Johann Arndt

Der Celler Paradiesgrtner

Der Protestant, Pfarrer und Publizist Johann Arndt wirkte in Celle. Er zhlt zu den ersten geistigen, geistlichen und literarischen Kpfen der Stadt.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 04. Sep 2021 | 06:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
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Celle.

In der Allgemeinen Deutschen Biographie von 1875 schreibt Julius A. Wagemann ber Johann Arndt: In der Geschichte der deutschen Prosaliteratur gebhrt ihm wegen seiner volkstmlichen, klaren, anmutigen, oft wahrhaft poetischen Sprache und Darstellung wie wegen der weiten Verbreitung seiner deutschen Schriften nchst Luthers Bibelbersetzung eine hervorragende Stelle. Hin und wieder wird in Publikationen und Studien des Gottesmannes aus dem 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts gedacht. Er starb vor 400 Jahren, im Mai 1621 in Celle, das sich damals noch mit Z schrieb. Jener Arndt formulierte ein Jahr vor seinem Tod kurz und bndig sein Credo: Begehre mich in kein weitleuftig Gezenck einzulassen. Ich habe woll mehr zu thuen und kann die Zeit besser anlegen.

Inmitten der Dreiigjhrigen Kriegszeit, die gleichzeitig zum Aufbruchsjahrhundert der Entdeckungen der Seewege und Verbreitung der Buchdruckerkunst war, erscheint am 6. Oktober 1618 in Celle zum ersten Mal ein Druckwerk, die Polizei-Ordnung der Stadt. Darin findet sich unter anderem die freundliche Anweisung: Es sollen auch / wan von der Hochzeit gehet, durchau keine Nachttntze bey Nacht gehalten werden. An dieser Polizeiordung hat der Kirchenmann Johann Arndt entscheidend mitgewirkt.

Zunchst Studium der Medizin

Gleich zwei Orte konkurrieren miteinander, der Geburtsort eines der einflussreichsten nachreformatorischen Theologen zu sein, des am 27. Dezember 1555 in Edderitz bei Kthen oder in Ballenstedt am Harz geborenen Johann Arndt. Der Sohn des Hofpredigers Jakobus Arndt zu Ballenstedt im Frstentum Anhalt erhlt seinen ersten Unterricht, wie in Pfarrhusern blich, durch den Vater, der aber bereits 1665 verstarb.

Der Junge, der aus Neigung zu den Naturwissenschaften eigentlich Arzt werden will, besucht die Schulen von Aschersleben, Halberstadt und Magdeburg und studiert ab 1575/76 an der Universitt zu Helmstedt die artes liberales und Medizin. Er wendet sich dann 1581 doch dem Studium der Theologie an den Universitten in Helmstedt, Wittenberg, Straburg und Basel zu. In Wittenberg studiert er beim strenglutherischen Professor Polykarpus Lyser, in Straburg bei Johannes Pappus und in Basel bei Simon Sulcer.

Braunschweig im Groll verlassen

Mit 27 Jahren kehrt er ins Anhaltinische zurck und wird ein Jahr spter, 1583, in Bernburg (Saale) ordiniert und zum Pfarrer nach Badeborn (Ortsteil von Ballenstedt) berufen. Es folgt 1590 bis 1599 die Pfarrstelle zu Quedlinburg und fr weitere neun Jahre, bis 1608, die Berufung an die Martinikirche zu Braunschweig. Nachdem er Braunschweig im Groll verlassen, geht er 1608 nach Eisleben, dem Geburts- und Sterbeort Martin Luthers, wo er dem Meister bio- und geographisch fr drei Jahre am nchsten ist.

Arndts grter Konflikt ereignet sich gleich an seiner ersten Pfarrstelle. 1589 verlangt Frst Johann Georg von Anhalt die Abschaffung des Exorzismus in der Taufe, was Arndt wohlbegrndet ablehnt und sich dem neuen Bekenntnis verweigert. Am 10. September 1590 erklrt er sich eindeutig und wird darauf des Amtes und Landes verwiesen. Arndt sah in der Abschaffung der Taufformel einen ersten Schritt des bertritts zum Calvinismus, den der Frst 1596 auch einfhrte. Geprgt von der deutschen Mystik ediert Arndt die Theologia deutsch von Thomas von Kempen und Johannes Tauler.

