssekretr Wilhelm Kleinmann war es, der in Langenhagen aussprach: Nun erklre ich die Strecke fr erffnet! Mit Volldampf voraus auf diesem wichtigen Glied der Deutschen Reichsbahn! Der aus Wuppertal stammende Kleinmann war laut einer Notiz in Die Reichsbahn Nr. 13 (1937) erst kurz zuvor, am 20. April 1937, zum SA-Gruppenfhrer befrdert worden. Bei vielen dienstlichen Anlssen trug er das Goldene Ehrenzeichen der NSDAP am Revers. Kleinmann, der unmittelbar mit der Ausarbeitung von Mobilisierungsplnen fr den Eisenbahn- und Schiffstransport zur Vorbereitung von Kriegshandlungen gegen Polen, die Tschechoslowakei, Belgien, Holland, Frankreich und die Sowjetunion befasst war, wurde nach Kriegsende in Thringen ergriffen. Er gilt seit dem 15. August 1945 als verschollen.

Auch um das schmucke, neue Bahnhofsgebude der Station Adamsgraben, der ersten Station im Landkreis Celle, scharten sich zahlreiche Einwohner aus den umliegenden Ortschaften. Brgermeister von der Brelie aus Westercelle und Ortsgruppenleiter Bock hieen die Ehrengste im Kreise Celle herzlich willkommen und wiesen auf die Genugtuung und Freude hin, die auch hier ber die Vollendung der neuen Bahnstrecke allenthalben herrscht.

Petermanns Geographische Mitteilungen (1938, S. 195) meldeten: Hannover. Am 14. Mai 1938 wurde die Reichsbahnstrecke Hannover - Langenhagen - Celle dem Verkehr bergeben. Die neue Linie, deren Bau bereits 1913 begonnen war, zweigt in Langenhagen von der Hei-debahn Hannover - Soltau ab und vermeidet den bisherigen zweimaligen Richtungswechsel der Zge in Lehrte und Hannover, wodurch die Fahrzeit Hamburg - Hannover um 15 bis 20 Minuten verkrzt wird.

In der Betriebslagemeldung der Reichsbahndirektion Hannover vom 15. Mai 1938 wurde notiert: ... eingleisige Hauptbahnstrecke Celle-Langenhagen (Han), ehemalige zweigleisige Nebenbahnstrecke Langenhagen-Vinnhorst und zweigleisige Nebenbahnstrecke Vinnhorst-Hannover Hbf als zweigleisige Hauptbahn in Betrieb genommen.

Zwischen Dasselsbruch und Westercelle wurden zwei Stellwerke geschaffen, eins in Hhe des Rampenwegs in Dasselsbruch (daher der Name), ein weiteres in Hhe des Schwarzen Wegs. Das dortige Wohngebude steht heute noch und wird von der Familie Ackemann bewohnt. Des Weiteren wurde kurz vor der Jgerburg (also sdlich davon) ein beschrankter Bahnbergang geschaffen, den Paul Schaper bediente. Auch dessen Wohnhaus steht heute noch.

Im Jahr 1960 wurde der erste Streckenabschnitt zweigleisig ausgebaut. Die stark belastete eingleisige Hauptbahn Langenhagen - Celle wurde im Abschnitt zwischen Isernhagen und Groburgwedel zweigleisig ausgebaut, heit es 1960 im Ttigkeitsbericht der Bundesregierung (Deutsche Politik, S. 308). 1964 wurden die brigen Streckenabschnitte der Schnellzugverbindung mit einem durchgehenden Gleisabstand von vier Metern zweigleisig ausgebaut.

Am 25. Juni 1961 wurde in der Celleschen Zeitung die in der letzten ffentlichen Arbeitssitzung des Gemeinderates von Westercelle mitgeteilte Absicht der Bundesbahn, den Gterbahnhof in Dasselsbruch noch in dem Jahr stillzulegen, kundgetan.

Quellen

Archiv der Adelheidsdorfer Chronisten: Karton 7 Blatt 3213-3251

Neubaustrecke (Hannover)-Langenhagen-Celle: 47 Obktr 2 Io 207, Hannover, 19. Februar 1938, Bundesarchiv Koblenz, Abteilung Potsdam, Auenstelle Coswig/Anhalt R005/020935, Blatt 231

Feierliche Einweihung der Strecke Langenhagen-Celle: RB 1938, S. 595 HH Dezember 1938, S. 71

Cellesche Zeitung: vom 15.05.1912, 29.01.1926, 16.02.1926, 17.02.1926, 16.05.1938

Matthias Blazek: Die Rekordversuche auf der Hasenbahn im Jahre 1928, Wathlinger Echo, 29. Juli 2008

Richard Brandt: Im Schatten der Residenz, Adolf Sponholtz Verlag, Hannover 1947

Eberhard Landes; Horst Moch; u. a.: Eisenbahnen in Hannover Es begann 1843, Seelze 1994, S. 13, 44

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