Bcher in 123 Auflagen erschienen

Einen Namen macht sich Arndt mit der Herausgabe seiner Vier Bcher vom wahren Christentum, die bereits bis 1740 in 123 (!) Auflagen erschienen sind. Ein Werk, das die Geschichte des neuzeitlichen Protestantismus markiert. Noch bekannter wird er durch sein spter mehrfach ergnztes und in Teilen auch in Celle verfasstes Paradie-Grtlein. Sie zhlen, insbesondere das letzte, zu den erfolgreichsten Bchern der christlichen Erbauungsliteratur berhaupt und werden in nahezu alle europischen und zahlreiche auereuropische Sprachen bersetzt. Sie beeinflussten den Pietismus bis weit ins 19. Jahrhundert.

Werke in zahlreiche Sprachen bersetzt

Das Paradie-Grtlein wird von europischen Auswanderern nach Amerika mitgenommen und soll dort als eines der ersten Bcher in deutscher Sprache gedruckt worden sein. Entsprechend rege sind denn dort auch Publikationen ber Johann Arndt, unter anderem von J.A. Morris, Life of Johann Arndt (Baltimore, 1853). Aktuell beschftigt sich Peter C. Erb (*1943 in Ontario, Kanada), Professor fr Theologie, in zahlreichen Schriften unter anderem mit Johann Arndt und dem deutschen Pietismus und der sptmittelalterlichen Spiritualitt.

Das in Braunschweig 1605 verffentlichte Buch vom wahren Christentum wird von der orthodoxen lutherischen Theologie massiv kritisiert. Arndt sieht sich gezwungen, die zweite Auflage zu ergnzen und zu verndern. Aber er erfhrt auch politische Anfeindungen in Braunschweig, wo ihn der 1602 gewhlte brgerliche Stadtrat ablehnt. Nach mehreren Konflikten mit der lutherischen Orthodoxie und den Braunschweiger Verhltnissen, wechselt er ins Pfarramt nach Eisleben, wo er das Manuskript des zweiten Bandes in den Druck geben kann und die Bnde drei und vier bis 1610 folgen, die in die erste mehrmals nachgedruckte und hoch aufgelegte Gesamtausgabe mnden. Der groe Erfolg ist Arndts Ausfhrungen ber ein praktisches Christentum zu danken, die insbesondere im Alltagsleben Hilfestellung und Wegweisung sind, quasi ein frhes Buch der auch heute noch dankbar nachgefragten Ratgeberliteratur.

Darstellung eines lebendigen Christenlebens

Arndt sieht die Vollendung der lutherischen Reformation nicht allein im Geistlichen, sondern in einer Reformation des Lebens, und trifft gerade mit seinen mystisch-ethischen Zgen in der Darstellung eines lebendigen Christenlebens die orthodoxe Lehre im Kern, ja, er erffnet damit ein Wirkfeld auch in den Katholizismus hinein.

1611 kommt Arndt, auf besonderem Ruf der Herzge Ernst II. und August von Braunschweig-Lneburg, als Generalsuperintendent und Hofprediger nach Celle und zhlt seither, nach Urbanus Rhegius, zu den ersten geistigen, geistlichen und literarischen Kpfen der Stadt. Er schreibt am 13. Juli 1612 an seinen Freund Johann Gerhard, dass er sich dazu nur beglckwnschen kann, in Celle unter Herzog Christian des lteren wirken zu knnen. Er verfasst in dieser Zeit weiterhin Andachten, Predigten, Vorlesungen fr die Jugend, gibt eigene und fremde Schriften heraus, fhrt umfangreiche Korrespondenzen, wirkt an Kirchenvisitationen (1615), einer Polizeiordnung (1618) und einer neuen Kirchenordnung (1619) mit und ist berhaupt, so die einhellige berlieferung, segensreich am Ort ttig.

Skeptisch gegenber anderen Autoren

Es ist schn zu lesen, wie er dem in literarischen Dingen eifrigen Hofprediger Franz Heermann (in Winsen a. d. Luhe) davon abrt, seine weitschweifigen Predigten zu verffentlichen, mit dem Hinweis, dass es schon zu viele Bchermacher gbe. Auch Heermanns geplante Herausgabe einer Postille der Natur sieht er mit gehriger Skepsis, da berall falsche Stimmen in der Naturdeutung anzutreffen seien, wie er aus seinen eigenen langjhrigen Naturstudien nur allzugut wisse.

Selber publiziert Arndt in seiner Celler Zeit eine Postilla: Das ist: Aulegung und Erklrung der Evangelischen Text, so durchs gantze Jahr (Jena 1616), dann die Katechismuspredigten, als Anhang zum 4. Teil der Postilla (Jena 1616) und 451 Predigten in: Auslegung des gantzen Psalter Davids des Kniglichen Propheten/Also da ber jeden Psalm gewisse Predigten und Meditationes gestellet seyn (Jena 1617). Arndts Predigten gelten als epochemachend in der gesamten Entwicklungsgeschichte der Predigten des 17. Jahrhunderts. So sieht das Wilhelm Beste in Die bedeutendsten Kanzelredner der luthrischen Kirche des 17. Jahrhunderts (1886).

Intensives Wirken in Celle

Von Celle aus verschickt Arndt insgesamt neun Sendschreiben an gute Freunde, die Bcher vom wahren Christentum betreffend, von denen noch drei weitere Schreiben im Druck berliefert sind. In ihnen spiegeln sich die Kmpfe, die Arndt durchzustehen hat, und die Anfechtungen nehmen immer grere Dimensionen an, denn berall in protestantischen Landen treten Gegner auf. Er gert in Verdacht, nicht rechtglubig zu sein und muss sich verteidigen.

Am 3. Mai 1621 hlt er seine letzte Predigt ber den 126. Psalm und entschlft am 11. Mai nach kurzer Krankheit. Er stirbt als ein wahrer Liebhaber Jesu, wie ihn die Grabschrift in der Celler Pfarrkirche nennt und ihn vor allen Anfeindungen schtzen soll. Die Arndtstrae in Celle, zwischen Bahnhofstrae und Trift, am Ende der Triftanlagen, ehrt den Prediger und Schriftsteller, der nie ganz vergessen wurde.

Strae ehrt Prediger und Schriftsteller

Spt wird diesem Gottesmann an seinem letzten Wirkungsort doch noch eine etwas grere Ehre zuteil, die ihn im Gedchtnis der Stadt einen sichtbaren Platz einrumt. Zum 460. Geburtstag erinnerte sich die Celler Stadtkirchengemeinde wieder an ihren einstigen Generalsuperintendenten und benennt das Gemeindehaus hinter der Stadtkirche nach dem Liebhaber des innerlichen Christenthums, der, ehe er nach Celle kam, bereits bekundete: Viele meinen, die Theologia sei nur eine bloe Wissenschaft und Wort-Kunst, da sie doch eine lebendige Erfahrung und bung ist. Jedermann studieret jetzo, wie er hoch und berhmt in der Welt werden mge, aber fromm sein will niemand lernen. Jedermann suchet jetzo hochgelehrte Leute, von denen er Kunst, Sprachen und Weisheit lernen mge. Aber von unserm einigen Doktor und Lehrer Jesu Christo will niemand lernen Sanftmut und herzliche Demut, da doch sein heiliges lebendiges Exempel die rechte Regel und Richtschnur unsers Lebens ist, ja die hchste Weisheit und Kunst. (Johann Arndt, 1605)

Von Oskar Ansull

Quellen

Arndt, J.: Vier Bcher vom wahren Christentum. Zahllose Aufl. weltweit

Arndt, J.: Paradie-Grtlein voller christlicher Tugenden. Zahllose Aufl. weltweit

Schneider, H.: Der fremde Arndt. Studien zu Leben, Werk und Wirkung. Gttingen 2006

Otte, H. und H. Schneider (Hrsg.): Frmmigkeit oder Theologie. Johann Arndt und die Vier Bcher vom wahren Christentum, Gttingen 2007

Reichelt, St.: Johann Arndts Vier Bcher von wahrem Christentum in Russland. Vorboten eines neuzeitlichen interkulturellen Dialogs, Leipzig 2011

Sommer, W.: Johann Arndts Wirken in Celle , in: Celler Chronik 2, Celle 1985

Ansull, O.: Heimat, schne Fremde. Celle Stadt & Landkreis. Eine literarische Sichtung, Hannover 2019

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